Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #4
- Год: 2017
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Sie beugte sich vor, konnte aber kaum über ihren Kugelbauch hinüberreichen. Sie ergriff seinen Arm und zog an ihm, versuchte, ihn umzudrehen. Er war zwar ein kleiner, feinknochiger Mann, doch er war trotzdem schwer. Sein Körper kippte nach oben, rollte schlaff mit baumelndem Kopf auf sie zu, und ihr sank erneut das Herz, als sie seine halb geschlossenen Augen und seinen offenstehenden Mund sah. Doch sie griff unter seine Kinnlade und suchte hektisch nach einer Pulsstelle.
Wo zum Teufel war es? Sie hatte schon öfter gesehen, wie ihre Mutter das in Notfällen machte; schneller zu finden als ein Puls im Handgelenk, hatte sie gesagt. Sie konnte keinen finden. Wie lange noch, wie lange würden die Lunten brennen?
Sie wischte sich mit einer Falte ihres Umhangs über ihr klammes Gesicht und versuchte nachzudenken. Sie blickte hinter sich und schätzte die Entfernung zur Treppe ab. Himmel, konnte sie es riskieren, selbst wenn sie es allein tat? Die Vorstellung, in dem Moment oben im Lagerhaus aufzutauchen, wenn dort alles in die Luft ging – sie warf einen Blick nach oben, bückte sich dann über ihre Aufgabe und versuchte es noch einmal. Sie drückte seinen Kopf weit nach hinten. Sie konnte die verdammte Vene unter seiner Haut sehen – da musste der Puls doch sein, oder?
Einen Augenblick lang war sie sich nicht sicher, ob sie ihn spürte; es hätte einfach nur das Hämmern ihres eigenen Herzens sein können, das in ihren Fingerspitzen schlug. Doch nein, es war – ein anderer Rhythmus, schwach und flatternd. Er mochte fast tot sein, aber nicht ganz.
»Knapp vorbei«, murmelte sie, »ist auch daneben.« Sie hatte zu viel Angst, um übermäßig erleichtert zu sein; jetzt musste sie ihn hinausschaffen. Sie kämpfte sich hoch und langte hinunter, um seine Arme zu ergreifen und ihn hinter sich herzuziehen. Doch dann hielt sie inne, denn die Erinnerung an etwas, das sie kurz zuvor gesehen hatte, durchdrang ihre Panik.
Sie wandte sich um und schleppte sich hastig in die Zelle zurück. Ohne das rot durchtränkte Bündel auf dem Boden anzusehen, schnappte sie nach der Laterne und trug sie in den Korridor zurück. Sie hielt sie hoch und erleuchtete die niedrige Backsteindecke. Ja, sie hatte recht gehabt!
Die Ziegel schwangen sich in gewölbten Buhnen empor und formten Arkaden auf beiden Seiten der Korridore. Alkoven und Zellen, Lagerraum. Über diesen Buhnen verliefen solide, zwanzig Zentimeter dicke Kiefernbalken. Darüber dicke Planken – und über den Planken eine Lage aus Ziegeln, die den Boden des Lagerhauses bildete.
Hochgehen wie eine Bombe, hatte Bonnet gesagt, aber hatte er recht? Terpentin war brennbar, Pech ebenfalls; ja, es würde wahrscheinlich explodieren, wenn es unter Druck in Brand geriet, aber nicht wie eine Bombe, nein. Lunten. Lunten im Plural. Lange Lunten offenbar, und wahrscheinlich führten sie zu kleinen Schießpulverdepots, das war der einzige Sprengstoff, den Murchison haben konnte; es gab noch keine hochexplosiven Stoffe.
Also würde das Schießpulver an mehreren Stellen explodieren und die umstehenden Fässer in Brand setzen. Doch die Fässer würden langsam brennen; sie hatte Sinclair einmal dabei zugesehen, wie er solche Fässer herstellte; die Dauben waren anderthalb Zentimeter dick und wasserdicht. Ihr fiel der Geruch beim Durchschreiten des Lagerhauses ein; ja, wahrscheinlich hatte Murchison bei ein paar Fässern die Stöpsel gezogen und das Terpentin auslaufen lassen, um dem Feuer nachzuhelfen.
Also würden die Fässer zwar brennen, doch sie würden wahrscheinlich nicht explodieren – oder wenn, dann nicht alle gleichzeitig. Das Atmen fiel ihr etwas leichter, während sie diese Überlegungen anstellte. Keine Bombe; vielleicht eine Serie von Feuerwerkskörpern.
Also. Sie holte tief Luft – so tief sie es mit Osbert im Weg konnte. Sie legte die Hand auf ihren Bauch und spürte, wie ihr dahinrasender Herzschlag sich zu verlangsamen begann.
Selbst wenn einige Fässer explodierten, würde sich der Druck der Explosion nach außen und nach oben richten, durch die dünnen Holzwände und das Dach. Nur ein kleiner Teil des Druckes würde nach unten abgeleitet werden. Und dieser – sie langte hinauf und drückte mit der Hand gegen einen Balken, um sich seiner Haltbarkeit zu versichern.
