Rialla - Die Sklavin
- Автор: Бриггз Патриция
- Серия: sianim #2
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Bastei Lübbe
- ISBN: 9783838754161
- Переводчик: Christina Neuhaus
- Жанр: Любовно-фантастические романы
Электронная книга - «Rialla - Die Sklavin». Краткое содержание книги:
»Unsere Gemeinschaften sind nicht mehr so zahlreich«, fuhr er fort und strich sich über den Bart. »Über die Jahrhunderte hinweg wurden es immer weniger. Die Enklave, zu der ich gehörte, ist die einzig verbliebene in ganz Darran. Wir nannten uns einen religiösen Orden, Anhänger von Naslen, dem Herrn des Waldes – wie dem auch sei, ich denke, diese Geschichte enthält mehr Wahrheit als Dichtung. Es finden sich allerorten auch viele menschliche Gemeinschaften, die an der Vergangenheit festhalten, an den alten Traditionen, der alten Sprache. Die werden toleriert, selbst in Darran, weil es sie schon immer gab. Und viele Sylvaner-Clans sind in diesen Gemeinschaften aufgegangen.
Meine Enklave lebt auf dem kleinen Anwesen eines Adligen – so klein, dass sein Besitzer es seit Generationen nicht mehr besucht hatte. Als der alte Lord starb, beschloss sein Sohn jedoch, jedes seiner Besitztümer aufzusuchen; ich vermute, er hatte Schulden und wollte den Wert seiner Ländereien einschätzen.
Eines Tages streifte ich umher und stolperte fast über ein Kind; ein Menschenkind, das die feinen Freunde dieses Lords wohl an diesem Morgen dort draußen angetroffen hatten und … Nun, man hatte ihm Gewalt angetan.« Tris schaute plötzlich grimmig drein.
»Ich kannte das Mädchen, hatte es aufwachsen sehen, seit es ein Kleinkind war. Seine Mutter war eine ausgezeichnete Weberin, und ich habe mit ihr im Dorf oft Nahrung gegen Kleidung getauscht. Die Familie hatte vier halbwüchsige Söhne und eben dieses kleine Mädchen. Du musst verstehen, Rialla. Der Grund, warum unsere Gemeinschaft so lange überlebt hat, ist der, dass wir es uns verboten hatten, in Gegenwart der Menschen Magie zu wirken. Absolut verboten. Das wusste ich, und ich verstand auch warum.«
Er flüsterte fast, als er fortfuhr. »Aber da war dieses arme Kind. Ein Kind, das ich gut kannte und über die Jahre liebgewonnen hatte. Das Mädchen drohte mir unter den Händen wegzusterben. Also heilte ich seinen Körper, bis nichts mehr auf den Missbrauch hindeutete, der ihm widerfahren war. Eine erlebte Vergewaltigung hinterlässt aber auch Wunden auf der Seele, und so schenkte ich ihr zudem auch noch das Vergessen. Mit ein wenig Glück hätte somit niemand von dem Vorfall erfahren, nicht einmal das Kind.
Als ich die Heilung abgeschlossen hatte, weckte ich das Mädchen auf, zog es ein bisschen auf wegen des Nickerchens im Wald und begleitete es heim. Dort nahm ich seinen Vater beiseite und ließ ihn wissen, dass die Gäste des Lords seine Tochter begehrlich angesehen hatten. Er versicherte mir, dass er das Kind im Haus behalten würde, bis der Lord und sein Gefolge wieder abgereist waren.
Als ich zu meinen Leuten zurückkehrte, erfuhr ich, dass mich jemand dabei beobachtet hatte, wie ich unser Gesetz gebrochen hatte. Ich wurde des Verbrechens für schuldig befunden und verbannt. Man führte mich weit weg von unserer Gemeinschaft und band mich mit Fesseln und mittels Magie. Sofern ich es schaffte, mich selbst zu befreien, könnte ich weiterleben – doch ich würde auch in diesem Fall nie wieder zu meinesgleichen zurückkehren können.«
»Ihr konntet Euch befreien?«
Er schüttelte den Kopf, lächelte bei der Erinnerung. »Nein. Ich hab es eine Weile versucht, aber der Mann, der mir die Fesseln anlegte, wollte mich wohl tot sehen. Also ergab ich mich in das mir vorbestimmte Schicksal, bis mich eine alte Frau fand. Sie stach mir mit dem Finger ins Gesicht und meinte: »Heda, ich hab Euch ein Geschäft vorzuschlagen. Ihr seid Heiler, und wir brauchen einen Heiler. Dafür hab ich ein Messer, für das Ihr vermutlich Verwendung habt.« Er grinste Rialla an. »Sie hatte solche Angst vor mir, dass das Messer in ihrer Hand zitterte, aber das konnte sie nicht davon abhalten, mir diesen Handel vorzuschlagen. Als ich versprach, ihr zu helfen, schnitt sie mich los. Und hier bin ich.«
»Woher wusste sie, dass Ihr ein Heiler seid?«, fragte Rialla.
