Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #4
- Год: 2017
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Sie sah ganz deutlich das Gesicht des Mannes mit herunterhängender Kinnlade vor sich in der Luft hängen, sah, wie sein Blick vor Erstaunen über Grauen in bewusstlose Stumpfheit überging, so langsam, dass sie die Veränderung verfolgen konnte. Hatte Zeit, um die kräftigen Farben in seinem Gesicht zu sehen. Eine dunkelrote Lippe verfing sich in einem gelben Zahn, halb zu einem verächtlichen Grinsen hochgezogen. Winzige Blüten in leuchtendem Rot, die sich in einem eleganten Bogen auf seiner Schläfe entfalteten, japanische Wasserblumen, die auf dem Feld einer frischen, blauen Prellung erblühten.
Sie war völlig ruhig, nicht mehr als ein Kanal für jene Urenergie, die die Männer Mütterlichkeit nennen, weil sie ihre zärtliche Seite mit Schwäche verwechseln. Sie sah ihre eigenen Hände, ihre nackten Knöchel, ihre vorstehenden Sehnen, spürte, wie die Kraft an ihren Beinen hoch- und zurücklief, durch Handgelenke und Arme und Schultern, holte wieder Schwung, so langsam, es kam ihr so langsam vor, und doch fiel der Mann immer noch, hatte den Boden immer noch nicht ganz erreicht, als der Gewehrkolben erneut zuschlug.
Eine Stimme rief ihren Namen. Dumpf durchdrang sie das kristallene Summen, das sie umgab.
»Aufhören, in Gottes Namen! Mensch – Brianna – aufhören!«
Es waren Hände auf ihren Schultern, zerrten an ihr, schüttelten sie. Sie entwand sich ihrem Griff und drehte sich um, das Gewehr immer noch in der Hand.
»Rührt mich nicht an«, sagte sie, und er trat schnell einen Schritt zurück, die Augen voller Überraschung und Argwohn – und vielleicht einem Hauch von Furcht? Angst vor ihr? Warum sollte jemand Angst vor ihr haben?, dachte sie dumpf. Er sagte etwas; sie sah, wie sich sein Mund bewegte, doch sie konnte den Sinn der Worte nicht erfassen, sie waren nur Lärm. Der Strom in ihr ließ nach, und ihr wurde schwindelig.
Dann passte die Zeit sich der Wirklichkeit wieder an und begann, normal weiterzulaufen. Ihre Muskeln zitterten, denn ihre Fasern hatten sich in Wackelpudding verwandelt. Sie stellte den fleckigen Gewehrkolben auf den Boden, um sich darauf zu stützen.
»Was habt Ihr gesagt?«
Ungeduld flackerte über sein Gesicht.
»Ich habe gesagt, wir haben keine Zeit zu verlieren. Habt Ihr nicht gehört, wie der Mann gesagt hat, dass die Lunten brennen?«
»Was für Lunten? Wieso?« Sie sah seinen Blick zu der Tür in ihrem Rücken schnellen. Bevor er sich bewegen konnte, trat sie zurück in den Türdurchgang und hob den Gewehrlauf. Er wich instinktiv vor ihr zurück und stieß mit den Rückseiten seiner Beine an die Bank. Er fiel nach hinten und stieß an die Ketten, die an der Wand befestigt waren; leere Handeisen klirrten gegen den Backstein.
Der Schock begann, sich über sie zu stehlen, doch die Erinnerung an den weißglühenden Strom brannte immer noch in ihrem Rückgrat und hielt sie aufrecht.
»Ihr habt doch wohl nicht vor, mich umzubringen?« Er versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht; er konnte die Panik nicht ganz aus seinem Blick verbannen. Sie hatte gesagt, dass sie besser schlafen würde, wenn er tot war.
Die Freiheit ist schwer zu erringen, doch sie ist niemals die Frucht eines Mordes. Jetzt hatte sie ihre schwer erkämpfte Freiheit, und sie würde sie ihm nicht zurückgeben.
»Nein«, sagte sie und umfasste das Gewehr fester, den Kolben fest in ihre Schulter geschmiegt. »Aber bei Gott, ich werde Euch in die Knie schießen und Euch hierlassen, wenn Ihr mir nicht auf der Stelle sagt, was zum Teufel hier vor sich geht!«
Er verlagerte sein Gewicht; sein kräftiger Körper schwebte in der Hocke, die blassen Augen auf sie gerichtet, abschätzend. Sie blockierte den kompletten Durchgang, ihre massige Gestalt füllte ihn von einer Wand bis zur anderen aus. Sie sah den Zweifel in seiner Haltung, die Anspannung seiner Schultern, als er daran dachte, sie zu überrennen, und spannte den Gewehrhahn mit einem einzigen, lauten Klick!
