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Der Fluch der Schriftrollen

Электронная книга - «Der Fluch der Schriftrollen». Краткое содержание книги:

In das geordnete Dasein von Benjamin Messer platzt eine Briefsendung aus Israel. Sein alter Professor, Dr. Weatherby, ist dort bei Ausgrabungen auf einen sensationellen Fund gestoßen: Nahezu unversehrte Handschriften, seit fast 2000 Jahren in Tonkrügen verborgen. Bens Aufgabe ist es, den Text der Handschriften zu übersetzen.
Benjamin Messer, ein Mittdreißiger und selbst jüdischer Herkunft, ist Dozent für Orientalistik an der Universität von Los Angeles. Die Entzifferung alter Handschriften ist sein Spezialgebiet, und er macht sich mit Feuereifer an die herausfordernde Übersetzungsarbeit.
Zu seiner Überraschung handelt es sich bei den Texten nicht um religiöse Aufzeichnungen, wie etwa bei den berühmten Qumran-Rollen, sondern um die Niederschrift einer Art Lebensbeichte. David Ben Jona, ein jüdischer Bewohner Palästinas, hat sie im ersten Jahrhundert, wenige Jahrzehnte nach Christi Tod, für seinen Sohn verfaßt. Binnen kurzem ist Benjamin Messer von deren Inhalt wie verhext. Erinnerungen an seine eigene verdrängte Vergangenheit werden wach, an seine streng orthodoxe Erziehung, an den Vater, der in Majdanek ermordet wurde… Die Texte beginnen mit einem» Fluch des Mose «gegen alle, die sich die Schriften unrechtmäßig aneignen
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«Es liegt wohl in meiner Natur. Ich weiß gern über die Leute Bescheid. Darüber, was sie bewegt. Was einen Juden dazu veranlaßt, kein Jude mehr zu sein.«

«Woher wollen Sie wissen, daß ich je einer war?«»Sie sagten, Sie hatten eine religiöse Kindheit?«

«Ja. das sagte ich, nicht wahr? Also gut, ich werde es Ihnen erklären. Ich habe dem jüdischen Glauben tatsächlich den Rücken gekehrt. Aber ich wurde nicht nur ins Judentum hineingeboren, und damit hatte es sich, wie es auch bei Ihnen der Fall war. Ich war einmal ein praktizierender Jude, und dann habe ich es aufgegeben. Eigentlich tat ich sogar mehr als das. Ich wandte mich erhobenen Hauptes davon ab und schlug die Tür hinter mir zu. Zufrieden?«Sie zuckte die Achseln.»Das war keine sehr theologische Antwort.«

«Das habe ich auch nie behauptet. Na ja. «Es war, als spräche er mit sich selbst.»Vielleicht war ich einfach nicht dazu bestimmt, ein Jude zu sein. In der Kindheit wurde ich weiß Gott genug darauf getrimmt. Hebräisch war mir ebenso geläufig wie Jiddisch. Ich besuchte die Jeschiwa und ging jeden Samstag in die Synagoge. Als ich dann neunzehn war, stellte ich fest, daß es einfach nichts für mich war. Und so habe ich es ganz und gar sein lassen.«

«Sind Sie jetzt ein Atheist?«

Erneut fühlte er sich durch ihre Frage unliebsam überrascht.»Junge, Junge, Sie scheuen sich wohl überhaupt nicht davor, persönliche Fragen zu stellen, oder? Sind Sie Atheistin?«

«Ganz und gar nicht. Ich hänge dem Judentum auf meine eigene Weise, an.«

«Ein Judentum nach Ihrem eigenen Gutdünken.«

«Wenn Sie so wollen.«

«Ja, ich bin Atheist. Überrascht Sie das?«

«In gewisser Weise schon. Nur weil es mir sonderbar vorkommt, daß Sie Ihr Leben dem Studium religiöser Schriften widmen, ohne selbst religiös zu sein.«

«Großer Gott, Judy, man muß doch wohl kein Grashüpfer sein, um Insektenkunde zu studieren!«

Sie lachte.»Das ist wahr. Aber trotzdem könnte ich wetten, daß Sie die Thora besser kennen als irgendein Rabbi. «Ben zog die Augenbrauen hoch. Irgendwann in seiner nebelhaften Vergangenheit hatte jemand schon einmal dasselbe zu ihm gesagt. Er konnte sich nur nicht erinnern, wer es gewesen war, aber es hatte in seinem Geist dieselbe Reaktion hervorgerufen. Genau wie damals ertappte sich Ben dabei, wie er dachte: Es ist doch ziemlich seltsam, daß ich über Thora und Judentum vermutlich mehr weiß als beispielsweise der hiesige Rabbi, und doch gibt es dabei diesen großen Unterschied.

Was ist überhaupt Religion? Es ist mehr, als etwas zu wissen, mehr, als etwas auswendig zu lernen und ein Fachmann darin zu sein. Religion ist, etwas zu fühlen.

Und dieses Gefühl, das man gewöhnlich Glauben nannte, war bei Ben nicht vorhanden.

