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Leben ohne Ende [Earth Abides - de]

Электронная книга - «Leben ohne Ende [Earth Abides - de]». Краткое содержание книги:

»… und die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika wird hiermit ihres Amtes enthoben …«
Dies war die Botschaft, die ein paar Stunden vor dem unabwendbaren Ende die Welt erschütterte.
Die Viruspest raffte neunundneunzig Prozent aller Menschen hinweg. Die wenigen, welche die Weltkatatastrophe und den Zusammenbruch der Zivilisation überlebten, unternahmen den verzweifelten Versuch, zu retten, was zu retten war.
Der vorliegende Roman erschien erstmals 1950 in England. Er wurde vom Science Fiction-Buchclub zum Buch des Jahres erwählt und erhielt kurz darauf den internationalen Fantasy-Preis. Inzwischen wurde der Roman in England viermal neu aufgelegt und in fast alle Weltsprachen übersetzt.
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»Das Licht verlischt! Das Licht verlischt!«

Ein tiefer Schauder schüttelte ihn, aber er rang gegen das Entsetzen an. Schließlich, so dachte er, hat das große System der Stromversorgung eine erstaunlich lange Zeit durchgehalten; der gesamte automatische Prozeß hat auch nach dem Erlöschen der Menschheit noch funktioniert. Mit aller Klarheit dachte er zurück an den ersten Tag, da er vom Gebirge heruntergekommen und nicht einmal gewußt hatte, was geschehen war. Dann war er an dem Kraftwerk vorübergefahren und war in dem Glauben, alles sei wie sonst, dadurch bestärkt worden, daß er sah, wie das Wasser rauschend einströmte, daß er das dumpfe, unaufhörliche Brummen und Summen der Generatoren hörte. Er empfand einen seltsamen Lokalstolz in diesem Gedanken. Vielleicht hatte kein einziges anderes System so lange durchgehalten. Dies hier konnte sehr wohl das letzte auf der ganzen Welt noch brennende elektrische Licht sein, und wenn es erlosch, so war das Licht auf lange, lange Zeit dahin.

Alle Müdigkeit war von ihm gewichen; er saß da und spürte, daß er nicht schlafen gehen könne; schließlich wünschte er, das Ende möge schnell kommen und sich nicht gar zu lange hinzögern. Wieder spürte er, daß das Licht schwächer wurde, und er dachte: »Dies ist das Ende!« Aber noch glommen die Drähte in den Birnen.

Und wieder wurde das Licht schwächer. Für einen Sekundenbruchteil, so glaubte er, flackerte es heller auf — und dann war es dahin.

Prinzeß zuckte im Schlaf zusammen; dann plötzlich bellte sie, halblaut, wie im Traum. War das ein Grabgeläut?

Er ging hinaus. »Vielleicht«, dachte er, »ist nur eine örtliche Linie ausgefallen.« Doch im Grunde war er überzeugt, daß dem nicht so sei. Er spähte hinaus in die Dunkelheit, die durch den in der Luft hängenden Rauch noch dichter war; der Rauch verwandelte den Mond in einen orangenen Ball. Ish konnte kein Licht erblicken — weder in den Straßen noch irgendwo auf der Brücke. Dies also war das Ende. »Es soll kein Licht sein, und es ward kein Licht.«

»Es hat keinen Zweck, sentimental und pathetisch zu werden!« dachte er. Er ging wieder hinein und tastete umher, bis er das Schubfach gefunden hatte, wo seine Mutter Kerzen aufzubewahren pflegte. Er steckte eine in einen Leuchter und saß dann bei dem schwachen, aber stetigen und ausdauernden Licht. Dennoch empfand er unaufhörlich ein leichtes Frösteln.

6

Das Verlöschen des Lichts übte eine seltsam nachhaltige Wirkung auf Ish aus. Selbst bei vollem Tagesschein schien er die Schatten zu spüren, die aus den Winkeln auf ihn zukrochen. Das dunkle Zeitalter war hereingebrochen.

