Das schwarze Buch der Geheimnisse
- Автор: Хиггинс Фиона Э.
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «Das schwarze Buch der Geheimnisse». Краткое содержание книги:
Die englische Originalausgabe erschien bei Macmillan Children’s Books, London, unter dem Titel »The Black Book of Secrets«
Joe ließ Ludlow draußen warten, betrat den Laden und blieb ein paar Minuten stehen, um die Umgebung zu mustern. Er musste sich ein wenig vorbeugen, und als er den Hut abnahm, strich sein ungebändigtes Haar über die Eichenbalken unter der Decke. Regale zogen sich an den Wänden entlang, und im ganzen Raum standen eng nebeneinander Reihen von Bücherregalen. Joe ging zwischen den Regalreihen hindurch und fuhr mit seinen langen Fingern über die dunklen Buchrücken. Es schien keine bestimmte Ordnung zu herrschen: Romane standen neben wissenschaftlichen Werken, Kunst neben Mathematik, antiquarische neben neuen Büchern.
Wie aus dem Nichts erschien Perigoe und tippte ihn mit ihrem verhutzelten Zeigefinger an.
»Mr Zabbidou, glaube ich?« Ihre Stimme war fast unhörbar. Perigoe sprach immer, als befürchte sie, jemand könne lauschen.
»So ist es«, antwortete Joe. »Freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Mrs Leafbinder.« Er nahm ihre blutleere Hand in seine und küsste sie in aller Form.
Für einen Moment überließ ihm Perigoe ihre Hand und dachte flüchtig an eine Zeit, in der sie bei einer solchen Geste errötet wäre.
»Wie kann ich Euch helfen?«, fragte sie und zwinkerte dreimal.
»Ich suche ein Buch über Tiere«, sagte Joe. »Speziell eines über Amphibien, von S. E. Salter. Ich hatte gehofft, Ihr könntet diesen Band haben.«
»Ich glaube, ich habe ihn«, sagte Perigoe und glitt davon, so schwebend, als habe sie keine Füße. Sie war schnell zurück und reichte Joe das Buch, eine schmale gebundene Ausgabe mit Farbtafeln. Er hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger und sah Perigoe tief in die Augen. Es fiel ihr schwer, seinem Blick auszuweichen.
»Ich dachte, Ihr würdet vielleicht gern ein Gläschen mit mir trinken«, schlug er vor. »Heute Nacht?«
Perigoe nickte langsam, und ihr Augenlid zuckte wie ein Blatt Papier im Wind. Sie hätte gern zur Seite geschaut, aber das war aus irgendeinem Grund nicht möglich. Eine leise Melodie wie von Vogelgezwitscher am frühen Morgen ging ihr durch den Kopf, und ihre knochigen Finger fingen an zu kribbeln, als hätte sie in Brennnesseln gegriffen.
»Um Mitternacht?«
Wieder nickte Perigoe.
»Bis dahin also«, sagte Joe und brach damit den Bann. Er ging zur Tür und hielt das Buch in die Höhe.
»Was schulde ich Euch?«
Perigoes Herz flatterte wie eine gefangene Motte, sie musste sich an einem Regal festhalten. »Es kostet nichts«, flüsterte sie.
Als Joe nach dem Türknauf griff, verdunkelte ein Schatten auf der anderen Seite den Türrahmen. Er hörte schweres Atmen, und schon platzte Jeremiah Ratchet herein wie eine Flasche obergäriges Bier, aus der der Korken knallt. Als er Joe sah, schnaubte er verächtlich. Joe trat ein wenig zurück und machte den Eingang frei, dann tippte er zum Gruß an seinen Hut und ging hinaus, ohne sich umzuschauen.
Auf dem Rückweg zum Leihhaus fragte sich Ludlow, was Jeremiah bei Perigoe wohl zu tun gehabt hatte. Ein Büchermensch war er ganz sicher nicht. Ludlow versuchte, den Titel auf Joes neuem Buch zu lesen, aber die Falten des Umhangs verdeckten es.
Von außen betrachtet hatte Perigoe Leafbinder, verglichen mit den meisten anderen Dorfbewohnern, ein gutes Leben. Sie besaß ein erfolgreiches Geschäft, an Geld mangelte es ihr nicht. Sie hatte ein schönes Eheleben gehabt und war nun genauso zufrieden in ihrem Witwenstand. Trotzdem fand sie sich um Mitternacht unter den drei goldenen Kugeln ein. Wie so viele andere aus Pagus Parvus hatte auch sie ein quälendes Geheimnis, das ihr keine Ruhe ließ. Im Licht des zunehmenden Mondes hob sie den Arm.
