Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)
- Автор: Klausner Uwe
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Nimm dich in Acht, Sydow!«, drohte Bartels im Scherz, aufgrund seiner Größe von 1,59 Metern in Tateinheit mit einem ovalen Schädel, Segelohren und einer imposanten Hakennase geradezu prädestiniert für Frotzeleien, »sonst kriegst du es mit mir zu tun. Wenn du denkst, du kannst dich über mich lustig machen, werde ich dir die Freundschaft kündigen.«
»Alles, nur das nicht, Paulchen.«
»Im Klartext: Der einsame Wolf unter Berlins Kommissaren ist auf Beutezug. Und bedarf meiner Hilfe.« Auf seinen Zeichentisch gestützt, setzte Bartels ein selbstgefälliges Lächeln auf, knubbelte hingebungsvoll an seinem Riechorgan herum und zog die Antwort auf Sydows Frage genüsslich hinaus. Dann erst, mit gehöriger Verspätung, blitzte er ihn über die Ränder seiner Brille hinweg an. »Was liegt an, Durchlaucht, wo drückt der Schuh?«
»Hier – sieh dir das mal an.«
»Weil du’s bist!«, gab sich Bartels betont jovial und durchmaß sein Büro, in dem es aussah, als habe eine Bombe eingeschlagen. Überall, sogar auf dem Fensterbrett, lagen Fotos, Zeichnungen, unvollendete Skizzen und Notizen herum, garniert mit Aschenbechern, Zigarettenschachteln und Papierknäueln, an denen er seine Wut abreagiert hatte. »Zeig her, du Banause.«
»Ein Familienfoto, wenn man so will. Geschossen anno ’44.«
»Was du nicht sagst!«, lästerte Bartels nach einem prüfenden Blick auf die Vorder- und Rückseite des Porträts, wo Sydows Vater das Datum vermerkt hatte. »Darauf wäre ich wirklich nicht gekommen. Spuck’s aus, Tom: Was soll ich damit?«
»Du sollst deinem Genie Gelegenheit geben, sich zu entfalten. Spaß beiseite – mir geht es um die Frau.«
»Steiler Zahn, genau meine Kragenweite.«
Um Bartels, der Agnes höchstens bis zur Schulter gereicht hätte, nicht zu verärgern, verkniff sich Sydow eine entsprechende Bemerkung und säuselte: »Könntest du so gut sein und ein Porträt von ihr anfertigen?«
»Und was sagt Lea dazu? Hab keine Lust, eins aufs Dach zu kriegen.«
»Deine Witze, Paulchen, sind wirklich nicht mehr das, was sie mal waren.« Sydow lächelte gequält. »Du kennst dich doch mit so was aus, oder? Was meinst du, wie würde die Frau momentan aussehen?«
»Alter?«
»42. Blonde Haare, gepflegte Erscheinung. Besonderes Kennzeichen: Bubi-Schnitt.«
»Hm.« Die Stirn in Falten, stieß Bartels einen gedämpften Grunzlaut aus. Dann neigte er den Kopf nach links, um ihn anschließend, nach einem weiteren Grunzen, in die entgegengesetzte Position zu bewegen. »Und was springt dabei raus?«
»Auch noch Ansprüche stellen, so haben wir’s gern. Na schön, wie wär’s mit einem Kasten Pils?«
»Abgemacht. Und bis wann muss ich damit fertig sein?«
»Möglichst schnell«, druckste Sydow herum, im Wissen, dass Bartels nicht der Typ war, dem man die Pistole auf die Brust setzen konnte. »Damit es noch in die … Hör zu, Paulchen: Die Sache eilt, und zwar sehr. Ich sag’s zwar nicht gern, aber es wäre nicht schlecht, wenn das Bild noch in die Abendzeitungen käme. Porträt, Personenbeschreibung, Fahndungsaufruf – und fertig ist der Lack!«
»Wie bitte? Du hast wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank!«
»Was anderes: Weißt du, was man sich über dich erzählt?«
Böses ahnend, schüttelte Bartels den Kopf und wich Sydows Blick aus. »Nö.«
»Du hättest die Kühnheit besessen, meine Sekretärin um ein Rendezvous zu bitten. Und weißt du, was das Tollste ist? Man sagt, Fräulein Mollig habe zugestimmt.«
»Und wer, mit Verlaub, ist ›man‹?«
»Meine Wenigkeit.« Sydow grinste über beide Ohren. »Tja, Herr Diplom-Junggeselle, die Welt ist klein, fast so klein wie der Wannsee, an dessen Gestaden unser wie aus dem Ei gepellter Polizeizeichner und seine ihn um Haupteslänge überragende Angebetete unlängst zu promenieren geruhten. Verliebt wie die Turteltauben, die vergessen, was um sie herum ge…«
»Jetzt ist es aber genug, du Petze!«
»Was heißt hier ›Petze‹, Paulchen! Ich kann schweigen, schweigen wie ein Grab. Vorausgesetzt, du kooperierst.«
»Zwei Kästen Berliner Kindl. Das ist mein letztes Wort.«
»Einverstanden.«
»So, und jetzt mach, dass du rauskommst, elender Erpresser!«, grummelte Bartels, warf einen weiteren Blick auf das Foto und kehrte an seinen Zeichentisch zurück. »Das werd’ ich dir heimzahlen, verlass dich drauf.«
»Ach, Paulchen«, seufzte Sydow gedehnt, stand auf und schlenderte zur Tür. »Wie ich dich kenne, brennst du darauf, mir einen Freundschaftsdienst zu erweisen, oder? Also dann: Bis nachher, und fröhliches Schaffen!«
*
Wieder im Treppenhaus, in dem es beinahe so muffig wie in Bartels’ Rumpelkammer roch, stieß Sydow einen Seufzer der Erleichterung aus und machte sich auf den Weg in den ersten Stock, um sich bei Krokowski nach dem Stand der Ermittlungen zu erkundigen. Die Sache mit Morell lag ihm schwer im Magen, und er hoffte, dass ihm nichts anderes in die Quere kommen würde.
