Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #4
- Год: 2017
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Eine Hand berührte ihr Gesicht, groß und ganz sanft.
»Du bist eine wunderbare, tapfere Frau«, flüsterte er. »Aber trotzdem eine Frau. Willst du dich zu Tode grübeln und dir vormachen, dass du ein Feigling bist, weil du nicht mit bloßen Händen einen Löwen vertreiben konntest? Es ist genau dasselbe. Jetzt sei kein Dummkopf.«
Sie wischte sich mit dem Handrücken die Nase ab und schniefte kräftig.
Er legte eine Hand unter ihren Ellbogen und half ihr auf. Seine Kraft bedeutete nicht länger Bedrohung oder Spott, sondern unaussprechlichen Trost. Ihre Knie brannten an den Stellen, an denen sie über den Boden geschrammt war. Ihre Beine gaben nach, doch sie schaffte es bis zu dem Heuhaufen, wo sie sich hinsetzen konnte.
»Weißt du, du hättest es mir einfach sagen können«, sagte sie. »Dass es nicht meine Schuld war.«
Er lächelte schwach.
»Das habe ich doch. Du hättest es aber nicht geglaubt, ohne es am eigenen Leib zu spüren.«
»Nein. Wahrscheinlich nicht.« Tiefe, aber friedvolle Müdigkeit hatte sich wie eine Decke über sie gelegt. Diesmal verspürte sie nicht das Bedürfnis, sie wegzureißen.
Zu ermattet, um sich zu rühren, sah sie ihm zu, wie er in der Tränke einen Lappen anfeuchtete und ihr das Gesicht abwischte, ihr die verrutschten Röcke gerade zog und ihr etwas zu trinken eingoss.
Doch als er ihr den frisch gefüllten Weinbecher gab, legte sie eine Hand auf seinen Arm. Sie spürte seine Knochen und Muskeln fest und warm unter ihrer Hand.
»Du hättest dich wehren können. Aber du hast es nicht getan.«
Er legte seine große Hand auf die ihre, drückte und ließ los.
»Nein, das habe ich nicht«, sagte er ruhig. »Ich gab mein Wort – für das Leben deiner Mutter.« Er sah sie direkt an. In seinen Augen spiegelten sich jetzt weder Eis noch Saphir, sondern klares Wasser. »Ich bereue es nicht.«
Er nahm sie bei den Schultern und legte sie in den Heuhaufen zurück.
»Ruh dich ein bisschen aus, a leannan.«
Sie legte sich hin, streckte aber die Hand nach ihm aus, als er sich neben sie kniete.
»Stimmt es – dass ich es nicht vergessen werde?«
Er hielt einen Moment inne, seine Hand auf ihrem Haar.
»Aye, das stimmt«, sagte er leise. »Aber es stimmt auch, dass es nach einer Weile keine Rolle mehr spielt.«
»Nicht?« Sie war zu müde, um sich zu fragen, was er damit meinte. Sie fühlte sich fast schwerelos; seltsam abwesend, als bewohnte sie ihren lästigen Körper nicht länger. »Selbst wenn ich nicht stark genug bin, um ihn umzubringen?«
Ein klarer, kalter Luftzug von der offenen Tür schnitt durch die warme Rauchschicht und versetzte die Tiere in Bewegung. Die gescheckte Kuh verlagerte in plötzlicher Nervosität das Gewicht und gab ein tiefes »Muäh« von sich, weniger aus Not als aus Protest.
Ihr Vater sah nach der Kuh, bevor er sich wieder zu ihr umdrehte.
»Du bist eine sehr starke Frau, a bheanachd«, sagte er schließlich ganz leise.
»Ich bin nicht stark. Du hast mir gerade bewiesen, dass ich nicht …«
Seine Hand auf ihrer Schulter ließ sie innehalten.
»Das meine ich nicht.« Er hielt inne und dachte nach. Seine Hand strich über ihr Haar, wieder und wieder.
»Sie war zehn, als unsere Mutter starb. Jenny«, sagte er schließlich. »Am Tag nach der Beerdigung kam ich in die Küche und sah sie auf einem Hocker knien, damit sie groß genug war, um in der Schüssel auf dem Tisch zu rühren. Sie hatte Mutters Schürze an«, sagte er leise, »unter den Armen zusammengerafft und die Bänder zweimal um ihre Taille geschlungen. Ich konnte sehen, dass sie geweint hatte, genau wie ich, weil ihr Gesicht ganz scheckig war und sie rote Augen hatte. Aber sie rührte nur immer weiter und starrte in die Schüssel, und sie sagte zu mir: ›Geh und wasch dich, Jamie; das Essen für dich und Pa ist sofort fertig.‹«
Seine Augen schlossen sich ganz, und er schluckte. Dann öffnete er sie und sah Brianna wieder an.
