Nachts unter der steinernen Bruecke
- Автор: Perutz Leo
- Год: 101
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Nachts unter der steinernen Bruecke». Краткое содержание книги:
»Laß mich dein Gesicht sehen, so will ich's dir sagen«, schlug ihr der Waldstein vor.
Sie schüttelte den Kopf, ließ sich küssen und küßte wieder, und ihre Gedanken nahmen eine andere Richtung.
»Sag mir, Liebster, da du doch so gelehrt bist, — warum fallen die Frauen so gerne und so oft in Sünde? Wenn du's nicht weißt, wenn's nicht in deinen Büchern steht, so will ich dir's sagen. Ich sündige, weil ich drei gewichtige Gründe dafür habe: Zum ersten, weil es vor der Welt verborgen bleibt, es mengt sich keiner in meine Sachen. Zum zweiten, weil Gott barmherzig ist, er läßt den Sündern Zeit, zu bereuen und sich zu bekehren, das hat mir mein Kaplan gesagt. Und zum dritten, weil es die anderen Frauen auch tun, aber das weißt du ja besser als ich, oder weißt du es nicht?«
Von einem Kirchturm her kamen Glockenschläge, der Waldstein zählte sie, es waren zwölf. Und wie der letzte Glockenschlag verhallt war, da war aus der Ferne ein leises Kläffen und Winseln zu vernehmen, zuerst achtete der Waldstein nicht darauf, es war so leise, er hörte es kaum, doch nun kam ein Ziegengemecker dazu und dann -, war es denn möglich? Klang das nicht wie der jammervolle Hahnenschrei des Jeremias? Es konnte kein Zweifel sein. Das war der Jeremias, der die Sünden der Welt beklagte.
Einen Augenblick lang war der Waldstein ganz verwirrt und wie vor den Kopf geschlagen, und dann begriff er. Er wußte nun, wo er sich befand und wer an seiner Seite lag.
»Zwölf Uhr«, stellte indessen die Dame fest. »Liebster, du sollst schlafen. Du mußt früh fort, hast eine lange Fahrt vor dir.«
Sie ließ ihn aber nicht schlafen, sondern plauderte weiter:
»Sechs Meilen. Fünf Meilen, — da denkst du noch an mich. Vier Meilen, — da hast du mich vergessen. Drei Meilen, — da wirst du ungeduldig. — Kutscher, fahr zu! Und der Kutscher knallt mit der Peitsche, die Gänse stieben aus dem Weg und strecken die Hälse und schreien dir nach, zwei Meilen, eine Meile noch, da ist die Prager Neustadt,
und wenn du kommst zum Neustädter Tor da steht ein steinerner Ochse davor.
Eins, zwei, muh!
Der Ochse, der bist du!«
»Schweig still, Lucrezia!« sagte der junge Waldstein. »Laß die Possen! Ich habe keine lange Fahrt, und ich komme auch nicht zum Neustädter Tor.«
Sie hob den Kopf und sah den Waldstein aus erschreckten Augen an. Ihre Verwirrung verbarg sich hinter einem Lachen.
»Wie hast du mich genannt?« fragte sie. »Was hast du dir für einen neuen Namen für mich ausgedacht? Erst Patron und jetzt, — wie sagtest du?«
»Ach geh!« rief der Waldstein. »Vom ersten Augenblick an hab' ich gewußt, wer du bist. Nein, Lucrezia, Liebste, ich hab' nicht Lust, nochmals zwei Stunden lang in deiner Kutsche zu sitzen. Ich lauf durch den Garten, spring' über den Zaun und bin daheim.«
Die Lucrezia von Landeck seufzte, sah ihn an, seufzte wiederum und nahm die seidene Maske ab. Ein schmales, blasses, erschrockenes Gesicht mit großen Augen und langen Wimpern kam zum Vorschein, ein spitzes Näschen und ein eigenwillig geformter Mund. Um ihre Lippen zuckte es.
»Ach Liebster!« klagte sie. »Was hast du angerichtet. Was hast du nur getan! O Jammer, jetzt ist es aus mit dir, du mußt sterben und ich werd' mein Leben lang keinen guten Tag mehr haben.«
Sie richtete sich auf und ging zu einem Spind, das an der Wand stand, suchte eine Weile darin, und als sie zurückkam, hatte sie ein Terzerol in den Händen, das hielt sie auf den Waldstein gerichtet.
