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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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In demselben Augenblick, wo Rostow dies tat, war auf einmal die ganze lebhafte Erregung bei ihm verschwunden. Der Offizier fiel vom Pferd, nicht sowohl infolge des Säbelhiebes, der ihm nur leicht den Arm oberhalb des Ellbogens geritzt hatte, als infolge des Stoßes des Pferdes und vor Furcht. Rostow hielt sein Pferd an und suchte mit den Augen seinen Feind, um zu sehen, wen er besiegt habe. Der französische Dragoneroffizier hüpfte mit dem einen Fuß auf der Erde umher, mit dem andern saß er im Steigbügel fest. Ängstlich kniff er die Augen zusammen, wie wenn er jeden Augenblick einen neuen Hieb erwartete, runzelte die Stirn und blickte mit dem Ausdruck des Schreckens von unten zu Rostow hinauf. Sein blasses, kotbespritztes, blondhaariges, jugendliches Gesicht mit dem Grübchen am Kinn und den hellen, blauen Augen paßte ganz und gar nicht auf ein Schlachtfeld und hatte nichts Feindliches: es war ein ganz einfaches, gewöhnliches Stubengesicht. Noch ehe Rostow mit sich darüber im klaren war, was er mit ihm anfangen solle, rief der Offizier auf französisch: »Ich ergebe mich!« Er machte eilige, vergebliche Versuche, seinen Fuß aus dem Steigbügel loszubekommen, und blickte mit den angstvollen blauen Augen unverwandt zu Rostow hin. Hinzuspringende Husaren machten ihm den Fuß frei und setzten ihn wieder in den Sattel. Die Husaren waren an verschiedenen Stellen eifrig mit gefangenen Dragonern beschäftigt: einer von diesen war verwundet, wollte aber trotz seines blutigen Gesichtes sein Pferd nicht hingeben; ein anderer saß hinter einem Husaren, den er umfaßt hielt, auf der Kruppe von dessen Pferd; ein dritter kletterte auf das Pferd eines Husaren, der ihn dabei unterstützte. Von vorn her kam schießend französische Infanterie im Laufschritt heran. Eilig ritten die Husaren mit ihren Gefangenen davon. Rostow, der mit den andern zurückjagte, hatte eine unangenehme Empfindung, die ihm das Herz zusammenpreßte. Unklare, verworrene Gedanken, mit denen er noch nicht zurechtkommen konnte, waren durch die Gefangennahme dieses Offiziers und den Säbelhieb, den er ihm versetzt hatte, in ihm rege geworden.

Graf Ostermann-Tolstoi begegnete den zurückkehrenden Husaren, ließ Rostow zu sich rufen, sprach ihm seine Anerkennung aus und sagte, er werde dem Kaiser über seine kühne Tat Bericht erstatten und das Georgskreuz für ihn beantragen. Als Rostow zum Grafen Ostermann gerufen wurde, war er, in dem Bewußtsein, daß er den Angriff ohne Befehl unternommen hatte, fest überzeugt, daß der hohe Vorgesetzte ihn zu sich fordere, um ihn für seine eigenmächtige Handlungsweise zu bestrafen. Daher hätte Rostow über Ostermanns schmeichelhafte Worte und die Verheißung einer Belohnung um so freudiger überrascht sein müssen; aber eben jenes unangenehme, unklare Gefühl rief bei ihm geradezu eine Art von seelischer Übelkeit hervor. »Ja, was quält mich denn eigentlich?« fragte er sich, als er von dem General wieder wegritt. »Sorge um Iljin? Nein, er ist unversehrt. Habe ich mich irgendwie blamiert? Nein, ganz und gar nicht!« Was ihn quälte, war etwas anderes als Reue. »Ja, ja, dieser französische Offizier mit dem Grübchen. Wie deutlich ich mich erinnere, daß mein Arm widerstrebte, als ich ihn zum Hieb aufhob.«

Rostow sah die Gefangenen, welche weiter zurücktransportiert wurden, und ritt zu ihnen hin, um sich seinen Franzosen mit dem Grübchen am Kinn anzusehen. Dieser saß in seiner sonderbaren Uniform jetzt auf einem gewöhnlichen Husarenpferd und warf unruhige Blicke um sich. Seine Armwunde war kaum eine Wunde zu nennen. Er lächelte Rostow gezwungen zu und winkte grüßend mit der Hand. Rostow hatte immer noch dieselbe unbehagliche, peinliche Empfindung.

Diesen ganzen Tag über sowie auch während des folgenden Tages bemerkten Rostows Freunde und Kameraden, daß er zwar nicht traurig, nicht verdrießlich, wohl aber schweigsam, nachdenklich und sich gekehrt war. Er trank nur ungern mit, suchte allein zu bleiben und war in Gedanken versunken.

Rostow dachte immer an diese seine glänzende Kriegstat, die ihm zu seiner Verwunderung das Georgskreuz eintrug und ihm sogar den Ruf besonderer Tapferkeit verschaffte, und konnte manches dabei schlechterdings nicht begreifen. »Also auch die fürchten sich, und noch mehr als unsereiner!« dachte er. »Also das ist das ganze sogenannte Heldentum? Und habe ich das etwa um des Vaterlandes willen getan? Und worin hat denn er sich schuldig gemacht, der junge Mensch mit dem Grübchen und den blauen Augen? Aber was hatte er für Angst! Er dachte, ich würde ihn töten. Wozu hätte ich ihn denn töten sollen? Die Hand zitterte mir. Und ich bekomme das Georgskreuz. Nichts begreife ich davon, gar nichts!«

Aber während Nikolai in seinem Innern diese Fragen durcharbeitete, ohne sich doch klare Rechenschaft davon geben zu können, was ihn in solche Unruhe versetzte, drehte sich, wie das oft so geht, das Rad seines Glückes auf dienstlichem Gebiet zu seinen Gunsten. Er wurde nach dem Kampf bei Ostrowno befördert, erhielt ein Husarenbataillon, und wenn man zu irgendeiner Verwendung einen tapferen Offizier nötig hatte, so gab man den betreffenden Auftrag ihm.

