Im Auftrag Seiner Majestät
- Автор: Май Карл
- Год: 1983
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Im Auftrag Seiner Majestät». Краткое содержание книги:
Er band den Sack zu und warf ihn wieder über die Achsel. Müller meinte:
„Da hast du einen sehr nachsichtigen Prinzipal. Es kann ein Glück für uns sein, daß wir diesen Doktor Bertrand getroffen haben, obgleich es nicht mein Wunsch ist, meine Absichten von irgend jemandem durchschauen zu lassen.“
„Oh, Bertrand ist sicher; er verdient Vertrauen“, behauptete Fritz. „Ich kenne ihn erst seit kurzer Zeit, aber ich weiß bereits, daß er diese Franzosen haßt. Er muß irgendeinen besonderen Grund haben, ihnen nicht gewogen zu sein. Er errät freilich den Grund, der uns hierher geführt hat, aber ich möchte meinen Kopf zum Pfand geben, daß er uns förderlich, niemals aber hinderlich sein wird. Übrigens ist es gut, daß ich Sie treffe. Ich habe ja meine Instruktionen erst von Ihnen zu erwarten.“
„Ich kann sie dir jetzt nur im allgemeinen, nicht aber speziell geben.“ Der Doktor trat in die angrenzenden Sträucher, um sich zu überzeugen, daß kein Lauscher vorhanden sei, kam dann zu Fritz zurück und fuhr fort: „Frankreichs Herrscher plant im stillen einen Krieg mit uns; er betreibt seine Anstalten sehr geheim, denn er beabsichtigt, uns zu überrumpeln, so daß seine Heeresmassen innerhalb einer Woche in Berlin sein können. Er glaubt, daß der Preußenhaß die Südstaaten abhalten werde, uns zu unterstützen, und wagt es, gerade hier an der Grenze riesige Vorbereitungen zu treffen, die es ihm ermöglichen sollen, mit ungewohnter Wucht sich auf uns zu werfen. Diese Vorbereitungen müssen wir belauschen; wir müssen sie kennenlernen, um unsere Gegenzüge tun zu können. Einer der Konzentrationspunkte dieser für uns so gefährlichen, geheimnisvollen Tätigkeit ist Ortry. Ich befinde mich hier, um zu beobachten, und du sollst mich unterstützen. Das ist alles, was ich dir zu sagen habe.“
„Und das ist genug“, nickte Fritz, während über sein intelligentes Gesicht ein Zug heller Freude ging. „Ich bin ein Findelkind, ein einfacher Barbier- und Friseurgehilfe, aber ich will doch einmal sehen, ob ich nicht Augen habe, diesen klugen Großsprechern hinter die Karten zu gucken. Zeit genug habe ich ja dazu! Und ein Glück ist es, daß man mich nicht für einen Deutschen halten wird.“
„Wieso?“
„Nun, Doktor Bertrand hat mich als einen Schweizer aus Genf angemeldet. Sie wissen ja, daß ich zwei Jahre lang dort in Kondition war und mir soviel Französisch angeeignet habe, um für einen Genfer gelten zu können. Wie aber soll ich Ihnen mitteilen, was ich erfahre? Wo werde ich Sie treffen?“
„Du kannst mir schreiben, natürlich unter der Adresse des Doktor Andreas Müller. Wichtiges aber machen wir nur mündlich ab. Ich bewohne das oberste Zimmer des südwestlichen Eckturms des Schlosses. Von dort aus kann ich die große Linde, welche an der Straße von Thionville steht, deutlich erkennen. Lege dich unter dieselbe, wenn du mir etwas zu sagen hast. Man wird denken, du wollest dich ausruhen, und ich werde dich genau durch mein Fernrohr sehen. Du blickst durch das deinige nach meinem Fenster und sobald ich dir mit einem weißen Tuch das Zeichen gegeben haben werde, daß ich dich sehe, gehst du hierher, wo wir uns jetzt befinden; wir treffen uns hier. Das kann natürlich nur am Tag sein.“
„Aber abends?“ fragte Fritz.
„Kannst du mich in meiner Wohnung aufsuchen.“
„Man wird mich sehen.“
„Nein. Du wartest, bis alles schläft, und versicherst dich genau, daß du nicht bemerkt werden kannst. Dann steigst du an dem Blitzableiter der Mittelfront empor, kriechst über das Dach und klopfst leise an mein Fenster. Der Blitzableiter ist sehr fest, er hat auch mich bereits getragen.“
„Das ist bequem, und ich werde mir gleich morgen die Gelegenheit einmal ansehen.“
„Schließlich muß ich dich auf den alten Turm aufmerksam machen, welcher hier im Walde liegt –“
„Ich kenne ihn nicht.“
„Ich werde dir ihn jetzt zeigen. Man sagt nämlich, daß es dort umgehe; ich aber glaube, daß diese Geister von Fleisch und Blut sind. Ich kann des Nachts nur schwer das Schloß verlassen und möchte doch gerade zu dieser Zeit den Turm beobachten –“
„Gut, Herr Doktor, das werde ich also übernehmen“, meinte Fritz.
