Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Jamie hatte Ronnie Sinclair ausgehorcht – beiläufig, um ihn nicht zu alarmieren oder ein Gerücht in die Welt zu setzen –, doch der Küfer wusste nur das, was er mir schon gesagt hatte; er hatte den Zettel von einem Kesselflicker mit der schlichten Anweisung, er sei »für die Heilerin«.
Ich beugte mich über den Tisch und hob eine Kerze hoch, um das Briefchen noch einmal zu studieren. Das »F« der Signatur bestand aus einer zögernden, mehrfach ausgeführten Linie – mehr als ein Anlauf, bevor sich die Verfasserin dazu aufgerafft hatte, den Brief zu unterzeichnen. Noch ein Hinweis, dachte ich, auf seinen Ursprung. Ich wusste nicht, ob es in North Carolina gegen das Gesetz verstieß, einem Sklaven das Lesen oder Schreiben beizubringen, doch es wurde mit Sicherheit davon abgeraten. Es gab zwar markante Ausnahmen – Sklaven, die zum Nutzen ihrer Besitzer eine Ausbildung genossen, wie Ulysses selbst –, doch im Großen und Ganzen war es eine gefährliche Fähigkeit, die die meisten Sklaven um jeden Preis geheim gehalten hätten.
»Sie wäre nicht das Risiko eingegangen, uns auf diese Weise eine Nachricht zukommen zu lassen, wenn es nicht etwas Ernstes wäre«, sagte Roger. Er stand hinter Brianna, eine Hand auf ihrer Schulter, und spähte auf die Notiz hinunter, die sie flach auf den Tisch gedrückt hielt. »Aber was?«
»Hast du in letzter Zeit etwas von deiner Tante gehört?«, fragte ich Jamie, aber ich kannte die Antwort schon, bevor er den Kopf schüttelte. Jede Nachricht aus River Run, die Fraser’s Ridge erreichte, wäre innerhalb von Stunden überall verbreitet gewesen.
Wir waren dieses Jahr nicht beim Gathering am Mount Helicon gewesen; es gab in Fraser’s Ridge zu viel zu tun. Doch Jocasta und Duncan hatten vorgehabt zu gehen. Wenn etwas nicht gestimmt hätte, hätte es sich überall herumgesprochen und wäre längst bis zu uns gedrungen.
»Also ist es nicht nur ernst, sondern es ist außerdem etwas Privates«, sagte Jamie. »Sonst hätte meine Tante mir geschrieben. Oder Duncan hätte es mir ausrichten lassen.« Seine beiden steifen Finger klopften ein einziges Mal leise gegen seinen Oberschenkel.
Wir standen rings um den Tisch und starrten die Notiz an, als wäre sie eine kleine weiße Dynamitstange. Der Geruch der kochenden Würstchen breitete sich in der kalten Luft aus, warm und heimelig.
»Warum du?«, fragte Roger und blickte zu mir auf. »Meinst du, es könnte etwas Medizinisches sein? Wenn sie zum Beispiel krank wäre – oder schwanger?«
»Keine Krankheit«, sagte ich. »Das wäre zu dringend gewesen.« Man brauchte zu Pferd mindestens eine Woche bis nach River Run – bei gutem Wetter und wenn es keine Zwischenfälle gab. Der Himmel allein wusste, wie lange der Brief gebraucht hatte, um bis nach Fraser’s Ridge zu gelangen.
»Aber wenn sie schwanger wäre? Vielleicht.« Brianna spitzte die Lippen, ohne ihren stirnrunzelnden Blick von dem Zettel zu heben. »Ich glaube, sie betrachtet Mama als Freundin. Ich glaube, sie würde es dir eher anvertrauen als Tante Jocasta.«
Ich nickte, wenn auch widerstrebend. Freundschaft war ein zu starkes Wort; jemand in Phaedres Position konnte nicht mit mir befreundet sein. Einer solchen Zuneigung standen zu viele Einschränkungen im Wege – Argwohn, Misstrauen, die gewaltige Kluft des Unterschiedes, den die Sklaverei mit sich brachte.
Und doch bestand zwischen uns ein gewisses Gefühl der Zuneigung, so viel stand fest. Und ich hatte Seite an Seite mit ihr gearbeitet, Pflanzen gesetzt und geerntet, Kräuter für die Arzneikammer präpariert, ihren Gebrauch erklärt. Wir hatten gemeinsam eine Tote begraben und einen Plan ausgeheckt, um die entlaufene Sklavin zu schützen, die des Mordes angeklagt war. Sie hatte ein gewisses Talent im Umgang mit Kranken, Phaedre, und sie kannte sich mit Kräutern aus. Mit kleineren Problemen konnte sie selbst fertigwerden. Doch eine unerwartete Schwangerschaft …
»Aber was meint sie denn, was ich tun könnte, frage ich mich.« Ich dachte laut vor mich hin, und meine Fingerspitzen waren kalt. Wenn eine Sklavin unerwartet ein Kind bekam, so war dies für ihren Besitzer kein Problem – im Gegenteil, man würde es als zusätzlichen Besitz willkommen heißen. Allerdings hatte ich schon davon gehört, dass Sklavinnen ihre Kinder lieber bei der Geburt umbrachten, als sie in der Sklaverei aufwachsen zu lassen. Doch Phaedre war Haussklavin und wurde gut behandelt; außerdem trennte Jocasta ihre Sklavenfamilien nicht, das wusste ich. Wenn es das war, konnte Phaedres Lage gar nicht so aussichtslos sein – andererseits, wie wollte ich das beurteilen?
