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Rialla - Die Sklavin

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Rialla - Die Sklavin
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»Gewiss, gewiss«, meinte Winterseine. »Schickt sie doch bitte zu Händen meines Sohns.« Er verließ das Krankenzimmer. Terran und der Heiler folgten ihm nach draußen.

Nachdenklich streckte sich Rialla auf dem Bett aus. Nie zuvor war sie jemandem begegnet, den sie rein gar nicht zu erfassen imstande gewesen war. Tatsächlich waren in dieser Hinsicht in letzter Zeit einige seltsame Dinge passiert: erst der Heiler und jetzt Terran. Konnte es sein, dass ihre Gabe doch nicht so zuverlässig funktionierte, wie sie gedacht hatte?

Tris wollte den Schlafraum gerade wieder betreten, als ein Klopfen an der Eingangstür ihn innehalten ließ. Er lächelte, hob entschuldigend die Schultern und schloss die Tür zum Hinterzimmer.

Rialla bekam mit, wie er draußen den Hundewelpen eines kleinen Mädchens mit Salbe behandelte, den gebrochenen Arm eines Bauern schiente und auch noch für einen Aushilfsarbeiter sorgte, der dem verletzten Bauern bis zu dessen Genesung zur Hand ging. Dann kam eine besorgte Frau, die irgendwas über ihr Kindchen murmelte – Rialla war nicht sicher, ob es um ihren Sprössling oder eine Ziege ging. Mit ihr zusammen verließ Tris die Hütte.

Rialla schlief so lange wie möglich und spielte dann einige Partien »Drachenraub« gegen sich selbst, bis ihr langweilig wurde. Kurz vor Sonnenuntergang kam Tris zurück nach Hause, wurde dann aber zum Schmied gerufen, dessen Frau Probleme bei der Geburt ihres dritten Kindes hatte.

Angespannt schlug Rialla in der totenstillen Hütte die Bettdecke zurück und humpelte zum Fenster. Die Fensterbank war breit, also kauerte sie sich auf ihr zusammen und starrte in die Nacht hinaus. Das war nur unwesentlich besser, als wieder und wieder die siebenundfünfzig Deckentafeln aus Holz durchzuzählen, die von vierhundertzwölf Nägeln zusammengehalten wurden.

Wieder wurde sie unruhig und ging durchs Zimmer. Sie hatte keine Ahnung, wie sie die Wandlaternen entzünden konnte; irgendwo musste Tris einen Feuerstein haben, aber er schien so gut versteckt, dass sie ihn nicht finden konnte. Zweimal durchsuchte sie beide Räume, mehr aus Langeweile als aus dem Bedürfnis heraus, das Innere der Hütte auszuleuchten. Der Mond schien durch das Fenster und erhellte die Zimmer fast so gut wie jede Laterne.

Schließlich stand sie vor der vertäfelten Wand im Schlafzimmer. Es dauerte eine Weile, bis sie den Hebel für das Geheimversteck fand, doch nicht halb so lange, wie es dauerte, ihre Skrupel zu überwinden. Sie beruhigte ihr schlechtes Gewissen damit, dass Tris ihnen die Geheimtür ja nicht gezeigt hätte, wenn niemand davon hätte erfahren sollen. Schließlich glitt die Tür auf und offenbarte des Heilers Schätze.

Die meisten Waffen, die hier gehortet wurden, hatte Rialla selbst schon benutzt oder in Benutzung gesehen, doch ihr Interesse wurde von einem kurzen, halb ausgehöhlten Stecken geweckt, dessen Spitze sich wie ein Widerhaken dem Betrachter entgegenbog. Sie setzte sich auf den Boden und schaute sich das seltsame Ding genauer an.

»Das ist eine Speerschleuder.« Tris klang erschöpft, als er sie unter dem Türdurchgang stehend ansprach und gleichzeitig mit einer Geste für Beleuchtung im Raum sorgte. »Der Mann, der sie für mich hergestellt hat, nannte diese Waffe Atlatl. Wenn du dich in dem Kämmerchen genauer umsiehst, wirst du fünf kleine Speere finden, die genau in die Mulde des Stabs passen. Dann schleudert man den Speer mithilfe des Schafts so auf das Ziel, wie man es mit einem Wurfspieß machen würde. Das Ganze ist natürlich nicht so genau wie Pfeil und Bogen, aber schneller einsatzbereit und besser vor neugierigen Blicken zu verbergen.«

Rialla nickte und versuchte, nicht so schuldbewusst zu wirken, wie sie sich fühlte. Schweigend legte sie die Speerschleuder wieder zurück an ihren Platz. Sie kam wieder auf die Füße, doch verzog schmerzhaft das Gesicht, als sie ihr verletztes Bein belastete.