„Aber die Geister!“ lächelte Müller.
„Oh, ich habe einen Revolver, mit dem man Geister bannen kann! Übrigens tut es ein guter Prügel oder Knüppel wohl auch!“
„Jedenfalls. Doch wünsche ich nicht, daß du dich in Gefahr begibst. Unsere Beobachtungen müssen sehr geheim geschehen; es wäre mir also lieb, wenn die Geister dich gar nicht bemerkten.“
„Ganz wie Sie befehlen, Herr Doktor. Übrigens ist es möglich, daß wir uns doch einmal in Gegenwart anderer treffen und wohl gar sprechen müssen. Wie habe ich mich da zu verhalten?“
„Wir kennen uns nicht und reden nur französisch miteinander. Höchstens erinnern wir uns, einander während des Schiffbruchs gesehen zu haben. Jetzt aber komm, ich muß dir den Turm zeigen!“
Sie gingen weiter, gerade durch den Wald, und gelangten an das Felsengewirr, in dessen Mitte die Ruine des Turmes sich erhob. Diese war von keinem bedeutenden Durchmesser und erhob sich zu einer Höhe von ungefähr vierzig Ellen. Was über diese Höhe hinausgereicht hatte, war eingestürzt. Die Tür war schmal und nicht hoch. Das runde Gemäuer zeigte unten einige schmale, schießschartenähnliche Fensteröffnungen. Oben aber ragten noch einige hohe, mächtige Pfeiler in die Luft, zum sichersten Beweis, daß sich dort Gemächer mit großen Aussichtsfenstern befunden hatten. Diese Pfeiler standen ganz ohne Stütze auf der Ruinenkante, nur durch ihre eigene Schwere gehalten.
Die beiden Männer traten ein und bemerkten, daß eine Treppe zur Höhe führte. Dieselbe war sehr schwer zu ersteigen, denn die Stufen lagen voller Geröll, welches von oben herabgestürzt war. Dennoch arbeiteten sich beide empor. Oben angekommen, fanden sie nicht das mindeste, welches ihnen die gehabte Mühe hätte belohnen können, und es zeigte sich auch nicht die leiseste Spur, daß dieser Ort in letzter Zeit von einem menschlichen Fuß betreten worden sei.
Sie stiegen wieder herab und untersuchten den unteren Teil des Turmes. Auch hier lag Schutt in solcher Menge, daß es eine ungeheure Arbeit gewesen wäre, ihn wegzuräumen, um zu sehen, ob vielleicht eine weitere Treppe nach einem Keller führe.
„Die Gespenster haben sich keinen sehr bequemen Ort zur Wohnung erwählt“, meinte Fritz. „Wenn ich einmal nach meinem Tod spuken muß, so tue ich es sicher nicht ohne wenigstens ein Sofa und eine lange Pfeife. Ich bedaure sie!“
„So bedaure dich mit ihnen!“ antwortete Müller.
„Warum?“
„Weil dieser Turm für einige Zeit dein Wachtlokal sein wird. Auf Wohnlichkeit und Eleganz wirst du verzichten müssen.“
„Ich nehme an, es geschieht im Dienst, und da darf man nicht wählerisch sein. Übrigens werde ich mich sehr hüten, mich im Turm selbst einzuquartieren. Hier gibt es nichts. Wenn es wirklich nicht geheuer ist, so kommen die Geister von außen herein, und darum werde ich mir da draußen ein Plätzchen suchen, von welchem aus ich den Eingang gut bewachen kann. Übrigens sind es die ersten Gespenster, welche ich zu sehen bekomme. Ich kann sagen, daß ich mich herzlich auf sie freue.“
Müller wußte, daß diese Worte keine Unwahrheit enthielten. Fritz war ein mutiger, unerschrockener Kerl, der weder an Gespenster noch an den Teufel glaubte. Was er sagte, war wirklich ganz aufrichtig gemeint. Darum antwortete sein Herr:
„Das sollst du erfahren, sobald ich es selber weiß. Jetzt aber eile; es fallen bereits die Tropfen, und der Sturm hat sich bereits erhoben!“