Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Dies, mein lieber Verleger, hätte ich Monsieur Henry d’Escamps erwidern können, doch ich dachte mir, es sei nicht erforderlich, Le Pays um Gotteslohn einen Artikel zu schenken, der nicht gänzlich uninteressant ist.
Ich habe mich damit begnügt, ihm folgenden Brief zu schreiben:
»An den Herausgeber der Zeitung Le Pays.
Monsieur,
Ihre Antwort ist keine. Ich sprach von den zwölfhunderttausend Francs Schulden, die Joséphine von 1800 bis 1802 angehäuft hat, das heißt innerhalb eines Jahres. Nicht erwähnt habe ich ihre Schulden aus den Jahren 1804 bis 1809. Die Aufstellung dieser fünf Jahre überlasse ich den Herren Ballhouey und de Lavalette und Ihnen, da ich nicht daran zweifle, dass es Ihnen dreien gelingen wird, mir eine ebenso genaue Abrechnung zu erstellen, wie es Monsieur Magne mit den vier veruntreuten Milliarden gelungen ist, die sieben oder acht Jahre lang dazu benutzt wurden, das Budget auszugleichen.
Seien Sie meiner Hochachtung versichert
Alexandre Dumas.«
Es handelte sich zweifellos um Handschrift und Unterschrift Alexandre Dumas’ des Älteren – und nicht des Jüngeren oder General Matthieu Dumas’ oder irgendeines anderen der unzähligen Dumas.
Ich hatte gefunden, jetzt musste ich suchen.
Dumas hatte offenbar Joséphine unter der Knute ihrer Gläubiger dargestellt, in einem Text, der im Moniteur universel erschienen war, und hatte mit dieser Veröffentlichung Monsieur Henry d’Escamps von Le Pays in höchste Empörung versetzt. Dumas antwortete seinem Kritiker in einem offenen Brief, in dem er die Quellen angab, die er verwendet hatte – so viel war klar. Der Text, auf den Dumas sich bezog, war mir unbekannt; er war auch, wie ich mich vergewissern konnte, in keiner Bibliographie seiner Werke erwähnt (weder in Frank W. Reeds Bibliography of Dumas Père noch in Alexandre Dumas Père. A Bibliography of Works Published in French, 1825-1900 von Douglas Munro). Selbstverständlich war der Brief – wie fast immer bei Dumas – undatiert.
Ich wüsste nicht mehr im Einzelnen anzugeben, wie ich mich zum Ziel durchgekämpft habe. Ergebnislos suchte ich nach den Lebensdaten des Henry d’Escamps; vermutlich wusste ich, dass Pierre Magne von 1867 bis 1870 Finanzminister war; fruchtlos förderte ich im zweiten Band der Erinnerungen des Grafen Lavalette[11] auf Seite 376 eine Broschüre aus dem Jahr 1843 zutage, die lautete: Brief vom 16. Mai 1827 aus der Feder Monsieur Ballhoueys, des früheren Finanzsekretärs Ihrer Majestät Kaiserin Joséphine. Vermutlich war mir klar, dass der Moniteur universel nicht länger das offizielle Organ der Regierung des Zweiten Kaiserreichs gewesen sein konnte, wenn er etwas veröffentlichte, was Joséphines posthumem Ansehen abträglich war – was heißt, dass die Veröffentlichung nach dem 1. Januar 1869 erfolgt sein musste, dem Datum, an dem das Journal officiel als neues Regierungsblatt erstmals erschienen war.
Wie auch immer: Eines Tages saß ich unter der Kuppel des Zeitschriftensaals der Bibliothèque Nationale in der Rue de Richelieu in einem der Verschläge, die wie Beichtstühle aussehen, entrollte den Mikrofilm des Moniteur universel aus dem ersten Trimester 1869 und entdeckte... nicht etwa den Brief, den ich ausgegraben hatte (er ist nie erschienen, weder im Moniteur noch in Le Pays), und auch keinen Zeitungsartikel von Dumas über Joséphines Schulden, sondern einen Roman in Fortsetzungen, einen sehr umfangreichen, aber leider unvollendeten Roman: einhundertachtzehn Kapitel, in relativ unregelmäßiger Reihenfolge zwischen dem 1. Januar und dem 30. Oktober 1869 erschienen – fast ein ganzes Jahr lang! Ich war so glücklich, als hätte ich das sagenhafte Eldorado entdeckt. Ich hatte den letzten Roman Alexandre Dumas’ vor Augen, den Krankheit und Tod beendet hatten, an dem die unermüdliche Feder des Autors bis zuletzt geschrieben hatte!
