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Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

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Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer
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„Nein", sagte Herr Tur Tur ernst. „Man kann ihn auch nicht sehen. Das ist eben das Geheimnis der,Schwarzen Felsen'. Sie sind nämlich so vollkommen schwarz, daß alle Helligkeit aufgeschluckt wird. Es ist einfach kein Licht zum Sehen mehr da. Nur an besonders strahlenden Sonnentagen bleibt ein ganz kleiner Schimmer übrig. Dann kann man oben am Himmel einen schwachen violetten Fleck erkennen. Das ist die Sonne. Aber sonst gibt es hier nur tiefes Dunkel."

„Aber wenn nichts zu sehen ist", fragte Lukas bedenklich, „wie kann man denn da den Weg finden?"

„Die Straße führt von hier ganz schnurgerade hinauf", erklärte Herr Tur Tur. „Sie ist ungefähr hundert Meilen lang. Wenn Sie immer ganz genau geradeaus fahren, kann nichts passieren. Aber Sie dürfen auf keinen Fall von der Richtung abkommen! Links und rechts gähnen nämlich tiefe, schreckliche Abgründe neben dem Weg, in die Sie unfehlbar hinunterstürzen würden."

„Schöne Aussichten!" knurrte Lukas und kratzte sich hinter dem Ohr. Jim murmelte erschrocken „o jemine" vor sich hin.

„An der höchsten Stelle", fuhr Herr Tur Tur fort, führt die Straße durch ein großes Felsentor. Es heißt,Der Mund des Todes'. Dort ist es am allerdunkelsten, und selbst an einem strahlendhellen Sonnentag herrscht dort eine ganz undurchdringliche Finsternis. Sie werden den,Mund des Todes' sofort an einem fürchterlichen Heulen und Stöhnen erkennen."

„Warum heult er denn?" fragte Jim, dem recht unbehaglich wurde.

„Das macht der Wind, der ständig durch dieses Felsentor weht", antwertete Herr Tur Tur. „Ich rate Ihnen übrigens, die Türen der Lokomotive fest geschlossen zu halten. Da in dieser Region ewige Nacht herrscht, ist der Wind so kalt, daß ein Wassertropfen zu Eis gefriert, ehe er auf dem Boden ankommt. Sie dürfen auch die Lokomotive nicht verlassen. Um keinen Preis! Sie würden sofort vor Kälte erstarren."

„Danke für die guten Ratschläge!" sagte Lukas. „Ich denke, wir warten mit der Abfahrt lieber bis Sonnenaufgang. Wenn's auch noch so wenig Licht gibt, besser als gar nichts ist es immer noch. Was meinst du, Jim?"

„Ich glaub' auch", erwiderte Jim.

„Dann ist es wohl das beste, ich verabschiede mich jetzt", meinte Herr Tur Tur. „Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß, meine Freunde. Und ich möchte lieber nach Hause kommen, ehe es Tag wird. Sie wissen ja, wegen der Fata Morgana."

Sie schüttelten sich die Hände und sagten sich Lebewohl, und Herr Tur Tur bat, wenn die beiden Freunde wieder einmal in die Wüste „Das Ende der Welt" kämen, dann sollten sie ihn doch ja besuchen. Jim und Lukas versprachen es. Und dann machte sich der Scheinriese auf den Heimweg nach seiner Oase.

Die Freunde sahen ihm nach. Seine Gestalt wurde mit jedem Schritt größer und immer größer, bis er schließlich wieder riesenhaft am fernen Horizont stand. Dort drehte er sich noch einmal um und winkte, und Jim und Lukas winkten zurück. Dann schritt Herr Tur Tur weiter und wurde noch größer, aber auch undeutlicher, bis seine ungeheure Gestalt zuletzt am nächtlichen Himmel verschwamm.

„Ein netter Mensch!" sagte Lukas und paffte heftig. „Kann einem wirklich leid tun."

„Ja", meinte Jim gedankenvoll. „Schade, daß er so allein sein muß."

Und dann gingen sie schlafen, um für die Fahrt durch die Region der „Schwarzen Felsen" Kräfte zu sammeln.

Am nächsten Morgen ging die Sonne strahlend hell über der Wüste auf. Jim und Lukas frühstückten, dann riegelten sie die Türen des Führerhäuschens fest zu, schlossen sorgfältig die Fenster und fuhren los, mitten hinein in die kohlpechrabenschwarze Finsternis.

Es war tatsächlich, wie Herr Tur Tur gesagt hatte: Die blendend helle Sonne war bald nicht mehr zu erkennen. Nur ein matter violetter Fleck stand irgendwo hoch oben am schwarzen Himmel. Rundherum war alles vollkommen dunkel.