»Sieh her!« sagte sie. »Ich hab' oft daran gedacht und mir's vorgestellt und ausgemalt, wie einer, der auf mein Geheimnis kam', das Haus nicht lebend verlassen dürfe, wie er himmelhoch um sein Leben bittet, aber es ist keine Gnade für ihn. Sich's auszumalen ist nicht schwer, aber wenn's dazu kommt, — ich kann ja mit diesem Ding nicht umgehen, weiß nicht einmal recht, wie man's anfaßt, ich hab' ja nicht die Kriegswissenschaften studiert.«
»Soll ich dir's zeigen, wie man damit umgeht?« schlug ihr der Waldstein vor. »Es ist nicht schwer. Erst das Zündkraut aufgelegt, gib aber acht, daß es dir der Wind nicht fortweht.«
Sie legte das Terzerol aus der Hand und sah den Waldstein mit einem hilflosen Blick an.
»Was soll ich tun?« klagte sie. »Rat mir, Liebster, was soll ich tun?«
»Ich hätte dir nie begegnen dürfen, Lucrezia«, sagte der junge Waldstein. »Nun aberist's um michgeschehen,undich muß dich lieben, solange ein lebendiger Hauch in mir ist.«
In ihrem Gesicht leuchtete es auf, als hätte sie auf diese Worte gewartet.
»Ja, es gibt nur diesen einen Weg«, erklärte sie mit fester Stimme. »Als mein Gatte wirst du schweigen und meine Ehre bis zum Tode behüten. An Stand und Herkunft sind wir einander gleich, kennen einander auch, wie Frau und Mann einander kennen. Ist's dir lieb so? Der Kaplan und zwei Zeugen sind bei der Hand.«
»Ja, mir ist's lieb so, wie sollt's mir nicht lieb sein! Her mit dem Kaplan und her mit den Zeugen!« rief der junge Waldstein so laut, daß die Lucrezia erschrocken zusammenfuhr.
»Still!« flüsterte sie und legte die Finger an die Lippen. »Mach nicht Lärm. Vergiß nicht, daß du mit einer Dame im Bett liegst, die noch nicht deine Frau ist. Willst du denn, daß die ganze Stadt dazugelaufen kommt?«
Als der Waldstein am nächsten Morgen nach vollzogener Ehe in seine Dachkammer zurückkehrte, fand er dort den Leitnizer, der stand in einem Winkel und wartete auf ihn. Er sah zum Erbarmen aus, müde und verstört. Er mußte die Nacht auf einem Heuboden verbracht haben, denn in seinen Haaren, in seinen Schuhen und in seinen zerdrückten Kleidern staken Strohhalme.
»Wo seid Ihr gestern geblieben?« rief er, sowie der Waldstein die Türe hinter sich geschlossen hatte. »Ihr habt nicht hier geschlafen? Hat man Euch gewarnt?«
»Gewarnt? Wovor?« fragte der Waldstein.
Der Leitnizer schlug die Hände vors Gesicht und begann zu schluchzen.
»Man hat ihn verhaftet!« jammerte er. »Hört Ihr? Man hat ihn verhaftet! Ich wartete auf Euch, zwei Stunden lang hab' ich gewartet. Ihr kamt nicht und ich ging zurück, um es dem Patron zu melden, und wie ich hinkam, sah ich, daß sie das Haus umstellt hatten, und sie führten den Barvitius hinaus mit Ketten an den Füßen, die Hände hatten sie ihm auf dem Rücken gebunden.«
»Den Barvitius? Wer ist das?« fragte, ohne sonderlichen Anteil an der Sache zu nehmen, der Waldstein.
»Der Patron!« stöhnte der Leitnizer. »Und er hat es vorhergesehen! Er hat es vorhergesehen, und ich wollte nicht auf ihn hören. Und was wird das Ende sein? Gefängnis, Ketten und der Galgen oder die Galeere. Und ich? Was werde ich ohne ihn beginnen? Wo ist Frankreich! Wo sind die Niederlande?«
Er sah den Waldstein mit einem zornigen Blick an und rief:
»Da muß einer ja von Stein und Marmor sein, wenn er dabei kein Mitleid fühlt.«
»Ich habe mit all dem nichts zu schaffen«, erklärte der Waldstein.
»Ganz so sicher fühlt Ihr Euch aber nicht«, meinte der Leitnizer, »sonst hättet Ihr die Nacht nicht außer Haus verbracht. Und Ihr tatet recht daran, denn man hat mir sicherlich nachgespürt und gesehen, daß ich etliche Male bei Euch war. Ich mache mich davon, lasse mich in Prag nicht mehr sehen, und Euch rat' ich, sucht Euch rasch ein anderes Quartier.«
»Das hab' ich schon getan«, sagte der Waldstein.
Am gleichen Tag erhielt Johannes Kepler ein Schreiben des Herrn Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, in dem dieser ihm »den schuldigen Dank für empfangenen großgünstigen Bescheid« zum Ausdruck brachte. Die Venus, hieß es in dem Schreiben weiter, müsse aber auch schon in der vergangenen Nacht im Bereich des Wagens gestanden sein, denn er, der »dienstwilligst und gehorsamst Unterzeichnete« habe in eben dieser Nacht seine Sache aufs rühmlichste gewonnen.