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Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

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Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer
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„Vielleicht könnten wir Emma einfach als Drachen verkleiden? Sie sieht keinem anderen Tier ähnlich, und Feuer und Rauch speien kann sie auch."

„Jim!" rief Lukas überrascht. „Das ist eine ganz famose Idee!"

„Ja, wirklich", bestätigte Nepomuk. „Das wäre tatsächlich eine Möglichkeit. Ich kenne Drachen, die ganz ähnlich aussehen."

„Jetzt bleibt nur noch die Frage", meinte Lukas, „wie kommen wir bis zu dem Berg? Wir möchten natürlich nicht gern in eine Erdspalte fallen oder im glühenden Schlamm steckenbleiben."

„Nun, das ist ganz einfach," antwortete Nepomuk eifrig. „Ich führe euch hin, dann kann euch nichts passieren. Ich weiß nämlich genau, um welche Zeit und an welcher Stelle Erdspalten aufbrechen oder die Lavakessel ausgeleert werden. Ja, ja, wir Halbdrachen haben das natürlich untereinander festgelegt. Sonst würde ja alles drunter und drüber gehen."

„Ausgezeichnet!" sagte Lukas vergnügt. „Dann wollen wir uns gleich ans Werk machen und unsere gute alte Emma als Drachen verkleiden."

Nepomuk kletterte in seinen Vulkan hinab und schleppte einen Topf mit roter Rostschutzfarbe herbei. Außerdem setzte er einen Kessel Lava auf den Herd.

Jim und Lukas suchten alle Decken hervor und banden sie mit Stricken über das Führerhäuschen.

Als sie damit fertig waren, kam Nepomuk mit seiner Lava an, die inzwischen flüssig geworden war. Da er ein Halbdrache war, konnte er den glühenden Brei anfassen, ohne sich die Finger zu verbrennen.

Er knetete und strich und patschte auf der Emma herum und modellierte ihr oben einen großen Buckel und vorn eine lange häßliche Nase und an den Seiten Stacheln und Schuppen. Die Lava wurde, sobald sie abkühlte, hart wie Beton. Und ganz zuletzt bemalten sie das Ganze noch möglichst schauerlich mit der roten Farbe und pinselten der guten dicken Emma auf ihr gemütliches Gesicht eine gräßliche Drachenfratze auf. Emma ließ alles still über sich ergehen. Sie machte recht ratlose und dumme Augen dazu, denn sie verstand wieder einmal nichts von allem, was um sie her vorging.

Bei Sonnenuntergang war das Werk beendet. Lukas versteckte sich im Führerhäuschen und ließ Emma zur Probe ein bißchen herumfahren und Rauch und Feuerfunken speien. Es wirkte tatsächlich sehr drachenmäßig.

Dann verabredeten sie sich für den nächsten Morgen und gingen schlafen, Nepomuk auf seinen Kohlenhaufen und die beiden Freunde in das Führerhäuschen ihrer Drachen-Lokomotive.

ZWANZIGSTES KAPITEL

in dem Emma von einem reinrassigen Drachen zum Abendbummel eingeladen wird

Am nächsten Morgen brachen die Reisenden frühzeitig auf, denn Nepomuk hatte behauptet, der Weg zur Drachenstadt sei noch viel, viel weiter als es den Anschein hätte. Bald erwies sich, daß diese Warnung nicht übertrieben war. Wegen der vielen Erdspalten und Lavabäche konnten sie nämlich nicht einfach geradeaus fahren, sondern sie mußten fortwährend große Umwege machen. Es war wie in einem Irrgarten.

Nepomuk hatte sich ganz vorn auf Emmas Kessel gesetzt und benützte seinen dünnen Schwanz als Winker. Er streckte ihn mal rechts, mal links hinaus und zeigte Lukas auf diese Weise die Richtung an.

Auf ihrem Wege trafen sie ein paar andere Halbdrachen, die neugierig aus ihren Vulkanen herauslugten. Manche waren kaum größer als Maulwürfe oder Heuschrecken, andere hatten entfernte Ähnlichkeit mit Känguruhs oder auch mit Giraffen, je nach ihren verwandtschaftlichen Verhältnissen. Sobald sie die verkleidete Emma sahen, zogen alle erschrocken die Köpfe zurück. Offenbar glaubten sie, ein großer schrecklicher Drache spaziere durch ihr Land. Lukas und Jim waren von dieser Wirkung äußerst befriedigt.

Als sie endlich in die Nähe der Eingangshöhle zur Drachenstadt kamen, gab Nepomuk das Haltezeichen. Lukas brachte Emma zum Stehen, und der Halbdrache stieg ab.

