Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Da habe ich gerufen«, berichtete Jamie. Er schloss die Augen und rieb sich fest mit den Händen über das Gesicht, als versuchte er, die Erinnerung auszuradieren.
Er war den Hang hinuntergerannt, hatte Fergus gepackt, ihn hochgerissen und ihm einen Fausthieb verpasst.
»Einen Fausthieb?«
»Ja«, sagte er knapp. »Er hat Glück gehabt, dass ich ihm nicht das Genick gebrochen habe, der kleine Schuft.« Das Blut war ihm ins Gesicht gestiegen, während er erzählte, und er presste die Lippen fest aufeinander.
»War das, nachdem die Jungen Henri-Christian entführt haben?«, fragte ich. »Ich meine …«
»Aye, ich weiß, was du meinst«, unterbrach er mich. »Und es war der Tag, nachdem die Jungen Henri-Christian in den Bach gesetzt haben, aye. Aber es war nicht nur deswegen – nicht nur der Kummer, weil der Kleine ein Zwerg ist, meine ich.« Er sah mich an, und seine Miene war gequält.
»Wir haben geredet. Nachdem ich ihm den Arm verbunden und ihn wieder zu sich gebracht hatte. Er sagt, er hätte schon länger daran gedacht; die Sache mit dem Kleinen hätte ihm nur den Rest gegeben.«
»Aber … wie konnte er nur?«, sagte ich bestürzt. »Marsali zu verlassen und die Kinder – wie nur?«
Jamie senkte den Blick, die Hände auf die Knie gestützt, und seufzte. Das Fenster stand offen, und ein sanfter Windhauch kam herein und hob die Haare auf seinem Scheitel wie winzige Flammen.
»Er dachte, ohne ihn wäre es besser um sie bestellt«, sagte er geradeheraus. »Wenn er tot wäre, könnte Marsali wieder heiraten – einen Mann finden, dem etwas an ihr und den Kindern liegt. Der für sie sorgt. Den kleinen Henri beschützt.«
»Er meint – meinte –, er könnte das nicht?«
Jamie fixierte mich scharf.
»Sassenach«, sagte er. »Er weiß sehr gut, dass er es nicht kann.«
Ich holte Luft, um zu protestieren, biss mir aber auf die Lippe, weil mir keine passende Erwiderung einfiel.
Jamie stand auf und ging unruhig durch das Zimmer, hob hier und dort einen Gegenstand auf und legte ihn wieder hin.
»Würdest du das auch tun?«, fragte ich nach einer Weile. »Unter denselben Umständen, meine ich.«
Er hielt ein paar Sekunden inne, mit dem Rücken zu mir, die Hand auf meiner Haarbürste.
»Nein«, sagte er leise. »Aber es ist hart für einen Mann, damit zu leben.«
»Nun, das verstehe ich ja …«, begann ich langsam, doch er fuhr herum, um mich anzusehen. Sein Gesicht war angespannt und von einer Erschöpfung erfüllt, die wenig mit seinem Schlafmangel zu tun hatte.
»Nein, Sassenach«, sagte er. »Das tust du nicht.« Er sprach sanft, aber in seiner Stimme lag ein solcher Unterton der Verzweiflung, dass mir die Tränen in die Augen stiegen.
Es war ebenso sehr schiere körperliche Entkräftung wie emotionale Not, doch wenn ich die Kontrolle aufgab, das wusste ich, würde das Ende völlige tränennasse Auflösung sein, und die brauchte momentan niemand. Ich biss mir fest auf die Lippe und wischte mir mit der Kante des Bettlakens über die Augen.
Ich hörte das Geräusch, mit dem er sich an meine Seite kniete, und streckte blind die Hand nach ihm aus, um seinen Kopf an meine Brust zu ziehen. Er legte die Arme um mich und seufzte tief, sein Atem warm auf meiner Haut durch den Leinenstoff des Nachthemdes. Ich strich ihm mit zitternder Hand über die Haare und spürte, wie er plötzlich nachgab. Die Anspannung verließ ihn wie Wasser, das aus einem Krug läuft.
In diesem Moment hatte ich ein sehr merkwürdiges Gefühl – als hätte er die Kraft, an die er sich bis jetzt geklammert hatte, losgelassen … und als strömte sie jetzt in mich hinein. Meine schwache Kontrolle über meinen Körper nahm zu, während ich den seinen hielt, und mein Herz hörte auf zu stolpern und nahm stattdessen seinen normalen, festen, unermüdlichen Schlag wieder auf.
