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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)

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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
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Sie beobachtete ihn; die kleinen, präzisen Bewegungen seiner gepflegten Hände, seine vollständige Hingabe an die korrekte Plazierung der Whiskykaraffe und ihrer Gläser. Wie oft hatte er dieses Zimmer schon aufgeräumt? Jedes Möbelstück, jeden winzigen Dekorationsgegenstand wieder präzise an seinen Platz geschoben, so dass sich die Hand seiner Herrin ohne Umhertasten darauf senken konnte?

Ein ganzes Leben, das den Bedürfnissen eines anderen Menschen gewidmet war. Ulysses konnte sowohl Französisch als auch Englisch schreiben; konnte rechnen, konnte singen und Cembalo spielen. All diese Fähigkeiten, all dieses Wissen – allein zur Unterhaltung einer autokratischen, alten Dame eingesetzt.

»Komm« zu einem Mann zu sagen, und er kam, »Geh« zu einem anderen, und er ging. Ja, so ging es bei Jocasta.

Und wenn es nach Jocasta ging … würde dieser Mann Brianna gehören.

Diese Vorstellung war unverantwortlich. Schlimmer noch, sie war lächerlich! Brianna rutschte ungeduldig auf ihrem Stuhl hin und her und versuchte, sie zu verdrängen. Er bemerkte die leichte Bewegung und wandte sich fragend um, um nachzusehen, ob es an etwas fehlte.

»Ulysses«, platzte sie heraus. »Wärst du gern frei?«

Im selben Moment, als die Worte heraus waren, biss sie sich auf die Zunge und spürte, wie ihre Wangen schamrot wurden.

»Es tut mir leid«, sagte sie sofort und sah auf ihre in ihrem Schoß verknoteten Hände herab. »Das war eine furchtbar unhöfliche Frage. Bitte entschuldige.«

Der hochgewachsene Butler sagte nichts, sondern betrachtete sie einen Augenblick nachdenklich. Dann berührte er sacht seine Perücke, als wollte er sie gerade rücken, und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Er hob die auf dem Tisch verstreuten Skizzen auf und stieß sie ordentlich zu einem Haufen zusammen.

»Ich wurde frei geboren«, sagte er schließlich so leise, dass sie sich nicht sicher war, ob sie ihn gehört hatte. Sein Kopf war gesenkt, sein Blick auf seine langen, schwarzen Finger gerichtet, die die elfenbeinernen Jetons vom Spieltisch aufhoben und jeden ordentlich in seiner Schachtel verstauten.

»Mein Vater hatte einen kleinen Hof, nicht sehr weit von hier. Aber er ist an einem Schlangenbiss gestorben, als ich ungefähr sechs war. Meine Mutter konnte uns nicht ernähren – sie war nicht stark genug für eine Bäuerin –, also hat sie sich verkauft und das Geld bei einem Zimmermann für meine Lehre hinterlegt, damit ich etwas Nützliches lernen konnte.«

Er schob die Elfenbeinkiste an ihren Platz im Spieltisch und wischte einen Kuchenkrümel fort, der auf das Cribbagebrett gefallen war.

»Aber dann ist sie gestorben«, fuhr er unbewegt fort. »Und anstatt mich in die Lehre zu nehmen, behauptete der Zimmermann, ich sei das Kind einer Sklavin und damit dem Gesetz nach selbst ein Sklave. Und so hat er mich verkauft.«

»Aber das ist Unrecht!«

Er sah sie mit geduldiger Belustigung an, sagte aber nichts. Und was hat das jemals mit Recht zu tun gehabt?, sagten seine dunklen Augen.

»Ich habe Glück gehabt«, sagte er. »Ich wurde – sehr billig, weil ich klein und gebrechlich war – an einen Schulmeister verkauft, den mehrere Plantagenbesitzer am Cape Fear angeheuert hatten, damit er ihre Kinder unterrichtete. Er ritt von einem Haus zum nächsten, blieb in jedem eine Woche oder einen Monat, und ich begleitete ihn, hinter ihm auf die Pferdekruppe gezwängt, versorgte das Pferd, wenn wir haltmachten, und erledigte auf Wunsch kleine Arbeiten für ihn. Und weil die Wege so lang und eintönig waren, sprach er unterwegs mit mir. Er sang – der Mann liebte es zu singen, und er hatte eine ganz wunderbare Stimme –« Zu Briannas Überraschung sah Ulysses ein wenig nostalgisch aus, doch dann schüttelte er den Kopf, besann sich wieder auf sich selbst und zog einen Lappen aus der Tasche, mit dem er über die Anrichte wischte.

