Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Früher hatte sich Rostow, wenn es in den Kampf ging, gefürchtet; aber jetzt empfand er nicht die geringste Spur von Ängstlichkeit mehr. Daß er sich nicht mehr fürchtete, kam nicht etwa daher, daß er sich an das Feuer gewöhnt hätte (an die Gefahr kann man sich nicht gewöhnen), sondern daher, daß er gelernt hatte, seine Gedanken von der Gefahr abzulenken. Er hatte sich gewöhnt, wenn es in den Kampf ging, an alles mögliche zu denken, nur nicht an das, was anscheinend größeres Interesse erregte als alles andere: an die bevorstehende Gefahr. In der ersten Zeit seines Dienstes hatte er, wie sehr er sich auch Mühe gab und wie energisch er sich auch wegen seiner Feigheit ausschalt, dies nicht erreichen können; aber jetzt hatte sich das mit den Jahren ganz von selbst gemacht. Er ritt jetzt neben Iljin zwischen den Birken dahin, riß zuweilen Blätter von den Zweigen, die ihm unter die Hände kamen, berührte mitunter die Weichen seines Pferdes mit dem Fuß und reichte, ohne sich umzuwenden, die ausgerauchte Pfeife dem hinter ihm reitenden Husaren hin – alles mit so ruhiger, sorgloser Miene, als ob er spazierenritte. Es war ihm ein Schmerz, in das aufgeregte Gesicht Iljins zu blicken, der viel und unruhig redete; er kannte aus Erfahrung jenen qualvollen Zustand der Erwartung und Todesfurcht, indem sich der Kornett befand, und wußte, daß nichts als die Zeit ihm helfen konnte.
Kaum begann die Sonne hinter einer Wolke hervorzukommen und auf einen reinen Streifen des Himmels zu treten, als sich der Wind legte, wie wenn er sich nicht erdreistete, diesen Sommermorgen, der nach dem Gewitter so wunderschön geworden war, zu verderben; es fielen noch Tropfen von den Bäumen, aber jetzt senkrecht – und nun wurde alles still. Die Sonne war jetzt ganz herausgetreten und am Horizont vollständig sichtbar, verschwand dann aber von neuem in einer schmalen, langen Wolke, die über ihr stand. Einige Minuten darauf erschien die Sonne noch glänzender am oberen Rand der Wolke, den sie zerriß. Alles fing an zu glänzen und zu leuchten. Und gleichzeitig mit dem Aufstrahlen dieses Lichtes, wie zur Antwort darauf, ertönten aus der Richtung, nach der sie ritten, mehrere Kanonenschüsse.
Rostow hatte noch nicht Zeit gehabt, zu überlegen und sich ein Urteil darüber zu bilden, wie weit diese Schüsse wohl entfernt sein mochten, als von Witebsk her ein Adjutant des Grafen Ostermann-Tolstoi herbeigesprengt kam mit dem Befehl, im Trab auf der Straße weiter vorzugehen.
Die Eskadron überholte die Infanterie und die Artillerie, die gleichfalls ihr Tempo beschleunigten, ritt bergab und nach Passierung eines leeren, von den Einwohnern verlassenen Dorfes wieder bergauf. Die Pferde begannen sich mit Schaum zu bedecken, die Soldaten bekamen rote Gesichter.
»Halt, richt’t euch!« erscholl weiter vorn das Kommando des Divisionsgenerals. »Rechte Schulter vor, im Schritt marsch!« wurde dann vorn kommandiert.
Die Husaren ritten an der Linie unserer Truppen entlang auf den linken Flügel unserer Stellung und machten dort hinter unseren Ulanen halt, die in der ersten Linie standen. Rechts stand russische Infanterie in dichter Kolonne; dies war die Reserve. Über ihr auf einer Anhöhe waren in der vollkommen reinen Luft und der schrägen, hellen Morgenbeleuchtung unmittelbar gegen den Himmel unsere Kanonen sichtbar. Nach vorn zu, jenseits eines Tales, erblickte man feindliche Kolonnen und Kanonen. Im Talgrund war unsere Vorpostenkette zu hören, die bereits in den Kampf eingetreten war und ein lustiges Geknatter mit dem Feind unterhielt.
Diese seit langer Zeit nicht mehr gehörten Klänge riefen bei Rostow wie die heiterste Musik eine fröhliche Stimmung hervor. »Trapp-ta-ta-tapp!« knatterten bald gleichzeitig, bald schnell nacheinander mehrere Schüsse. Dann wurde wieder alles still, und dann war es von neuem, als explodierten Knallerbsen, über die jemand hinginge.
Die Husaren hielten ungefähr eine Stunde auf einem Fleck. Auch eine Kanonade hatte begonnen. Graf Ostermann mit seiner Suite kam hinter der Eskadron vorbeigeritten; er hielt an und sprach einige Worte mit dem Regimentskommandeur und sprengte dann weiter zu den Kanonen auf der Anhöhe.
Gleich nachdem Ostermann weggeritten war, erscholl bei den Ulanen das Kommando: »In Kolonne, zur Attacke – fertig!« Die Infanterie vor ihnen verdoppelte die Tiefe ihrer Abteilungen, um die Kavallerie hindurchzulassen. Mit flatternden Lanzenfähnchen setzten sich die Ulanen in Bewegung und ritten im Trab bergab auf die französische Kavallerie los, die sich links am Fuß der Anhöhe zeigte.
