Die Chronolithen [The Chronoliths - de]
- Автор: Уилсон Роберт Чарльз
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-52105-6
- Переводчик: Hendrick P. Lickens
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Chronolithen [The Chronoliths - de]». Краткое содержание книги:
»Eine Scheißkälte«, murmelte Morris.
Ich schlang die Arme um mich und sah, wie Sue Chopra das Gleiche tat, als sie sich vom Fenster abwandte.
Der IDF-Mann, der Augenblicke zuvor aufgestanden war, hob seine automatische Maschinenpistole. Er schrie etwas, das im Lärm des Sturms unterging. Dann eröffnete er das Feuer.
Der Schießwütige hieß Aaron Weiszack.
Was ich über ihn weiß, weiß ich aus den Zeitungen des darauf folgenden Tages; würde es nicht ein Meer von Leid ersparen, könnten wir schon heute die Schlagzeilen von morgen lesen?
Vielleicht nicht.
Aaron Weiszack war in Cleveland, Ohio, geboren und 2011 mit seiner Familie nach Israel ausgewandert. Seine Jugend verbrachte er in einem Vorort von Tel Aviv und hatte bereits mit einer ganzen Reihe von radikalen politischen Organisationen geliebäugelt, bevor er 2020 eingezogen wurde; Weiszack war 2025, während der Unruhen auf dem Tempelberg, kurz in U-Haft gewesen, aber nicht angeklagt worden. Seine IDF-Akte war allerdings makellos, und er hatte es verstanden, seine anhaltenden Kontakte zu einer trivialen »kuinistischen« Zelle namens Umarme die Zukunft vor seinen Vorgesetzten zu verbergen.
Er war aus dem Gleichgewicht, wenn nicht geistig verwirrt. Seine Motive bleiben im Dunkeln. Er hatte nicht mehr als zwei Salven abgeben können, bevor ihn die IDF-Soldatin Leah Agnon mit einem kurzen Feuerstoß aus ihrer Waffe niederstreckte.
Weiszack erlag beinah augenblicklich seinen Verletzungen. Doch er war nicht das einzige Opfer.
Ich habe oft gedacht, dass die Tat von Aaron Weiszack mindestens so menschenverachtend war wie die Ankunft des Kuin von Jerusalem — auf ihre Weise eine unübertroffen präzise Vorwegnahme dessen, was uns bevorstand.
Weiszacks letzter Feuerstoß durchschlug eine der angeblich druckwellensicheren (aber offenbar nicht kugelsicheren) Fensterscheiben, die in einem Schauer aus glitzernden Graupeln in sich zusammenfiel. Kalter Wind und dichter Nebel schlugen in den Raum. Ich stand auf, taub von der Schießerei, blinzelte verstört. Morris warf sich über Sue Chopra, die am Boden lag, und deckte sie mit seinem Körper. Keiner wusste, ob der Angriff vorbei war oder gerade erst begonnen hatte. Von Sue war nichts mehr zu sehen, so breit machte sich Morris, ich wusste nicht, ob sie ernsthaft verletzt war, aber überall war Blut — die ganze Tapete verspritzt mit Weiszacks Blut, die Konsolen gesprenkelt vom Blut der jungen Techniker. Ich holte Luft und nahm wieder erste Geräusche wahr, das Kreischen von Menschen, das Kreischen des Windes. Feine Eiskörner flogen wie Schrapnells durch den Raum, angetrieben von unsäglich steilen Temperaturgradienten, die über die Stadt fegten.
Das IDF-Kontingent umringte Weiszack, die Mündungen auf den regungslosen Körper gerichtet. Das FBI-Kontingent verteilte sich, um das Terrain zu sichern, und einige von Sues Studenten irrten zwischen getroffenen Kameraden umher und versuchten sich in erster Hilfe. Stimmen, mir war, als sei auch die von Morris darunter, schrien um Hilfe. Wir hatten einen Sanitäter im Raum, der, wenn nicht verletzt, dann sicher überfordert war.
Ich duckte mich und krabbelte auf allen vieren zu Morris hinüber, er hatte Sue freigegeben und barg ihren Kopf in seinen Armen. Sie war verletzt. Auf dem Teppich war Blut, überall rote Tröpfchen, die in der brutalen Kälte dampften. Morris sah kurz auf und formte die Worte überdeutlich mit dem Mund: »Nichts Ernstes«, sagte er in den brüllenden Wind. »Kommen Sie, wir ziehen sie in den Flur.«
»Neinl« Sue zog sich an ihm hoch, und ich sah die blutige Stelle, wo die Jeans von einer Kugel oder einem Schrapnell zerrissen war, eine heftig blutende Furche im fleischigen Teil des rechten Oberschenkels. Wenn das ihre einzige Verletzung war, dann hatte Morris Recht und sie hatte Glück im Unglück gehabt.
»Wir kümmern uns, keine Widerrede«, sagte Morris entschieden.
