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Im Auftrag Seiner Majestät

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Im Auftrag Seiner Majestät
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Müller kniete in der Ecke nieder, welche gerade über der Uhr des unteren Zimmers lag, suchte dann am Boden fort, öffnete das Fenster und blickte hinaus.

„Haben Sie es?“ fragte der Kapitän, brennend vor Ungeduld.

„Ja. Blicken Sie nur her, um sich selbst zu überzeugen! Hier in dieser Ecke tritt der Leitungsdraht in das Zimmer ein und geht unter der Dielenleiste längs der Wand bis an die Mauer der hinteren Schloßfront. Hier ist ein dünnes Loch durch die Mauer gearbeitet, um den Draht hindurchzulassen, der dann am Sims entlang der Front läuft. Ihn da anzulegen hat viel Arbeit gekostet, zumal diese in aller Heimlichkeit vorgenommen werden mußte.“

Da konnte sich der grimmige Alte nicht länger halten. Er stürzte auf den Hausmeister zu, faßte ihn bei der Brust und donnerte ihn an:

„Hund, Kerl, wer hat dir das geraten?“

Das kam dem Mann so unerwartet, daß er unwillkürlich mit der Antwort herausplatzte:

„Der Direktor, gnädiger Herr!“

„Was hat er dir geboten?“

„Fünftausend Franken.“

„Und hunderttausend wollte er haben! Also für fünftausend Franken wolltest du mich ruinieren und alle meine Leute morden! Heraus aus dem Bett! In das Gefängnis, wohin du gehörst, du Halunke, du – du – du Vorgesetzter du!“

Der Alte wußte zwar nicht, was Müller mit diesen Worten gemeint hatte; aber er ahnte, daß eine negative Bedeutung mit denselben verbunden sei, und da er vor Wut kein anderes Wort fand, so wendete er dieses an, um seinen Zorn auszudrücken.

Der Mann flehte jämmerlich, aber es half ihm nichts. Der Veteran klingelte einige Leute herbei, welche den Schurken ankleiden, fesseln und fortschaffen mußten. Erst nachdem dies geschehen war, wandte sich der Kapitän wieder an Müller:

„Monsieur, Sie sind braver und klüger als das ganze Volk, welches ich bisher um mich hatte. Sie sind gerade zu unserer Rettung nach Ortry gekommen. Aber was nun?“

„Begeben wir uns nach unten, gnädiger Herr“, antwortete Müller, „damit wir sehen, wo der Draht in die Erde geht!“

Das taten sie, und Müller fand, daß die Leitung unter einer Dachrinne herabgezogen war und hinter dem Rinnstein in den Boden drang.

„Hier schneiden wir den Draht durch“, sagte er, „dann ist die hauptsächlichste Gefahr vorüber. Unter der Erde muß der Draht noch eine Umhüllung haben; er ist also stärker, so daß man ihm leicht folgen kann. In der Fabrik werden wir dann sehen, in welche gefährlichen Stoffe er geleitet wurde.“

Da antwortete der Kapitän mit großer Schnelligkeit:

„So lange darf ich Sie nicht abhalten, Monsieur. Nun wir den Draht gefunden haben, ist das übrige leicht; dazu habe ich Arbeiter mehr als genug. Sie aber haben sich zunächst Alexander zu widmen.“

Müller verstand den Alten. Dieser wollte ihn, den Deutschen, nicht in das Getriebe seiner Pläne blicken, am allerwenigsten aber ihn den aufgestapelten Munitionsvorrat sehen lassen. Er tat, als ob er dies nicht ahne und kehrte in sein Zimmer zurück, zufrieden, den Beifall des Schloßherrn gefunden zu haben.

Der Doktor suchte Alexander auf, um ihn zu einem abermaligen Spaziergang aufzufordern. Der Knabe willigte sehr gern ein, und unterwegs fand Müller, daß dieser sich immer fester an ihn schloß.

„Wissen Sie, Monsieur“, sagte Alexander, „daß man gezwungen ist, Sie lieb zu haben?“

„Warum?“

„Weil man Unglück hat, wenn man Sie haßt. Die beiden, von denen Sie beleidigt wurden, sind bereits bestraft. Der eine hat sich erschossen, und der andere sitzt mit einer bösen Gesichtswunde im Gefängnis. Ich werde die Leute warnen, Ihr Feind zu sein. Besonders werde ich dies Marion sagen.“

„Marion? Wer ist das?“ fragte Müller, sich verstellend.

