Die Pflicht zu schweigen
- Автор: Шелдон Сидни
- Год: 1994
- Язык: немецкий
- Жанр: Триллеры
Электронная книга - «Die Pflicht zu schweigen». Краткое содержание книги:
Über den Autor
Sidney Sheldon, geboren 1917, war ein absolutes Phänomen in der internationalen Buchwelt. Erst mit fünfzig schrieb er seinen ersten Roman Das nackte Gesicht. Seither sind von zahlreiche Bücher erschienen, jedes ein Weltbestseller, jedes in viele Sprachen übersetzt und alle verfilmt. Sidney Sheldon lebte abwechselnd in Los Angeles, Palm Springs und London. 2007 verstarb der Autor.
Ungekürzte Ausgabe Titel der Originalausgabe: Nothing Lasts Forever Originalverlag: William Morrow and Company, Inc., New York
Honey war eine Nachzüglerin. Sie war auf die Welt gekommen, ungebeten und unerwünscht, als ihre Schwestern bereits sechs Jahre alt waren. »Honey war unser kleines Mißgeschick«, erzählte die Mutter unbekümmert vor Freundinnen. »Ich hätte ja gern eine Abtreibung machen lassen, aber Fred war dagegen. Heute tut es ihm leid.«
Da, wo Honeys Schwestern überwältigend waren, erwies Honey sich als eher schlicht. Wo sie brillant waren, blieb Honey durchschnittlich. Die Schwestern hatten mit neun Monaten angefangen zu sprechen; als Honey ihr erstes Wort hervorbrachte, war sie fast zwei Jahre alt.
»Wir nennen sie >Dummchen<«, meinte der Vater lachend. »In unserer Familie ist Honey das häßliche Entlein. Ich glaube allerdings nicht, daß aus ihr je ein Schwan werden wird.«
Nicht, daß Honey häßlich gewesen wäre; sie war aber auch nicht gerade hübsch. Sie sah normal und gewöhnlich aus mit ihrem dünnen, spitzen Gesicht, dem mausblonden Haar und ihrer keineswegs beneidenswerten Figur. Es gab jedoch etwas, das für Honey sprach: Sie hatte ein ungewöhnlich liebes, sonniges Gemüt - eine Eigenschaft, die bei den Tafts allerdings nicht in besonders hohem Kurs stand.
Soweit sie zurückdenken konnte, hatte Honey nichts mehr am Herzen gelegen, als ihren Eltern und Schwestern Freude zu bereiten und von ihnen geliebt zu werden. Leider war jede Liebesmühe vergebens. Beide Eltern gingen ganz in ihrer Karriere auf, und die Schwestern waren vollauf damit beschäftigt, Schönheitswettbewerbe zu gewinnen und Stipendien zu ergattern. Und Honeys übertriebene Schüchternheit - die Familie hatte ihr, bewußt oder unbewußt, ein tiefsitzendes Minderwertigkeitsgefühl eingeflößt - machte die Sache nicht eben besser.
Auf der Highschool galt Honey als Mauerblümchen. Schulbälle und Feste besuchte sie allein, ohne Begleitung, und lächelte tapfer, weil sie nicht zeigen wollte, wie miserabel sie sich fühlte - sie wollte doch den anderen die Freude nicht verderben. Sie erlebte, wie ihre Schwestern daheim von den beliebtesten Jungen der Schule abgeholt wurden, während sie auf ihr Zimmer schlich, um sich einsam und allein mit den Hausaufgaben abzuplagen.
Und sich Mühe gab, nicht zu weinen.
An Wochenenden und während der Sommerferien verdiente sich Honey zusätzlich Taschengeld mit Babysitten. Sie kümmerte sich gern um Kinder, und die Kinder beteten sie an.
Wenn Honey nicht arbeitete, zog sie auf eigene Faust los und entdeckte Memphis für sich. Sie besuchte Graceland, wo Elvis Presley gewohnt hatte, spazierte über Beale Street, wo der Blues seinen Ursprung gehabt hatte, wanderte durch das Pink Palace Museum mit seinem brüllenden, stampfenden Dinosaurier, besichtigte das
Aquarium ...