Er stand zwei Meter von der Mündung entfernt; zu weit weg, um es ihr mit einem Satz zu entreißen. Eine Bewegung, ein Zug ihres Fingers am Abzug. Sie konnte ihn nicht verfehlen, und er wusste es.
Seine Schultern sackten zusammen.
»Das Lagerhaus da oben ist mit Schießpulver und Lunten präpariert«, sagte er, seine Stimme schnell und scharf, begierig, es hinter sich zu bringen. »Ich kann nicht sagen, wie lange noch, aber es geht gleich mit einem allmächtigen Knall hoch. Um Himmels willen, lasst mich hier heraus!«
»Warum?« Ihre Hände hielten das Gewehr, verschwitzt, aber ruhig. Das Baby bewegte sich und erinnerte sie daran, dass auch sie keine Zeit zu verlieren hatte. Doch sie würde eine Minute riskieren, um es zu erfahren. Sie musste es um John Greys willen wissen, dessen Körper leblos hinter ihr auf dem Boden lag. »Ihr habt gerade einen wunderbaren Mann umgebracht, und ich will wissen, warum!«
Er machte eine frustrierte Geste.
»Die Schmuggelei!«, sagte er. »Wir waren Partner, der Sergeant und ich. Ich habe ihm billige Schmuggelware besorgt, er hat sie mit dem Siegel der Krone versehen. Er stahl lizenzierte Ware, ich habe sie für einen guten Preis verkauft und den Erlös mit ihm geteilt.«
»Weiter.«
Er tänzelte fast vor Ungeduld.
»Ein Soldat – Hodgepile – war uns auf der Spur und hat herumgefragt. Murchison konnte nicht sagen, ob er es weitererzählt hatte, aber es war nicht klug, es darauf ankommen zu lassen, nicht, nachdem man mich festgenommen hatte. Der Sergeant hat den letzten Alkohol aus dem Lagerhaus geholt, ihn durch Terpentinfässer ersetzt und die Lunten gelegt. Alles fliegt in die Luft, niemand kann sagen, dass da etwas anderes als Brandy gebrannt hat – keine Spur von einem Diebstahl. Das ist es, das ist alles. Jetzt lasst mich gehen!«
»Gut.« Sie senkte die Muskete ein paar Zentimeter, entspannte sie aber noch nicht. »Was ist mit ihm?« Sie wies kopfnickend auf den am Boden liegenden Sergeanten, der zu prusten und zu murmeln begann.
Er sah sie verständnislos an.
»Was ist mit ihm?«
»Nehmt Ihr ihn nicht mit?«
»Nein.« Er stahl sich auf die eine Seite, hielt Ausschau nach einem Weg an ihr vorbei. »Um des lieben Himmels willen, Frau, lasst mich und rettet Euch selbst! Da oben sind zwölf Zentner Pech und Terpentin. Es wird hochgehen wie eine Bombe!«
»Aber er lebt noch! Wir können ihn doch nicht hierlassen!«
Bonnet warf ihr einen völlig entnervten Blick zu und durchquerte dann mit zwei Schritten den Raum. Er bückte sich, riss dem Sergeanten den Dolch aus dem Gürtel und zog ihn fest über seine fette Kehle, genau über der ledernen Halsbinde. Blut spritzte wie Gischt auf Bonnets Hemd und sprühte gegen die Wand.
»So«, sagte er und richtete sich auf. »Jetzt lebt er nicht mehr. Lasst ihn.«
Er ließ den Dolch fallen, schob sie zur Seite und sprang mit einem Satz hinaus in den Korridor. Sie konnte hören, wie sich seine Schritte entfernten, schnell und schallend auf dem Backstein.
Der Schock der Aktion und Reaktion ließ sie am ganzen Leib erzittern, und sie stand eine Sekunde lang still, während sie auf John Greys Körper hinabstarrte. Trauer erfasste sie, und ihr Bauch ballte sich fest zusammen. Sie fühlte keinen Schmerz, doch jede Faser in ihr hatte sich zusammengezogen; ihr Bauch wölbte sich vor, als hätte sie einen Basketball verschluckt. Sie fühlte sich atemlos, zu keiner Bewegung fähig.
Nein, dachte sie, eindeutig an das Kind in ihr gerichtet. Ich habe keine Wehen, absolut, ganz bestimmt nicht. Ich lasse es nicht zu. Bleib, wo du bist. Ich habe jetzt keine Zeit.
Sie trat zwei Schritte in den Korridor hinaus, dann blieb sie stehen. Nein, sie musste zumindest nachsehen, sichergehen. Sie drehte sich zurück und kniete sich neben John Greys Körper. Er hatte tot ausgesehen, als sie ihn anfangs dort liegen gesehen hatte, und das war immer noch so; er hatte sich weder bewegt noch auch nur gezuckt, seit sie seinen Körper entdeckt hatte.