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Das schwarze Buch der Geheimnisse

Электронная книга - «Das schwarze Buch der Geheimnisse». Краткое содержание книги:

Unwiderstehlich gruselig: das Buch von Licht und Schatten Auf der Flucht vor seiner Vergangenheit rast Ludlow durch die Nacht, als blinder Passagier an eine Kutsche geklammert. Schließlich wird der Junge Lehrling beim Pfandleiher Joe Zabbidou, der einen besonderen Handel treibt: Er kauft Geheimnisse und trägt sie in sein schwarzes Buch ein. Aber die Dorfbewohner wollen nicht nur ihr Gewissen erleichtern, sondern sehen in Joe den Retter, der sie von dem grausamen Grundbesitzer Ratchet befreit. Bald reicht es ihnen nicht mehr, ihre Schuld zu verkaufen, und sie erwarten mehr von Joe. Doch auch Ludlow verbirgt ein Geheimnis. Das Netz um die beiden zieht sich immer enger zusammen Rätsel, Krimi, Spannung! Ein außergewöhnlicher Roman, super spannend und literarisch zugleich.
Die englische Originalausgabe erschien bei Macmillan Children’s Books, London, unter dem Titel »The Black Book of Secrets«
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Die Männer waren einander gewachsen: beide stämmig und fest auf dem Boden stehend. Horatio war etwas größer als Jeremiah, doch war das nicht unbedingt ein Vorteil auf der vereisten Straße. Die Luft war erfüllt von Flüchen und Verwünschungen, Speichel und weißen Atemwolken.

»Es ist mein Truthahn!«, brüllte Jeremiah. »Du stehst in meiner Schuld, Horatio!«

Mit einem kräftigen Ruck brachte er den Fleischer aus dem Gleichgewicht, und der ließ den Vogel los, um einen Sturz zu vermeiden. Natürlich fiel nun stattdessen Jeremiah hin, und dass er den Truthahn hatte, war kein Trost für seine verlorene Würde: Er drehte sich dreimal um sich selbst und kam schließlich neben Joes Füßen zum Stillstand.

Die Leute jubelten, lachten und applaudierten, während sich Jeremiah mühsam aufrappelte. Nur Joe streckte ihm die Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen, aber Jeremiah übersah sie geflissentlich. Schließlich machte er sich mit dem schlaffen Vogel in der Hand auf den Heimweg.

»Gott sei Dank, den sind wir los!«, schrie Elias Sourdough hinter ihm her.

Jeremiah drehte sich nicht um. Das überraschte mich. Er war sonst nicht der Mann, der einem andern das letzte Wort überließ.

In großer Aufregung über seine eben vollbrachte Tat kam Horatio auf Joe zu. Ich hatte nie gedacht, dass ich diesen ruhigen Mann einmal in solcher Hochstimmung sehen würde.

»Habt Ihr das gesehen, Joe?« Er atmete schwer, er zitterte am ganzen Leib. »Ich habe mich gegen ihn gewehrt! Ich habe ihm klargemacht, dass er sich kein Stück Fleisch mehr von mir nehmen darf. Wie Ihr gesagt habt.«

Dass am Ende doch Jeremiah den Truthahn hatte, schien vergessen zu sein.

Er wartete darauf, dass Joe ihn loben würde, dass er ihm auf den Rücken klopfen und ihm gratulieren würde. Aber Joe schwieg. Sein Gesicht war grau geworden, nun wurde es weiß, und für den Bruchteil einer Sekunde flackerte Zorn in seinen Augen auf.

»Das habe ich nicht gesagt«, murmelte er. »Das habe ich ganz und gar nicht gesagt.«

Der Hufschmied Job Wright trat auf ihn zu, die Lippen verächtlich vorgeschoben.

»Ah«, sagte er mit vor Spott triefender Stimme. »Ihr wollt uns also endlich helfen.«

»Ratchets Zeit wird kommen«, sagte Joe schlicht. »Ihr müsst nur warten. Könnt ihr nicht erst mal zufrieden sein, dass sich euer Schicksal gewendet hat?«

»Aber wie lange müssen wir denn warten?«, fragte Obadiah. »Ihr habt mir gesagt, Jeremiah wird die Macht Eurer Gerechtigkeit zu spüren bekommen.«

Horatio warf einen Blick in die Menge. »Und mir hat er gesagt, er wird ihm schon geben, was ihm zusteht.«

Dann meldete sich Perigoe zu Wort. »Ich war auch bei ihm«, sagte sie, so laut sie konnte. »Und er hat gesagt, er wird dafür sorgen, dass Jeremiah zahlen muss.«

»Das hat er mir auch gesagt«, kam eine andere Stimme aus der Menge.

»Mir auch«, rief jemand anders, »aber ich dachte, ich wäre der Einzige gewesen!«

»Wovon redet ihr eigentlich?«, fragte einer, da drehte sich sein Nebenmann (der erst vor Kurzem sein Geheimnis verkauft hatte) zu ihm um und fing an, ihm die Sache von den mitternächtlichen Geständnissen und Joes Schwarzem Buch zu erklären.