Ich schlachtete mein Sparschwein und erhielt einige Monate später die Fotokopie der Fortsetzungen in Form eines dicken Papierstapels, auf den ich mich stürzte, um seinen Inhalt zu verschlingen. Damals war noch nicht abzusehen, dass Dumas eines Tages in das Panthéon aufgenommen werden würde.[12] Dass das Buch erscheinen konnte, verdanke ich Jean-Pierre Sicre, der sich mit allen Kräften dafür eingesetzt hat. Habent sua fata libelli (ein Text kann nur vermitteln, was der Leser auffasst), wie Dumas das Wort des Terentianus Maurus zu zitieren pflegte.
Der rekonstruierte Roman
Einhundertzwanzig Jahre vor der Wiederentdeckung der Fortsetzungen im Moniteur saß Alexandre Dumas an seinem Schreibtisch in der Wohnung am Boulevard Malesherbes oder in seinem großen niedrigen Bett und schrieb auf das hellblaue Papier im Format von 21 x 27 Zentimetern den ersten Satz seines Romans.
Im Vorjahr (1867) war in dem Periodikum La Petite Presse Dumas’ Roman Les Blancs et les Bleus in vier separaten Teilen als Fortsetzungsroman abgedruckt worden; dieses Panorama der französischen Geschichte zwischen Dezember 1793 und August 1799, also von der Terreur bis zu Bonapartes Rückkehr aus Ägypten, charakterisierte der Verfasser mit den Worten: »Dieses Buch ist alles andere als ein Roman und manchen Lesern wahrscheinlich nicht romanhaft genug; wir sagten schon, dass es verfasst wurde, um mit der Geschichte Schritt zu halten«[13], und an anderer Stelle sagt er: »Es lässt sich nicht leugnen, dass wir in diesem Werk eher romanhafter Historiker als historischer Romanschriftsteller sind. Wir glauben, unsere Phantasie oft genug bewiesen und uns das Recht erworben zu haben, historische Wahrhaftigkeit zu beweisen, ohne indessen unsere Erzählung der poetischen Einfälle zu entkleiden, welche die Lektüre leichter und angenehmer machen, als es die eines schmucklosen Geschichtswerks wäre.«[14]
Im November 1866 hatte Dumas in Vorbereitung seiner historischen Arbeit in ziemlich hoheitsvollem Ton folgenden Brief an Napoleon III., den kleinen Neffen des großen Korsen, geschrieben:
Erlauchter Kollege,
als Sie sich daranmachten, Ihre Lebensbeschreibung des Siegers über die Gallier[15] zu verfassen, war es den Bibliotheken ein Anliegen, Ihnen die Dokumente in ihrem Besitz zur Verfügung zu stellen.
Das Ergebnis war ein anderen Arbeiten überlegenes Werk, indem es die größtmögliche Anzahl historischer Dokumente umfasst.
Da ich gegenwärtig mit der Geschichte eines zweiten Cäsars namens Napoleon Bonaparte beschäftigt bin, benötige ich die Dokumente, die sein Auftreten im Weltgeschehen betreffen.
Kurzum, ich hätte gern Kenntnis von allen Schriften, die der 13. Vendémiaire[16] gezeitigt hat.
Ich bat die Bibliotheken darum, doch sie wurden mir verweigert.
Es bleibt mir daher nichts anderes übrig, als mich an Sie zu werden, mein erlauchter Kollege, dem niemand etwas abschlägt, und Sie zu bitten, in Ihrem Namen diese Schriften von den Bibliotheken zu erlangen und sie mir zur Verfügung zu stellen.
Sollte meine Bitte Ihr Gehör finden, würden Sie mir einen Dienst erwiesen haben, den ich nie vergessen werde.
Ich habe die Ehre, erlauchter Kollege, mich mit größter Hochachtung zu empfehlen als Ihr bescheidener und überaus dankbarer Kollege
11
Antoine-Marie Chamans, Graf von Lavalette, ehemaliger Adjutant Bonapartes, mit einer Nichte Joséphines verheiratet, war zum Oberpostdirektor des Kaiserreichs ernannt; nach Waterloo zum Tode verurteilt, floh er filmreif nach einem Kleidertausch mit seiner Frau.
12
Im November 2002 wurden Dumas’ Überreste anläßlich seines 200. Geburtstags nach Paris und in das Panthéon überbracht. In das literartische Pantheón, die Bibliothèque de la Pléïade, hatte er mit den Drei Musketieren bereits in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts Einzug gehalten.
13
Les Blancs et les Bleus, vierter Teil, 28. Kapitel.
14
Les Blancs et les Bleus, vierter Teil, 16. Kapitel.
15
Napoléon III.: Histoire de Jules César. Imprimerie impériale, 3 Bde., H. Plon, Paus, 1865-1866.
16
Am 13. Vendémiaire des Jahres IV (5. 10. 1795) schlug Bonaparte den konterrevolutionären Aufstand in Paris nieder.