«Warum wurden Sie dann aber Atheist?«hörte er Judy fragen.»Warum haben Sie es nicht einmal mit dem Christentum versucht? Oder mit dem Buddhismus?«

«Es war nicht das Judentum, von dem ich mich abwandte, sondern Gott. Es gibt Leute, die keine Religion brauchen. Sie bringt nämlich nicht jedem den ersehnten Seelenfrieden. Für manche Menschen kann Religion Leid bedeuten.«

«Ja, das kann schon sein. «Sie blickte wieder nach unten auf den Stapel Papier in ihrem Schoß.»Ich frage mich, wie es für David ausgeht. Meinen Sie, daß er ein großer Rabbi wurde? Vielleicht sogar ein Mitglied des Hohen Rats?«

Auch Ben fing an, auf seine übersetzten Seiten zu starren. Er stellte sich einen siebzehnjährigen Juden mit schwarzem, welligem, schulterlangem Haar und den träumerischen Augen eines Propheten vor. David, David, dachte Ben, was versuchst du nur, mir zu sagen? Welche furchtbare Tat ist es, die zu gestehen du deinen ganzen Mut zusammengenommen hast, die du in verborgenen Tonkrügen versiegelt und mit einem mächtigen Fluch geschützt hast? Und dieser Fluch. Bens Miene verdüsterte sich. War es möglich, daß er wirklich über einige Macht verfügte? Könnte er mich etwa in irgendeiner Weise beeinflussen? Ist das der Grund für meine Alpträume, für meine schlaflosen Nächte, für meinen Streit mit Angie? Habe ich deshalb den Eindruck, daß David langsam Einfluß auf mein Leben gewinnt? Kann es sein, daß der Fluch Mose tatsächlich wirkt? — »Dr. Messer?«

Er blickte Judy an. Sie hatte geredet, und er hatte nichts gehört.»Es wird allmählich spät. Deshalb sollte ich mich jetzt vielleicht ans Tippen machen.«

Warum fallen mir so wunderliche Dinge ein? Warum kommen mir Gedanken, die ich nie zuvor hatte, als ob jemand anders sie mir eingäbe.?

«Ja, ans Tippen.«

Sie standen zusammen auf und vertraten sich die Beine. Ben warf einen Blick auf seine Armbanduhr und wurde von der vorgerückten Stunde aufgerüttelt. Wo war nur die Zeit geblieben?

Judy tippte bis spät in die Nacht hinein, wobei sie ab und zu ein paar kürzere Pausen einlegte. Währenddessen saß Ben allein in seinem dunklen Arbeitszimmer. Das Geklapper der Tasten war weniger störend als die immer wieder einkehrende Stille, so daß Ben einmal, als er glaubte, Judy habe ganz aufgehört, aufstand und nach ihr sah. Judy saß, das Kinn auf die Hände gestützt, vor der Schreibmaschine und starrte ins Leere. Einen Augenblick später setzte sie ihre Tipparbeit fort, als hätte sie sich plötzlich auf sich selbst besonnen. Ben kehrte an seinen Schreibtisch zurück, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Wieder zogen die Ereignisse von Rolle Nummer fünf an seinem inneren Auge vorbei. Er verweilte ein wenig bei Rebekka, malte sich den Unterricht in der Vorhalle des Tempels aus, sah sich dabei, wie er den ersten Brief an seinen Vater schrieb, und wunderte sich, daß Eleasar von seiner Tätigkeit als Wasserträger erfahren hatte. Dies waren gute Jahre, damals in Jerusalem, als er im Hause des Rabbis wohnte. Ben wünschte, er könnte diese Jahre noch einmal zurückholen, denn er hegte süße Erinnerungen daran.»Dr. Messer?«

Er ließ seine Hände sinken und setzte sich auf.»Ja?«

«Ich bin fertig.«

«Prima. «Ben stand auf.»Wissen Sie was? Ich bin mit einemmal hungrig. Mögen Sie Pizza?«Judy zögerte.»Passen Sie auf, ich flitze schnell nach unten und besorge uns eine mit allem darauf, was dazugehört. Ich denke, mein Magen hat nichts Eßbares mehr bekommen, seit, nun seit. ich kann mich nicht erinnern, wie lange es schon her ist.«

Er lief zur Garderobe.»Ich werde nicht lange brauchen. Die Pizzeria ist gerade hier um die Ecke, und es geht immer sehr schnell. Gewöhnlich hole ich mir dort etwas, wenn ich viel Arbeit habe. Ich werde auch eine Flasche billigen Wein dazu kaufen. Was halten Sie davon?«

«Einfach toll.«

Nachdem er gegangen war, schlenderte Judy durch die Wohnung und nahm einige der Kunstgegenstände in Augenschein. Es waren vorwiegend Sachen aus dem Mittleren Osten, viele Geräte aus archäologischen Funden, ein paar Souvenirs und schließlich der übliche, in besseren Häusern anzutreffende Nippes. Sie stand gerade vor dem Aquarell vom Nil und den Pyramiden, als das Telefon klingelte.

Ohne zu zögern, nahm Judy den Hörer ab.»Hallo?«Am anderen Ende der Leitung trat eine kurze Stille ein, dann hörte sie, wie aufgelegt wurde.

Judy wollte eben weggehen, als das Telefon abermals klingelte. Diesmal nahm sie ab und sagte:»Bei Dr. Messer«, aber der andere Teilnehmer legte wiederum auf.

Es klingelte kein drittes Mal mehr, und als Ben schließlich mit dem Wein und der Pizza nach Hause kam und Judy ihm von den Anrufen erzählte, zuckte er nur die Schultern und meinte:»Wenn es wichtig ist, werden sie schon zurückrufen.«

Sie breiteten die Pappschachtel auf dem Kaffeetischchen aus, holten Gläser und Servietten und nahmen die Pizza in Angriff.»Sie haben einige interessante Dinge in Ihrer Wohnung«, bemerkte Judy, während sie von ihren Fingern Käsefäden ableckte.»Alles Beute von meinen Reisen.«

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