„Marion ist meine Schwester, meine Halbschwester; aber sie ist doch so gut, als ob sie meine richtige Schwester wäre. Ich habe ihr sehr viel Kummer bereitet; meist darum ging sie fort, denn ich verklagte sie immer bei Mama und bei dem Großpapa. Aber als ich gestern abend schlafen ging, habe ich sehr lebhaft an sie gedacht, und da ist mir der Gedanke gekommen, daß ich recht schlimm gegen sie gewesen bin. Ich verspreche Ihnen, dies nie wieder zu tun, Monsieur!“

„Warum haben Sie denn gerade gestern diesen Gedanken gehabt?“

„Weil ich mit Ihnen spazieren gewesen bin. Sie predigen nicht; Sie geben keine guten Lehren, aber man fühlt bei Ihnen das, was Sie zu sagen unterlassen.“

Müller antwortete nicht, doch bückte er sich nieder und küßte den Knaben auf die Stirn. Er fühlte sich innerlich beglückt, diese Seele, welche bereits auf falsche Wege geführt worden war, bereits nach einem einzigen Tag für das Gute gewonnen zu haben.

Sie drangen heute viel tiefer in den Forst ein, als gestern, tiefer und immer tiefer, bis sie auf ein Wirrsal von Felsen stießen, aus denen ein alter Turm hervorragte.

„Was ist das für eine Ruine?“ fragte Müller.

„Das ist Alt-Ortry gewesen“, antwortete Alexander. „Jetzt ist nur dieser eine Turm noch übrig.“

„Wollen wir ihn nicht besteigen?“

„Ich möchte nicht.“

„Warum nicht?“

Der Knabe blickte ihm treuherzig in das Gesicht und antwortete:

„Weil ich auch hier nicht gut gewesen bin. Großpapa hat mir verboten, diese Ruine zu betreten, und doch habe ich es oft getan. Nun aber möchte ich dies unterlassen. Aber wenn wir auch nicht hineingehen werden, das Grab können wir uns doch ansehen.“

Er wand sich zwischen den Felsen hindurch, und Müller folgte, bis sie vor einem Hügel standen, der ungepflegt und mit allerlei Waldblumen bewachsen war. Daneben erhob sich ein mächtiger Felsblock, auf welchem die einfachen Worte: ‚Hier ruht Liama‘ kaum noch zu lesen waren.

„Diese Liama war die Mutter Marions“, bemerkte Alexander. „Habe ich Ihnen übrigens bereits gesagt, daß Marion heute nach Hause kommt?“

„Noch nicht.“

„Ja, sie kommt. Wir hielten sie für tot, mit einem Dampfschiff untergegangen; aber am frühen Morgen kam eine Depesche, daß sie am Mittag hier sein wird. Sie bringt eine Freundin mit.“

Der Knabe erzählte das in einem freundlichen, keineswegs aber herzlichen Ton. Die Bande dieser Familie waren ja sehr locker geschlungen.

„Wie wird man die gnädige Baronesse empfangen?“ fragte Müller.

„Empfangen?“ wiederholte Alexander verwundert. „Nun, die Diener werden ihr aus dem Wagen helfen, und dann geht sie nach ihrem Zimmer.“

„Ohne daß man sich freut, daß sie kommt, und ihr dieses sagt?“

Alexander sah ihn groß an und fragte dann.

„Ja, freut sie sich denn auf uns?“

„Gewiß sehr. Man müßte ihr nur zeigen, daß man sie liebt, daß sie willkommen ist.“

„Das möchte ich ihr sehr gern zeigen; aber wie soll ich es anfangen?“

Es tat Müller sehr weh, daß das Herz dieses begabten Knaben so ganz unbepflanzt geblieben war. Er legte ihm die Hand auf den Kopf und sagte:

„Ich wüßte wohl etwas sehr Schönes. Hat die Baronesse ihre Mutter lieb gehabt?“

„Oh, sehr. Sie ist sehr oft nach diesem Grab gegangen.“

„So wollen wir von diesen Blumen pflücken und sie in ihr Zimmer setzen, damit sie, sobald sie kommt, einen Gruß von der Mutter erhält.“

Die Augen des Knaben glänzten.

„Ja, das wollen wir tun. Aber niemand darf es wissen, sonst zanken die anderen.“

Und nun saßen die beiden am Grab der Heidin und sammelten Blumen für diejenigen, der beider Herzen entgegenschlugen, das Herz des einen in erwachender Bruderliebe, das des anderen aber im heißen vollbewußten Verlangen nach der höchsten Seligkeit des Erdenlebens.

Es war fast Mittag geworden, als sie nach Hause kamen. Auf dem Feld zwischen dem Schloß und dem Etablissement erblickten die Wanderer zahlreiche Arbeiter, welche beschäftigt waren, die Leitung aus dem Boden zu nehmen. Die beiden gingen zunächst nach Müllers Stübchen, um die Blumen zu zwei Buketts zu ordnen. Dann schrieb Alexander auf ein Papier die Worte:

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