»Hattet Ihr Gelegenheit zu essen?«, fragte sie Tris und sah ihn nun direkt an. »Ich habe mir erlaubt, Eure Speisekammer zu inspizieren. Am Fuß des Bettes steht ein Teller mit Käse und Schinken.«

»Danke«, sagte er. Er ließ sich auf der Bettkante nieder und starrte den Teller geistesabwesend an. Er musste sich draußen am Bach gewaschen haben, denn sein Leinenhemd war an Ärmeln und Kragen nass.

»Wie ist die Geburt gelaufen?«, fragte sie. Sie setzte sich neben dem Bett auf den Boden, da er nicht gewillt schien, ihr auf der Matratze Platz zu machen.

»Nicht gut.« Er schüttelte den Kopf und betrachtete das Stück Käse in seiner Hand, als hätte es sich gerade in etwas ganz anderes verwandelt. »Es waren Zwillinge, und das erste Kind lag verkehrt. Es starb, noch bevor ich im Haus des Schmieds eintraf. Das zweite ist sehr klein, doch das Heim der Familie ist sauber und warm. Es sollte durchkommen.«

Rialla sah, dass der Tod des ersten Kindes ihn mehr mitnahm als seine Erschöpfung. Sie nahm sich ein Stück Ziegenkäse und knabberte daran, während sie darüber nachdachte, wie sie ihn ein bisschen ablenken konnte.

»Sagt mir, wie seid Ihr hier in Tallonwald zum Heiler geworden?«, fragte sie schließlich. »Es heißt doch, dass Gestaltwandler gern unter sich bleiben.«

Er sah sie an und wirkte leicht belustigt. »Ich bin kein Gestaltwandler. Gestaltwandlern gefällt es, Jungfrauen zu verspeisen, die leichtsinnigerweise allein im Wald umherwandern. Allerdings«, so setzte er hinzu und biss nun genussvoller ein Stück von seinem Käse ab, »heißt das nicht, dass sie dieses Schicksal nicht verdienen. Dumme kleine Mädchen, die allein im dunklen Forst herumspazieren, sind leichte Beute für jeden, der ihren Weg kreuzt – sei es nun ein Raubtier, ein Mensch oder eben ein Gestaltwandler. Und die Moral von der Geschicht’«, er schob sich ein Stück Schinken in den Mund, »sei keine dumme Jungfer nicht.«

Rialla grinste ihn an. »Danke für den Rat, werd’s mir merken. Also, was seid Ihr, und warum seid Ihr hier? Ich meine, wenn man sich schon mit den Menschen verbrüdert, sollte man sich doch vielleicht solche aussuchen, die einen nicht gleich auf den Scheiterhaufen werfen, sobald man Magie wirkt.«

Er verschlang ein weiteres Stück Schinken. »Ich heile die Menschen.«

Sie verdrehte die Augen, schnappte sich den Teller und verbarg ihn hinter ihrem Rücken. »Kein Schinken mehr, bis Ihr mir nicht die Wahrheit erzählt habt.« Eine Sache spielerisch anzugehen, war für Rialla eine lang vergessene Kunst, aber das schelmische Funkeln in seinen Augen machte ihr Mut.

Betrübt starrte er auf den Rest Schinken in seiner Hand und jammerte: »Dann werde ich verhungern …«

Sie ließ sich nicht erweichen, besonders da er inzwischen viel weniger müde aussah als bei seiner Heimkehr und die Sorgenfalten um seinen Mund verblasst waren. »Ihr braucht mir nur zu sagen, was ich wissen will.«

Er lehnte sich zurück an die Wand und verschränkte die Arme vor seiner Brust. »Mit Folter wird man mir meine Geheimnisse nicht entlocken.«

Sie nahm ein Stück Käse und winkte einladend damit. »Und was ist mit Bestechung?«

»Könnte funktionieren«, meinte er. »Warum versuchst du’s nicht mal damit?«

Sie unternahm drei Versuche, bevor das Essen, mit dem sie ihn lockte, es in seinen Mund schaffte.

»Also gut«, kapitulierte er schließlich, »ich bin Sylvaner.«

Rialla wartete, doch da kam nichts mehr. »Was ist ein Sylvaner?«, fragte sie.

»Wo ist mein Lohn?«

Sie fuchtelte mit einem Stück Käse vor seinem Gesicht herum, und er schnappte es sich, bevor es auf der Bettdecke landete, und betrachtete seine Beute zufrieden.

»Sylvaner sind Anwender von Naturmagie. So wie die Gestaltwandler, ja, aber unsere Talente liegen auf anderen Gebieten. Wir stehen den Tieren des Waldes nahe und sind die Hüter all dessen, was der Boden hervorbringt. Wir sind ein einfaches Volk und können uns problemlos unter die Menschen mischen, weshalb unsere Siedlungen nicht so abgeschieden sind wie die der Gestaltwandler.« Er machte eine Pause und schloss die Augen, schnappte sich aber nichtsdestotrotz das Stück Schinken, mit dem Rialla ihm weitere Geständnisse entlocken wollte.

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