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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)

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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
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Er nickte zum Dorf hinüber, den Blick gebannt auf den Rauchwirbel gerichtet, als könnte eine Gestalt daraus hervorkommen.

»Hier herrscht eine solche Stille. Es geht etwas vor, das ich nicht sehen kann. Ich glaube nicht, dass es etwas mit uns zu tun hat – und doch … ist mir unwohl«, schloss er abrupt. »Und ich lebe schon zu lange, um ein solches Gefühl einfach so abzutun.«

Ian, der nach kurzer Zeit am Treffpunkt zu uns stieß, schloss sich dieser Meinung an.

»Aye, es ist, als ob man den Rand eines Fischernetzes festhält, das unter Wasser ist«, sagte er stirnrunzelnd. »Man kann das Gezappel in den Fingern spüren, und man weiß, dass da Fische sind – aber man kann nicht sehen, wo.« Der Wind zerzauste sein dichtes, braunes Haar; wie üblich war es halb geflochten, und einzelne Strähnen lösten sich. Er strich sich eine davon geistesabwesend hinter sein Ohr.

»Irgendetwas geht bei den Leuten vor sich; irgendeine Zwistigkeit, glaube ich. Und irgendetwas ist letzte Nacht im Haus des Rates passiert. Emily weigert sich, mir zu antworten, wenn ich sie danach frage; sie wendet nur den Blick ab und sagt, dass es nichts mit uns zu tun hat. Ich glaube aber schon, irgendwie.«

»Emily?« Jamie zog eine Augenbraue hoch, und Ian grinste.

»So nenne ich sie kurz«, sagte er. »Eigentlich heißt sie Wakyo’teyehsnonhsa; das heißt Die-mit-den-Händen-arbeitet. Sie kann ausgezeichnet schnitzen, unsere Emily. Wollt ihr sehen, was sie für mich gemacht hat?« Er griff in seinen Beutel und brachte stolz einen winzigen Otter zum Vorschein, der aus weißem Speckstein geschnitten war. Das Tier stand hellwach da, den Kopf erhoben und zu jedem Streich bereit; ich musste einfach lächeln, als ich es ansah.

»Sehr hübsch.« Jamie begutachtete die Schnitzerei anerkennend und strich über den geschwungenen Körper. »Das Mädchen scheint dich zu mögen, Ian.«

»Aye, tja, ich mag sie auch, Onkel Jamie.« Ian klang ganz beiläufig, doch seine mageren Wangen waren etwas röter, als man es dem kalten Wind zuschreiben konnte. Er hustete und lenkte leicht vom Thema ab.

»Sie hat zu mir gesagt, sie glaubt, dass es den Rat zu unseren Gunsten beeinflussen könnte, wenn du einige von ihnen den Whisky kosten lassen würdest, Onkel Jamie. Wenn du nichts dagegen hast, hole ich ein Fass, und heute Abend gibt es ein kleines Ceilidh. Emily sorgt für alles Nötige.«

Jetzt zog Jamie beide Augenbrauen hoch, nickte aber einen Augenblick später.

»Ich vertraue auf dein Urteilsvermögen, Ian«, sagte er. »Im Haus des Rates?«

Ian schüttelte den Kopf.

»Nein. Emily sagt, es ist besser, wenn wir es im Langhaus ihrer Tante machen – die alte Tewaktenyonh ist die Schöne Frau.«

»Ist was?«, fragte ich aufgeschreckt.

»Die Schöne Frau«, erklärte er und wischte sich die laufende Nase an seinem Ärmel ab. »Eine einflussreiche Frau im Dorf hat die Macht zu entscheiden, was mit Gefangenen geschehen soll; sie nennen sie die Schöne Frau, egal, wie sie aussieht. Du verstehst also, es ist zu unserem Vorteil, wenn wir Tewaktenyonh zu der Überzeugung bringen können, dass der Tausch, den wir anbieten, ein guter ist.«

»Ich schätze, einem freigelassenen Gefangenen kommt die Frau in jedem Fall schön vor«, sagte Jamie spöttisch. »Aye, ich verstehe. Mach nur; kannst du den Whisky allein holen?«

Ian nickte und wandte sich zum Gehen.

»Einen Moment, Ian«, sagte ich und zeigte ihm den Opal, als er sich zu mir zurückdrehte. »Könntest du Emily fragen, ob sie irgendwas über dies hier weiß?«

»Aye, Tante Claire, ich werd’s erwähnen. Rollo!« Er pfiff scharf durch die Zähne, und Rollo, der argwöhnisch unter einem Felsvorsprung herumgeschnüffelt hatte, ließ davon ab und sprang seinem Herrn hinterher. Jamie sah zu, wie sie gingen, ein leichtes Stirnrunzeln zwischen den Augenbrauen.

