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Nachts unter der steinernen Bruecke

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Nachts unter der steinernen Bruecke
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ein Moldauflößer in seinem Sonntagsstaat. Er ließ sich von Signor Brabanzio abkonterfeien und sah dabei recht unglücklich darein, er schien nicht zu wissen, wo er seine mächtigen, schwieligen und behaarten Hände lassen sollte. Im Augenblick hielt er sie weit von sich gestreckt und wie zum Gebet gefaltet. Der Maler hatte ihm eingeschärft, sich nicht zu rühren, und so fürchtete er, daß er mit einer ungeschickten Bewegung seiner Hände irgend etwas in der Werkstatt zerstören oder verderben könnte. Aber just dieser kindlich unbeholfene und ein wenig gequälte Ausdruck des bärtigen Gesichts war es, was der Maler zu sehen und festzuhalten wünschte. Er strich mit dem Rötelstift in der Hand um den vor Angst schwitzenden Flößer herum, betrachtete ihn bald von rechts, bald von links, rückte, indem er ihn am Ohr oder am Bart zupfte, sein Gesicht zurecht, trat zurück, kam wieder näher und fügte dann ein Strichlein dem Konterfei hinzu, das schon so gut wie beendet zu sein schien.

Rudolf II., der Römische Kaiser, zog die Türe hinter sich zu und lüftete sein Hütchen. Unsicher und befangen, wie er es immer war, wenn er sich fremden Gesichtern gegenüber sah, versuchte er eine Verbeugung von der Art wie sie sein Geheimer Rat, der Hegelmüller, vollführte, wenn er mit Rechnungen oder einem Aktenbündel zu ihm in die Kammer trat. Eine solche Verbeugung also versuchte er, aber es kam nicht mehr dabei heraus als ein leichtes Senken des Kopfes und ein Emporziehen der linken Schulter. Dann entschuldigte er sein Eindringen mit dem Wunsch, sich ein wenig zu erwärmen, denn er leide, sagte er, an einem hartnäckigem Brustübel, und das kalte Wetter und die Nässe draußen seien seinem Befinden sehr abträglich. Und zum Beweise, daß dem wirklich so sei, hustete er ein wenig in die hohle Hand.

»Setzt Euch, Herr, wenn es Euch beliebt, zu mir ans

Feuer!« lud ihn der Flickschneider ein. »Bei Euch ist's also die Brust. Bei mir ist's der Magen, der mir zu schaffen macht. Ein Brot mit Schmalz, ein Stückchen Bratwurst, — das geht noch. Aber wenn ich dann einen Schluck Bier dazu trinke, dann kommen alle Leiden der heiligen Märtyrer über mich.«

»Was brauchst du Bier?« ließ sich der Maler vernehmen. »Wer ein richtiger Schneider ist, der wird von einem Stückchen Käse betrunken.«

»Kann ich schon aufstehen, Herr?« fragte der Flößer. »Und bei dem dort«, erklärte der Flickschneider und wies mit der Stopfnadel auf seinen Bruder, »fehlt's, wie Ihr seht, im Kopf. Er ist ein Narr. Und so hat jeder von uns sein Kreuz.«

Mit einer Handbewegung lud er seinen Gast nochmals ein, sich zu setzen, und dann erst fiel es ihm auf, daß der Flößer zwei Stühle für sich in Anspruch genommen hatte, und einen dritten gab es nicht in der Werkstatt. Er wurde zornig.

»Steh auf, du Backtrog! Du Ofenröhre!« schrie er ihn an. »Es wollen andere Leute auch sitzen.«

Der mit diesen sonderbaren Scheltworten bedachte Flößer erhob sich schwerfällig, aber sehr zufrieden, daß er nicht länger bewegungslos sitzen mußte, und schob den einen der beiden Stühle dem vermeintlichen Schreiber hin. Der Maler hatte indessen das Konterfei beendet. Er hielt es in der ausgestreckten Hand und sah es prüfend an, und dabei bewegte er den Kopf hin und her und verzog den Mund, als könnte ihn das, was er da zustande gebracht hatte, nicht völlig zufriedenstellen. Dann reichte er es dem bärtigen Riesen, und der nahm es vorsichtig und erwartungsvoll zwischen zwei Finger.

Der Flößer sah ein Gesicht, das ihm bekannt erschien und das sehr wohl das seine sein mochte. Auch das Tüchlein, das er um den Hals gewickelt trug, erkannte er. Aber von seinem neuen Sonntagsrock war auf dem Bilde nichts zu sehen.