Er machte sich daran, Streichhölzer, elektrische Taschenlampen und Kerzen zu horten; wider seine eigene Überzeugung türmte er ganze Stapel davon auf, als eine Art seelischen Schutzmittels.

Aber nach kurzer Zeit wurde ihm klar, daß das Fehlen des elektrischen Lichts für ihn im Grunde nicht so folgenschwer war wie das Fehlen des elektrischen Kraftstroms, zumal für die Kühlanlagen. Sein Eisschrank arbeitete jetzt nicht mehr, und so verdarben seine Lebensmittel. In den Tiefkühlanlagen wurden frisches Fleisch Butter und Salatköpfe zu nichts als übelriechenden, faulenden Massen.

Nun kam der Jahreszeitenwechsel. Ish hatte völlig den Sinn für den Ablauf der Wochen und Monate eingebüßt; aber sein Geographenauge nahm, wenn er um sich schaute, doch wahr, in welcher Jahreszeit er sich befand. Seiner Vermutung nach mußte es jetzt Oktober sein, und das bestätigte ihm der erste Regen; aus der Art, wie er niederrauschte, war zu ersehen, daß er länger andauern würde, als der erste Sturm es hatte vermuten lassen.

Ish blieb daheim und versuchte, sich zu zerstreuen. Er spielte Akkordeon. Er las mehrere Bücher, solche, die er von jeher gern gelesen hätte und die zu lesen er jetzt hinlänglich Zeit hatte. Dann und wann schaute er in den Regen hinaus und nach den niedrig über die Hausdächer hinwegziehenden Wolken.

Am nächsten Tage verließ er das Haus, um festzustellen, was draußen geschah. Anfänglich schien es ihm, als habe sich nicht allzuviel ereignet. Doch nach einiger Zeit begann ihm dieses und jenes aufzufallen. In der San-Lupo-Promenade war die Kanalisation durch die vielen, nicht weggefegten Blätter, die im Rinnstein lagen, verstopft. Durch die Verstopfung des Abflusses war das Wasser über die Straße geflutet und abgeflossen, bergab, und hatte dabei den Bordstein überspült. Der Wasserstrom hatte sich seinen Weg durch das hohe Gras des ehemaligen Rasens der Harts gebahnt und war unter der Tür hindurch ins Haus gedrungen. Die Dielen und Teppiche mußten sich vollgesogen haben, und der Schlamm hatte wohl ein übriges getan. Unterhalb des Hauses war das Wasser herausgebrochen, war durch den Rosengarten geströmt und hatte eine schmale Rinne hinterlassen, und dann war es im Abzugskanal der tiefer gelegenen Straße verschwunden. Das war nur eine Kleinigkeit, und dennoch deutete sich darin an, was im ganzen Lande geschehen sein mußte.

Der Mensch hatte Straßen und Kanalisationsanlagen und Dämme und Tausende anderer Vorrichtungen geschaffen, die den natürlichen Fluß des Wassers regeln sollten. Diese konnten einzig funktionieren, weil immerfort der Mensch bei der Hand war und die Tausende kleiner Schäden beseitigte, die bei jeder Wetteränderung auftraten. Ish selbst hätte das verstopfte Abflußloch in zwei Minuten reinigen können; er hätte nur die welken Blätter davor wegzukratzen brauchen. Aber er konnte nicht einsehen, warum er die Hand rühren sollte. Es gab Tausende, Millionen von Stellen, wo sich das gleiche ereignet haben mußte. Die Straßen und Kanalisationsanlagen und Dämme waren einzig für menschliche Bedürfnisse angelegt worden, und nun der Mensch dahin war, waren sie überflüssig. Mochte doch das Wasser seinem natürlichen Lauf folgen und durch den Rosengarten abfließen! Die Teppiche der Familie Hart waren vollgesogen und verschlammt; mochten sie doch faulen, wo sie lagen! Was lag daran? Zu meinen, das sei vom Übel, hieß lediglich, in Begriffen von ehedem denken, die es jetzt nicht mehr gab.