»Weißt du, wo Ian seine Nächte verbringt, Sassenach?«

»Wenn du meinst, in welchem Langhaus, ja. Wenn du meinst, in wessen Bett, nein. Ich könnte es mir aber denken.«

»Mmpfm.« Er streckte sich und schüttelte sein Haar zurück. »Komm, Sassenach, ich bringe dich ins Dorf zurück.«

Ians Ceilidh begann kurz nach Einbruch der Dunkelheit; unter den geladenen Gästen waren die prominentesten Mitglieder des Rates, die einzeln in Tewaktenyonhs Langhaus kamen und dem Sachem, Zwei Speere, ihren Respekt erwiesen, der von Jamie und Ian flankiert an der Hauptfeuerstelle saß. Ein schmales, hübsches Mädchen, von dem ich annahm, dass es Ians Emily sein musste, saß still hinter ihm auf dem Whiskyfass.

Außer Emily nahm keine Frau an der Whiskyprobe teil. Ich war allerdings mitgekommen, um zuzusehen, und saß an einer der kleineren Feuerstellen und hatte ein Auge auf die Vorgänge, während ich zweien der Frauen half, Zwiebelzöpfe zu flechten, und in einer stockenden Mischung aus Tuscarora, Englisch und Französisch gelegentliche Höflichkeiten mit ihnen austauschte.

Die Frau, an deren Feuerstelle ich saß, bot mir einen Kürbisbecher mit Sprossenbier und eine Art Maismehlbrei als Erfrischung an. Ich tat mein Bestes, es freundlich entgegenzunehmen, doch mein Magen war so verkrampft, dass ich nur anstandshalber den Versuch machte zu essen.

Zu viel hing von dieser spontanen Feierlichkeit ab. Roger war hier; irgendwo im Dorf, das wusste ich. Er lebte; ich konnte nur hoffen, dass es ihm gutging – zumindest gut genug zum Reisen. Ich blickte zum anderen Ende des Lagerhauses, zur größten Feuerstelle. Ich konnte nicht mehr von Tewaktenyonh sehen als die Rundung ihres weiß gesträhnten Kopfes; ein seltsamer Stoß durchfuhr mich bei dem Anblick, und ich berührte Nayawennes Amulett, das als kleine Verdickung unter meinem Hemd hing.

Sobald die Gäste versammelt waren, wurde ein grober Kreis um die Feuerstelle herum gebildet und das geöffnete Whiskyfass in dessen Mitte gestellt. Zu meiner Überraschung kam auch das Mädchen in den Kreis und nahm neben dem Fass Platz, einen Schöpfbecher in der Hand.

Nach ein paar Worten von Zwei Speere nahmen die Festivitäten ihren Lauf, wobei das Mädchen die Whiskyportionen abmaß. Dies tat sie nicht etwa, indem sie den Whisky in die Becher goss, sondern indem sie ihn schluckweise aus dem Kürbisbecher in den Mund nahm und sorgfältig drei Schlucke in jeden Becher spuckte, bevor sie ihn einem der Männer aus dem Kreis gab. Ich blickte zu Jamie, der zunächst ein verblüfftes Gesicht machte, seinen Becher aber höflich entgegennahm und ohne Zögern trank.

Ich fragte mich, wie viel Whisky das Mädchen wohl durch ihre Mundschleimhaut absorbierte. Nicht annähernd so viel wie die Männer, wobei ich glaubte, dass es einer Menge bedurfte, um Zwei Speere aufzuheitern, der ein verschwiegener alter Schurke war und dessen Gesicht wie eine missmutige Pflaume aussah. Doch bevor die Feier richtig in Gang gekommen war, wurde ich durch die Ankunft eines kleinen Jungen abgelenkt, Sprössling einer meiner Begleiterinnen. Er kam schweigend herein, setzte sich neben seine Mutter und lehnte sich schwer an sie. Sie sah ihn scharf an, legte dann ihre Zwiebeln hin und erhob sich mit einem Ausruf der Besorgnis.

Der Schein des Feuers fiel auf den Jungen, und ich konnte sofort sehen, dass er auf merkwürdig zusammengekauerte Weise dasaß. Ich erhob mich hastig auf die Knie und schob den Zwiebelkorb beiseite. Ich beugte mich vor, ergriff seinen andern Arm und drehte ihn zu mir hin. Seine linke Schulter war leicht ausgerenkt; er schwitzte, die Lippen vor Schmerzen fest zusammengepresst.

Ich wandte mich gestikulierend an seine Mutter, die zögerte und mich stirnrunzelnd ansah. Der Junge machte ein leises Wimmergeräusch, und sie zog ihn fort und hielt ihn fest. Einer plötzlichen Eingebung folgend, zog ich Nayawennes Amulett aus meinem Hemd; sie würde nicht wissen, wem es gehörte, würde aber vielleicht erkennen, was es war. So war es dann auch; ihre Augen weiteten sich beim Anblick des kleinen Lederbeutels.

Der Junge gab keinen Ton mehr von sich, doch ich konnte im Feuerschein sehen, wie ihm der klare Schweiß über die unbehaarte Brust lief. Ich nestelte an dem Band herum, das den Beutel verschlossen hielt, und grub im Inneren nach dem groben, blauen Stein. Pierre sans peur, hatte Gabrielle ihn genannt. Der furchtlose Stein. Ich ergriff die gesunde Hand des Jungen, drückte ihm den Stein fest in die Handfläche und schloss seine Finger darum.

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