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Rialla - Die Sklavin

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Rialla - Die Sklavin
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Vorsichtig wartete sie, um sicherzustellen, dass sich keine Wachen hier herumtrieben. Als alles in Ordnung und sie die Einzige zu sein schien, die hier herumlungerte, machte Rialla die Pferde an einem Fliederbusch fest, der am Rande des Waldes wuchs. Der schwere Duft der Blüten folgte ihr, als sie über den Baumstamm lief, der die kleine Talenge hinter Tris’ Hütte überbrückte.

»Laeth? Tris?«, rief sie leise, als sie die Haustür öffnete.

Eine gedämpfte Stimme aus dem Hinterzimmer antwortete ihr. Dort fand sie Laeth, Tris und Marri, die im Dunkeln auf sie warteten. Sie hatten die Lampen nicht entzündet, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.

»Seid gegrüßt«, sagte Rialla und lehnte sich gegen den Türrahmen. »Gut, dich in einem Stück wiederzusehen, Laeth.«

»Ja, besser in einem Stück als in vieren«, meinte er düster. »Was hast du denn so lang gemacht?«

»Ich hab Lord Jarroh und seine Häscher von euch abgelenkt, wenn’s recht ist, also bitte nicht dieser Ton!«

Laeth grinste sie frech an, und sie lächelte zurück, während sie sich ein Blatt aus dem Haar pflückte. Dann setzte sie sich auf den Boden gleich neben Tris’ Stuhl, da Laeth zusammen mit Marri auf der Bettkante hockte.

»Die Pferde stehen bei den Fliederbüschen am Waldrand«, berichtete sie pflichtbewusst, obwohl ihr vor Müdigkeit und Erschöpfung nun beinah die Augen zufielen. »Ihr solltet besser gehen, es ist fast Morgen, und wenn man euch hier findet, werden unschuldige Menschen dafür bluten müssen.«

»Kommst du denn nicht mit?«, fragte Laeth.

Rialla schüttelte den Kopf; sie war während ihrer nächtlichen Flucht zu einer Entscheidung gelangt. »Ich werde versuchen zu beweisen, dass Winterseine Lord Karsten ermordet hat.«

»Wie?« Stirnrunzelnd sah Marri sie an. »Niemand wird Laeths Sklavin auch nur zuhören.«

»Nein«, stimmte ihr Rialla zu. »Aber das müssen sie auch gar nicht. Ich werde den Beweis für Winterseines Schuld an Ren in Sianim weiterleiten. Wenn er es schaffte, mich zu überreden, als Sklavin nach Darran zurückzukehren, dann kann er auch den Regentschaftsrat davon überzeugen, Winterseine zu verurteilen.«

»Und wie willst du ihm den Mord nachweisen?« Die Stimme des Heilers klang müde und noch weicher als sonst.

»Winterseine will seine Sklavin zurück. Wenn Laeth verschwunden ist, hat er wieder einen legalen Anspruch darauf …« Sie bemerkte am Boden einen feuchten Fleck neben Tris’ Stuhl, wo sie sich mit ihrer Hand aufstützte. Sie legte ihre Fingerspitzen an den Mund und sagte: »Wusstet Ihr, dass Ihr blutet, Tris?«

»Nein, tu ich das?« Er klang fast beeindruckt. »Diese Kreatur, auf die wir gestoßen sind, muss mich wohl doch erwischt haben – hab ich gar nicht bemerkt.«

Ein schwaches Magierlicht erschien in seiner Hand. Als er in dessen Schein seine Beine untersuchte, bemerkte Rialla, dass der Stoff an seinem Ärmel verdächtig dunkel war.

»Die Wunde ist am Arm.«

Tris zog das Messer aus seinem Stiefelschaft und schob die Spitze unter den Stoff seiner Jacke.

»Lasst mich das machen«, bot sich Laeth an, der nun aufgestanden und auf den Heiler zugegangen war. Er nahm ihm das Messer ab und durchtrennte damit den Ärmel von der Schulter bis zum Handgelenk.

»Nur ein kleiner Schnitt«, sagte Tris, als er die Verletzung sah. »Im Vorraum hab ich Branntwein und saubere Verbände. Bin gleich wieder da.«

Laeth blieb, wo er war, während der Heiler das Zimmer verließ. »Bei den Göttern, Ria«, sagte er eindringlich. »Ich würde das Anwesen meines Bruder nicht mal wollen, wenn man’s mir anbieten würde. Mir gefällt mein Leben als Söldner besser als das Dasein als darranischer Lord. Soll sich Winterseine die verdammten Ländereien doch unter den Nagel reißen, mich kümmert’s nicht. Aber ich bitte dich, tu das nicht.«

Rialla ließ sich gegen die Wand zurückfallen und schüttelte den Kopf. »Ich tue das nicht für dich, Laeth. Deine Unschuld zu beweisen, ist ein angenehmer Nebeneffekt, aber auch nicht mehr. Wenn aber Winterseine die Macht deines Bruders wie auch den zugehörigen Titel erbt, was wird dann aus der Allianz?«

