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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Die Verhältnisse der Familie sind, wie es heißt, sehr schlecht«, sagte Julja. »Und er, der Graf selbst, ist so unverständig. Rasumowskis wollten ihm sein hiesiges Haus und sein Landhaus vor der Stadt abkaufen; aber die Sache zieht sich immer noch hin, weil er zu viel fordert.«

»Nicht doch, es scheint, daß der Verkauf in diesen Tagen zustande kommen wird«, sagte jemand. »Wiewohl es jetzt geradezu sinnlos ist, in Moskau etwas zu kaufen.«

»Wieso?« fragte Julja. »Meinen Sie wirklich, daß für Moskau Gefahr besteht?«

»Warum reisen Sie denn weg?«

»Ich? Eine sonderbare Frage. Ich reise weg, weil … nun, weil alle wegreisen, und dann … ich bin keine Jeanne d’Arc und keine Amazone.«

»Nun ja, ja.«

»Reichen Sie mir doch, bitte, noch ein paar Läppchen herüber.«

»Wenn er richtig zu wirtschaften verstände, so könnte er alle seine Schulden bezahlen«, nahm der Landwehroffizier das Gespräch über den alten Grafen Rostow wieder auf.

»Ein guter alter Mann, aber ein armer Tropf. Und warum wohnen sie denn so lange hier? Sie wollten ja schon längst auf das Land ziehen. Natalja ist ja doch wohl jetzt wieder gesund?« fragte Julja mit schlauem Lächeln den neben ihr sitzenden Pierre.

»Sie erwarten den jüngeren Sohn«, antwortete Pierre. »Er war bei Obolenskis Kosaken eingetreten und nach Bjelaja Zerkow gereist. Da wird das Regiment formiert. Aber jetzt haben die Eltern seine Versetzung in mein Regiment veranlaßt und erwarten ihn jeden Tag. Der Graf wollte schon längst wegziehen; aber die Gräfin läßt sich um keinen Preis darauf ein, von Moskau wegzugehen, ehe nicht der Sohn ankommt.«

»Ich habe Rostows vorgestern bei Archarows gesehen. Natalja ist wieder recht hübsch geworden, auch heiterer. Sie sang ein gefühlvolles Lied. Wie leicht doch bei manchen Menschen alles vorübergeht!«

»Was geht vorüber?« fragte Pierre unwillig.

Julja lächelte.

»Wissen Sie, Graf, solche Ritter, wie Sie, kommen sonst nur in den Romanen von Madame Souza vor.«

»Was soll ich denn für ein Ritter sein? Wieso?«

»Nun, lassen Sie es gut sein, lieber Graf; c’est la fable de tout Moscou. Je vous admire, ma parole d’honneur.«

»Strafe, Strafe!« rief der Landwehroffizier.

»Nun, meinetwegen. Aber man kann ja gar nicht mehr reden; recht öde!«

»Was ist das Stadtgespräch von ganz Moskau?« fragte Pierre ärgerlich und stand auf.

»Lassen Sie es gut sein, Graf. Das wissen Sie ja!«

»Nichts weiß ich«, erwiderte Pierre.

»Ich weiß, daß Sie mit Natalja in freundschaftlichem Verhältnisse standen, und darum … Ich meinerseits habe mich immer mehr zu Wjera hingezogen gefühlt. Die liebe Wjera!«

»Nein, Fürstin«, fuhr Pierre unwillig fort. »Ich habe ganz und gar nicht die Rolle eines Ritters der Komtesse Rostowa übernommen und bin schon beinahe einen Monat lang nicht bei ihnen gewesen. Aber ich begreife die Grausamkeit nicht …«

»Qui s’excuse, s’accuse«, sagte Julja lächelnd und machte mit der Hand, in der sie die Scharpie hielt, eine bedeutsame Geste. Und um das letzte Wort zu behalten, wechselte sie sogleich das Thema der Unterhaltung. »Was sagen Sie dazu? Ich habe heute gehört, die arme Marja Bolkonskaja ist gestern in Moskau angekommen. Sie wissen wohl schon, daß sie ihren Vater verloren hat?«

»Oh! Ist es möglich! Wo ist sie? Ich würde sie gern aufsuchen«, sagte Pierre.

»Ich bin gestern den Abend über bei ihr gewesen. Sie fährt heute oder morgen früh mit ihrem Neffen auf ihr Landgut hier in der Nähe.«

»Nun, und wie geht es ihr?« fragte Pierre.

