Im Auftrag Seiner Majestät
- Автор: Май Карл
- Год: 1983
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Im Auftrag Seiner Majestät». Краткое содержание книги:
Müller legte sich mit den Beinen über die Dachrinne hinab, faßte dann den Leiter und rutschte auf den obersten Halter hinunter, von diesem auf den zweiten und so weiter. Als er von außen die zweite Etage erreichte, kam er zwischen zwei Fenster zu stehen, welche erleuchtet waren. Es warf einen vorsichtigen Blick hinein und gewahrte – den Kapitän. Was hatte dieser Seltsames vor?
Müller bemerkte nämlich, daß der Alte eine Pistole sehr sorgfältig lud und in die Tasche steckte, dann trat er zu einem Schrank, dessen Tür er öffnete. Der Lauscher glaubte, jener werde irgendein Kleidungsstück aus dem Schrank nehmen; statt dessen aber stieg er ganz hinein und zog die Tür hinter sich zu. Müller wartete ein Weilchen, doch der Alte kam nicht wieder heraus. Was war das?
„Ist in dem Schrank eine geheime Verbindungstür verborgen?“ fragte sich der Lehrer. Nein, sie wäre ja überflüssig, da gleich daneben eine Tür in das Nebenzimmer führt. Oder befindet sich im Schrank der Eingang zu den Doppelmauern. Das wäre eher zu glauben. In diesem Fall aber mußte Müller vorsichtig sein, denn es stand zu vermuten, daß der Kapitän soeben einen seiner Beobachtungsgänge angetreten habe. Wie nun, wenn er auch nach dem Parkhäuschen kam?
Müller stieg weiter herab und schlich sich nach dem Garten, als er die Erde erreicht hatte. Von dort aus ging er nach dem Park.
Es war zwar dunkel, aber beim hellen Schein der Sterne konnte man doch immerhin bemerkt werden. Darum hielt er sich immer unter dem Schutz der Bäume, welche die Rasenstellen des Parks begrenzten. Eben wollte er über eine kleine Lichtung hinüberhuschen, als er den Schritt anhielt.
„Pst!“ erklang es leise neben ihm. „Ich hörte Sie kommen!“
Wer war das? Es hatte wie eine weibliche Stimme geklungen. Er sollte keinen Augenblick im Zweifel bleiben, denn eine warme, weiche Hand erfaßte die seine, und zu gleicher Zeit legte sich ein voller Arm zärtlich um ihn.
„Ich dachte, Sie erwarteten mich bereits“, flüsterte es weiter. „Ich konnte nicht eher kommen, denn mein Schwiegervater ging erst jetzt von uns fort, und dann mußte ich ja erst Alexander zur Ruhe bringen, welcher nicht müde wurde, von seinem neuen Erzieher zu erzählen. Da wir uns hier treffen, brauchen wir nicht viel weiter zu gehen. Komm, unter jenen Eschen steht eine Bank!“
Sie zog ihn leise fort, ohne den Arm von ihm zu nehmen. Was sollte er tun? Für wen hielt sie ihn? Es war die Baronin; das hatten ihm ihre Worte bereits verraten. Er war als Kundschafter hier. Es gab vielleicht Gelegenheit, etwas Wichtiges zu erfahren. Er beschloß, die ihm angetragene Rolle aufzunehmen und soweit wie möglich zu spielen. Die Baronin erwartete einen heimlichen Liebhaber; das war sicher; er fühlte keine Gewissensbisse, das untreue Weib zu täuschen.
Sie erreichten die Bank. Er setzte sich, und die Dame nahm auf seinem Schoß Platz. Diese Vertraulichkeit war der sicherste Beweis, daß derjenige, dessen Stellvertreter Müller so unerwartet geworden war, bereits längere Zeit mit der Baronin in heimlichem Verkehr stand. Sie legte sich fest, innig und warm an ihn, und aus den vollen, üppigen Formen, welche er fühlte, bemerkte er, daß er sich vorhin nicht getäuscht hatte, als er an ihrer Stimme und aus ihren Worten sie als die Baronin erkannte.
Aber für wen galt denn er? Dies zu erfahren, war die Hauptsache. Sie selbst kam ihm zu Hilfe, denn sie sagte:
„Alexander erzählte mir, daß er heute mit Monsieur Müller bei Ihnen gewesen sei. Sie haben sich aber geweigert, ihn einzulassen!“
Ah, also der Direktor war der heimliche Geliebte dieses Weibes! Müller fühlte sich erleichtert. Er hatte fast ganz die Gestalt des Direktors; sein falscher Bart glich dem des letzteren zufälligerweise fast ganz; auch hatte er ja mit diesem Mann gesprochen und seine Stimme zur Genüge gehört, um sie leidlich nachahmen zu können.
„Ich durfte ja nicht“, antwortete er leise.
