Der Zahir
- Автор: Коэльо Пауло
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Zahir». Краткое содержание книги:
Erzählt wird Der Zahir aus der Perspektive eines mittlerweile überaus erfolgreichen Autors, der von den Lesern geliebt und der Kritik gehasst wird. Ersteres, weil er ganz nach dem Erfolgsprinzip Coelhos seine Leserschaft an seiner Erleuchtung teilhaben lässt, letzteres, weil er sich den angeblich üblichen Regeln des Literaturbetriebs verweigert, den er als ein schmieriges System von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten beschreibt. Dass er aber überhaupt zu dem Schriftsteller geworden ist, der er immer hat sein wollen, hat er letztlich allein seiner Frau Esther zu verdanken, ohne deren ebenso kluge wie selbstlose Hilfe er seine inneren Schreibwiderstände niemals überwunden hätte. Und nun ist diese Frau plötzlich fort. Wurde sie entführt, hat sie ihn verlassen? Der Mann, dem ihre Bedeutung für sein Leben und Seelenheil immer deutlicher vor Augen tritt, macht sich auf eine zunächst völlig vergeblich erscheinende Suche um am Ende, wir ahnen es, zwar auch die Gesuchte, vor allem aber sich selbst zu finden.
Was soll man sagen? Der Zahir wird ganz sicher wieder ein Weltbestseller. Und, ganz ehrlich: Wir gönnen es ihm! Das Feuilleton freilich wird sich aller Voraussicht nach auch dieses Mal nur mäßig begeistert zeigen. Und die nicht ganz unberechtigte Kritik, der Autor habe sein immer gleiches Thema nun vielleicht doch einmal erschöpft, wird an Coelho abperlen, wie die Male zuvor. Schade eigentlich, es sollte ihm Ansporn sein. Doch, so wird er sich sagen, Millionen Leser können nicht irren. Er sollte es besser wissen.
»Und der wäre?« fragt Mikhail.
»›Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.‹ Eindeutig kein Name wie Beatrice, Marie oder Isabelle. Es beschreibt sich als ein Ereignis, etwas, was geschehen ist. − Aber jetzt erzählen bitte Sie weiter.«
»Darf ich vorher noch etwas fragen?« bittet ein Bettler, der ungefähr so alt ist wie ich. »Sie haben erwähnt, daß Sie in einem Buch darüber geschrieben haben. Wie heißt es?«
Ich nannte ihm den Titel des Buches, in dem ich die Geschichte von Bernadette und ihrer Vision erwähne.
»Dann sind Sie ja der Mann der Journalistin!«
»Sie sind Esthers Mann?« Eine Bettlerin mit grünem Hut und purpurner Jacke reißt ungläubig die Augen auf.
Ich weiß nicht, was ich antworten soll.
»Warum ist sie nicht mehr gekommen?« will ein anderer wissen. »Hoffentlich ist sie nicht umgekommen! Sie hat immer an gefährlichen Orten gelebt, mehr als einmal habe ich ihr gesagt, sie solle das endlich lassen! Schauen Sie nur, was sie mir gegeben hat.«
Er kramt einen blutbefleckten Stoffetzen hervor − ein Stück vom Hemd des toten Soldaten.
»Sie ist nicht gestorben«, antworte ich. »Aber mich wundert, daß sie hier war.«
»Wieso? Weil wir anders sind?«
»Nein, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich maße mir kein Urteil an. Ich wundere mich nur über meine Frau und freue mich.«
Der Wodka, den wir schon länger trinken, um die Kälte zu vertreiben, tut seine Wirkung bei uns allen.
»Sie sagen das so ironisch«, meint ein kräftiger Mann mit langen Haaren und einem Dreitagebart. »Gehen Sie, Sie glauben ja sowieso, daß Sie sich in schlechter Gesellschaft befinden.«
Ich habe auch getrunken, und der Wodka gibt mir Mut.
»Wer sind Sie? Was für ein Leben führen Sie? Haben Sie es sich gewählt? Sie sind gesund, Sie können arbeiten, aber sitzen hier lieber tatenlos herum.«
»Wir sind Menschen, die sich entschieden haben, draußen zu bleiben, verstehen Sie? Außerhalb dieser Welt, die zerbricht, fern von diesen Leuten, die in ständiger Angst leben, sie könnten etwas verlieren, und die durch die Straßen gehen, als wäre alles in Ordnung, wo doch alles schlimm, sehr schlimm ist! Betteln Sie denn etwa nicht? Betteln Sie nicht auch um Almosen, zum Beispiel von Ihrem Chef, von Ihrem Vermieter?«
»Schämen Sie sich nicht, so Ihr Leben zu vergeuden?«
fragt die purpurgekleidete Frau.
»Wer sagt denn, daß ich mein Leben vergeude? Ich mache, was ich will!«
Der kräftige Mann mischt sich ein:
»Was wollen Sie eigentlich? In der Welt ganz oben leben?
Wer garantiert Ihnen denn, daß es sich oben auf dem Berg besser lebt als unten in der Ebene? Sie glauben, wir könnten so nicht leben, stimmt’s? Nun, Ihre Frau hat gaaanz geeenau verstanden, was wir vom Leben wollen! Wissen Sie, was wir wollen? Frieden! Und unsere eigene Zeit!