»Es war der Schulmeister, der mir den Namen Ulysses gegeben hat«, sagte er mit dem Rücken zu ihr. »Er konnte etwas Griechisch und auch ein bisschen Latein und brachte mir zu seinem eigenen Vergnügen das Lesen bei, wenn wir nachts von der Dunkelheit überrascht wurden und unterwegs Lager machen mussten.«

Seine aufrechten, mageren Schultern hoben sich in einem angedeuteten Achselzucken.

»Als der Schulmeister ebenfalls starb, war ich ein junger Mann von ungefähr zwanzig. Hector Cameron kaufte mich und entdeckte meine Talente. Nicht alle Herren würden solche Fähigkeiten bei einem Sklaven schätzen, doch Mr. Cameron war kein gewöhnlicher Mann.« Ulysses lächelte schwach.

»Er hat mir das Schachspielen beigebracht und auf mich gesetzt, wenn ich gegen seine Freunde spielte. Er hat mir das Singen und das Cembalospiel beigebracht, so dass ich seine Gäste unterhalten konnte. Und als Miss Jo ihr Augenlicht zu verlieren begann, hat er mich ihr gegeben, um für sie zu sehen.«

»Wie ist dein Name gewesen? Dein richtiger Name?«

Er hielt inne und dachte nach. Dann lächelte er sie an, doch das Lächeln reichte nicht bis zu seinen Augen.

»Ich glaube nicht, dass ich mich daran erinnern kann«, sagte er höflich und ging hinaus.

Kapitel 56

Bekenntnisse des Leibes

Er erwachte kurz vor der Morgendämmerung. Die Nacht war immer noch schwarz, doch die Luft hatte sich verändert; die Glut war ausgebrannt, und der Atem des Waldes wehte über sein Gesicht.

Alexandre war fort. Er lag allein unter dem zerlumpten Hirschfell, ganz kalt.

»Alexandre?«, flüsterte er heiser. »Père Ferigault?«

»Ich bin hier.« Die Stimme des jungen Priesters war leise, irgendwie fern, obwohl er nicht mehr als einen Meter von ihm weg saß.

Roger erhob sich blinzelnd auf seinen Ellbogen. Als ihm der Schlaf erst einmal aus den Augen gewichen war, konnte er schwach sehen. Alexandre saß mit sehr geradem Rücken im Schneidersitz, das Gesicht dem quadratischen Loch des Rauchabzuges über ihnen zugewandt.

»Alles in Ordnung?« Eine Halsseite des Priesters war schwarz vor Blut, obwohl sein Gesicht – das, was Roger davon erkennen konnte – friedlich aussah.

»Sie werden mich bald umbringen. Vielleicht heute.«

Roger setzte sich hin und hielt das Hirschfell an seine Brust gedrückt. Ihm war sowieso schon kalt; der ruhige Ton dieser Worte ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

»Nein«, sagte er und musste husten, um seinen Hals vom Ruß zu befreien. »Nein, das werden sie nicht.«

Alexandre machte sich nicht die Mühe, ihm zu widersprechen. Bewegte sich nicht. Er saß nackt da, ohne die Kälte der Morgenluft zu beachten, und blickte empor. Schließlich senkte er seinen Blick und wandte Roger den Kopf zu.

»Könntet Ihr mir die Beichte abnehmen?«

»Ich bin doch kein Priester.« Roger kämpfte sich auf die Knie hoch und rutschte über den Boden, wobei er das Fell umständlich vor sich hielt. »Hier, Ihr erfriert noch. Deckt Euch damit zu.«

»Es spielt keine Rolle.«

Roger war sich nicht sicher, ob er meinte, es spielte keine Rolle, dass er fror, oder es spielte keine Rolle, dass Roger kein Priester war. Er legte eine Hand auf Alexandres nackte Schulter. Ob es eine Rolle spielte oder nicht, der Mann war eiskalt.

Roger setzte sich so dicht wie möglich neben Alexandre und breitete das Fell über sie beide. Er fühlte, wie ihm eine Gänsehaut an den Stellen ausbrach, wo ihn die eisige Haut des anderen Mannes berührte, doch es störte ihn nicht; er rückte näher, denn es drängte ihn, Alexandre etwas von seiner eigenen Wärme abzugeben.

»Euer Vater«, sagte Alexandre. Er hatte den Kopf gedreht; sein Atem streifte Rogers Gesicht, und seine Augen waren schwarze Löcher in seinem Gesicht. »Ihr habt mir erzählt, er sei Priester gewesen.«

»Pastor. Ja, aber ich nicht.«

Er spürte die abwinkende Geste des anderen Mannes mehr, als dass er sie sah.

»In Notlagen kann jeder Mensch das Amt eines Priesters erfüllen«, sagte Alexandre. Seine kalten Finger berührten kurz Rogers Oberschenkel. »Werdet Ihr mir die Beichte abnehmen?«

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