Der Fluch der Schriftrollen
- Автор: Вуд Барбара
- Язык: немецкий
- Переводчик: Xenia Gharbi
- Жанр: Современные любовные романы
Электронная книга - «Der Fluch der Schriftrollen». Краткое содержание книги:
Benjamin Messer, ein Mittdreißiger und selbst jüdischer Herkunft, ist Dozent für Orientalistik an der Universität von Los Angeles. Die Entzifferung alter Handschriften ist sein Spezialgebiet, und er macht sich mit Feuereifer an die herausfordernde Übersetzungsarbeit.
Zu seiner Überraschung handelt es sich bei den Texten nicht um religiöse Aufzeichnungen, wie etwa bei den berühmten Qumran-Rollen, sondern um die Niederschrift einer Art Lebensbeichte. David Ben Jona, ein jüdischer Bewohner Palästinas, hat sie im ersten Jahrhundert, wenige Jahrzehnte nach Christi Tod, für seinen Sohn verfaßt. Binnen kurzem ist Benjamin Messer von deren Inhalt wie verhext. Erinnerungen an seine eigene verdrängte Vergangenheit werden wach, an seine streng orthodoxe Erziehung, an den Vater, der in Majdanek ermordet wurde… Die Texte beginnen mit einem» Fluch des Mose «gegen alle, die sich die Schriften unrechtmäßig aneignen
So schrieb ich den Brief bei Mondschein und übergab ihn am darauffolgenden Nachmittag einem Boten, den ich schon oft in der Nähe des Brunnens gesehen hatte. An diesem Abend nahm mich Rabbi Eleasar nach dem Abendessen und nach unseren Gebeten zu einem Gespräch unter vier Augen beiseite. Es beunruhigte mich, denn er hatte dergleichen noch nie zuvor getan. Er sprach:»David Ben Jona, hast du den Brief an deinen Vater heute abgeschickt?«Ich antwortete überrascht:»Ja, Meister.«
«Dachtest du etwa, ich wüßte nichts von deinen Plänen? Daß die Witwe mir nichts davon erzählt hätte? Daß ich die Entwicklung deiner Armmuskeln nicht bemerkt hätte?«
«Ja, Meister«, gestand ich schüchtern.
«Und sage mir, David Ben Jona, wer hat deiner Meinung nach den Papyrus, das Schreibrohr und die Tinte auf deine Matte gelegt?«Meine einzige Antwort war:»Seid Ihr böse auf mich, Rabbi?«Ich glaube, Eleasar war verblüfft.»Böse auf dich? Warum, David Ben Jona, sollte ich böse auf dich sein, wo du doch der einzige unter all meinen Schülern bist, der so sehr bemüht war, das heilige fünfte Gebot des Herrn einzuhalten? Du hast deinen Vater und deine Mutter wohl geehrt.«
Nun legte Eleasar seine Hände schwer auf meine Schultern, und ich sah eine tiefe Zuneigung in seinen Augen.»Und um diese löbliche Tat zu vollbringen«, fuhr er fort,»hast du das Studium des Gesetzes nicht einen Moment vernachlässigt.«
Ich schöpfte auch weiterhin Wasser für die Witwe und versteckte meine Schekel an einem sicheren Ort. Als wir in unser zweites und drittes Jahr bei Eleasar kamen und vom Schuppen ins oberste Stockwerk umzogen, erhielten wir jeden Monat ein kleines Taschengeld. Wir benötigten jetzt neue Sandalen und neue Umhänge und hatten wenig Gelegenheit, zu sparen.