Die Tränen waren zurückgewichen, obwohl sie noch gefährlich dicht unter der Oberfläche lauerten. Ich zeichnete seine Gesichtszüge mit den Fingern nach, rötliche Bronze, von Sonne und Sorge mit Linien durchzogen; die hohe Stirn mit den dichten, roten Augenbrauen, die weiten Flächen seiner Wangen, die lange Nase, so gerade wie eine Messerklinge. Die geschlossenen Augen, schräg und rätselhaft mit diesen merkwürdigen Wimpern, blond an der Wurzel, so tiefbraun an der Spitze, dass sie fast schwarz erschienen.
»Aber weißt du das denn nicht?«, sagte ich ganz leise und zeichnete die schmale, klare Kontur seines Ohrs nach. Winzige, steife blonde Haare sprossen in einem kleinen Büschel aus der Ohrmuschel und kitzelten meinen Finger. »Weiß es denn keiner von euch? Dass ihr es seid. Nicht was ihr geben oder tun oder leisten könnt. Einfach nur ihr.«
Er holte tief erschauernd Luft und nickte, ohne jedoch die Augen zu öffnen.
»Ich weiß. Ich habe es ihm gesagt, Fergus«, murmelte er. »Oder zumindest glaube ich das. Ich habe eine ganze Menge Dinge gesagt.«
Sie hatten gemeinsam an der Quelle gekniet, die Arme umeinandergeschlungen, von Blut und Wasser durchnässt, fest aneinandergeklammert, als könnte er Fergus mit schierer Willenskraft auf der Erde halten, bei seiner Familie. Und er hatte keine Ahnung mehr, was er alles von sich gegeben hatte, vergessen in der Leidenschaft des Augenblicks – bis zum Schluss.
»Du musst weiterleben, um ihretwillen – auch wenn du es nicht um deinetwillen tun würdest«, hatte er geflüstert, Fergus’ Gesicht an seine Schulter gepresst, das schwarze Haar nass von Schweiß und Wasser, kalt an seiner Wange. »Tu comprends, mon enfant, mon fils? Comprends-tu?«
Ich spürte die Bewegung seiner Kehle, als er schluckte.
»Ich wusste doch, dass du im Sterben lagst«, sagte er sanft. »Ich war mir sicher, dass du bei meiner Rückkehr zum Haus nicht mehr da sein würdest und ich allein sein würde. Ich glaube, ich habe in diesem Moment weniger mit Fergus gesprochen als mit mir selbst.«
Dann hob er den Kopf und sah mich durch einen Schleier aus Tränen und Gelächter an.
»O Gott, Claire«, sagte er. »Ich wäre so wütend gewesen, wenn du gestorben wärst und mich verlassen hättest!«
Auch ich hätte am liebsten gelacht. Oder geweint. Oder beides. Und hätte ich tatsächlich noch irgendwo einen Rest von Bedauern über den Verlust meines ewigen Friedens gespürt, hätte ich es jetzt ohne Zögern aufgegeben.
»Ich habe es aber nicht getan«, sagte ich und berührte seine Lippe. »Ich werde es auch nicht tun. Zumindest werde ich es versuchen.« Ich legte meine Hand um seinen Hinterkopf und zog ihn wieder an mich. Er war um einiges größer und schwerer als Henri-Christian, doch ich hatte das Gefühl, ihn ewig so halten zu können, wenn es nötig war.
Es war früher Nachmittag, und das Licht begann gerade, sich zu verändern, und fiel schräg durch den oberen Teil der nach Westen gerichteten Fenster, so dass sich das Zimmer mit einem klaren, hellen Licht füllte, das Jamies Haar und das abgetragene, cremige Leinen seines Hemdes zum Leuchten brachte. Ich konnte die Knochen seiner Rückenwirbel spüren und die Hautmulde in dem schmalen Kanal zwischen Schulterblatt und Wirbelsäule.
»Wohin wirst du sie schicken?«, fragte ich und versuchte, den Wirbel auf seinem Scheitel glatt zu streichen.
»Nach Cross Creek vielleicht – oder Wilmington«, erwiderte er. Seine Augen waren halb geschlossen und beobachteten die flackernden Schatten der Blätter auf der Seitenwand des Kleiderschranks, den er für mich gebaut hatte. »Wo es am besten für das Druckergewerbe ist.«
Er änderte seine Position ein wenig, umfasste meinen Hintern und runzelte dann die Stirn.
»Himmel, Sassenach, du hast ja überhaupt keinen Hintern mehr!«
»Ach, keine Sorge«, sagte ich resigniert. »Der wächst bestimmt wieder.«
Kapitel 65