Der Fluch der Schriftrollen
- Автор: Вуд Барбара
- Язык: немецкий
- Переводчик: Xenia Gharbi
- Жанр: Современные любовные романы
Электронная книга - «Der Fluch der Schriftrollen». Краткое содержание книги:
Benjamin Messer, ein Mittdreißiger und selbst jüdischer Herkunft, ist Dozent für Orientalistik an der Universität von Los Angeles. Die Entzifferung alter Handschriften ist sein Spezialgebiet, und er macht sich mit Feuereifer an die herausfordernde Übersetzungsarbeit.
Zu seiner Überraschung handelt es sich bei den Texten nicht um religiöse Aufzeichnungen, wie etwa bei den berühmten Qumran-Rollen, sondern um die Niederschrift einer Art Lebensbeichte. David Ben Jona, ein jüdischer Bewohner Palästinas, hat sie im ersten Jahrhundert, wenige Jahrzehnte nach Christi Tod, für seinen Sohn verfaßt. Binnen kurzem ist Benjamin Messer von deren Inhalt wie verhext. Erinnerungen an seine eigene verdrängte Vergangenheit werden wach, an seine streng orthodoxe Erziehung, an den Vater, der in Majdanek ermordet wurde… Die Texte beginnen mit einem» Fluch des Mose «gegen alle, die sich die Schriften unrechtmäßig aneignen
Und doch konnte es nicht so sein. Der junge Ben hatte zwar gespürt, daß der Prozeß und die Tötung Jesu unlogisch waren. Doch damals hatte er noch nicht genau ausmachen können, wo das Problem lag. Erst Jahre später auf dem College hatte Ben endlich verstanden. Es war wirklich zu einfach. Die Darstellung in den Evangelien war voll von Irrtümern und falschen Angaben. Zunächst war da das Synedrium, der Hohe Jüdische Rat, der angeblich bei Nacht zusammengetreten sein sollte, was er jedoch nie tat. Zweitens, wenn die jüdischen
Führer Jesus der Gotteslästerung angeklagt und verurteilt hätten (wie sie es laut Markus 14,64 getan hatten), dann wäre die Strafe Tod durch Steinigen gewesen. Drittens, Pilatus stellte ihn allem Anschein nach wegen politischer Vergehen unter Anklage, während der Hohe Rat ganz andere Motive dafür hatte (Markus 15,1-10). Viertens war der Charakter von Pilatus durch die Überlieferung alter Geschichtsschreiber hinreichend bekannt. Daß ein so eigensinniger, überheblicher Mann einen jüdischen Mob bei seinen Entscheidungen zu Rate gezogen und vor dem Pöbel Schwäche gezeigt haben sollte, war wirklich absurd. Und der fünfte Punkt war, daß es sich bei der Kreuzigung um eine Bestrafungsart handelte, die nur von Römern und nur bei dem Verbrechen des Hochverrats angewandt wurde; und an den Querbalken über seinem Kopf war ein Schild genagelt worden, auf dem das Verbrechen Jesu beschrieben wurde — er hatte den Anspruch erhoben, König der Juden zu sein. Ganz klar ein Tatbestand des Verrats.
So stellte sich nun folgende Frage: Wie kam es, daß man mit einemmal die Juden der Ermordung Jesu bezichtigte? Wenn man die Lösung des Problems in den Evangelien vermutete, suchte man vergebens, denn diese waren unlogisch und voll verwirrender Widersprüche. Dennoch konnte man die Antwort leicht herausfinden, wenn man die Erzählung aus den Evangelien in Bezug zum geschichtlichen Rahmen setzte.
Das Markus-Evangelium war kurz vor der Zerstörung Jerusalems verfaßt worden, als in Rom eine heftige antijüdische Stimmung geherrscht hatte. Da Markus nicht imstande gewesen wäre, die dortigen Heiden zum neuen Christentum zu bekehren, wenn die römischen Statthalter für die Ermordung des Messias verantwortlich gewesen wären, hatte er einfach die Schuld von Pilatus auf die Juden abgewälzt— eine einfache Lösung, um zu erreichen, daß sein Evangelium in Rom akzeptiert würde. Als Ben sich langsam von seinem
Wagen entfernte, schüttelte er traurig den Kopf. Soviel zu dem Jesusmörder!
Ein Fetzen Papier war an dem großen, etwas mitgenommenen Umschlag befestigt, der Ben entgegenfiel, als er seinen Briefkasten öffnete. Darauf hatte sein Nachbar eine kurze Notiz gekritzelt. Der Postbote war wieder mit einem Einschreibebrief dagewesen und hatte eben den gelben Abholzettel in Bens Kasten werfen wollen, als der Musiker zufällig vorbeigekommen war. Er hatte wieder dafür quittiert.
In unermeßlicher Dankbarkeit drückte Ben den Umschlag an sich. Er würde diesem Burschen die teuerste Flasche Wein kaufen, die er finden konnte.