Als wir heranreiften und das Knabenalter hinter uns ließen, wurde die Freundschaft zwischen Saul und mir noch enger, noch inniger und noch kostbarer. Wir schliefen zusammen, aßen zusammen und studierten das Gesetz zusammen. Ich kannte jeden seiner Gedanken, und er kannte die meinen. Und dennoch bemerkten die Leute oft, daß wir so verschieden seien wie Tag und Nacht. Mit sechzehn war Saul der größte Mann, den ich kannte, und überragte die Köpfe der Priester und Schriftgelehrten, wenn wir uns im Tempel versammelten. Er hatte breite Schultern und eine massige Brust, kräftige Arme und Hände von unglaublicher Stärke. Sein dunkelbraunes Haar war drahtig und gelockt, und sein Bart war noch dicker und voller als der von Eleasar. Viele hielten Saul für viel älter, als er in Wirklichkeit war.
Ich dagegen war von leichterem Körperbau, wenn auch keinesfalls schwach. Meine Arme waren schlank, aber durch das Wassertragen kräftig geworden. Mein Körper war ebenso schlank und dennoch kräftig, und ich belehrte viele, die mich wegen meines Hinkens für einen Schwächling hielten, eines Besseren. Mein Haar war schwarz, schwärzer als der Boden eines Brunnens, und ebenso dunkel waren meine Augen. Eleasar bemerkte einmal, ich habe die großen, melancholischen Augen eines Propheten oder Dichters. Und gleich darauf schüttelte er traurig den Kopf, als wüßte er etwas, das ich nicht wußte. Mein Kopfhaar war lang und gewellt und fiel mir auf die Schultern hinab. Das Haar in meinem Gesicht war dagegen spärlich, und wenn ich es mit Sauls Bart verglich, fürchtete ich, daß es wohl niemals so eindrucksvoll würde. Eleasars Frau Ruth hatte oft von uns als ihren tüchtigen Jungen gesprochen, und ich glaube, sie mochte uns auf eine ganz besondere Weise. Saul und mich sah man niemals getrennt; ihn, den Lauten und Lachenden, mich, den Stillen und in sich Gekehrten. Sie verglich uns mit den Königen Saul und David und meinte, daß der Tag kommen werde, an dem Prinzessinnen um unsere Gunst wetteiferten.
Diese Bemerkung machte mich verlegen, denn anders als Saul, der schon ein offenes Auge für die Mädchen hatte, war ich zu schüchtern, um auch nur zu einem weiblichen Wesen aufzusehen. Wenn wir am Morgen oder am späten Nachmittag durch die Straßen liefen, kamen wir regelmäßig an Gruppen von jungen Frauen vorbei, die auf dem Markt ihre Einkäufe verrichteten. Sie lächelten uns zu und schlugen dann sittsam die Augen nieder. Trotzdem ertappte ich jedesmal die eine oder andere von ihnen dabei, wie sie Saul bewundernd anschaute.
Es kam die Zeit, da ich nicht länger Wasser vom Brunnen holen mußte. Ich war erleichtert und traurig zugleich, denn obgleich ich nicht mehr diese erniedrigende Frauenarbeit erdulden mußte, so blieb mir nichtsdestoweniger meine kleine Einnahmequelle von nun an versagt.
Saul schien sich nichts aus Geld zu machen und auch keines zu benötigen. So sparte er seine paar Schekel nie. Ich dagegen erkannte in Geld Sicherheit und war davon überzeugt, daß der Tag käme, da sich meine Genügsamkeit bezahlt machen würde. Dieser Charakterzug stand natürlich in direktem Zusammenhang mit dem, was später geschehen sollte, und wäre ich nicht von einer solchen Denkweise durchdrungen gewesen, so wäre meine Geschichte möglicherweise ganz anders verlaufen. Und ich würde heute nicht hier in Magdala sitzen und dies für Dich niederschreiben, mein Sohn. Doch so war ich nun einmal, und so mußte mich der Lauf meines Schicksals zu der Stunde führen, über die ich Dir berichten muß.
Doch laß mich zuvor noch einmal die süßen Tage meiner Jugend in Jerusalem durchleben.