»Menschen sind verletzt!« Ihr Blick flog zu den Terminals, wo ihre Studenten und Techniker vom Entsetzen übermannt waren oder in den Stühlen hingen. »O Gott — Cassiel«
Cassie, der reizenden Studentin, war ein Teil des Schädels weggeschossen worden.
Sue schloss die Augen, und wir zerrten sie aus der Kälte. Morris sprach eindringlich in sein Sprechfunkgerät, während ich die Handfläche auf die blutende Wunde drückte.
Zu dem Zeitpunkt waren die Ambulanzen des Hadassah Mt. Sinai bereits unterwegs und balancierten auf dem Eisschorf, der sich noch immer auf der Lehi-Straße hielt.
Im Foyer des Hotels richteten die Sanitäter ein Notlazarett ein, dichteten zerbrochene Scheiben mit Heizdecken ab und betrieben Heizöfen mit Hilfe des hoteleigenen Stromgenerators. Einer der Sanitäter legte Sue einen Druckverband an und dirigierte eintreffende Hilfe zu den Schwerverletzten, von denen die Schlimmsten noch auf der obersten Etage lagen. IDF und Zivilpolizei bildeten einen Kordon um das Gebäude, während im ganzen Umkreis die Sirenen heulten.
»Sie ist tot«, sagte Sue tonlos.
Cassie natürlich.
»Sie ist tot… Scotty, du hast sie gesehen. Sie war zwanzig. MIT-Diplomandin. Ein süßes, hübsches Ding. Sie hat sich bei mir bedankt und dann wurde sie umgebracht. Was hat das zu bedeuten? Hat das was zu bedeuten?«
Draußen fiel Eis von Gesimsen und Dachtraufen des Hotels und zerschellte auf dem Gehsteig. Mondschein durchdrang die glasig weißen Trümmer und umspielte die sich abzeichnenden Konturen des Kuin von Jerusalem.
Der Kuin von Jerusalem: eine vierkantige Säule, die emporragt, um einen Thron zu bilden, auf dem die Figur Kuins sitzt.
Kuin starrt gelassen am baufälligen Felsendom vorbei und mustert die Judäische Wüste. Er trägt Bauernhose und Hemd. Auf seinem Kopf sitzt ein Reif aus Halbmonden und Lorbeerblättern, eine bescheidene Krone vielleicht. Das Gesicht wirkt formell und edel, die Züge unspezifisch.
Der gewaltige Fuß des Monuments steht tief in den Ruinen des Zion-Platzes. Der Scheitel erreicht eine Höhe von eintausendvierhundert Fuß.
Teil Zwei
Die verlorenen Kinder
Zehn
Erst jetzt kommt mir der Gedanke — falls Sie einem alten Mann verzeihen können, dass er den Text seiner Memoiren noch einmal Revue passieren lässt —, wie verstörend die Ankunft der Chronolithen auf die Generation gewirkt haben muss, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion volljährig wurde… die Generation meines Vaters, dem allerdings das Schlimmste erspart blieb.
Diese Generation hatte die Diktaturen der Dritten Welt eher mit Ungeduld als mit Empörung betrachtet, für sie waren die pompösen Paläste und Monumente die Ausschweifungen einer vergangenen Epoche, Spukschlösser, die in der steifen Brise von Nikkei und Nasdaq wankten.[23]
Der Aufstieg eines Kuin traf sie völlig unvorbereitet.
Sie nahmen die Bedrohung ernst, waren aber taub für seine Anziehungskraft. Dass sich eine Million unterernährte Asiaten für ihn begeisterten, konnten sie sich vorstellen. Das war zumindest entfernt plausibel. Doch als ihnen die eigenen Kinder und Kindeskinder mit Verachtung begegneten, verflog ihre Zuversicht.
Sie suchten mehrheitlich ihre Zuflucht in der Rüstung. Kuins Monumente mochten ans Wunderbare grenzen, doch sie prophezeiten schließlich die militärischen Eroberungen, in denen sie ihren Ursprung hatten, und eine gut gerüstete Nation konnte nicht erobert werden. So oder ähnlich wurde argumentiert. Der Jerusalem-Kuin rief eine zweite Woge nationaler Anstrengung hervor: Man verdoppelte die Investitionen in Forschung, in ein Netz von Spürsatelliten, eine neue Generation von Raketenabwehrdrohnen, intelligente Minen und Kampf- sowie Versorgungsroboter. 2029 wurde die Wehrpflicht wiedereingeführt und das stehende Heer wuchs um eine halbe Million Rekruten. (Was die allgemeine Rezession im Gefolge der Aquifer-Krise, des ramponierten Zustands der asiatischen Wirtschaft und der beginnenden jahrelangen Atchafalaya-Becken-Katastrophe zu verschleiern half.)
23
Nikkei = japanischer Aktienindex / Nasdaq = Abk. für National Association of Securities Dealers Automated Quotation = Automatisiertes Handelssystem der NASD