»Nur mäßig; sie ist sehr traurig. Aber wissen Sie, wer sie gerettet hat? Es ist ein vollständiger Roman. Nikolai Rostow. Sie war umringt, man wollte sie ermorden, mehrere ihrer Leute waren schon verwundet. Da eilte er herbei und rettete sie …«

»Also noch ein Roman!« rief der Landwehroffizier. »Diese allgemeine Flucht ist entschieden in Szene gesetzt, damit alle alten Jungfern unter die Haube kommen. Numero eins Catiche, Numero zwei die Prinzessin Bolkonskaja.«

»Wissen Sie, ich glaube wahrhaftig, sie ist un petit peu amoureuse du jeune homme.«

»Strafe, Strafe, Strafe!«

»Aber wie kann man das überhaupt auf russisch sagen?«

XVIII

Als Pierre nach Hause zurückkehrte, wurden ihm zwei Rastoptschinsche Flugblätter überreicht, die an diesem Tag erschienen waren.

In dem ersten war gesagt, das Gerücht, Graf Rastoptschin habe verboten, daß die Einwohner Moskau verließen, sei unwahr; im Gegenteil freue sich Graf Rastoptschin darüber, daß die adligen Damen und Kaufmannsfrauen aus Moskau wegreisten; es werde nun weniger Furcht und weniger Neuigkeitskrämerei in der Stadt geben. Dann hieß es in dem Flugblatt weiter: »Aber ich verbürge mich mit meinem Kopf dafür, daß der Bösewicht nicht nach Moskau hineingelangen wird.« Aus diesen Worten ersah Pierre zum erstenmal klar, daß die Franzosen in Moskau einziehen würden. Im zweiten Flugblatt wurde mitgeteilt, unser Hauptquartier befinde sich in Wjasma; Graf Wittgenstein habe die Franzosen besiegt; aber da viele Einwohner den Wunsch hätten, sich zu bewaffnen, so würden für sie im Zeughaus Waffen bereitgehalten: Säbel, Pistolen, Gewehre; diese würden den Einwohnern für billigen Preis abgelassen. Der Ton dieser Flugblätter war nicht mehr so scherzhaft wie in den früheren Gesprächen Tschigirins. Pierre wurde durch diese Flugblätter sehr nachdenklich gestimmt. Die furchtbare Gewitterwolke, die er mit aller Kraft seiner Seele herbeirief und die ihn zugleich unwillkürlich mit Schrecken erfüllte, rückte offenbar näher.

»Soll ich in den Militärdienst eintreten und zur Armee gehen oder abwarten?« Diese Frage legte sich Pierre zum hundertstenmal vor. Er nahm ein Spiel Karten, das in seinem Zimmer auf dem Tisch lag, und schickte sich an, Patience zu legen.

»Wenn diese Patience aufgeht«, sagte er zu sich selbst, als er die Karten gemischt hatte und sie nun in der Hand hielt und nach oben sah, »wenn sie aufgeht, so bedeutet das … ja, was bedeutet das?«

Er war sich noch nicht darüber schlüssig geworden, was das bedeuten sollte, als er vor der Tür seines Zimmers die Stimme der ältesten Prinzessin hörte, welche fragte, ob sie hereinkommen dürfe.

»Dann bedeutet es, daß ich zur Armee gehen soll«, beendete Pierre seine Überlegung. »Herein, herein!« rief er dann, sich nach der Prinzessin hinwendend.

Nur die älteste Prinzessin, die mit der langen Taille und dem versteinerten Gesicht, lebte noch in Pierres Haus; die beiden jüngeren hatten sich verheiratet.

»Verzeihen Sie, Kusin, daß ich zu Ihnen komme«, sagte sie aufgeregt und in vorwurfsvollem Ton. »Wir müssen doch endlich einen bestimmten Entschluß fassen. Was soll denn nun mit uns eigentlich werden? Die ganze bessere Gesellschaft hat Moskau verlassen, und das Volk rebelliert. Warum bleiben wir denn noch hier?«

»Im Gegenteil, es scheint ja doch alles gut zu stehen, liebe Kusine«, erwiderte – Pierre mit jener gewohnheitsmäßigen Scherzhaftigkeit, die er sich im Verkehr mit ihr zu eigen gemacht hatte, da es ihn der Prinzessin gegenüber immer verlegen machte, die Rolle eines Wohltäters zu spielen.

»Jawohl, gut zu stehen! Wenn Sie das ›gut stehen‹ nennen! Mir hat Warwara Iwanowna heute erst erzählt, was für Heldentaten unsere Truppen verrichten! Geradezu stolz kann man darauf sein! Und auch das Volk ist schon ganz rebellisch geworden und gehorcht nicht mehr; sogar mein Mädchen fängt an grob zu werden. Auf die Art wird es bald dahin kommen, daß sie uns prügeln. Auf den Straßen kann man schon gar nicht mehr gehen. Und was die Hauptsache ist: heute oder morgen werden die Franzosen kommen; worauf warten wir da noch? Ich habe nur die eine Bitte, Kusin«, sagte die Prinzessin, »ordnen Sie an, daß ich nach Petersburg fahren kann; mag ich im übrigen sein, wie ich will, aber unter der Herrschaft Bonapartes zu leben, dazu bin ich nicht imstande.«

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