Joe öffnete die Tür, bevor sie klopfen konnte.
»Mrs Leafbinder«, sagte er, »ich habe Euch erwartet.«
Leise schlüpfte Perigoe in den Laden, und Joe führte sie in den hinteren Raum.
»Was sind das eigentlich für Geschäfte, die Ihr spätnachts hier abwickelt?«, fragte sie, und ihr Augenlid zuckte wild.
»Ich kaufe Geheimnisse.«
Nervös rückte Perigoe ihre Brille zurecht, während sie über Joes Auskunft nachdachte. Schließlich sagte sie: »Ich habe ein Geheimnis, das ich gern verkaufen würde. Wollt Ihr es haben?«
»Aber selbstverständlich«, erwiderte Joe und reichte ihr ein Glas. »Ich bin sicher, ein Geheimnis von Euch ist von höchster Qualität und wird wohl eine schöne Summe wert sein.«
Perigoe errötete. Sie zwinkerte zweimal, nippte an dem süßen Schnaps und begann.
Kapitel 29
Auszug aus dem
Schwarzen Buch der Geheimnisse
Das Geständnis der Buchhändlerin
Mein Name ist Perigoe Leafbinder und ich habe eine elende Sache zu bekennen.
Die Leafbinders sind seit fast zwei Jahrhunderten im Buchgewerbe tätig, und ich bin stolz darauf, diese Tradition weiterzuführen. Dreißig Jahre meines Lebens habe ich in dem Buchladen zugebracht, und so Gott will, mache ich gern noch dreißig Jahre weiter, aber wenn ich mich nicht von meinen quälenden Gedanken befreien kann, bezweifle ich, dass ich auch nur noch ein Jahr überstehe.
Es gibt ein Buch, von dessen Auflage drei Exemplare als enorm wertvoll gelten. Die Geschichte selbst ist weder von besonderem Interesse noch von literarischem Wert, es geht dabei nur um die schlichte Erzählung eines Bergschäfers. Was diese drei Exemplare so begehrt macht, ist der Umstand, dass die dreizehnte Zeile auf der dreizehnten Seite verkehrt herum gedruckt ist. Niemand weiß, wie das passieren konnte; manche glauben, der Drucker sei im Bund mit dem Satan gewesen und die Wörter seien durch Teufelswerk verdreht worden. Andere sagen, ein Blitz vom Himmel habe die Buchstaben umgestellt: ein Zeichen des Wohlwollens vom größten aller Schäfer, von Gott selbst. Oder es war vielleicht der junge Lehrling des Druckers – er trank gern ein Gläschen und war immer zu einem Spaß aufgelegt. Doch was auch der Grund sein mag, der Fehler taucht jedenfalls nur bei drei von den zweihundert gedruckten Exemplaren des Buches auf.
Wo zwei dieser verdruckten Bücher stehen, ist bekannt: das eine im Museum einer fremden Stadt, das andere bei der Familie des Schäfers, der die Geschichte geschrieben hat. Die Leute leben mit ihren Schafen in den Bergen und lassen sich kaum je blicken. Schon seit Generationen ist das Buch in ihrem Besitz, und sie wollen es um keinen Preis verkaufen. Geld bedeutet ihnen nichts, sagen sie. Das dritte Exemplar aber war fast hundert Jahre lang verschwunden. Man hatte angenommen, dass es nicht mehr existierte.
Der Besitz dieses Buches würde jedem schnell zu Ruhm und Reichtum verhelfen, und wie viele andere habe auch ich jahrelang und vergebens davon geträumt, es zu finden.
Vor ein paar Monaten kam eine alte, gebrechliche Frau in meinen Laden. Ich sah sie langsam zwischen den Bücherregalen hindurchgehen, sie bewegte sich steif und mithilfe von zwei Krücken. Den linken Ellbogen hielt sie fest an den Körper gepresst, was ihren mühsamen Gang zusätzlich erschwerte. Ich sah sofort, dass sie etwas unter ihrem Umhang verbarg.
Ich trat ihr entgegen, begrüßte sie und führte sie ins Büro, wo sie ihre Krücken an den Tisch lehnte. Es war fast sechs Uhr, und ich freute mich auf den Feierabend. Deshalb bemühte ich mich, die Kundin möglichst schnell abzufertigen, und fragte ziemlich schroff: »Madam, wie kann ich Euch helfen?«