Und war immer allein.
Sie ahnte nicht einmal im Traum, daß ihr Leben bald eine dramatische Wende nehmen sollte.
Sie wußte, daß viele Mädchen aus ihrer Klasse Liebesgeschichten hatten. Davon redeten sie in der Schule ja die ganze Zeit.
»Bist du schon einmal mit Ricky im Bett gewesen? Er ist der beste.«
»Joe versteht wirklich was von Orgasmus.«
»Gestern abend war ich mit Tony aus. Ich bin total erschöpft. So tierisch wie der .! Ich seh' ihn heut abend wieder.«
Honey stand daneben, hörte die Gespräche mit und verspürte im Bewußtsein, daß sie selber so etwas nie erleben würde, bittersüße Neidgefühle. Wer würde mich schon wollen? fragte sich Honey.
An einem Freitagabend gab es einen Schulball. Honey hatte nicht die Absicht hinzugehen. Ihr Vater sprach sie darauf an: »Weißt du, ich mache mir langsam Sorgen. Ich habe von deinen Schwestern erfahren, daß du ein Mauerblümchen bist und nicht zum Schulball willst, weil du keinen Begleiter finden kannst.«
Honey errötete. »Das ist nicht wahr«, wehrte sie sich. »Ich habe einen Freund, natürlich geh' ich hin.« Bitte gib, lieber Gott, daß er nicht fragt, wer mein Freund ist, betete Honey.
Und er fragte sie dann tatsächlich nicht.
Und so saß Honey auf dem Schulball wie gewöhnlich in ihrer Ecke und mußte zuschauen, wie die andern tanzten und den Abend genossen.
Da geschah das Wunder.
Roger Merton, Kapitän der Fußballmannschaft und der begehrteste Junge der ganzen Schule, bekam auf der Tanzfläche Streit mit seiner Freundin. Er war angetrunken.
»Du nutzloses, egoistisches Schwein!« schimpfte sie.
»Und du bist ein doofes Miststück!«
»Dann geh' dich doch selber ficken.«
»Ich muß mich aber nicht selber ficken, Sally. Ich kann ein anderes Mädchen ficken - wen ich will.«
»Dann mach doch!« Und sie stürmte von der Tanzfläche.
Es war gar nicht zu vermeiden, daß Honey alles mithörte.
Roger bemerkte ihren Blick. »Warum starrst du mich so an?« Er bekam die Worte nicht mehr ganz klar heraus.
»Nur so«, sagte Honey.
»Der werd' ich's zeigen! Glaubst du vielleicht, daß ich's der nicht zeigen werde?«
»Ich . Nein.«
»Da hast du verdammt recht. Komm, trink'n wa'n Schlückchen.«
Honey zögerte. Roger war sichtlich betrunken. »Also, ich .«
»Großartig. Ich hab' 'ne Flasche bei mir im Auto.«
Und schon nahm er Honey am Arm und steuerte sie aus dem Saal hinaus, und sie ging mit ihm mit, weil sie keine Szene machen und ihn nicht öffentlich blamieren wollte.
Als sie im Freien ankamen, versuchte sich Honey ihm zu entziehen. »Roger, ich glaube, das ist keine gute Idee. Ich.«
»Biste vielleicht 'n. Feigling?«
»Nein, ich.«
»Also gut. Komm schon.«
Er führte sie zu seinem Wagen und öffnete die Tür. Honey blieb einen Augenblick lang unschlüssig stehen.
»Steig ein.«
»Ich kann aber nur ganz kurz bleiben«, sagte Honey.
Sie stieg ein, weil sie Roger nicht verärgern wollte. Er setzte sich neben sie.
»Der blöden Kuh werden wir beide es aber zeigen, oder?« Er hielt ihr eine Flasche Bourbon hin. »Hier!«