Auf dem Heimweg erblickte er plötzlich eine große schwarze Ziege, die in aller Ruhe an der Hecke herumfraß, die Mister Osmar immer so sorgfältig beschnitten hatte. Neugierig und erheitert sah Ish der Ziege zu und überlegte, woher sie wohl stammen mochte. (Kein Mensch in der Nähe einer so vornehmen Straße wie der San-Lupo-Promenade hatte Ziegen gehalten.) Die Ziege hörte auf, an der Hecke herumzufressen, und schaute Ish an. Vielleicht, dachte Ish, schauen auch die Tiere dem Menschen erheitert und ein bißchen neugierig zu. Nachdem sie ihn ein paar Sekunden angesehen hatte, als sei er ihresgleichen, wandte sich die Ziege wieder ihrer nützlichen Beschäftigung zu, indem sie die langen Schößlinge fraß, die aus der Hecke herausgewachsen waren.

Plötzlich kam Prinzeß von einem Erkundungsgang zurück und stürzte unter wütendem Gebell auf das seltsame Tier los. Die Ziege senkte die Hörner und tat einen jähen Sprung gegen den Hund. Prinzeß, die nur selten zu Kämpfen aufgelegt war, schlug rasch ihren Kaninchenhaken und rannte zu ihrem Herrn zurück. Die Ziege fraß weiter.

Ein paar Minuten danach sah Ish die Ziege in aller Ruhe den Bürgersteig hinabtrotten, als sei er und die ganze San-Lupo-Promenade ihr Eigentum.

»Warum auch nicht!« dachte Ish.

Während dieser Zeit, als der Regen ihn zumeist am Ausgehen hinderte, wandten seine Gedanken sich ein wenig der Religion zu. Er fand im Bücherschrank eine dicke, mit Kommentaren versehene Bibel und versuchte diese und jene Stelle zu lesen.

Die Evangelien kamen ihm merkwürdig unbefriedigend vor, vielleicht, weil sie zumeist von den Problemen des einer sozialen Gruppe angehörenden Menschen handelten. »Gib dem Kaiser …« war ein recht nutzloser Text, wenn es keinen Kaiser mehr gab und nicht einmal ein Finanzamt.

»Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen … Wie du willst, daß man dir tue … Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« -: all das setzte eine aus vielen Menschen bestehende, funktionierende Gesellschaft voraus. In der jetzigen Welt konnten Pharisäer und Sadduzäer vielleicht nach wie vor den Riten einer Form gewordenen Religion folgen; aber das eigentlich Menschliche der Lehren Christi war überholt.

Er blätterte zurück zum Alten Testament; er begann den »Ecclesiastes« zu lesen, und dort fühlte er sich plötzlich heimischer. Der alte Bursche, der »Prediger« — Koheleth, wie die Anmerkungen sagten, wer auch immer er gewesen sein mochte —, hatte eine seltsame Art, einen naturnahen Ton zu treffen und das Problem des dem Universum gegenüberstehenden Einzelmenschen zu wittern. Bisweilen war es, als hätte er in der Phantasie vorweggenommen, was Ish jetzt an Erfahrungen zuteil wurde: »Und wenn der Baum nach Süden fällt oder nach Norden: auf der Stelle, wohin er fällt, da soll er liegen.« Ish dachte an jenen Baum in Oklahoma, der umgefallen war und die Staatsstraße 66 gesperrt hatte. Und wieder las er: »Zwei sind besser als einer … denn wenn sie fallen, wird der eine seinem Gefährten aufhelfen; aber wehe dem, der allein ist, wenn er fällt.« Und Ish gedachte der großen Angst, als er nur zu lebhaft gefühlt hatte, daß niemand kommen und ihm helfen würde, wenn er fiel. Er las das Ganze, hingerissen von der klaren, unverfälschten Anschauung des Kosmos. Er fand sogar die Zeile: »Sicherlich wird die Schlange beißen ohne Bezauberung.«

Er gelangte an das Ende des letzten Kapitels, und seine Augen fielen auf die Zeilen, die auf dem unteren Teil der Seite begannen: »Das Lied der Lieder, das da ist Salomonis.« Er las: »Laß ihn mich küssen mit dem Kusse meines Mundes; denn deine Liebe ist besser als Wein.«