Sie setzte sich ganz plötzlich auf den Boden, und ihre Röcke blähten sich um sie herum.
»Ich glaube, es wird gutgehen«, flüsterte sie, ohne zu wissen, ob sie John, das Baby oder sich selbst meinte.
Vor Erleichterung zitternd, saß sie einen Augenblick zusammengesunken da, wälzte sich dann umständlich auf die Knie und begann, mit zittrigen Fingern Erste Hilfe zu leisten.
Sie mühte sich immer noch damit ab, einen Streifen vom Saum ihres Unterrockes abzureißen, als sie die Schritte hörte. Sie näherten sich schnell, rannten fast. Sie drehte sich abrupt zur Treppe, doch nein – die Schritte kamen aus der anderen Richtung, hinter ihr.
Sie wirbelte herum und sah Stephen Bonnets Gestalt aus der Dunkelheit aufragen.
»Lauft weg!«, schrie er sie an. »Um des lieben Himmels willen, warum seid Ihr noch nicht fort?«
»Weil es hier sicher ist«, sagte sie. Sie hatte die Muskete neben Greys Körper auf den Boden gelegt; sie bückte sich und ergriff sie, hob sie an ihre Schulter. »Geht.«
Er starrte sie mit halb geöffnetem Mund aus dem Dämmerlicht an.
»Sicher? Was für eine Idiotin! Habt Ihr nicht gehört –«
»Ich habe es gehört, aber Ihr irrt Euch. Es wird nicht explodieren. Und selbst wenn, wäre es hier unten noch sicher.«
»Unsinn! Lieber Himmel! Selbst wenn der Keller nicht in die Luft fliegt, was geschieht, wenn das Feuer durch den Boden kommt?«
»Das geht nicht, er ist aus Stein.« Sie ruckte mit dem Kinn nach oben, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
»Hier hinten ja – vorne am Fluss ist er aus Holz, genau wie oben am Kai. Er wird abbrennen und einstürzen. Und was geschieht dann hier hinten, häh? Wird Euch nicht viel nützen, dass die Decke hält, wenn der Rauch angewälzt kommt, um Euch zu ersticken!«
Sie spürte, wie sich eine Welle der Übelkeit in ihrem Inneren regte.
»Er ist offen? Der Keller ist nicht versiegelt? Das andere Ende des Korridors ist offen?« Noch bevor sie den Satz beendete, war ihr klar, dass er natürlich offen war – er war in diese Richtung gerannt, zum Fluss, nicht zur Treppe.
»Ja! Jetzt kommt!« Er machte einen Satz nach vorn und griff nach ihrem Arm, doch sie fuhr zurück bis an die Wand, die Gewehrmündung auf ihn gerichtet.
»Ich gehe nicht ohne ihn.« Sie leckte sich die trockenen Lippen und wies kopfnickend auf den Boden.
»Der Mann ist tot!«
»Das ist er nicht! Hebt ihn auf!«
Eine außergewöhnliche Mischung von Gefühlen überzog Bonnets Gesicht; Wut und Erstaunen waren die stärksten unter ihnen.
»Hebt ihn auf!«, wiederholte sie laut. Er stand bewegungslos da und starrte sie an. Dann hockte er sich ganz langsam hin, nahm John Greys schlaffe Gestalt in die Arme, schob seine Schulter unter Greys Bauch und hievte ihn hoch.
»Dann kommt jetzt«, sagte er und verschwand in der Dunkelheit, ohne sie noch einmal anzusehen. Sie zögerte eine Sekunde lang, ergriff dann die Laterne und folgte ihm.
Nach zwanzig Metern roch sie Rauch. Der gemauerte Korridor verlief nicht gerade, er verzweigte und wand sich, damit man in die unzähligen Kellerräume gelangen konnte. Doch er führte beständig abwärts auf das Flussufer zu. Während sie den vielen Windungen hinunter folgten, verdichtete sich der Rauchgeruch; eine übelriechende Dunstschicht trieb träge um sie herum, unübersehbar im Licht der Laterne.
Brianna hielt die Luft an und versuchte, nicht zu atmen. Trotz Greys Gewicht bewegte sich Bonnet schnell. Sie konnte kaum mithalten, da sie mit dem Gewehr und der Laterne bepackt war, doch sie hatte im Augenblick nicht vor, einen dieser Gegenstände zurückzulassen. Ihr Bauch zog sich wieder zusammen, noch einer dieser atemlosen Momente.
»Noch nicht, habe ich gesagt!«, knurrte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
Sie hatte einen Augenblick stehen bleiben müssen; Bonnet war vor ihr im Dunst verschwunden. Offenbar hatte er aber das Nachlassen des Laternenlichts bemerkt – sie hörte ihn irgendwo vor sich rufen.