Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Und was hätten wohl Sonja und der Graf und die Gräfin angefangen, und wie elend würden sie ausgesehen haben, wenn sie nichts für die Kranke zu tun gehabt hätten, wenn nicht diese nach der Uhr einzugebenden Pillen und das laue Getränk und die Hühnerschnitzel gewesen wären und all die übrigen vom Arzt vorgeschriebenen Einzelheiten der Lebensweise, deren Beobachtung allen Familienmitgliedern Beschäftigung und Trost gewährte? Wie hätte der Graf die Krankheit seiner Lieblingstochter ertragen können, wenn er sich nicht gesagt hätte, daß ihn diese Krankheit schon Tausende von Rubeln gekostet habe, und daß er sich noch weitere Tausende nicht würde leid sein lassen, um seiner Natascha dadurch zu helfen, und wenn er sich nicht bewußt gewesen wäre, daß er bei ausbleibender Besserung immer noch mehr Geld daranwenden und sie ins Ausland bringen und dort die berühmtesten Ärzte zu gemeinsamer Beratung zusammenrufen würde, und wenn er nicht die Möglichkeit gehabt hätte, ausführlich zu erzählen, wie Métivier und Feller die Krankheit nicht erkannt hätten, wohl aber Fries, und wie Mudrow sie noch besser definiert habe? Was hätte die Gräfin angefangen, wenn sie nicht hätte die kranke Natascha manchmal ausschelten können, weil diese die Anordnungen des Arztes nicht genau befolgte?
»Auf die Art wirst du nie gesund werden«, sagte sie und vergaß über dem Ärger ihren Kummer, »wenn du dem Arzt nicht gehorchst und nicht pünktlich die Arznei einnimmst! Damit ist nicht zu spaßen; denn es kann sich bei dir eine Pneumonie herausbilden«, sagte die Gräfin, und schon im Aussprechen dieses ihr (und nicht ihr allein) unverständlichen Wortes fand sie einen großen Trost.
Was hätte Sonja angefangen, wenn sie nicht das freudige Bewußtsein gehabt hätte, daß sie in der ersten Zeit drei Nächte hindurch nicht aus den Kleidern gekommen war, um stets bereit zu sein und alle Anordnungen des Arztes genau erfüllen zu können, und daß sie auch jetzt in der Nacht nicht schlief, um nicht die Zeit zu verpassen, zu welcher die nicht allzu schädlichen Pillen aus dem vergoldeten Schächtelchen eingegeben werden mußten? Ja sogar Natascha selbst sagte zwar, ihr könne keine Arznei helfen und das seien lauter Torheiten; aber auch ihr machte es Freude, daß sie immer zu bestimmter Zeit ihre Arznei einnehmen mußte, und es machte ihr Freude, zu sehen, daß die anderen um ihretwillen solche Opfer brachten. Und auch das machte ihr Freude, daß sie mitunter durch Vernachlässigung der ärztlichen Vorschriften zeigen konnte, sie glaube an keine Heilung und lege auf ihr Leben keinen Wert.
Der Arzt kam jeden Tag, fühlte den Puls, besah die Zunge und sagte ein paar Scherzworte, ohne sich um Nataschas bedrückte Miene zu kümmern. Dann ging er in das Nebenzimmer, wohin ihm die Gräfin eilig folgte, und nun nahm er eine ernste Miene an, wiegte gedankenvoll den Kopf hin und her und sagte, es sei allerdings Gefahr vorhanden, aber er hoffe auf die Wirkung dieser letzten Arznei; man müsse abwarten und beobachten; die Krankheit sei mehr seelischer Natur, aber …
Nun schob ihm die Gräfin, die sich bemühte, diese Handlung vor sich selbst und vor dem Arzt zu verbergen, ein Goldstück in die Hand und kehrte dann jedesmal mit beruhigtem Herzen zu der Kranken zurück.
Die Symptome der Krankheit Nataschas bestanden darin, daß sie wenig aß, wenig schlief, viel hustete und stets in trüber Stimmung war. Die Ärzte erklärten, die Kranke dürfe nicht ohne ärztlichen Beistand bleiben, und hielten sie darum in der stickigen Luft der großen Stadt zurück. So fuhren denn Rostows im Sommer 1812 nicht aufs Land.
Trotz der großen Menge der von ihr verschluckten Pillen, Tropfen und Pülverchen aus Büchschen, Fläschchen und Schächtelchen (Madame Schoß, die eine Liebhaberin von solchen Dingen war, hatte sich eine ganze Sammlung davon angelegt), und trotzdem sie das gewohnte Landleben entbehren mußte, behauptete doch ihre jugendliche Natur den Sieg: über Nataschas Kummer breiteten die Empfindungen, die ihr das seitdem verflossene Stück Leben gebracht hatte, eine Art von schützender Deckschicht; er lastete nun nicht mehr mit so quälendem Druck auf ihrem Herzen, wich allmählich in die Vergangenheit zurück, und Natascha begann sich auch körperlich zu erholen.
XVII
Natascha war nun ruhiger, aber nicht fröhlicher. Sie mied nicht nur alle äußeren Anregungen zur Freude: Bälle, Spazierfahrten, Konzerte, Theater, sondern auch, wenn sie wirklich einmal lachte, waren aus dem Lachen immer die Tränen herauszuhören. Zu singen war sie nicht imstande. Sowie sie zu lachen anfing oder allein für sich zu singen versuchte, kamen ihr die Tränen in die Kehle: Tränen der Reue, Tränen der Erinnerung an jene unwiederbringlich verlorene Zeit der Reinheit, Tränen des Ingrimms darüber, daß sie so ohne Grund und Zweck sich ihr junges Leben zerstört habe, das so glücklich hätte sein können. Lachen und Singen erschienen ihr ganz besonders als eine Art von Frevel gegen ihren Gram. An Koketterie dachte sie überhaupt nicht; hierin brauchte sie sich gar nicht erst irgendeine Zurückhaltung aufzuerlegen. Sie sagte (und das entsprach durchaus ihrem wahren Gefühl), daß ihr in dieser Zeit alle Männer genau so gleichgültig waren wie der Narr Nastasja Iwanowna. Vor ihrer Seele stand gleichsam ein Wachtposten, der jeder Freude streng den Eintritt verbot. Auch war das Interesse für gar manches, was ihr in der früheren sorglosen, hoffnungsreichen Mädchenzeit Vergnügen gemacht hatte, bei ihr erstorben. Am häufigsten und schmerzlichsten erinnerte sie sich an jene Herbstmonate, an die Jagd, an den Onkel und an die Weihnachtszeit, die sie mit Nikolai in Otradnoje verlebt hatte. Was hätte sie nicht darum gegeben, wenn sie auch nur einen einzigen Tag aus jener Zeit noch einmal hätte durchleben können! Aber das war nun für immer zu Ende. Ihre damalige Ahnung, daß jener Zustand der Freiheit und der Empfänglichkeit für alle Freuden ihr nie wiederkehren werde, hatte sie nicht getäuscht. Und doch mußte sie weiterleben.