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Die Elfenkönigin von Shannara

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Die Elfenkönigin von Shannara
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Aber sie hatte ihre Macht nun doch gebraucht. Hatte sie sie nicht am Leben erhalten – sie alle am Leben erhalten? Hatte sie sie nicht gewollt, sie nicht sogar genossen? Was sonst hätte sie tun können?

Garth war neben ihr, hatte sie an den Schultern gefaßt und hielt sie aufrecht. Seine dunklen Augen hatte er intensiv in ihre eigenen versenkt. Sie bestätigte mit einem vagen Nicken, daß sie sich seiner Gegenwart bewußt war und daß es ihr gutging. Aber das stimmte natürlich nicht. Die Eule war auch da und sagte:

»Wren, du bist diejenige, auf die sie gewartet hat, diejenige, die versprochen war. Du bist wirklich willkommen. Komm jetzt schnell, bevor sich die dunklen Wesen wieder formieren und erneut angreifen. Beeile dich!«

Sie schwieg und folgte ihm gehorsam. Ihr Körper war ein fremdes Ding, das sie vorwärts trug, wobei sie ihn von irgendwo außerhalb beobachtete. Hitze und Erschöpfung quälten sie, aber sie fühlte sich wie losgelöst davon. Sie sah die Landschaft in den Nebel zurücksinken, durch den jetzt eine seltsame Schar von Schatten schwebte. Bäume erhoben sich blattlos und kahl in Gruppen himmelwärts wie brüchige Stiele, die bald zerfallen würden. Vor ihnen lag die Stadt der Elfen, glitzernd wie etwas, das hinter einem regenüberströmten Fenster gefangen ist. Sie ähnelte einem juwelenbesetzten Schatz, der vor Versprechen und Hoffnung schimmerte.

Eine Lüge. Dieser Gedanke traf sie plötzlich. Er war widersinnig, und doch war sie von der Intensität des Gedankens überrascht. Alles ist Lüge.

Endlich hatte die Eule sie durch ein Gewirr von Gestrüpp und einen engen Hohlweg hinuntergeführt, in dem die Schatten so dicht lagen, daß es so gut wie unmöglich war, etwas zu erkennen. Er kauerte sich auf den Boden, machte sich an einem Haufen von Felsbrocken zu schaffen und öffnete eine Falltür. Schnell kletterten sie hinein. Die Luft war heiß und stickig. Der Elf faßte nach oben, zog die Falltür wieder an ihren Platz und sicherte sie. Die Dunkelheit hielt nur einen Moment an, und dann war durch den Tunnel, der vor ihnen lag, ein Schimmer des seltsamen Lichts der Stadt zu sehen. Die Eule führte sie hindurch. Er bewegte sich wortlos, mager und schattenhaft vor dem schwachen Schimmern der Helligkeit. Wren spürte, daß das Gefühl der Losgelöstheit allmählich nachließ. Sie war wieder in sich selbst. Sie war zurückgekehrt zu dem, wer und was sie war. Sie wußte, was geschehen war und was sie getan hatte, aber sie wollte sich nicht erlauben, darüber nachzudenken. Es gab nichts zu tun, als vorwärts zu gehen und die Reise zu vollenden, die sie sich selbst auferlegt hatte. Die Stadt lag vor ihnen – Arborlon. Und die Elfen, die sie endlich gefunden hatte. Das war es, worauf sie sich konzentrieren mußte.

Sie bemerkte plötzlich, daß Faun nicht zu ihr zurückgekommen war. Der Baumschreier war noch immer draußen, in diese glühende Wirrnis geflohen... Sie schloß einen Moment die Augen. Auch der Stachelkater war dort. Er war ebenfalls aus eigenem Willen gegangen. Sie fürchtete um die beiden. Aber sie konnte nichts tun.

Unendlich lange, wie ihr schien, bahnten sie sich ihren Weg den Tunnel hinab. Sie schritten tief gebückt durch den engen Durchgang, ohne zu sprechen. Das Licht wurde heller, je weiter sie gingen, bis es in den Felsen so hell leuchtete wie Tageslicht. Die Welt außerhalb blieb immer mehr zurück, bis der Vog, die Hitze, die Asche und der Gestank verschwunden waren. Plötzlich gab es auch keinen Fels mehr. Er hatte sich abrupt in schwarze und fruchtbare Erde verwandelt, die an die Wälder des Westlandes, an ihre Heimat, erinnerte. Sie atmete tief den Geruch ein und fragte sich, wie das sein konnte. Sie sagte sich dann, daß die Magie das erhalten hatte.

Der Tunnel endete an einer Reihe von Felsstufen, die zu einer schweren, eisenbeschlagenen Tür in einer Felswand hinaufführten. Als sie die Tür erreichten, wandte sich die Eule plötzlich um und sah sie an.

