Die Jahre des Schwarzen Todes [Doomsday Book - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 1993
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-06589-1
- Переводчик: Walter Brumm
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Jahre des Schwarzen Todes [Doomsday Book - de]». Краткое содержание книги:
Es sollte das größte Abenteuer ihres Lebens werden: Die junge Kivrin wird aus dem Jahr 2054 ins mittelalterliche England geschickt. Doch bei der Übertragung kommt es zu Problemen, und so landet die Geschichtsstudentin nicht wie geplant im Jahr 1320, sondern im Jahr 1348 — dem Todesjahr, in dem die Pest England entvölkerte. Und eine Rückkehr in die Zukunft scheint unmöglich zu sein …
»Oder er weiß, daß er Kivrin infizierte. Oder er bekam die Fixierung nicht.«
Sie sah ihn mitleidig an. »Er sagte, er habe die Fixierung. Ich fürchte, es ist nutzlos, Ihnen zu sagen, Sie sollten sich nicht um Kivrin sorgen. Sie wissen, was ich eben von Colin sagte, und es ist mein Ernst: die beiden sind sicherer, wenn sie in diese Sache nicht hineingezogen werden. Kivrin ist dort, wo sie ist, viel besser daran als sie es hier sein würde, selbst unter den Halsabschneidern und Dieben, die Ihre Phantasie sich so hartnäckig ausmalt. Wenigstens braucht sie sich nicht um Quarantänebestimmungen zu kümmern.«
Er lächelte. »Oder amerikanische Schellenläuter. Wo sie ist, hat man Amerika noch nicht entdeckt.«
Die Tür am Ende des Korridors flog auf, und eine große dicke Frau mit einem Koffer marschierte durch.
»Da sind Sie ja, Mr. Dunworthy«, rief sie durch den Korridor. »Ich habe Sie überall gesucht.«
»Ist das eine Ihrer Schellenläuterinnen?« fragte Mary.
»Schlimmer«, sagte Dunworthy. »Das ist Mrs. Gaddson.«
6
In der Talsenke unter den Bäumen wurde es schon dunkel. Kivrins Kopfschmerzen nahmen wieder zu, als sie zu den eisbedeckten Pfützen und hartgefrorenen Spurrinnen kam, als ob sie mit winzigen Veränderungen des Luftdrucks oder Lichtes zu tun hätten.
Sie konnte das Fuhrwerk nicht mehr sehen, obwohl sie unmittelbar vor dem kleinen Kasten stand, und das angestrengte Spähen durch das in tiefer Dämmerung versinkende Dickicht schien ihren Kopf geradezu zum Platzen zu bringen. Wenn das eine der »unbedeutenden« Begleiterscheinungen der Zeitverzögerung war, wie mochte dann eine schwerere aussehen?
Als sie sich durch das Dickicht kämpfte, beschloß sie mit Dr. Ahrens über diesen Punkt zu sprechen. Offenbar unterschätzte man, in welchem Maß solche Nebenwirkungen Wohlbefinden und Arbeitsfähigkeit eines Historikers beeinträchtigen konnten. Der Weg zurück in die Talsenke hatte sie noch mehr außer Atem gebracht als vorher der Aufstieg, und ihr war so kalt, als hätte sie die ganze Zeit ohne Bewegung an einem Fleck verbracht.
Ihr Umhang und ihr Haar verfingen sich im Dickicht, und ein Schwarzdorn verhalf ihr zu einem langen Kratzer am Arm, der sofort auch zu schmerzen begann. Einmal strauchelte sie und wäre fast vornüber gefallen, und die Wirkung auf ihren Kopfschmerz war so, daß er vor Schreck wegblieb und dann mit verdoppelter Gewalt zurückkehrte.
Auf der kleinen Lichtung war es fast dunkel, aber die Umrisse zeigten sich noch klar, während die Farben sich zu Schwarz, Schwarzgrün, Schwarzgrau und Schwarzbraun vertieften. Die Vögel waren schon zur Ruhe gekommen. Nur vereinzelt war noch schläfriges Gezwitscher zu hören.
Kivrin hob die verstreuten Kisten und Körbe auf und warf sie auf die schief hängende Ladefläche des Fuhrwerks, dann ergriff sie mit beiden Händen die Deichsel und zog es unter Aufbietung aller Kräfte in die Richtung, aus der sie gekommen war. Das Fuhrwerk knarrte und kratzte ein paar Zentimeter, glitt etwas leichter durch Moos und Laub, und blieb stecken. Kivrin stemmte sich in den Boden und zog wieder. Es schleifte einen weiteren halben Meter und neigte sich noch mehr. Eine der Kisten fiel herunter.
Kivrin hob sie wieder an Bord, ging um das Fuhrwerk herum und versuchte zu sehen, wo es festsaß. Das rechte Hinterrad stand an einer Baumwurzel, ließ sich aber darüber wegstoßen, wenn sie in die Speichen griff. Schlechter sah es mit dem anderen Hinterrad aus — die Mediävisten hatten diese Seite mit einer Axt bearbeitet, um den Eindruck zu erwecken, das Fuhrwerk sei beim Umstürzen zerbrochen, und sie hatten ganze Arbeit geleistet. Vom Radkranz und den Speichen war nur die Hälfte übrig und hatte sich in den Waldboden gebohrt, und auch das Wagenbrett war zersplittert. Sie bedauerte, daß Gilchrist ihr keine Handschuhe bewilligt hatte.