Als die Leute erkannten, wie viele ihrer Mitbürger nachts beim zwölften Glockenschlag heimlich Joe Zabbidou besucht hatten, redeten plötzlich alle gleichzeitig. Wer persönlich in Joes Hinterzimmer eingeladen worden war, fühlte sich betrogen, weil es gar kein besonderes Angebot gewesen war – Joe verstand es eben, Menschen eine Ahnung ihrer Einzigartigkeit zu geben –, und wer nicht eingeladen worden war, fühlte sich betrogen, weil Joe ihn dessen nicht für wert gehalten hatte. Doch wie unterschiedlich die Lebensumstände jedes Einzelnen auch waren: In der aufgebrachten Menge, die noch vor wenigen Augenblicken über Jeremiah gelacht hatte, wandten sie sich nun alle geschlossen gegen Joe Zabbidou und starrten ihn mit eisigen Blicken an. Ich sah, wie ihre Gesichter in der Kälte glühten, wie sie Joe aus zusammengekniffenen Augen anfunkelten. Meine Hände waren feucht von kaltem Schweiß. Das waren keine freundlichen Gesichter mehr, und ich bekam plötzlich Angst.

Job Wright stand mit gespreizten Beinen da, die kräftigen Arme vor der Brust verschränkt. Da sonst niemand reden mochte, schien er die Rolle des Dorfsprechers übernommen zu haben.

»Nun, Mr Zabbidou, was habt Ihr dazu zu sagen?«

Sofort verstummte das Gerede und Getuschel. Sekunden vergingen, die Stille war zum Zerreißen gespannt und drohte jeden Moment zu explodieren. Ich sah, wie sich Joes Kinnmuskeln spannten und lockerten, und als er sprach, sprach er durch zusammengebissene Zähne.

»Ich habe nichts von alldem gesagt. Ihr dreht mir die Worte im Mund herum, Worte, mit denen ich versucht habe, euch zu trösten.«

»Was habt Ihr also genau gesagt?«, wollte der Hufschmied wissen.

»Ich habe gesagt, ihr sollt Geduld haben.« Joes Blick wanderte über die höhnischen Gesichter und blieb schließlich auf Perigoe, Horatio und Obadiah hängen, die sich nervös aneinanderdrängten. »Ist das nicht die Wahrheit?«

Zuerst antwortete niemand.

Dann nickte Horatio verlegen. »Ja, ich glaube, das könntet Ihr gesagt haben.«

Perigoe und Obadiah erröteten und nickten auch, aber so schnell gab sich Job Wright nicht zufrieden.

»Was soll der Unsinn?«, schnaubte er und stieß seine Faust in die offene Handfläche. »Erst versprecht Ihr zu helfen, und jetzt, wenn wir um diese Hilfe bitten, versteckt Ihr Euch hinter Worten. Ihr seid nicht besser als Jeremiah Ratchet. Ihr seid sogar schlimmer. Er tut nämlich wenigstens, was er sagt.«

Er drehte sich um und wandte sich an die faszinierten Zuschauer. Job hatte etwas geschafft, was Stirling Oliphaunt nie gelungen wäre: Sie saugten ihm jedes Wort von den Lippen. Ich konnte kaum glauben, wie er sich verändert hatte. Wie viele andere war auch er um Mitternacht bei uns gewesen und hatte gern Joes Geld und seinen Zuspruch angenommen, aber nun schien er darauf erpicht zu sein, das ganze Dorf gegen uns aufzubringen.

»Jeremiah Ratchet muss bestraft werden für das, was er uns angetan hat«, verkündete Job. »Gewartet haben wir lange genug. Wir sind bisher ohne Joe Zabbidou ausgekommen, und wir werden auch jetzt ohne ihn fertig werden.«

»Hört! Hört!«, rief eine Stimme aus den hinteren Reihen, und beifälliges Gemurmel ging durch die Menge.

»Ihr versteht nicht«, sagte Joe, der versuchte, sich über das unzufriedene Gemurmel hinweg Gehör zu verschaffen. Aber es war Zeitverschwendung, niemand hörte ihm mehr zu. Aller Augen waren auf den Schmied gerichtet. Ich hatte jetzt wirklich Angst um Joe und mich. Ich spürte die Wut der Leute. Am liebsten hätte ich sie angeschrien, ich wollte ihnen sagen, sie sollten Joe endlich zuhören, aber aus meinem Mund kam kein Ton.

Job Wright drehte sich zu Joe um. »Ihr kommt hierher«, spottete er. »Ihr nehmt Euch unsere Geheimnisse und macht falsche Versprechungen. Sagt schon, was Ihr mit diesen Geheimnissen vorhabt! Wie viele von uns stehen in Eurer Schuld?«

»Ich habe euch für eure Geheimnisse bezahlt«, erklärte Joe entschieden. »Mein Teil des Handels ist erfüllt.«

Job triumphierte. »Aha! Es geht also um Geld. Stimmt es etwa nicht, dass Ihr nur deshalb so viel bezahlt habt, damit wir es uns unmöglich leisten könnten, unsere Geheimnisse wieder zurückzukaufen? Auch nicht, wenn wir wollten?«

»Es war ein fairer Handel«, rief Joe, der inzwischen gereizt und der Auseinandersetzung überdrüssig war. »Ich habe nie eine Rückzahlung erwartet.« Alle redeten durcheinander. »Ihr wisst, dass das mein Geschäft ist.«

Job trat so dicht vor ihn hin, dass sich ihre Nasen beinahe berührten.

»Geschäft?«, sagte er verächtlich. »Endlich kommen wir der Wahrheit auf den Grund. Jeremiah Ratchet nennt sich auch Geschäftsmann. Ich verstehe es so, dass zwischen euch beiden gar nicht so viel Unterschied ist.«

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