Unsicher pustete ich ein dampfendes Atemwölkchen aus.
»Ich verstehe einfach nicht, warum – ich meine, sie kann doch unmöglich erwarten, dass ich ihr helfen würde, ein Kind loszuwerden. Und für alles andere – warum ich? Es gibt doch Hebammen und Heiler, die viel dichter in ihrer Nähe leben. Es ergibt einfach keinen Sinn.«
»Was, wenn –«, begann Brianna und hielt inne. Sie spitzte nachdenklich die Lippen und ließ den Blick von mir zu Jamie und zurückschweifen. »Was«, sagte sie vorsichtig, »wenn sie schwanger wäre, aber der Vater … jemand ist, der es nicht sein sollte?«
Argwöhnische, aber humorvolle Spekulation regte sich in Jamies Blick, was die Ähnlichkeit zwischen ihm und Brianna noch verstärkte.
»Wer denn?«, sagte er. »Farquard Campbell?«
Ich lachte laut auf, und Brianna prustete vor Belustigung, so dass weiße Atemwölkchen ihren Kopf umschwebten. Die Vorstellung, wie der aufrechte – und nicht mehr ganz junge – Farquard Campbell eine Haussklavin verführte, war …
»Wohl kaum«, sagte Brianna. »Obwohl er natürlich diese ganzen Kinder hat. Aber mir ist plötzlich der Gedanke gekommen – was, wenn es Duncan wäre?«
Jamie räusperte sich und vermied es, mich anzusehen. Ich spürte, wie mein Gesicht rot wurde, und biss mir auf die Lippe. Duncan hatte Jamie vor seiner Hochzeit mit Jocasta seine Impotenz gestanden – doch das wusste Brianna nicht.
»Oh, das halte ich nicht für wahrscheinlich«, sagte Jamie, der ein wenig erstickt klang. Er hustete und fächerte sich den Rauch, der vom Kohlebecken aufstieg, aus dem Gesicht. »Wie kommst du denn auf diese Idee?«
»Nicht durch Duncan«, versicherte sie ihm. »Aber Tante Jocasta ist nun einmal, na ja, alt. Und du weißt doch, wie Männer sein können.«
»Nein, wie denn?«, fragte Roger, ohne eine Miene zu verziehen, und ich musste husten, um nicht loszulachen.
Jamie betrachtete mich mit einem gewissen Zynismus.
»Um einiges besser als du, a nighean. Und es gibt zwar viele Männer, auf die ich nicht viel verwetten würde, aber ich würde doch guten Gewissens einiges darauf setzen, dass Duncan Innes nicht der Mann ist, der sein Ehegelübde mit der schwarzen Sklavin seiner Frau bricht.«
Ich stieß ein leises Geräusch aus, und Roger musterte mich mit hochgezogener Augenbraue.
»Stimmt etwas nicht?«
»Alles bestens«, behauptete ich und klang erstickt. »Bestens.« Ich zog mir eine Ecke meines Schultertuchs über das zweifellos puterrote Gesicht und hustete demonstrativ. »Ziemlich … verqualmt hier, nicht wahr?«
»Vielleicht«, räumte Brianna, an Jamie gewandt, ein. »Möglich, dass es etwas ganz anderes ist. Es ist nur, dass Phaedre die Notiz an ›die Heilerin‹ geschickt hat, und zwar wahrscheinlich, weil sie Mamas Namen nicht benutzen wollte, denn es hätte ja sein können, dass jemand den Zettel zu Gesicht bekam, bevor er hier eintraf. Ich dachte nur, vielleicht war es gar nicht Mama, die sie braucht – vielleicht bist du es.«
Das holte Jamie und mich auf den Boden zurück, und wir sahen uns an. Das war definitiv eine Möglichkeit, und zwar eine, auf die wir beide nicht gekommen waren.
»Sie konnte dir nicht direkt schreiben, ohne Neugier zu erregen«, fuhr Brianna mit einem stirnrunzelnden Blick auf den Zettel fort. »Aber sie konnte ›die Heilerin‹ sagen, ohne diese beim Namen nennen zu müssen. Und wenn Mama kommen würde, so wusste sie, dass du sie um diese Jahreszeit wahrscheinlich begleiten würdest. Oder wenn nicht, könnte Mama dich offen herbeirufen.«