Der Fluch der Schriftrollen
- Автор: Вуд Барбара
- Язык: немецкий
- Переводчик: Xenia Gharbi
- Жанр: Современные любовные романы
Электронная книга - «Der Fluch der Schriftrollen». Краткое содержание книги:
Benjamin Messer, ein Mittdreißiger und selbst jüdischer Herkunft, ist Dozent für Orientalistik an der Universität von Los Angeles. Die Entzifferung alter Handschriften ist sein Spezialgebiet, und er macht sich mit Feuereifer an die herausfordernde Übersetzungsarbeit.
Zu seiner Überraschung handelt es sich bei den Texten nicht um religiöse Aufzeichnungen, wie etwa bei den berühmten Qumran-Rollen, sondern um die Niederschrift einer Art Lebensbeichte. David Ben Jona, ein jüdischer Bewohner Palästinas, hat sie im ersten Jahrhundert, wenige Jahrzehnte nach Christi Tod, für seinen Sohn verfaßt. Binnen kurzem ist Benjamin Messer von deren Inhalt wie verhext. Erinnerungen an seine eigene verdrängte Vergangenheit werden wach, an seine streng orthodoxe Erziehung, an den Vater, der in Majdanek ermordet wurde… Die Texte beginnen mit einem» Fluch des Mose «gegen alle, die sich die Schriften unrechtmäßig aneignen
«Lesen Sie selbst.«
Mit der Kaffeetasse in einer Hand und den Blättern auf ihrem Schoß begann Judy, Rolle Nummer fünf zu lesen.
Lange Zeit vernahm man nichts als den heftigen Regen, der gegen die Fenster klatschte. Gelegentlich konnte man hören, wie sich das Heizgerät an- und ausschaltete, da der Thermostat für eine gleichbleibende Raumtemperatur sorgte. Und Judys schwaches, leises Atmen, während sie die Rolle las.
Ben saß dicht neben ihr und streichelte zerstreut Poppäa Sabina, die auf seinen Schoß gesprungen war. Er konnte seine Augen nicht von Judys Gesicht abwenden, und gleichzeitig wunderte er sich über sie und fragte sich, warum er sie zu sich gerufen hatte. Als ihre großen, braunen Augen langsam über die Zeilen wanderten, erkannte Ben fasziniert, daß sie in eben diesem Augenblick einen Tag im alten Jerusalem durchlebte. Und er fragte sich: Ist das der Grund, warum ich sie hier haben will? Um Davids Erfahrungen mit ihr zu teilen? In der Wärme und Stille der Wohnung, während der Herbstregen ununterbrochen gegen die Fenster prasselte, kam Ben der Erkenntnis, warum er Judy Golden an seiner Seite brauchte, einen Schritt näher. Denn während er von den entfernten Geräuschen des Novemberregens dahingetrieben wurde, glaubte Ben Messer, aus seinem Unterbewußtsein ein sanftes Flüstern zu vernehmen, das ihm sagte: Sie ist hier, weil David es so will.
Als Judy geendet hatte, rührte sie sich nicht von der Stelle, sondern starrte weiter auf die letzte Zeile, die sie gelesen hatte. In der linken Hand hielt sie auf halbem Weg zu ihren Lippen eine Tasse mit kaltem Kaffee. Neben ihr saß Ben, der kaum atmete und in einem Dämmerzustand vor sich hin grübelte.
Endlich brach sie den Bann.»Es ist wunderschön«, flüsterte sie. Ben versuchte, seinen Blick auf Judy zu konzentrieren. Worüber hatte er gerade nachgedacht? Über irgend etwas im Zusammenhang mit David. Ben schüttelte den Kopf und hatte Judy jetzt schärfer im Blickfeld. Er war in Gedanken abgeschweift. Er konnte sich nicht daran erinnern, woran er gedacht hatte. An irgend etwas, was mit David zu tun hatte. Doch nun war es wie weggeblasen.
Ben räusperte sich.»Ja, es ist schön. Wissen Sie, ich bekomme irgendwie ein seltsames Gefühl, wenn ich Davids Worte lese. Wie.beinahe, als ob er direkt zu mir spräche. Wissen Sie, was ich meine? Es ist, als könnte er jeden Augenblick sagen: >Nun, Ben.<«
«Tja, offensichtlich fühlen Sie eine gewisse Verwandtschaft mit ihm. Sie haben doch tatsächlich einige Dinge mit ihm gemein. Dasselbe Alter, beide Juden, beide Gelehrte des Gesetzes. «Ben hörte nicht weiter hin. Sein Blick wanderte die Wände entlang und blieb an einem Aquarell vom Nil und den Pyramiden hängen. Eine andere, aus großer Ferne kommende Stimme trat an die Stelle von Judys Stimme und sagte:»Benjy, dein Vater hat immer gesagt, daß der Herr den Weg der Gerechten behütet, der Weg der Sünder aber in den Abgrund führt. «Jona Messer. Jona Ben Ezekiel.
Dann dachte er an Saul, so kräftig und muskulös neben dem sanften, romantischen David. Und er dachte an Salomon Liebowitz, der den polnischen Rohlingen die Nasen blutig geschlagen hatte. Kann das alles Zufall sein? fragte er sich verwirrt. Ich verstehe es nicht. Es scheint zuviel.