„Allerdings! Dieser alte Kapitän ist sehr streng; aber dennoch wünsche ich, daß Sie Rücksicht auf Alexander nehmen, der ja Ihr zukünftiger Herr ist, und daß Sie Monsieur Müller freundlicher begegnen.“
Sie sprach im Flüsterton, und so wurde es Müller leicht, seine Stimme zu verstellen, da dies im Flüsterton am wenigsten schwierig ist.
„Diesen Deutschen? Ah!“ sagte er.
„Ich weiß, daß Sie die Deutschen hassen, ebenso wie ich es tue; Ihre ganze jetzige Tätigkeit ist ja darauf gerichtet, sie zu verderben; aber ich möchte mit ihm eine Ausnahme machen. Alexander liebt ihn.“
„Das wäre ja wunderbar!“
„Ja, er hat noch keinen seiner Lehrer geliebt; aber Monsieur Müller hat ihm das Leben gerettet und dann auch sein Herz zu gewinnen vermocht. Übrigens ist er nicht mit anderen Schulmeistern zu vergleichen.“
„Warum nicht, meine Teure?“
„Ah, endlich einmal ein zärtliches Wort: meine Teure! Wissen Sie, daß Sie heute abend ungemein zurückhaltend sind?“
Sie schmiegte sich an ihn und küßte ihn mit der Glut eines leidenschaftlichen, treulosen Weibes. Er wagte es kaum, diesen Kuß zu erwidern.
„Auch Ihre Küsse sind kalt! Ich werde Sie zu strafen wissen, und zwar sofort!“
„Womit?“ fragte er auf diese Drohung.
„Damit, daß ich Ihnen sage, daß dieser Deutsche Ihnen bei mir gefährlich werden kann!“
„Fi donc! Dieser buckelige Kerl!“
„Wenn Sie ihn reiten, fechten und schießen gesehen hätten, so würden Sie ganz und gar nicht an diesen kleinen Fehler denken, an dem er doch unschuldig ist. Ich möchte wirklich wissen, ob er ebenso feurig küßt, wie er den Degen führt.“
Es war klar, daß dieses Weib ihren vermeintlichen Liebhaber eifersüchtig machen und dadurch anregen wollte, seine Zärtlichkeit zu verdoppeln. Müller legte also die Arme fest um sie, drückte sie mit nachgeahmter Innigkeit fest an sich und vermochte es nun auch nicht zu verhindern, daß sie ihren Mund mit aller Kraft auf den seinigen legte, welches ihn fast in Verlegenheit brachte. Nicht nur ihre Lippen, sondern auch ihre Zunge waren bei diesem Kuß tätig. Da aber lösten sich plötzlich ihre Arme von ihm; sie fuhr zurück und sagte:
„Was ist das? Sie haben ja ganz andere Zähne!“
„Inwiefern?“ fragte er.
„Ich habe ja noch heute morgen Ihre Zahnlücke gefühlt!“
Er bemerkte, daß sein Inkognito sich in großer Gefahr befinde, und antwortete:
„Hm, leicht erklärlich! Der Dentist brachte mir heute den bestellten Zahn.“
„Ah, Sie lügen! Es fehlte Ihnen keiner; die beiden vorderen standen etwas zu weit auseinander. Zeigen Sie Ihre rechte Hand!“
O weh, jetzt war die Schäferstunde vorüber, denn es fiel erst jetzt Müller ein, daß er heute während seines Gespräches mit dem Direktor bemerkt hatte, daß diesem, jedenfalls in Folge eines kleines Unfalles, an der rechten Hand ein Fingerglied fehlte.
Sie hatte, ehe er es verhindern konnte, seine Hand ergriffen, welche sie befühlte. Kaum hatte sie bemerkt, daß diese vollständig sei, so sprang sie empor, um zu entfliehen. Ebenso schnell jedoch besann sie sich. Sie drehte sich wieder um und fragte:
„Kennen Sie mich?“
Sollte er sie schonen? Nein; sie war es nicht wert!
„Ja“, antwortete er.
„Nun, wer bin ich?“
„Die Baronin de Sainte-Marie.“
„Gut, so bitte ich um gleiche Karten! Wer sind Sie?“
Er erhob sich und trat einen Schritt zurück.
„Das werden Sie jetzt nicht erfahren, Madame.“
„Jetzt nicht, aber später vielleicht?“
„Möglich!“
„So sagen Sie mir wenigstens, was Sie sind!“
„Ich bin Offizier“, antwortete er.
„Woher? In welcher Truppe?“
„Das muß ich leider verschweigen.“
„So lügen Sie! Ein Offizier ist gewöhnlich ein Ehrenmann, und ein solcher wird die Täuschung, in welcher sich eine Dame befindet, nicht in der Weise benutzen, wie Sie es getan haben.“