»Wren«, sagte er sanft, »hör mir zu.« Die grauen Augen leuchteten intensiv. »Ich weiß, ich bin für dich ein Fremder, und du hast keinen besonderen Grund, auf irgend etwas zu hören, was ich sage. Aber du solltest dich zumindest dieses eine Mal auf mich verlassen. Erst wenn du mit der Königin sprichst, und nur wenn du mit ihr allein bist, solltest du enthüllen, daß du die Elfensteine besitzt. Erzähle es vorher niemandem. Hast du verstanden?«

Wren nickte langsam. »Warum verlangst du das von mir, Aurin Striate?«

Die Eule lächelte traurig, und die Falten in seinem alten Gesicht vertieften sich. »Obwohl ich wünschte, es wäre anders, Wren, wird nicht jeder deine Ankunft willkommen heißen.«

Dann wandte er sich um und klopfte fest gegen die Tür. Er wartete und klopfte erneut – dreimal und dann zweimal, dreimal und dann zweimal. Wren lauschte. Es war Bewegung auf der anderen Seite spürbar. Schwere Schlösser wurden gelöst und öffneten sich.

Langsam schwang die Tür auf, und sie traten hindurch.

10

ICH BIN NACH HAUSE GEKOMMEN.

Das war Wrens erster Gedanke – lebendig, verwirrend und unerwartet.

Sie war jetzt innerhalb der Mauern der Stadt und stand in einer Nische im Schatten der Festungsmauern. Arborlon breitete sich vor ihr aus, und es war, als sei sie ins Westland zurückgekehrt, denn es gab Eichen und Ulmen, grüne Büsche und Gras und Erde, die an allen Ecken nach Wachstum und dem Wechsel der Jahreszeiten, nach Flüssen und Teichen und Leben roch. Eine Eule rief leise, und in der Nähe war Flügelschlag zu hören, als ein kleinerer Vogel von seinem versteckten Sitzplatz aufflog. Einige andere sangen. Es gab schreiende Ziegenmelker! Glühwürmchen leuchteten aus einer Gruppe von Schierlingen heraus, und Grillen zirpten. Sie konnte das sanfte Rauschen eines Flusses hören, dessen Wasser über Felsen sprang. Sie konnte das Flüstern eines freundlichen Nachtwindes auf ihrer Wange spüren. Die Luft roch sauber. Sie war frei von dem Gestank des Schwefels. Und da war die Stadt selbst. Sie schmiegte sich in das Grün. Es gab da Gruppen von Häusern und Geschäften, Straßen und Wege unten und erhöhte Pfade oben, hölzerne Brücken, die über das Gewirr von Flüssen führten, Lampen, die Fenster beleuchteten und zur Begrüßung flackerten, und Menschen – einige wenige, die sich noch nicht zur Ruhe begeben hatten –, die spazierengingen. Vielleicht um ihre Unruhe zu besänftigen oder um den Himmel zu bewundern. Denn es war wieder ein Himmel zu sehen. Er war klar und wolkenlos, strahlend vor Sternen und mit einem Dreiviertelmond, der so weiß war wie frischer Schnee. Unter seinem Gewölbe schimmerte alles ein wenig, da die Magie von den Mauern ausströmte. Das Schimmern war jedoch nicht so unangenehm, wie es Wren von außerhalb erschienen war, und die Mauern wurden trotz ihrer Höhe und Dicke davon so weich gezeichnet, daß sie fast vergänglich schienen.

Wrens Augen irrten von einem Punkt zum anderen. Sie sah in gut gepflegten Höfen angelegte Blumengärten, Hecken, die Spazierwege säumten, und Straßenlampen aus sorgfältig verarbeitetem Eisen. Es gab Pferde, Kühe, Hühner und alle Arten von Tieren in Gehegen und Scheunen. Es gab Hunde, die sich in den Eingängen zum Schlafen zusammengerollt hatten, und Katzen auf Fensterbänken. Es gab über Eingängen farbige Flaggen und Schirme. Markisen hingen über Schaufenstern und Marktkarren. Die Häuser und Geschäfte waren weiß und sauber, umgeben von frisch gestrichenen Zäunen in unzähligen Farben. Sie konnte natürlich nicht alles sehen, sondern nur den Teil der Stadt, der in der Nähe lag. Und doch konnte kein Zweifel daran bestehen, wo sie war oder welche Gefühle in ihr hervorgerufen wurden. Zu Hause.

Aber genauso schnell, wie sie voller Freude Vertrautheit und das Gefühl der Zugehörigkeit gespürt hatte, verschwand beides auch wieder. Wie konnte sie sich an einem Ort heimisch fühlen, an dem sie nie zuvor gewesen war, den sie nie zuvor gesehen hatte und über dessen Existenz sie sich bis zu diesem Augenblick nicht sicher gewesen war?

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