»Aye, ich weiß genau, wie stark Frauen sind«, sagte er ruhig. »Und du bist stark genug, um zu tun, was getan werden muss, m’annsachd – glaub’s mir.«
Dann stand er auf und ging zu der Kuh hinüber. Sie hatte sich erhoben und drehte sich unruhig im Kreis, riss und schüttelte an ihrem Halfter. Er hielt sie am Haltestrick fest, beruhigte sie mit seinen Händen und mit Worten, trat hinter sie und runzelte konzentriert die Stirn. Brianna sah, wie er den Kopf wandte, nach seinem Dolch sah, und sich murmelnd zurückwandte.
Also doch kein liebevoller Metzger. Ein Chirurg, auf seine Art, wie ihre Mutter. Aus ihrer seltsam entrückten Perspektive fiel ihr auf, wie sehr sich ihre Eltern – so extrem verschieden sie an Temperament und Charakter waren – in diesem einen Punkt glichen; dieser merkwürdigen Fähigkeit, Mitleid mit äußerster Schonungslosigkeit zu verbinden.
Und doch waren sie selbst da noch verschieden, dachte sie; Claire konnte Leben und Tod in ihrer Hand halten und sich dabei selbst im Blick behalten, den Abstand wahren; ein Arzt musste weiterleben, zum Wohl seiner Patienten, wenn nicht zu seinem eigenen. Jamie würde auf sich selbst keine Rücksicht nehmen, genauso wenig – oder weniger – wie auf irgendjemand anderen.
Er hatte das Plaid abgelegt; jetzt öffnete er sein Hemd, ohne Hast, aber auch ohne jede überflüssige Bewegung. Er zog sich das helle Leinen über den Kopf und legte es ordentlich zur Seite. Dann kehrte er zu seinem Wachtposten beim Schwanz der Färse zurück, bereit, ihr zu helfen.
Eine Welle lief langsam über die runde Flanke der Kuh, und das Licht der Lampe schimmerte weiß auf dem kleinen Narbenknoten über Jamies Herz. Seine Nacktheit preisgeben? Wenn er es für nötig hielt, würde er sich bis auf die Knochen ausziehen. Und – ein weniger angenehmer Gedanke – wenn er es für nötig hielt, würde er mit ihr dasselbe tun, ohne eine Sekunde zu zögern.
Seine Hand lag auf der Schwanzwurzel der Kuh, und er redete ihr auf Gälisch zu, tröstend, ermutigend. Brianna glaubte fast, den Sinn seiner Worte erfassen zu können – und doch nicht ganz.
Alles würde gut werden, oder auch nicht. Doch was auch geschah, Jamie Fraser würde da sein und für sie kämpfen. Es war ein tröstlicher Gedanke.
Jamie blieb auf dem Hang über dem Haus am oberen Zaun der Kuhweide stehen. Es war spät, und er war mehr als nur müde, doch seine Gedanken hielten ihn wach. Nach der Geburt des Kalbes hatte er Brianna zum Blockhaus hinuntergetragen – sie hatte fest wie ein Baby in seinen Armen geschlafen – und war dann wieder hinausgegangen, um in der Einsamkeit der Nacht Erleichterung zu suchen.
Seine Schienbeine schmerzten von ihren Tritten, und er hatte schwere Prellungen an den Oberschenkeln; für eine Frau hatte sie erstaunlich viel Kraft. Doch all das kümmerte ihn nicht im mindesten; eigentlich verspürte er sogar einen seltsamen und unerwarteten Stolz über diese Beweise ihrer Kraft. Ihr geschieht schon nichts, dachte er. Mit Sicherheit nicht.
Hinter diesen Gedanken lag mehr Hoffnung als Zuversicht. Dennoch war er um seiner selbst willen schlaflos, und er fühlte sich deswegen besorgt und verlegen zugleich. Er hatte geglaubt, er wäre völlig geheilt und hätte die alten Verletzungen so weit hinter sich gelassen, dass er sie unbesorgt vergessen konnte. Doch damit hatte er unrecht gehabt, und es verunsicherte ihn, festzustellen, wie dicht die begrabenen Erinnerungen unter der Oberfläche lauerten.
Wenn er heute Nacht Ruhe finden wollte, dann musste er sie hervorholen; die Geister wecken, um sie zur Ruhe zu legen. Nun, er hatte Brianna gesagt, dass es Kraft kostete. Er blieb stehen und griff an den Zaun.
Das Rascheln der Nachtgeräusche trat langsam in den Hintergrund seines Bewusstseins, während er wartete und auf die Stimme lauschte. Er hatte sie seit Jahren nicht mehr gehört, hatte nicht damit gerechnet, sie jemals wieder zu hören – doch er hatte ihr Echo heute Nacht bereits einmal gehört; das Phantom der Wut in den Augen seiner Tochter aufflammen sehen und gespürt, wie dessen Flammen auch ihm das Herz versengten.