Sie ging wieder zur anderen Seite, griff in die Speichen und stieß. Obwohl es ein leicht gebautes Fuhrwerk war, brachte sie das Rad nicht über die Wurzel. Sie raffte Röcke und Umhang, kniete neben dem Rad nieder und versuchte das Wagenbrett mit der Schulter zu heben.
Der Fußabdruck war vor dem Rad, an einer weichen, moosigen Stelle, die der Wind vom Laub freigehalten hatte. Das Laub war zu beiden Seiten an die Eichenwurzeln geweht und sah im grauen Dämmerlicht unberührt aus, aber der Abdruck in der moosbedeckten Erde war vollkommen klar.
Es kann kein Fußabdruck sein, dachte Kivrin. Der Boden ist gefroren. Sie streckte die Hand aus und befühlte die Stelle mit den Fingerspitzen. Vielleicht war es eine optische Täuschung, hervorgerufen durch das trügerische Dämmerlicht und die verfließenden Schatten. Die gefrorenen Wagengeleise draußen auf der Straße hätten keinen Fußabdruck aufgenommen. Aber hier war die Erde weich und gab unter ihrer Hand nach, und der Abdruck war tief genug, um sich ertasten zu lassen.
Der Abdruck stammte von einem absatzlosen Schuh mit weicher Sohle, und der Fuß, der ihn hinterlassen hatte, war groß, der Fuß eines Mannes. Wenn sie berücksichtigte, daß die Männer im Mittelalter insgesamt kleiner gewesen waren, war dies geradezu ein Riesenfuß.
Vielleicht ist es ein alter Fußabdruck, dachte sie in plötzlicher Panik. Vielleicht ist es der Fußabdruck eines Holzfällers oder eines Bauern, der nach einem verlaufenen Schaf gesucht hatte. Vielleicht war dieser Wald königliches Jagdrevier, und eine Jagdgesellschaft mit Treibern war hier durchgekommen. Aber der Fußabdruck schien nicht von jemandem zu stammen, der flüchtig vorbeigelaufen war; es war der Fußabdruck von jemandem, der längere Zeit unbeweglich hier gestanden und sie beobachtet hatte. Ich hörte ihn, dachte sie, und die Panik schnürte ihr plötzlich die Kehle zu. Ich hörte ihn hier atmen.
Sie war noch auf den Knien und hielt sich mit einer Hand am Rad fest. Wenn der Mann, wer immer es war, und es mußte ein Mann sein, ein Riese, noch hier auf dieser Lichtung war und sie beobachtete, mußte er wissen, daß sie den Fußabdruck gefunden hatte. Sie stand auf. »Heda!« rief sie und erschreckte die Vögel, die sich erst nach einigem Geflatter und Gekrächze beruhigten. »Ist ieman hie?«
Sie wartete, lauschte, und ihr schien, daß sie in der Stille wieder das Atmen hören konnte. »Spreha«, sagte sie. »Ic ben bedrangen, derwile mine dinaere send geflohen.«
So ist’s recht, dachte sie, noch während sie sprach. Sag ihm, daß du hilflos und ganz allein bist.
»Heda!« rief sie wieder und begann vorsichtig um die Lichtung zu gehen und zwischen die Bäume zu spähen. Wenn er noch dort stand, war es inzwischen so dunkel, daß sie ihn nicht sehen konnte. Außerhalb der kleinen Lichtung war nichts mehr zu erkennen. Sie konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, in welcher Richtung die Straße vorbeiführte. Wenn sie noch länger wartete, würde es vollständig dunkel sein, und sie würde das Fuhrwerk niemals auf die Straße bringen.
Aber sie konnte es nicht weiterbewegen. Wer immer zwischen den beiden Bäumen gestanden und sie beobachtet hatte, wußte, daß das Fuhrwerk hier war. Vielleicht hatte er es sogar durchkommen sehen, aus der funkelnden Luft geplatzt wie Zauberwerk. Wenn das der Fall war, dann hatte er wahrscheinlich das Weite gesucht, um die Dorfbewohner zusammenzurufen und sie, angeführt vom Dorfgeistlichen, zu dem Scheiterhaufen zu schleppen, den sie nach Dunworthys Überzeugung stets in Bereitschaft hielten. Aber wenn es so gewesen war, hätte er sicherlich einen Schreckensruf ausgestoßen, und sie hätte hören müssen, wie er flüchtend durch das Unterholz gebrochen war.
Er war aber nicht davongelaufen, was bedeutete, daß er nicht gesehen hatte, wie sie durchgekommen war. Er mußte danach auf sie gestoßen sein, als sie völlig unerklärlich mitten im Wald neben einem zerschlagenen Fuhrwerk gelegen hatte. Was mochte er gedacht haben? Daß sie auf der Straße überfallen und dann hierher geschleift worden war, um die Tat zu verbergen?