Der Fluch der Schriftrollen
- Автор: Вуд Барбара
- Язык: немецкий
- Переводчик: Xenia Gharbi
- Жанр: Современные любовные романы
Электронная книга - «Der Fluch der Schriftrollen». Краткое содержание книги:
Benjamin Messer, ein Mittdreißiger und selbst jüdischer Herkunft, ist Dozent für Orientalistik an der Universität von Los Angeles. Die Entzifferung alter Handschriften ist sein Spezialgebiet, und er macht sich mit Feuereifer an die herausfordernde Übersetzungsarbeit.
Zu seiner Überraschung handelt es sich bei den Texten nicht um religiöse Aufzeichnungen, wie etwa bei den berühmten Qumran-Rollen, sondern um die Niederschrift einer Art Lebensbeichte. David Ben Jona, ein jüdischer Bewohner Palästinas, hat sie im ersten Jahrhundert, wenige Jahrzehnte nach Christi Tod, für seinen Sohn verfaßt. Binnen kurzem ist Benjamin Messer von deren Inhalt wie verhext. Erinnerungen an seine eigene verdrängte Vergangenheit werden wach, an seine streng orthodoxe Erziehung, an den Vater, der in Majdanek ermordet wurde… Die Texte beginnen mit einem» Fluch des Mose «gegen alle, die sich die Schriften unrechtmäßig aneignen
Das Mädchen, das zu laut lachte, um sprechen zu können, deutete hinunter auf die Erde.
Ben schaute nach unten. Er stand barfuß auf losem Grund. Als er darauf starrte, schien der Boden sich zu bewegen. Ein unheimliches Gefühl ergriff Besitz von ihm. Die Erde bewegte und verschob sich, als ob etwas daraus hervorkommen wollte.»O Gott!«stöhnte er, und das kalte Grausen packte ihn. Als ob etwas daraus hervorkommen wollte.»O guter Gott, nicht!«flüsterte er.
Das Mädchen war fort. Ben stand allein auf der bebenden Erde. Ihm war, als stünde er am Rand der Schöpfung, schwankend über einem Abgrund des Vergessens.
Er wollte nicht hinabsehen. Er wußte, was er da sehen würde und daß es ihn zu Tode erschrecken würde.
Mit weitaufgerissenen, fast aus den Höhlen tretenden Augen starrte er hinunter auf die Erde. Plötzlich brach sie auf.
«O Gott!«schrie er und saß kerzengerade im Bett. Kalter Schweiß bedeckte Bens Körper, und die Bettwäsche war völlig durchnäßt. Er hatte durch seine Kleider hindurch das darunterliegende Laken naßgeschwitzt.
Bens Zähne schlugen aufeinander. Sein Körper zitterte unkontrollierbar.»O Gott, o Gott«, wiederholte er immer wieder.
Das Schlafzimmer war dunkel und kalt. Die Luft war eisig. Hinter den Vorhängen hörte man einen schweren Novemberregen gegen die Scheiben trommeln. Im Nu hatte er alle Lichter angeschaltet und drehte das Thermostat herauf. Mit ruckartigen, ungleichmäßigen Bewegungen streifte er seine Kleider ab und stürzte unter die heiße Dusche, wobei er sich die Haut unter dem knallharten Strahl beinahe verbrühte. Er verzog sein Gesicht, als das Wasser seinen Körper bearbeitete, und versuchte, die Erinnerung an den Alptraum aus dem Gedächtnis zu vertreiben.
Dann zog er frische Kleider an, rieb sich mit dem Handtuch die Haare trocken und ging direkt in die Küche, um sich einen starken Kaffee zu machen. Im Vorbeigehen drehte er jedes Licht an. An der Spüle hielt Ben schließlich inne. Es gab kein Entrinnen vor der Erinnerung, vor dem Bild, das ihn beinahe zu Tode erschreckt hatte. Alles Hin- und Hergelaufe, alle
Beschäftigung, alle Lichter und aller Kaffee würden nicht verhindern können, daß diese Szene wieder in ihm hochkäme.
Weil sie nun offen ans Tageslicht getreten war. Jahrelang war Ben in der Lage gewesen, sie in sein Unterbewußtsein zurückzudrängen, sie unter dem Alltagstrott zu verbergen. Er hatte sie über sechzehn Jahre lang vergessen, doch der Alptraum hatte die Erinnerung in ihm heraufbeschworen, und es gab keine Möglichkeit mehr, davor wegzulaufen.
Ben verbarg sein Gesicht in den Händen und schluchzte verzweifelt. Langsam, als näherte sie sich aus einer großen Entfernung, ließ sich allmählich wieder die Stimme seiner Mutter vernehmen. Sie sagte:»Benjamin Messer, heute bist du dreizehn Jahre alt. Du bist nun ein Mann. Es ist deine Pflicht, der Sohn zu sein, den dein Vater sich wünschte, denn er starb, als er dich beschützte. Ich habe dir nie erzählt, wie dein Vater umkam, Benjamin. Von heute an solltest du es wissen.«
Eine Träne rann zwischen Bens Fingern hindurch, als er so an die Spüle gelehnt dastand und die Szene von vor zweiundzwanzig Jahren noch einmal durchlebte. Und er empfand dasselbe Leid und dieselbe Qual wie damals.
