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Rialla - Die Sklavin

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Rialla - Die Sklavin
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Sie blickte zurück und fluchte leise. Trotz ihrer wilden Jagd über die weite Ebene und den anschließenden Sprung über den Zaun, trotz des Ritts durch das Unterholz kam der Adlige immer näher.

Sie ritt wieder in den Wald hinein, wo Können mehr zählte als Hartnäckigkeit, und schmälerte so seinen Vorteil des frischeren Pferdes. Wieder im Unterholz gab er es auf, sie einzuholen, doch er fiel auch nicht nennenswert zurück.

Rialla kannte diese Gegend nicht, was auf den anderen Reiter allerdings nicht zuzutreffen schien. Einige Male nutzte er kürzere, leichtere Routen durch das Terrain für sich aus, das mit jeder Meile unwegsamer wurde. Der Gedanke, dass er sie vielleicht vor sich hertrieb, kam ihr in den Sinn, als die Talsenke, in die sie nun hinabritten, immer tiefer und enger wurde.

Rialla befürchtete, dass die Falle schon zugeschnappt war. Die Abhänge zu beiden Seiten waren zwar nicht höher als die Bäume, die hier überall standen, aber sie waren kahl, und der Untergrund war weich. Im Dunkeln suchte sie panisch nach einem Ausweg, sicher, dass das Ende der Senke nur in einer weiteren abschüssigen Böschung endete.

Endlich erblickte sie eine Stelle im Abhang, markiert durch eine kürzlich erfolgte Steinlawine, wodurch ein Pfad aus Schotter und Geröll entstanden war, der kaum weniger Gefälle als der Rest der Böschung besaß. Der Weg hinauf wirkte nicht eben einladend, aber Rialla war verzweifelt.

Sie schickte das Pferd ohne Reiter zuerst hinauf, unterstützt durch einen Klaps und empathisches Drängen. Wie eine Bergziege kraxelte die kleine Stute empor und schaffte es bis nach oben. Ihre Hufe hatten jedoch den Untergrund gelockert, und schon begannen die ersten Steine, sich wieder in Bewegung zu setzen. Rialla drehte sich auf Eisenherz dem rutschenden Abhang zu, der ihren einzigen Fluchtweg darstellte.

Das Pferd wurde seinem Namen gerecht und machte einen raumgreifenden Schritt auf das unruhige Gebröckel zu, wobei es ruhig und kontrolliert atmete. Ein schlechter trainiertes Tier hätte an dieser Stelle bereits versagt, doch schwitzend und mit rollenden Augen tat Eisenherz einen beherzten Satz und nahm dann den lockeren Abhang mit größtmöglicher Souveränität, bis er wieder festen Grund unter den Hufen hatte. Es knirschte und staubte, als dadurch ein erneuter Erdrutsch ausgelöst wurde, der sodann nichts als Stille und einen Abhang aus Sandboden und Steinen zurückließ, den kein Pferd mehr bewältigen konnte.

Rialla ließ die Pferde verschnaufen. Sie wollte sich ein besseres Bild von dem Mann machen, der so versessen darauf zu sein schien, sie zu fangen. Schon im nächsten Moment hörte sie, wie sein Pferd durch den Hohlweg unter ihr donnerte. Der Reiter drosselte das Tempo, als er hoch oben auf der Böschung die Silhouette seiner Beute erkannte.

Sie hörte ihn fluchen. Die einzige Möglichkeit, wie er sie auf seinem schwerfälligeren Pferd noch erreichen konnte, bestand darin, dass er wieder umkehrte und in einem großen Bogen um die Senke herumritt. Doch da würde sie schon längst über alle Berge sein.

Sie erkannte seine Stimme, doch selbst wenn er nicht gesprochen hätte, hätte sie ihn erkannte. Lord Jarroh hatte eine Art, seinen muskulösen Körper zu bewegen, die ihn selbst auf Entfernung unverwechselbar machte.

Aufgrund seiner Wut bäumte sich sein Pferd halb auf, wurde aber grob wieder unter Kontrolle gebracht.

Voller Zorn und Kummer richtete er das Wort an den Reiter oben auf dem Hang. »Warum hast du das getan? Er hat dich geliebt, verdammt noch mal. Er war so stolz auf dich, dass du der Familie getrotzt hast und nach Sianim gegangen bist. Immer hat er davon gesprochen, wie sehr er seinen klugen Bruder vermisst. Aber er war nicht halb so klug, nicht wahr? Er hat denen, die er liebte, zu sehr vertraut. Er wusste nicht, dass das Weibsstück, das er ehelichte, lieber im Bett seines Bruders liegen wollte. Wusste nicht, dass sein Bruder es auf seinen Wohlstand, seine Macht abgesehen hatte.«

Rialla hatte vergessen, wie gern Lord Jarroh große Reden schwang. Offensichtlich verwechselte er sie mit Laeth. Das ergab nur einen Sinn, wenn er wusste, dass Laeth heute Nacht die Flucht gelungen war.