Er hoffte vergeblich.
Kriminalrat Kurt Augustin, sein Vorgesetzter, besaß nämlich die Eigenschaft, immer dann aufzutauchen, wenn man nicht mit ihm rechnete. Oder, wie im vorliegenden Fall, bis zum Hals in Arbeit steckte. Nicht etwa, dass Sydow nicht mit ihm ausgekommen oder er ihm auf die Nerven gegangen wäre. Augustin, ein distinguierter älterer Herr, gefiel sich in der Rolle des Patriarchen und besaß die Fähigkeit, Problemen so lange aus dem Weg zu gehen, bis sie sich von selbst erledigten. War dies nicht der Fall, durften sich seine Untergebenen, das heißt unter anderem er, damit herumschlagen. Bei den Betroffenen sorgte dies nicht unbedingt für Begeisterung, doch mittlerweile hatte Sydow gelernt, die Schwächen seines Vorgesetzten auszunutzen. Lieber ein Kriminalrat, der die Zügel schleifen ließ, als ein Jungspund, der einem andauernd auf die Finger sah. So lautete sein Motto.
»Sydow – Sie hier? Ich dachte, Sie hätten sich freigenommen!«, begrüßte ihn der 64-jährige Leiter der Kriminalinspektion I, dem die Vorfreude auf die bevorstehende Pensionierung deutlich anzumerken war. Ein Lächeln auf den Lippen, die von einem sorgsam zurechtgestutzten weißen Schnurrbart überwölbt wurden, ließ es sich Augustin, hinter vorgehaltener Hand ›Onkel Kurt‹ genannt, selbstredend nicht nehmen, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Eine, gemessen an den Umständen, nicht leicht zu beantwortende Frage, doch da Sydow den hochgewachsenen, weißhaarigen und wie stets mit Anzug, karierter Weste, Uhrenkette und geblümter Krawatte bekleideten Prototyp einer Vaterfigur kannte, ging er über die Ereignisse der vergangenen Stunden hinweg und entschied, die Floskel mit einer Floskel zu beantworten und die Beerdigung seiner Tante nicht zu erwähnen.
»Dachte ich auch, Herr Kriminalrat«, erwiderte Sydow, dankbar, den Fängen seiner Mutter entronnen zu sein. Und fügte mit perfekter Unschuldsmiene an: »Wenn Not am Mann ist, bin ich natürlich zur Stelle.«
»Guter Mann. Ich wünschte, alle hier wären so wie Sie.«
Sydow zuckte vor Schreck zusammen. Das hörte sich aber gar nicht gut, um nicht zu sagen bedrohlich an. Wenn es etwas gab, das ihn in Panik versetzte, dann die Aussicht, zum Nachfolger von Onkel Kurt ernannt zu werden. Ausgerechnet er, der er mit Büroarbeit im Allgemeinen und Formularen im Besonderen auf Kriegsfuß stand. Nie und nimmer durfte das geschehen. Damit würde man den Bock zum Gärtner und ihm, Sydow, das Leben zur Hölle machen. »Wie ich? Lassen Sie das bloß meine Frau nicht hören!«
Stets zu Scherzen aufgelegt, schüttelte sich Augustin vor Lachen. »Na, Sie sind mir vielleicht einer!«, japste er und wedelte tadelnd mit dem Zeigefinger. »Ich finde, es ist an der Zeit, dass man ihr die Augen öffnet.«
»Das finde ich auch, Herr Kriminalrat!«, ließ Sydow verlauten und machte Anstalten, sich in Richtung Treppenabsatz davonzustehlen. »Je früher, desto besser.«