Dann hastete er so schnell er konnte die Treppe hinauf, stürmte in die Wohnung und in sein Arbeitszimmer, wo er sich auf seinen Stuhl fallen ließ und den Umschlag hastig aufriß. Obenauf lag die übliche schlecht getippte Mitteilung von Weatherby, und darunter befand sich ein weiterer versiegelter Umschlag. Er war dick und fühlte sich an, als enthielte er eine Menge Fotografien. Ohne die Notiz auch nur zu lesen, warf Ben sie vor sich auf den Schreibtisch, riß den zweiten Umschlag auf und zog liebevoll die Bilder daraus hervor. Vor ihm lag die vertraute Handschrift von David Ben Jona.
Rebekka war ein scheues, stilles Mädchen, das sich in meiner Gegenwart oft schüchtern hinter seinem Schleier versteckte. Ich weiß nicht, wann ich zum erstenmal spürte, daß ich sie liebte, aber es war ein Gefühl, das immer stärker wurde. Ich weiß nicht, was Rebekka für mich empfand, denn sie schlug oft die Augen nieder, wenn ich sie ansah. Für mich war sie wie ein zerbrechliches, kleines Vögelchen, so zart und kostbar. Sie hatte winzige Hände und Füße und kleine Sommersprossen im Gesicht. Und wann immer sie mich aus ihren schönen blaßgrünen Augen ansah, glaubte ich, das Entzücken selbst zu sehen.
Ich hätte in meiner Liebe zu der sanften Rebekka glücklich sein können, und doch war ich es nicht, denn die Gedanken an sie machten es mir oft schwer, mich auf mein Studium zu konzentrieren. Eleasar bemerkte es und gab mir weise Ratschläge. Aber es war nicht leicht, ihnen zu folgen. Ich war siebzehn und hätte Rebekka liebend gern zur Frau genommen. Was hätte ich ihr aber bieten können? Ich war arm. Als Schüler des Gesetzes hatte ich ein bescheidenes Leben zu führen und meine Freude einzig und allein aus der Ehre zu schöpfen, dem Rabbi dienen zu dürfen. Meine Kleidung war grob und schlicht. Jedesmal, wenn ich Rebekka sah, versuchte ich, die ausgefransten Ränder meines Umhangs zu verdecken oder die Stellen zu verbergen, auf die ich Flicken genäht hatte.
Rebekka schien keinen Anstoß an meiner Armut zu nehmen, und dennoch war ich mir nicht sicher, ob sie unter diesen Umständen eingewilligt hätte, meine Braut zu werden.
Ich hatte noch mehrere Jahre unter Rabbi Eleasar vor mir, bevor ich mein eigener Herr wäre. Und selbst dann, wenn ich Schriftgelehrter wäre, würde ich erst einmal Zeit brauchen, um das für eine Verbindung mit Rebekka nötige Geld und Ansehen zu erwerben. Ich erzähle Dir all dies, mein Sohn, weil es in direktem Zusammenhang zu dem steht, was als nächstes geschah — ein Ereignis, das möglicherweise den entscheidenden Wendepunkt meines Lebens herbeiführte. Und danach kam alles, wie es kommen mußte, bis zu jenem späteren Ereignis, über das Du die Wahrheit erfahren mußt und das der eigentliche Grund ist, warum ich dies schreibe. Doch im Augenblick muß ich Dir erst erzählen, was meine Liebe zu Rebekka und meine Armut bewirkten. In der freien Zeit, die Eleasar uns nun gewährte, führten Saul und ich ein sorgloses Leben. An einem Nachmittag und an einem Abend pro Woche durften wir das Studium ruhen lassen. Dann schlenderten wir durch die Straßen Jerusalems, erforschten die Gärten jenseits der Stadtmauern oder besuchten Freunde. Während wir uns im Gedränge des Marktplatzes voranschoben, stiegen uns die intensiven Gerüche von exotischen Speisen, teuren Düften, gegerbtem Leder und menschlichen Ausdünstungen in die Nase. Außergewöhnliche Anblicke übten eine magische Anziehungskraft auf uns aus: der Sklavenmarkt, die Stadttore, an denen täglich Fremde um Einlaß baten, die schönen heidnischen Frauen in ihren Sänften, Schlangenbeschwörer, Straßenmusikanten und römische Soldaten in ihren roten Umhängen. Jerusalem mit seinen vielen Gesichtern, Stimmen und Farben hörte nie auf, uns zu unterhalten. Und doch war ich in Gedanken meist bei Rebekka. Ich ging so oft mit ihr aus, wie ich konnte, ohne bei ihr Anstoß zu erregen, denn wir waren nicht verlobt. Und Eleasar sagte oft zu mir:»David Ben Jona, du darfst dich durch diese Betörung nicht vom Gesetz abbringen lassen. Wenn du nur ein einziges Mal bei der Befolgung des göttlichen Gesetzes schwankst, wenn du je in einer solchen Weise davon abkommst, daß du ihm Schande machst, dann wäre es gerade so, als hättest du auf das Allerheiligste gespuckt. Denn der Schriftgelehrte steht in einer Hinsicht über allen Menschen: Er ist auf dieser Erde, um Abrahams heiligen Bund zu schützen und dafür zu sorgen, daß das auserwählte Volk sich niemals von Gott abkehrt. Wenn du durch deine Vernarrtheit in Rebekka das Volk im Stich lassen solltest, dann hast du Gott im Stich gelassen, und das ist unverzeihlich.«