Ish stutzte; es wurde ihm unbehaglich zumute. In all diesen langen Monaten hatte er selten dergleichen Empfindungen gehabt. Jetzt wurde ihm wieder klar, wie stark der Schock von der Katastrophe her in ihm nachwirkte, weit stärker, als er es von Tag zu Tag hatte wahrhaben wollen. Es war wie in einer alten Zaubergeschichte, in der ein König dasaß und das Leben vorüberrauschen sah, ohne an ihm teilhaben zu können. Andere Menschen hatten es anders gehalten. Selbst diejenigen, die sich zu Tode getrunken, hatten in gewissem Sinne am Leben teilgehabt. Doch er, er hatte, indem er beobachtete, was geschah, das Leben von sich gestoßen.

Hier saß er, Isherwood Williams, ein seltsames Gemisch von Wirklichkeit und Phantasie und Antrieben und Reaktionen, und außerhalb seiner war nichts als eine weite, leere Stadt, in der Nebelregen auf lange, leere Straßen niederrieselte, und jetzt begann die Dämmerung immer tiefer zu werden. Zwischen diesen beiden Gegebenheiten, zwischen ihm und allem, was außerhalb seiner selbst war, bestand eine Art sonderbar festen Bandes: wenn der eine Teil sich änderte, so änderte sich auch der andre.

Es war, als sei hier eine große Gleichung mit vielen Gliedern auf jeder Seite aufgestellt, und dennoch mit zwei großen Unbekannten. Er selbst war auf der einen Seite; vielleicht konnte man ihn als x bezeichnen; und auf der andern Seite war y all das, was als die Welt bezeichnet wurde. Und die beiden Seiten der Gleichung waren immerfort bemüht, einander mehr oder weniger das Gleichgewicht zu halten, und sie kamen nie völlig damit zu Rande. Möglicherweise stellte sich das richtige Gleichgewicht erst mit dem Tode ein. (Vielleicht war es das, was Koheleth in seinem feinen, von allen Illusionen freien Geiste gedacht hatte, als er schrieb: »Alles, was lebt, weiß, daß es sterben muß; aber die Toten wissen nichts.«) Doch was den Tod betraf, so versuchten die beiden Hälften der Gleichung immerfort, das Gleichgewicht zu wahren. Wenn die x-Seite sich änderte und er, Ish, einen Schock erlitt, oder wenn er sich über irgendeine Kleinigkeit ärgerte, dann vollbrachte er etwas, und das änderte die andere Seite der Gleichung, wenn auch nur in geringem Maße, und dann herrschte eine Zeitlang wieder Gleichgewicht. Aber wenn andererseits die Außenwelt sich änderte, wenn dort eine Katastrophe die menschliche Rasse auslöschte, oder wenn nur der Regen aufhörte, dann mußte die x-Seite, also Ish, sich ebenfalls ändern, und das hieß wieder: Tätigkeit, und dann herrschte eine Zeitlang wieder Gleichgewicht. Und wer vermochte zu sagen ob auf die Dauer diese oder jene Seite der Gleichung mehr Tätigkeit enthalten würde?

Bevor er noch wußte, was er tat, war er auf die Füße gesprungen, und sein nächster Gedanke war, daß er es getan hatte, weil abermals ein begehrliches Gefühl über ihn gekommen war. Die Gleichung war aus dem Gleichgewicht geraten, und er war sogleich aufgesprungen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, und schon übte er eine Wirkung auf die Welt aus, weil Prinzeß zugleich mit ihm aufgesprungen war und mit ihm durchs Zimmer wanderte. Doch gleichzeitig hörte er den Regen etwas heftiger gegen das Fenster klopfen. Deshalb hatte er aufgeschaut, um zu sehen, was es gebe. Und so hatte die Welt auch auf ihn eingewirkt und ihn veranlaßt, etwas zu tun. Und danach nahm er sich vor, sich sein Abendessen zu bereiten.

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