«Benjamin«, sprach Rosa Messer ernst,»du solltest wissen, daß dein Vater von den Nazis getötet wurde. Du solltest wissen, daß er starb, während er Zion für die Juden auf der ganzen Welt verteidigte. Er ging nicht wie ein Lamm in den Tod wie die Juden in Auschwitz, sondern kämpfend wie ein Streiter Gottes. Ich stand hinter einem Zaun und beobachtete, wie die Deutschen deinen Vater aus der Baracke holten, ihn nackt auszogen und ihn zwangen, mit einer Schaufel eine Grube zu graben. Dann, Benjamin, stießen die Nazis deinen Vater in das Loch und begruben ihn bei lebendigem Leib. «Ben wußte, daß es lange her war, seit er gegessen hatte, und doch war ihm jetzt der Gedanke an Essen im höchsten Grad zuwider. Da er zumindest imstande war, Kaffee zu trinken, verdickte er ihn mit Sahne und Zucker und stürzte zwei Tassen hinunter, bevor er sich besser zu fühlen begann.
Der Alptraum hatte eine unglaubliche Wirkung auf ihn gehabt. Jetzt fiel ihm wieder ein, wie er vor zweiundzwanzig Jahren, als seine Mutter ihm zum erstenmal die Wahrheit über den Tod seines Vaters erzählt hatte, von denselben Alpträumen heimgesucht worden war. Sie waren nie genau gleich, lediglich in diesem einen Punkt, dem Gefühl, daß sich etwas unter seinen Füßen bewegte. Er war viele Male tränenüberströmt und schweißgebadet aufgewacht und hatte sogar gelegentlich im Schlaf geschrien. Doch nicht nur der schreckliche Tod seines Vaters hatte Ben die Kindheit zum Greuel gemacht. Verantwortlich dafür waren auch die anderen Erzählungen seiner Mutter von ihren Erlebnissen im Konzentrationslager, mit denen sie ihr Kind belastet hatte. Die langen Abende, an denen er ihren Geschichten lauschte, sich die Greueltaten ausmalte und seine Mutter stundenlang ununterbrochen weinen sah; all dies hatte die Kindheit für Ben Messer zur Trübsal werden lassen, so sehr, daß er sich wünschte, nie als Jude geboren worden zu sein.
Das letzte Mal, als er sich über seinen Vater oder Majdanek Gedanken gemacht hatte, war auch das letzte Mal gewesen, da er mit Salomon Liebowitz zusammengesessen und geredet hatte. Damals war er neunzehn Jahre alt gewesen, und danach hatte er nie wieder geweint.
Ben griff nach den verstreuten Seiten seiner Übersetzung und versuchte, sie in die richtige Reihenfolge zu bringen. Es hatte ihm wehgetan, von Salomon Abschied zu nehmen, denn Salomon war das einzige Glück seiner Jugend gewesen. Ein Freund, den er liebte, dem er sich anvertraute und auf den er angewiesen war. Aber gleichzeitig wußte Ben, daß er dem Umfeld seiner Kindheit entfliehen mußte, um in einer veränderten Umgebung einen neuen Anfang zu machen. Die alten Straßen von Brooklyn waren voller Erinnerungen. Er mußte ihnen entkommen.
Seine Übersetzung der fünften Rolle war lang — bis dahin war es die längste Rolle — und daher ziemlich unordentlich. Zeilen waren durchgestrichen. Einige Wörter hatte er durchgestrichen und verbessert. Randbemerkungen waren in den Text hineingeschrieben. Und stellenweise stieß er auf seine völlig unleserliche Handschrift. Ben schaute zum Telefon, dann auf die Uhr. Es war sechs Uhr dreißig. Er fragte sich, ob Judy Golden wohl zu Hause war.
Sie war wieder durchnäßt, und trotzdem lächelte sie verschmitzt.»Es tut mir gut«, meinte sie, als sie ihren Pullover zum Trocknen aufhängte.»Ich könnte näher am Haus parken, aber ich laufe gerne durch den Regen.«
Judy trug wieder Jeans und ein T-Shirt. Ihr Haar war feucht und klebte ihr am Kopf und verlieh ihr das Aussehen eines nassen Kätzchens.»Danke, daß Sie alles stehen und liegen gelassen haben und gekommen sind«, sagte Ben.
«Ich mußte gar nichts stehen und liegen lassen. Ich bin gespannt, die Rolle zu lesen. Und Sie sagen, es sei bisher die längste?«Sie gingen ins Wohnzimmer, wo alle Lichter brannten und es wohlig warm war. Gegen die regnerische Nacht war es eine sehr behagliche Atmosphäre.
«Diesmal habe ich richtigen Kaffee für uns zubereitet«, verkündete er auf dem Weg in die Küche. Judy sank auf die Couch und schleuderte ihre Stiefel von sich. Dann zog sie die Knie an und schlang die Arme um die Beine. Ben Messers Wohnung war gemütlich, überhaupt nicht zu vergleichen mit ihrer eigenen, die unordentlich und unaufgeräumt war und von einem riesigen Hund bewohnt wurde, der noch dazu schnarchte. Judy hatte laute Nachbarn zu beiden Seiten, und in der Wohnung über ihr lebte, nach dem Getrampel zu schließen, ein zehnfüßiges Ungeheuer. Sie hatte selten den Frieden und die Ruhe, die Ben zu Hause genießen konnte.
Er kam mit dem Kaffee herein und setzte ihn auf dem niedrigen Tisch ab. Als er neben ihr Platz genommen hatte, deutete er auf den Stoß Papier neben dem Tablett und erklärte:»Rolle Nummer fünf. In all ihrer unleserlichen Pracht.«
Sie grinste.»Wissen Sie, als ich letzte Nacht wegging, stand ich im Eingang Ihres Arbeitszimmers und beobachtete Sie am Schreibtisch. Mann, haben Sie sich vielleicht konzentriert! Ich räusperte mich ein paarmal, und Sie hörten mich nicht einmal. Und Ihre Hand schrieb mit einer Geschwindigkeit von hundert Stundenkilometern! Es muß eine spannende Rolle sein.«