Lukas knipste an einem Schalter und ließ die Scheinwerfer aufleuchten. Aber es nützte nichts. Das Licht wurde von den schwarzen Felsen aufgeschluckt, und es blieb so finster wie zuvor.

Je länger sie unterwegs waren, desto kälter wurde es. Jim und Lukas hängten sich ihre Schlafdecken über, aber bald half auch das nichts mehr. Obwohl Lukas ganz gewaltig einheizte, drang der Frost doch immer schneidender durch die Fensterscheiben. Jim begann so zu frieren, daß ihm die Zähne aufeinanderschlugen.

Es ging nur sehr, sehr langsam vorwärts. Stunde um Stunde verrann, und nach Lukas' Schätzung hatten sie erst die Hälfte der hundert Meilen zurückgelegt.

Jim half jetzt beim Heizen, denn Lukas kam allein gar nicht mehr nach. Immer rascher mußten sie Kohlen in das Feuerloch schaufeln, damit das Wasser im Kessel überhaupt zum Kochen kam und Dampf hergab. Emma schleppte sich von Minute zu Minute langsamer dahin. An ihrem Schornstein und den Ventilen hingen bereits dicke Eiszapfen.

Lukas blickte sorgenvoll auf den Kohlenvorrat, der immer mehr und mehr zusammenschmolz.

„Hoffentlich kommen wir aus", murmelte er.

„Wie lange reichen denn die Kohlen noch?" erkundigte sich Jim und blies sich in die erstarrten Hände.

„Eine Stunde vielleicht noch", antwortete Lukas, „oder vielleicht noch nicht mal so lange. Bei dem Verbrauch ist das schwer zu sagen."

„Können wir's denn bis dahin geschafft haben?" fragte Jim schnatternd vor Kälte. Seine roten Lippen waren ganz bläulich angelaufen.

„Wenn nichts dazwischenkommt, vielleicht", brummte Lukas und wärmte sich die eiskalten Finger an seiner Pfeife.

Jetzt war sogar der blasse violette Fleck am Himmel verschwunden. Sie näherten sich nun also wohl dem,Mund des Todes'. Einige Minuten verstrichen noch, und dann hörten sie es plötzlich von weitem gräßlich heulen und stöhnen:

„Huuuuiiiiuuuuiiiioooohhhh!"

Es klang so schauerlich, daß es dafür einfach keine Beschreibung gibt. Man kann es sich nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst gehört hat. Der Ton war nicht laut, aber er drang so jammervoll durch die schwarze Einsamkeit, daß es kaum zu ertragen war.

„O jemine!" stammelte Jim, „ich glaub', ich stopf mir lieber wieder Wachs in die Ohren."

Aber der Kerzenstummel war von der Kälte hart wie Stein geworden und ließ sich nicht kneten. Die Freunde mußten also die trostlosen Klagelaute aushalten.

„Aaaaaaauuuuuuuuuu!" wimmerte es draußen, jetzt schon viel näher.

Lukas und Jim bissen die Zähne zusammen.

In diesem Augenblick blieb Emma stehen und stieß einen langen verzweiflungsvollen Pfiff aus. Irgendwie war sie von der schnurgeraden Linie abgekommen, und nun spürte sie plötzlich, daß direkt vor ihren Rädern der Abgrand gähnte.

„Verflixt!" sagte Lukas und versuchte nacheinander ein paar Hebel. Aber Emma zitterte bloß und weigerte sich weiterzufahren.

„Was hat sie denn?" fragte Jim mit schreckensweiten Augen.

„Keine Ahnung", knurrte Lukas. „Sie will nicht weiter. Wahrscheinlich haben wir den geraden Weg verloren."

„Und was wird jetzt?" flüsterte Jim.

Lukas antwortete nicht. Aber Jim kannte Lukas' Gesicht, wenn höchste Gefahr bestand. Dann wurde der Mund zu einem Strich, die Backenknochen traten hervor, und die Augen wurden ganz schmal.

„Auf jeden Fall darf das Feuer nicht ausgehen", sagte er schließlich. „Sonst sind wir verloren."

„Aber wir können doch nicht einfach hier stehenbleiben", wandte Jim ein.

Lukas zuckte nur die Achseln. Jim fragte nicht weiter. Wenn nicht mal Lukas wußte, was sie tun sollten, dann stand es wohl ziemlich schlimm.

Das Klagen des Windes hörte sich jetzt beinahe schadenfroh an. Es war, als ob der „Mund des Todes" schauerlich lachte:

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