Sie und Laeth waren in etwa gleich groß, ihr frisch geschwärztes Haar besaß nun die gleiche Farbe und Länge wie seines, und sie ritt auf seinem Pferd. Ein Darraner würde niemals auch nur vermuten, dass eine Frau zwei Wachtrupps und einen darranischen Lord abhängen konnte. Schon gar nicht eine Sklavin.

Rialla schaute auf den Mann herab, der damals die kleine Sklavin in Kentar zu Tode geprügelt hatte. Eisenherz unter ihr bewegte sich unruhig, und sie musste sich dazu zwingen, die Zügel zu lockern. Sie war froh, dass sie kein Messer oder einen Bogen bei sich trug, denn sonst wäre der Mann da unten schon längst tot – und sie hatte noch Verwendung für ihn.

Mit Karstens Tod und Laeths ruiniertem Ruf war Lord Jarroh der Einzige, der die Allianz zwischen Reth und Darran noch sichern konnte. Die Allianz, die das Ende der Sklaverei in Darran bedeuten würde, sofern Winterseine sich nicht des Einflusses von Karstens Haus bemächtigte.

Sie versuchte mit dunkler, heiserer Stimme zu sprechen, als sie ihm antwortete. Wenn Lord Jarroh herausfand, dass er eine Frau vor sich hatte, würde er ihr gar nicht zuhören.

»Ich bin nicht Lord Laeth, sondern nur einer seiner Kameraden aus Sianim. Meine Aufgabe bestand darin, seine Verfolger auf mich zu lenken. Was geglückt ist, denn er befindet sich bereits in sicherer Entfernung von seinen Häschern. Und doch habe ich Euch noch einiges zu sagen:

Zunächst einmaclass="underline" Warum sollte Lord Laeth beschließen, seinen Bruder auf eine Art und Weise zu töten, die sofort den Verdacht auf seine Person lenken würde? Warum nicht mithilfe der Magie einen Unfall vortäuschen? Ein verirrter Pfeil oder ein Sturz auf der Treppe wären doch ein Leichtes gewesen für einen Mann, der die Kreatur im Tanzsaal hat kontrollieren können, oder?

Denkt lieber über den Mann nach, der alles darangesetzt hat, Laeth die Sache in die Schuhe zu schieben. Wer ist der Nutznießer, wenn sowohl Karsten als auch Laeth tot sind? Wessen Existenz steht und fällt mit dem Sklavenhandel, der zum Erliegen käme, wenn die Heirat zwischen der Prinzessin und König Myr stattfände?

Vielleicht solltet Ihr nun, wo Laeth für Euch nicht mehr erreichbar ist, Eure Untersuchungen in eine andere Richtung lenken.« Mit einer kurzen Geste des Grußes wendete Rialla und ritt in einem langsamen Galopp auf das hügelige Waldland zu.

Sobald sie wieder durch Bäume geschützt war, wechselte sie mit Eisenherz in den Schritt. Die Stute folgte ihr so treu wie ein Hündchen und rieb ihren verschwitzten Kopf an Riallas Bein, weil es sie irgendwo unter dem Zaumzeug ein wenig juckte.

Sie musste jetzt nur noch vor Tagesanbruch den Weg zur Hütte des Heilers finden und dafür sorgen, dass sie dabei niemandem mehr in die Arme lief. Dann wäre die Rettungsmission ein voller Erfolg.

Kurz darauf musste sie sich tief ins Unterholz zurückziehen, als sie in der Ferne einige Wachen erblickte, die ihre Pferde verschnaufen ließen. Sie konnte nicht sagen, ob es die Männer waren, die unmittelbar nach ihrer Flucht aus der Feste ausgesandt worden waren. Auf Rialla wirkten sie wie unentschlossene Nachzügler. Glücklicherweise waren deren Pferde zu erschöpft, um ihre Tiere zu wittern und wiehernd zu begrüßen, und sie hielt Eisenherz und die Stute ruhig.

Die kleine Zwangspause verschaffte ihr ein wenig Zeit, um über ihre Worte zu Lord Jarroh nachzudenken. Sie versuchte sich kopfschüttelnd eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu pusten, als ihr eine Idee kam, doch sie konnte weder das eine noch das andere wieder loswerden. Das Haar störte, doch die Idee sah nach einer vielversprechenden Lösung aus dem ganzen Dilemma aus.

Endlich zogen die Wachmänner weiter. Rialla bestieg die Stute und machte sich in die ungefähre Richtung zum Haus des Heilers auf. Einmal noch musste sie einer Gruppe Reiter ausweichen und dann noch einer dritten, bevor sie Tris’ Hütte fand.

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