Er war enttäuscht. Ein drängender Wunsch und der Verdruß darüber, daß dieser Wunsch ihm nicht erfüllt worden war, rangen in seinem Hirn nach Ausdruck.

»Warum?« fragte er, »warum, Herr, habe ich meinen Sonntagsrock angezogen?«

»Das frage ich mich auch«, sagte der Maler. »Und ich weiß auch nicht, warum Ihr Euch den Bart habt kürzen lassen. So wie er gestern war, stand er Euch besser. Geht jetzt, geht, ich habe keine Zeit mehr für Euch.«

Und er schob den Flößer, der immer wieder stehen blieb in der Hoffnung, doch noch wenigstens ein Stückchen seines Sonntagsrocks auf das Bild zu bekommen, Schritt um Schritt zur Türe und hinaus.

Der Kaiser hatte sich neben dem Kohlenbecken niedergelassen und wärmte sich die Hände. Jetzt wandte er sich an den Flickschneider.

»Ein Magenübel, sagt Ihr? Und die Ärzte wissen Euch keinen Rat? Denkt nach, ob Ihr nicht irgendeinmal für die Erlösung eines Verdammten gebetet habt.«

»Ich? Für wen?« fragte der Flickschneider und rückte seine Brille zurecht.

»Der heilige Gregor«, erklärte ihm der Kaiser, »hat einmal in großer Inbrunst für die Seele des Heidenkaisers Trajan, dessen Bildnis er auf einem Marmorsarkophag gesehen hatte und der ihm auch mehrmals im Traum erschienen war, gebetet, daß sie aus der Verdammnis erlöst werde. Sein Gebet wurde erhört, aber er mußte dafür ein Magenübel in Kauf nehmen, an dem er sein ganzes Leben hindurch zu leiden hatte.«

»Bei Euch ist's wohl auch nicht richtig dort oben«, meinte der Flickschneider, und er deutete mit seiner Stopfnadel auf des Kaisers Stirne.

Der Kaiser schwieg. Sein Blick war auf ein kleines, in Wasserfarben gemaltes Bild gefallen, das an der Wand befestigt war. Es stellte eben jenes Gärtchen vor, durch das der Kaiser kurz zuvor gegangen war, ohne ihm einen Blick zu schenken. Nicht viel anderes war auf dem Bild zu sehen als ein Schlehdornbusch und ein entlaubter Baum mit dünnem Geäste, eine Schneepfütze und die Latten eines Zauns, aber über all dem lag ein Zauber, der mit Worten nicht auszudrücken war, — winterliche Schwermut und Vorahnung des Frühlings oder vielleicht auch nur jene Anmut, die bisweilen der Armseligkeit und der Unscheinbarkeit zu eigen ist.

Es war das Werk eines großen Meisters, und das erkannte der Kaiser, und es war ihm klar, daß er das Bild besitzen und daß es in der Kunstkammer neben den Werken anderer Meister den Platz linden müsse, der ihm zukam, und im Geiste sah er es schon neben einer Landschaft des Lukas van Valkenborch hängen, die er über alles liebte. Zugleich aber fiel ihm ein, daß er es unterlassen hatte, sich mit Geld zu versehen, als er in dem Rock eines Schreibers mit dem Cervenka die Burg verließ. Das war verdrießlich. — Tut nichts, tut nichts, sagte er sich zum Trost. Morgen in der Früh' schick' ich den Cervenka, geb' ihm zwei, drei Gulden oder vier, er ist recht geschickt, der Cervenka, weiß mit Leuten zu reden, ein Allerweltsbescheißer, das ist der Cervenka, er wird das rare Werk um geringes Geld an sich bringen, kauft immer wohlfeil ein.

Dann aber erwog er einen anderen Plan, wie er zu dem Bild und auch noch zu anderen schönen Werken dieses Malers gelangen könnte.

»Das ist gute Arbeit und schön anzusehen«, bemerkte er und wies auf das Bild.

»Das dort? Das mit der Kotlacken?« verwunderte sich der Schneider und rückte seine Brille zurecht.

»Ihr solltet damit«, wandte sich der Kaiser jetzt an den Maler, »hinauf in die Burg gehen, daß man's dort oben weiß, was Ihr in Eurer Kunst vermögt.«

»Ich dank' Euch für den Rat«, sagte der Maler, der eben dabei war, seinen Rötelstift und seine Kreiden zu spitzen. »Wär's ein Gulden, ich steckte ihn ein.«

»Ihr solltet«, fuhr der Kaiser unbeirrt fort, »versuchen, ob nicht für Euch die Stelle eines kaiserlichen Hofdieners zu erlangen war'.«

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