Über meine Sparsamkeit sagte Eleasar einmal zu mir:»David Ben Jona, würde ich dich in die Straßen hinausschicken, um den Mist von Pferden und Eseln mit einer Schaufel einzusammeln, so würdest du einen Weg finden, es zu einem einträglichen Geschäft zu machen. «Er sagte dies halb im Spaß, halb ernst.»Du bist einer meiner besten Schüler des Gesetzes«, fuhr er fort,»mit deinem scharfen Verstand und deiner Klugheit. Und doch frage ich mich zuweilen, ob du für Israel kein größerer Gewinn wärst, wenn du Geldverleiher würdest oder einem anderen Gewerbe nachgingest. «Diese Betrachtung hatte mich so sehr entsetzt, daß ich ebenso niedergeschlagen war, als hätte er mich gezüchtigt.»Verzeihe mir, David«, sprach er weiter,»aber du solltest das nicht als Beleidigung, sondern als Kompliment auffassen. Wenn ich dir einen Schmerz zufüge, so geschieht dies unabsichtlich. Doch sei stets eingedenk, mein Sohn, daß es auch noch andere Arten gibt, Gott zu dienen, als sein Gesetz zu hüten. Nicht alle Menschen sind zu Schriftgelehrten geboren, ebensowenig wie alle Menschen zu Fischern geboren sind. Und doch dient jeder Mensch Gott auf seine Weise, so wie er es am besten versteht. Du wirst ein Gelehrter der Heiligen Schrift werden und Gottes Gesetz gegen die verheerenden Auswirkungen des Zeitenwandels schützen. «Er legte an dieser Stelle eine Pause ein und sah mich lange an.»Und trotzdem.«, sagte er. Aber er führte seinen Gedanken niemals zu Ende.
So hatte ich mir in einem Versteck ein wenig Silbergeld angespart. Stets trug ich meine Sandalen, bis sie gänzlich durchgelaufen waren, und besserte meinen Umhang aus, wie es nur eine Frau getan hätte. Als Saul sich sein drittes Paar Sandalen erstand, nahm ich seine alten abgelegten und trug sie noch weitere sechs Monate. Er lachte mich deswegen aus, aber ich glaube, daß er mich insgeheim um meine Fähigkeit, Geld zu sparen, beneidete. Ich war siebzehn Jahre alt, als ich zum erstenmal Rebekka begegnete.
Die meisten anderen jungen Männer waren in diesem Alter schon verheiratet oder verlobt, doch für uns Rabbinerschüler, die wir uns keine Minute vom Studium des Gesetzes freimachen durften, konnte dies nicht gelten. Folglich machten wir uns übers Heiraten nur wenig Gedanken. Die Zeit würde kommen, da unser Lehrer uns für reif genug erachten würde, auf eigenen Füßen zu stehen und selbst Lehrer zu sein. Und wenn diese Zeit käme, würden wir eine begehrenswerte Frau finden und sie heiraten. Doch genausowenig, wie wir wußten, wann unser Lehrer uns freigeben würde, konnten wir voraussehen, wann wir in der Lage wären zu heiraten. Deshalb dachten wir wenig darüber nach.
Zumindest verhielt ich mich so, bis ich Rebekka traf. Sie war die Tochter von Eleasars Bruder, der als Zeltmacher in Jerusalem arbeitete. In den ersten drei Jahren, die ich im Hause des Rabbis wohnte, war ich nie mit diesem Mädchen zusammengetroffen. Doch eines Tages wurde Eleasars Frau Ruth krank und war für viele Wochen ans Bett gefesselt. Der Bruder des Rabbis schickte zwei seiner Töchter, um Eleasar zu helfen, denn er selbst hatte keine. Der Tag, an dem ich Rebekka traf, war der Tag vor dem Sabbat. Sie und ihre Schwester kamen ins Haus, um die Mahlzeiten zuzubereiten, die wir am nächsten Tag verzehren sollten. Ich werde diesen Nachmittag nie vergessen.