Sobald die Ulanen die Anhöhe hinuntergeritten waren, erhielten die Husaren Befehl, sich hinaufzubegeben, um der Batterie als Deckung zu dienen. Während sie an die Stelle der Ulanen rückten, kamen zischend und pfeifend aus der feindlichen Vorpostenkette Kugeln herübergeflogen, die aber bei der weiten Entfernung nicht trafen.
Dieser gleichfalls seit langer Zeit nicht mehr gehörte Ton wirkte auf Rostow noch freudiger und aufmunternder als die vorher vernommenen Töne der Schüsse. Sich im Sattel aufrichtend, betrachtete er das Schlachtfeld, das von der Anhöhe her frei sichtbar dalag, und nahm mit ganzer Seele an den Bewegungen der Ulanen teil. Die Ulanen jagten dicht an die französischen Dragoner heran; dann entstand dort im Pulverrauch ein Wirrwarr, und nach fünf Minuten sprengten die Ulanen zurück, nicht nach der Stelle hin, wo sie vorher gestanden hatten, sondern mehr nach links. Zwischen den orangefarbenen, auf Füchsen reitenden Ulanen und hinter ihnen waren blaue französische Dragoner auf grauen Pferden in großer Menge sichtbar.
XV
Rostow mit seinem scharfen Jägerauge sah als einer der ersten diese blauen französischen Dragoner, von denen unsere Ulanen verfolgt wurden. Näher und näher kamen die aufgelösten Scharen der Ulanen und der sie verfolgenden französischen Dragoner. Schon konnte man erkennen, wie diese am Fuß der Anhöhe klein erscheinenden Menschengestalten einander einholten, zusammenstießen, die Arme erhoben und die Säbel schwangen.
Rostow verfolgte das, was da vor seinen Augen vorging, wie eine Hetzjagd. Er fühlte instinktmäßig, daß, wenn man jetzt mit den Husaren auf die französischen Dragoner einen Angriff mache, diese nicht standhalten würden; aber wenn man es tun wollte, so mußte es sogleich geschehen, diesen Augenblick; sonst war es bereits zu spät. Er blickte um sich. Ein neben ihm haltender anderer Rittmeister verwandte ebenso wie er kein Auge von dem Kavalleriekampf da unten.
»Andrei Sewastjanowitsch«, sagte Rostow, »wir könnten sie über den Haufen werfen …«
»Es wäre ein kühnes Stück«, antwortete der Rittmeister. »Aber in der Tat …«
Rostow hörte ihn nicht zu Ende, spornte sein Pferd, jagte vor die Front seiner Eskadron und hatte kaum das Kommando zu der beabsichtigten Bewegung gegeben, als auch schon die ganze Eskadron, die dasselbe Gefühl gehabt hatte wie er selbst, hinter ihm losritt. Rostow wußte selbst nicht, wie und warum er das getan hatte. Er hatte das alles in derselben Weise getan, wie er auf der Jagd zu handeln pflegte, ohne zu denken, ohne zu überlegen. Er hatte gesehen, daß die Dragoner nahe waren, daß sie in Unordnung dahinjagten; er hatte sich gesagt, daß sie nicht würden standhalten können; er hatte gewußt, daß es nur diesen einen günstigen Augenblick gab, der nie wiederkehren werde, wenn man ihn jetzt unbenutzt lasse. Die Kugeln hatten so ermunternd um ihn herum gezischt und gepfiffen, das Pferd hatte so eifrig vorwärts verlangt, daß er nicht hatte widerstehen können. Er hatte sein Pferd gespornt, das Kommando gegeben, in demselben Augenblick auch schon das Getrappel seiner ansprengenden Eskadron hinter sich gehört und ritt nun in vollem Trab bergab auf die Dragoner los. Kaum waren sie am Fuß des Berges angelangt, als unwillkürlich ihr Trab in Galopp überging, der immer schneller und schneller wurde, je näher sie ihren Ulanen und den hinter diesen herjagenden französischen Dragonern kamen. Nun waren sie dicht bei den Dragonern. Die vordersten derselben drehten beim Anblick der Husaren um, die weiter hinten befindlichen hielten an. Mit derselben Empfindung, mit der Rostow auf der Jagd dahinsprengte, um einem Wolf den Weg abzuschneiden, ließ er jetzt seinem donischen Pferde völlig die Zügel schießen und jagte schräg auf die aufgelösten Reihen der französischen Dragoner los. Ein Ulan hielt auf der Flucht an; ein anderer, der zu Fuß war, warf sich auf die Erde, um nicht zerdrückt zu werden; ein reiterloses Pferd geriet zwischen die Husaren. Fast alle französischen Dragoner jagten zurück. Rostow wählte sich einen von ihnen, der wie die andern auf einem grauen Pferd saß, aus und sprengte ihm nach. Auf dem Weg stürmte er auf einen Busch los; das gute Pferd trug ihn darüberhin, und kaum hatte sich Nikolai wieder im Sattel zurechtgerückt, als er sah, daß er in wenigen Augenblicken den Feind erreichen werde, den er sich als Ziel ausgesucht hatte. Dieser Franzose, nach seiner Uniform zu urteilen wahrscheinlich ein Offizier, jagte mit zusammengekrümmtem Leib auf seinem grauen Pferd dahin, das er mit dem Säbel antrieb. Im nächsten Augenblick stieß Rostows Pferd mit der Brust gegen das Hinterteil des Pferdes des Offiziers, warf das Tier beinahe über den Haufen, und gleichzeitig hob Rostow, ohne selbst zu wissen warum, den Säbel in die Höhe und führte damit einen Hieb gegen den Franzosen.