Judys Stimme drang wieder langsam an sein Ohr.»Ich bin sicher, Sie erkennen viel von sich selbst in David, und deshalb bedeuten Ihnen seine Worte so viel.«
Er schaute sie schräg von der Seite an, während er abermals versuchte, ihr Gesicht klar zu sehen.
Judy brachte da einen ganz neuen Gedanken ins Spiel, einen merkwürdigen, schwer faßbaren Gedanken. Ich erkenne viel von mir selbst in David. Was hatte das zu bedeuten? Was bedeutete das alles? Die Übereinstimmungen. David, der zu mir spricht. Judy beugte sich nach vorne, um ihre Kaffeetasse auf dem Glastisch abzustellen, und durch die Bewegung und das Klappern wurde Ben aus seinen Träumen gerissen. Er schüttelte seinen Kopf zum zweitenmal. Seltsame Gedanken. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich darauf komme. Es muß hier drinnen wohl zu warm sein. Vielleicht bin ich auch hungrig.
«Möchten Sie etwas zu essen?«hörte er sich fragen und schreckte von der Lautstärke seiner eigenen Stimme hoch.
«Nein, danke. Bruno und ich haben, kurz bevor Sie anriefen, zu Abend gegessen. Der Kaffee ist völlig ausreichend, danke. «Sie saßen wieder schweigend da und lauschten auf das sanfte Prasseln des Regens gegen das Fenster, während sie sich im Geiste die kahlen, herbstlichen Bäume und die blankgewaschenen Gehsteige ausmalten. Bis Judy ganz unvorbereitet fragte:»Warum sind Sie Paläograph geworden?«
«Was?«
«Warum sind Sie Schriftenkundler geworden?«»Warum? Nun.?«Er runzelte die Stirn und suchte nach einer Antwort.»Niemand hat mir je zuvor diese Frage gestellt. Ich weiß nicht recht. Wahrscheinlich einfach, weil ich mich dafür interessiere.«
«Schon immer?«
«Solange ich mich erinnern kann. Schon als Junge haben mich antike Manuskripte fasziniert. «Ben führte seine Tasse zum Mund und trank schlürfend einen Schluck. Es war tatsächlich so. Niemand hatte ihn je zuvor danach gefragt, und folglich hatte er sich auch nie Gedanken darüber gemacht. Als er nun darüber grübelte, fiel ihm absolut kein Grund ein, warum er sich der Paläographie, der Handschriftenkunde, verschrieben hatte.»Ich glaube, es hat sich wohl einfach so ergeben.«
«Es ist interessant. Aber man muß dafür sehr geduldig sein, was ich nicht bin. Hatten Sie als Kind eine intensive religiöse Erziehung?«
«Ja.«
«Ich nicht. Meine Eltern waren Reformjuden. Und selbst als solche hielten sie sich an keinerlei Gebote. Ich kann mich nicht entsinnen, je den Unterschied zwischen Jom Kippur und Rosch Ha-Schana gekannt zu haben. «Sie nippte ein wenig an ihrem Kaffee und überlegte sich, wie sie ihre nächste Frage formulieren sollte.»Waren Sie sehr klein, als Sie Deutschland verließen?«
«Ich war zehn.«
Sie sah ihn mit ihren großen Augen an, die so ausdrucksvoll und unwiderstehlich waren, und Ben wußte genau, was sie dachte. Es war ein Thema, das er noch nie zuvor angeschnitten hatte, nicht einmal mit Angie, und er erkannte, daß er gefährlich nahe daran war, sich darauf einzulassen.
«Haben Sie Geschwister?«
«Nein.«
«Da haben Sie aber Glück. Ich war eines von fünf Kindern. Drei Brüder und eine Schwester, und ich war in der Mitte. Gott, was für ein Irrenhaus! Mein Vater war Schneider. Er hatte sein eigenes Geschäft und konnte es sich leisten, uns in relativem Wohlstand aufzuziehen. Rachel, meine kleine Schwester, lebt immer noch bei meinen Eltern. Die anderen sind alle verheiratet. Wissen Sie«, sie lachte leise auf,»ich habe mir so oft gewünscht, ein Einzelkind zu sein. Sie hatten Glück.«
«Hm, ich weiß nicht recht«, erwiderte er geistesabwesend. Wie oft hatte er sich als Kind Geschwister gewünscht?» Eigentlich hatte ich ja doch einen älteren Bruder. Aber er starb, als ich noch klein war.«
«Das ist zu traurig. Erinnern Sie sich an Deutschland?«Ben sah Judy ruhig an und fühlte sich seltsam behaglich dabei, sich so mit ihr zu unterhalten. Er wußte, daß sie ihn aus der Reserve locken wollte. Nachdem sie über ihre eigene Vergangenheit gesprochen hatte, würde es ihm leichter fallen, über seine eigene zu sprechen.»Sie wollen wissen, wie es war, während des Krieges ein Jude in Deutschland gewesen zu sein«, stellte er schließlich fest.»Ja.«
Ben schaute gedankenvoll auf seine Hände. Heute scheint der richtige Tag zu sein, um an wunden Punkten zu rühren, dachte er. Zuerst Angie, dann der Alptraum und nun auch noch das.»Wissen Sie, ich habe nie mit jemandem über diesen Abschnitt meines Lebens gesprochen. Nicht einmal meine Verlobte weiß viel über mich vor meinem zwanzigsten Lebensjahr, und sie ist durchaus bereit, es dabei zu belassen. Warum interessieren Sie sich so dafür?«