„So", erklärte er, „jetzt findet ihr schon allein weiter. Ich lauf lieber wieder nach Hause. Ich möchte nämlich keinem reinrassigen Drachen begegnen. Man weiß nie, wie sie gerade aufgelegt sind."

Die beiden Freunde bedankten sich nochmals herzlich für die Hilfe. Nepomuk wünschte ihnen guten Erfolg, und dann verabschiedeten sie sich voneinander.

Lukas und Jim fuhren mit Emma weiter, und der Halbdrache winkte ihnen nach, bis sie um eine Bergecke verschwanden.

Dann stapfte der Halbdrache den langen Weg zu seinem kleinen Vulkan zurück.

Wenige Minuten später hatte Emma den Eingang zur Drachenstadt erreicht.

Es war eine riesige, rußgeschwärzte Höhlenöffnung, aus der es ein, wenig herausrauchte wie aus einem Ofenloch.

Über der Einfahrt zur Drachenstadt hing eingroße Steinplatte, auf der zu lesen stand:

!Achtung!

Der Eintritt ist nichtrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten!

„So, Jim, alter Junge", sagte Lukas, „jetzt geht's los!"

„In Ordnung", antwortete Jim.

Und dann fuhren sie in die Höhle hinein. Es war stockfinster, und Lukas ließ Emmas Scheinwerferaugen aufstrahlen, damit sie den Weg sehen konnten.

Als sie etwa die Mitte der Höhle erreicht hatten, tauchten plötzlich aus der Finsternis zwei rotglühende Augen auf, so groß wie Fußbälle. Rasch zogen Lukas und Jim die Decken vor den Fenstern zu und lugten nur noch durch einen winzigen Spalt hinaus. Jetzt mußte es sich entscheiden, ob Emmas Drachenverkleidung echt wirkte. Wenn nicht - ja, was dann geschehen würde, war nicht auszudenken!

Langsam, ganz langsam rollte die Lokomotive auf die beiden rotglühenden Fußbälle zu. Sie gehörten zu einem Drachen, dessen Leib etwa dreimal so groß und dick war wie Emma. Er hatte einen widerlich langen Hals, der zu einer Spirale geringelt auf seinen Schultern lag. Darauf saß ein Kopf von der Größe und Form einer Kommode. Das Scheusal hockte aufrecht mitten auf dem Weg. Es schien ganz unmöglich, an ihm vorbeizukommen. Den langen, stachelbespickten Schwanz hatte es elegant über die linke Schulter geworfen, und mit der rechten Tatze kratzte es sich unerhört nachlässig seinen fetten gelbgrünen Bauch, auf dem ein dicker Nabelknopf wie ein Schlußlicht funkelte.

Als Emma vor ihm stehenblieb, streckte es ruckartig seine Halsspirale aus und betrachtete die Lokomotive von allen Seiten. Dabei brauchte es weder aufzustehen noch herumzugehen. Das war das Praktische an diesem schlauchartigen Körperteil. Nachdem der Drache Emma eingehend geprüft hatte, verbreitete sich ein freundliches Grinsen auf seinem Gesicht, was ihm einen äußerst unsympathischen Ausdruck verlieh.

„Hua! Hua! Hua!" lachte der Drache mit einer Stimme, die sich anhörte wie ein ganzes Sägewerk. „Du hast aberrrrr ein Parrrr hübsche, glänzzzzzende Augen!" Und dann lachte er wieder: „Hua! Hua! Hua!"

„Er hält Emma für ein Drachenfräulein", flüsterte Lukas. „Das ist ausgezeichnet."

Der Drache grunzte und zwinkerte schelmisch mit einem roten Fußballauge. Dabei versuchte er Emma in die Seite zu kneifen. Sie stieß einen erschrockenen Pfiff aus.

„Hua! Hua! Hua!" lachte der Drache und schüttelte seinen fetten gelbgrünen Bauch, daß das Schlußlicht auf und nieder tanzte. „Du gefällst mirrrr. Hast wirrrrklich hübsche Augen. Und stinkst auchchchch so gut nachchchch Rauchchchchch"!

Emma schlug verschämt ihre Scheinwerferaugen nieder. Sie genierte sich entsetzlich und wußte ganz und gar nicht, was sie von diesen Komplimenten halten sollte.

Jim und Lukas, die durch den Spalt zwischen den herunterhängenden Decken hinausspähten, entdeckten jetzt, daß sich neben der Haupthöhle noch ein Seitenraum befand, wo im Feuerschein ein paar Drachen von der gleichen Sorte saßen. Offensichtlich warteten sie darauf, ihren Kollegen bei der Wache abzulösen. Der versuchte eben, Emma unter dem Kinn zu krabbeln, wobei er sie blöde und neckisch anglotzte.

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