»Sie besitzt eine Gabe, die es ihr gelegentlich erlaubt, derlei Dinge zu erkennen.«
Rialla nickte, gab sich mit der Antwort zufrieden. »Und? Gefällt es Euch unter den Menschen?«
Langsam nickte er. »Besser als in der Enklave. Sie hatten unrecht dort. Es ist abgrundtief falsch, ja, böse, wenn man die Macht besitzt, anderen zu helfen, und es nicht tut.«
»Habt Ihr deshalb geholfen, Laeth zu befreien?«, wollte Rialla wissen.
Tris sah sie hintergründig an, dann zuckte er die Achseln. »Zum Teil.«
Hastig erhob er sich von der Matratze und reichte Rialla die Hand, um ihr vom Boden aufzuhelfen. Ihr Bein war etwas steif geworden, also geleitete er sie behutsam zum Bett. Danach schloss er die Geheimtür, nahm den nun leeren Teller an sich und löschte mit einer Geste die Lichter.
»Schöne Träume, Heiler«, sagte Rialla.
Er nickte und zog die Tür hinter sich zu.
»Was mag Lord Winterseine wohl mit einer frisch genesenen Ausreißerin vorhaben?« Sie waren in eine Partie »Drachenraub« vertieft, und Rialla war dabei zu gewinnen, als Tris diese Frage in den Raum warf.
In den letzten Tagen hatten sie gespielt, wann immer der Heiler die Zeit dafür erübrigen konnte. Nicht dass es Rialla gestört hätte. Es machte ihr genauso viel Spaß wie ihm, selbst wenn er meistens als Gewinner daraus hervorging.
»Du versuchst nur, mich abzulenken«, beschwerte sie sich. »Es ist das erste Mal seit unserem ersten gemeinsamen Spiel, dass ich den Hauch einer Chance habe zu gewinnen, und selbst die gönnst du mir nicht.«
»Leidest du jetzt schon unter Verfolgungswahn?«, neckte er sie, schaute sie dabei aber warmherzig an.
Rialla machte eine unhöfliche Geste in seine Richtung, bevor sie sich wieder dem Spielbrett zuwandte.
Tris lachte, dann fügte er hinzu: »Im Ernst, Rialla, er wird dir doch nicht die Kniesehnen durchtrennen oder dich gar noch schlimmer misshandeln?«
Rialla bewegte ihren Frosch auf ein leeres Spielfeld und schüttelte den Kopf. »Nein. So was passiert manchmal in Ynstrah oder in den Allianz-Provinzen, wo man für die Landwirtschaft auf Sklavenarbeit angewiesen ist – mehr, um ein Exempel zu statuieren, als den Sklaven, den man verkrüppelt hat, an der Flucht zu hindern. Eine Tänzerin aber ist viel zu wertvoll, um sie derart zu verstümmeln.«
Sie lächelte Tris trocken an. »Was nicht heißt, dass er mich nicht bestrafen wird. Dieser Mann hat ein Faible für fantasievolle … Vergeltungsmaßnahmen.«
Tris starrte auf das Spielbrett, doch Rialla hatte das Gefühl, dass er mit den Gedanken ganz woanders war. Schließlich verschob er einen seiner Steine und sah auf. »Bist du sicher, dass du zurückkehren möchtest? Du zahlst einen schrecklich hohen Preis für die Möglichkeit, dich an ihm zu rächen.«
Rialla nickte, zog wieder mit ihrem Frosch. »Wenn es klappt, ist es die Sache wert. Wenn nicht …« Sie zuckte die Achseln. »Es gibt auch noch andere Gründe. Du hast mir doch erzählt, dass du viel rumgekommen bist. Warst du jemals auf der anderen Seite des Großen Sumpfes?«
Tris schüttelte den Kopf.
Rialla bewegte sich unbehaglich auf dem Bett hin und her, versuchte, eine bequeme Haltung für ihr Bein zu finden. »Hast du dich nie gefragt, warum Sianim so sehr daran gelegen ist, dass der Konflikt zwischen Reth und Darran ein Ende findet?«
Er hob eine Augenbraue, schüttelte erneut den Kopf. »Das hätte ich vielleicht tun sollen, oder? Denn bei Licht betrachtet kann es wohl kaum in Sianims Interesse liegen, Kriege zu verhindern, nicht?«
»Genau. Als der Meisterspion mich zu sich rief, um mich davon zu überzeugen, Laeth hierher zu begleiten, erläuterte er mir seine Gründe dafür. Offenbar besteht die Gefahr, dass aus dem Osten, also von jenseits des Großen Sumpfs, eine Invasion zu erwarten ist.«
»Unter den Menschen gibt es doch ständig Krieg«, meinte Tris. »Ich hätte gedacht, dass gerade Sianim mit seinen Söldnerheeren über einen weiteren nicht böse wäre.«
Manchmal klang das Wort »Menschen« bei Tris wie ein Schimpfwort, mit dem Gossenkinder sich gegenseitig provozierten, um eine Rauferei anzufangen. Da er ihr aber ihre Menschlichkeit nicht vorzuhalten schien, ließ ihm Rialla diese Bemerkung durchgehen.