XVI

Sobald die Gräfin die Nachricht von Nataschas Erkrankung erhalten hatte, kam sie, obwohl sie noch nicht recht gesund und noch sehr schwach war, dennoch mit Petja und allem, was an Hausrat und Dienerschaft erforderlich war, nach Moskau, und die ganze Familie Rostow siedelte von Marja Dmitrijewna in das eigene Haus über und richtete sich zu dauerndem Aufenthalt in Moskau ein.

Nataschas Krankheit war von so ernstem Charakter, daß, zu Nataschas und ihrer Angehörigen Glück, der Gedanke an alles das, was die Ursache ihrer Krankheit war (ihr Verhalten und ihre Absage an ihren Verlobten), dagegen in den Hintergrund treten mußte. Sie war so krank, daß man nicht daran denken konnte, inwieweit sie an allem Geschehenen schuld trug; denn sie aß nicht, schlief nicht, magerte sichtlich ab, hustete und befand sich, wie die Ärzte zu verstehen gaben, in Lebensgefahr. Alle Gedanken mußten einzig und allein darauf gerichtet sein, wie man ihr helfen könne. Die Ärzte besuchten sie bald einzeln, bald, um ein Konsilium zu halten, mehrere zugleich, redeten viel Französisch, Deutsch und Lateinisch, beurteilten ein jeder die Methode des andern sehr abfällig und verschrieben die mannigfachsten Arzneien gegen alle möglichen ihnen bekannten Krankheiten; aber keinem von ihnen kam der einfache Gedanke in den Sinn, daß ihnen die Krankheit, an der Natascha litt, überhaupt nicht bekannt sein konnte, wie denn keine Krankheit, von der ein lebendiger Mensch befallen wird, bekannt sein kann; denn jeder lebendige Mensch hat seine besonderen Eigentümlichkeiten und hat immer eine besondere, ihm speziell eigene, neue, komplizierte, der medizinischen Wissenschaft unbekannte Krankheit, nicht eine Krankheit der Lunge, der Leber, der Haut, des Herzens, der Nerven usw., wie sie in den medizinischen Lehrbüchern beschrieben sind, sondern eine Krankheit, welche in einer der zahllosen Kombinationen von Leiden dieser Organe besteht. Dieser einfache Gedanke konnte aber den Ärzten nicht in den Sinn kommen (ebensowenig wie einem Zauberer der Gedanke in den Sinn kommen kann, daß er nicht imstande ist zu zaubern), weil ihre Lebenstätigkeit darin bestand, Krankheiten zu kurieren, und weil sie dafür Geld erhielten, und weil sie auf diese Tätigkeit die besten Jahre ihres Lebens verwendet hatten. Und (was die Hauptsache war) dieser Gedanke konnte den Ärzten darum nicht kommen, weil sie sahen, daß sie zweifellos von Nutzen waren: sie waren tatsächlich für alle Mitglieder der Familie Rostow von Nutzen. Sie waren von Nutzen, nicht deshalb, weil sie die Kranke zwangen, allerlei größtenteils schädliche Substanzen hinunterzuschlucken (diese Schädlichkeit war allerdings nur wenig zu spüren, da die schädlichen Substanzen nur in geringer Quantität gereicht wurden), sondern sie waren nützlich, notwendig und unentbehrlich (und dies ist der Grund, weshalb es zu allen Zeiten vermeintliche Heilkundige gegeben hat und geben wird: Zauberer, Homöopathen und Allopathen), weil sie einem seelischen Bedürfnis der kranken Natascha und der Menschen, die sie liebhatten, entgegenkamen. Sie kamen jenem ewigen menschlichen Bedürfnis nach Hoffnung auf Besserung entgegen, dem Bedürfnis nach Mitgefühl und freundlicher Tätigkeit anderer, das der Mensch während des Leidens empfindet. Sie kamen jenem ewigen, menschlichen, beim Kind in der primitivsten Form zu beobachtenden Bedürfnis entgegen, die Stelle streicheln zu lassen, die einen Puff bekommen hat. Wenn das Kind sich stößt oder fällt, so läuft es sofort in die Arme der Mutter oder der Wärterin, damit diese ihm die schmerzende Stelle küssen und streicheln; und wenn das geschieht, so fühlt es davon eine Erleichterung. Dem Kind ist es unglaublich, daß Menschen, die stärker und klüger sind, als es selbst ist, kein Mittel haben sollten, ihm von seinem Schmerz zu helfen. Und die Hoffnung auf Erleichterung und der Ausdruck des Mitgefühls, während die Mutter ihm seine Beule streichelt, trösten das Kind. So waren auch die Ärzte für Natascha dadurch von Nutzen, daß sie gleichsam ihr »Au-au« küßten und streichelten und versicherten, der Schmerz würde sogleich vergehen, wenn der Kutscher nach der Apotheke am Arbatskaja-Platz fahre und für einen Rubel und siebzig Kopeken Pülverchen und Pillen in hübschen Schächtelchen hole, und wenn die Kranke diese Pülverchen genau alle zwei Stunden, nicht früher und nicht später, in abgekochtem Wasser einnehme.

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