Und nicht gezwungen sein, der Mode zu folgen − wir machen unsere eigene! Wir trinken, wann es uns paßt, schlafen, wo es uns am besten gefällt! Niemand hier hat die Sklaverei gewählt, und wir sind sehr stolz darauf, obwohl Sie uns für bedauernswert halten.«
Die Stimmen werden aggressiv. Mikhail fährt dazwischen:
»Wollt ihr jetzt den Rest meiner Geschichte hören, oder sollen wir gehen?«
»Er kritisiert uns!« meint der mit der Metallprothese. »Er ist hergekommen, um über uns zu urteilen, als wäre er Gott.«
Man hört hier und da noch Gemurre, jemand klopft mir auf die Schulter, ich biete Zigaretten herum, die Wodkaflasche kreist wieder, und ich bin überrascht und schockiert darüber, daß diese Menschen Esther kennen − und offenbar besser als ich. Und sie haben ein Stück von dem blutigen Hemd bekommen.
Mikhail fährt mit seiner Geschichte fort.
»Da ich nicht mehr zur Schule gehen kann und noch zu jung bin, um mich um die Pferde zu kümmern, die der Stolz unserer Region und unseres Landes sind, arbeite ich als Hirte. In der ersten Woche stirbt ein Schaf, und das Gerücht macht die Runde, auf mir liege ein Fluch, was sei auch anderes zu erwarten vom Sohn eines Fremden, der meiner Mutter Reichtümer versprochen und uns am Ende mittellos zurückgelassen habe. Obwohl die Kommunisten behaupten, die Religion sei nur dazu da, den Verzweifelten falsche Hoffnungen zu machen, und obwohl wir in der Gewißheit erzogen werden, daß es nur eine Realität gibt und alles Nichtsichtbare Hirngespinste sind, bleiben die alten Traditionen der Steppe unberührt, werden sie mündlich von Generation zu Generation weitergegeben.
Seit der Zerstörung des Busches kann ich das Mädchen nicht mehr sehen, aber ich höre weiterhin seine Stimme. Ich bitte es, mir beim Schafehüten zu helfen. Es sagt, ich müsse Geduld haben, es würden schwierige Zeiten kommen, doch noch vor meinem zweiundzwanzigsten Geburtstag würde eine Frau von weit her kommen und mich mitnehmen, damit ich die Welt kennenlerne. Das Mädchen sagt mir auch, daß ich eine Mission zu erfüllen habe, und diese Mission bestehe darin, die wahre Energie der Liebe auf Erden zu verbreiten.
Der Schafzüchter läßt sich von den immer hartnäckigeren Gerüchten beeindrucken, die ihm genau von den Menschen zugetragen werden, denen das Mädchen das ganze Jahr über geholfen hat und die jetzt mein Leben zerstören wollen. Als er eines Tages im Büro der kommunistischen Partei vorspricht, bekommt er zu hören, meine Mutter und ich seien ›Volksfeinde‹. Daraufhin entläßt mich der Schafzüchter auf der Stelle. Daß ich meine Arbeit verliere, ändert unser Leben nicht wesentlich, denn meine Mutter arbeitet als Stickerin für eine Fabrik in der größten Stadt der Region. Dort weiß niemand, daß wir Feinde der Arbeiterklasse sind, die Fabrikdirektoren wollen nur, daß meine Mutter vom Sonnenauf bis Sonnenuntergang stickt.
Da ich nun alle Freizeit der Welt habe, streife ich durch die Steppe und schließe mich den Jägern an − die meine Geschichte auch kennen, mir aber magische Kräfte zusprechen, weil sie immer Füchse finden, wenn ich in der Nähe bin. Ich verbringe ganze Tage im Dichtermuseum, schaue mir seine persönlichen Gegenstände an, lese seine Bücher, höre den Besuchern zu, die kommen und seine Verse rezitieren. Hin und wieder spüre ich den Luftzug, sehe die Lichter, falle zu Boden − und in diesen Augenblicken sagt mir ›die Stimme‹ immer konkrete Ereignisse voraus: Dürreperioden, Tierseuchen, die Ankunft der Händler. Ich spreche zu niemandem davon, nur zu meiner Mutter, die sich immer mehr beunruhigt.
Als einmal ein Arzt in unsere Gegend kommt, nimmt sie mich mit in die Sprechstunde. Er hört sich aufmerksam meine Geschichte an, macht sich Notizen, schaut mir mit einem Apparat in die Augen, horcht mein Herz ab, hämmert auf mein Knie. Danach diagnostiziert er eine Form von Epilepsie. Er sagt, sie sei nicht ansteckend und werde mit dem Älterwerden abnehmen.
Ich weiß, daß es sich bei meinen Visionen nicht um eine Krankheit handelt. Doch um meine Mutter zu beruhigen, tue ich so, als glaubte ich es. Der Direktor des Museums, der meine verzweifelten Bemühungen, etwas zu lernen, bemerkt, erbarmt sich meiner. Er wird mein Ersatzlehrer und gibt mir eine Anstellung als Hausmeister. Ich lerne bei ihm Geographie und Literatur. Und lerne, was sich bald als das Allerwichtigste erweisen wird: Englisch. Eines Nachmittags bittet mich die Stimme, dem Direktor zu sagen, daß er bald j schon ein wichtiges Amt bekleiden werde. Als ich es ihm ausrichte, ernte ich nur ein schüchternes Lächeln, weil er als überzeugter Moslem nie der kommunistischen Partei beigetreten ist.
Inzwischen bin ich fünfzehn Jahre alt. Zwei Monate nach unserem Gespräch spüre ich leise Veränderungen in unserer Region. Die Beamten, die mich bisher immer von oben herab behandelt haben, werden plötzlich freundlich und fragen mich, ob ich wieder zur Schule gehen möchte. Lange Eisenbahnzüge mit russischen Soldaten fahren zur Grenze.