»Die wird scheitern, wie er es wollte«, stieß Laeth wütend hervor. »Und die Sklaverei wird als Teil der darranischen Kultur weiterbestehen. Na und? Indem sie hierzulande abgeschafft wird, muss sie nicht auch anderenorts enden. Verdammt, Ria, das alles ist es doch nicht wert, dass du dafür deine eigene Freiheit aufs Spiel setzt.«

»Welche Freiheit?«, fragte Rialla eindringlich. »Ich bin und bleibe eine Sklavin. Ich hab viel Zeit darauf verschwendet, um mir zu beweisen, dass es nicht so ist.«

»Blödsinn«, bemerkte Tris. Rialla hatte nicht mitbekommen, dass er wieder ins Zimmer zurückgekehrt war; er hatte das Magierlicht längst gelöscht. »Du hättest auf schnellstem Wege hierher zurückkommen und nicht unnötigerweise in den Wäldern die Heldin spielen sollten. Was hast du dir dabei gedacht, die Wachen aus der Feste auf deine Fährte zu locken und in die Irre zu führen? Eine Sklavin tut, was man ihr aufträgt.«

Laeth kicherte. »Das sage ich ihr auch immer, aber sie will einfach nicht hören.«

Rialla grinste, genoss das Geplänkel – aber sie konnte die Einwände der Männer nicht akzeptieren. Sie wussten nichts über das Leben eines Sklaven, die Furcht vor Strafe und Misshandlung, die Nöte bei der Erfüllung des Meisters Wünschen.

»Habt Ihr Euren Arm versorgt?«, fragte sie den Heiler.

Tris nickte. »Aber ich kann mir den Verband nicht eng genug anlegen; ist eine blöde Stelle.« Er reichte ihr das Ende des schmalen Stoffstreifens.

Sie zögerte. »Ich brauche ein wenig Licht.«

Tris erschuf ein weiteres Magierlicht, und sie begann, die Bandage an seinem Oberarm anzulegen.

»Die Verletzung sieht mir ganz danach aus, als ob da Klauen am Werk gewesen wären«, meinte sie.

»Wir hatten im Turm eine recht unerfreuliche Begegnung«, sagte Laeth. »Keine Ahnung, ob das Ding Klauen hatte oder nicht.«

»In jedem Fall roch es, als käme es direkt aus dem Sumpf«, fügte Tris hinzu. »Offenbar wollte jemand ganz sichergehen, dass Laeth stirbt.«

»Ich habe Lord Winterseine wissen lassen, dass ich Lord Jarroh aufhalten würde«, ließ sich nun Marri zögerlich vom Bett aus vernehmen. »Und ich hätte es getan, selbst wenn ich dazu mit Jarroh hätte schlafen müssen.«

Laeth lachte bitter auf. »Und ich wette, in dem Moment hat er sein Bild von dir deutlich revidieren müssen. Hast du ihn zufällig auch einen dummen Esel genannt?«

»Nein«, erwiderte Marri. »Ich nannte ihn einen Mörder. Ich wusste, dass du Karsten nicht getötet hattest. Eine solche Tat passt einfach nicht zu dir. Der nächste plausible Verdächtige war Winterseine. Insbesondere da er alles daransetzte, jeden von deiner Schuld zu überzeugen.«

»Ich frage mich, was für eine Gemeinheit er sich für Marri ausgedacht haben mag«, sagte Rialla. »Ich glaube, es ist das Beste, wenn du sie mit nach Sianim nimmst, Laeth.«

»Ja«, stimmte er zu. »Das hatte ich ohnehin vor. Aber ich wünschte, du würdest uns begleiten.«

Wieder schüttelte Rialla den Kopf. »Nein.«

»Ich werde Ren berichten, was du vorhast. Er sollte einen Weg finden können, dich da rauszuholen, wenn du es wider Erwarten doch nicht auf deine Weise schaffst.« Laeth wirkte alles andere als glücklich mit Riallas Entschluss, aber er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass er sie nicht mehr würde umstimmen können.

»Danke«, sagte Rialla.

»Gut, dann sollten wir schleunigst von hier verschwinden«, sagte Laeth knapp.

»Lasst mich nur kurz ein paar Sachen holen.« Tris ging in den vorderen Raum. »Hab ein paar Stücke fester Kleidung hier, die der Lady passen könnten, sofern sie nicht allzu wählerisch ist. Wusste nie, was ich damit anfangen sollte, nachdem ein Bauer sie mir für die Heilung seines Zuchtschafs gab. Ich hab auch Brot eingetauscht, das ihr haben könnt. Es dauert nur einen Moment, alles zusammenzusuchen …«

Tatsächlich brauchte Tris nicht lange, um ein paar große Satteltaschen zu packen. Die händigte er schließlich Laeth aus.

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