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Im Auftrag Seiner Majestät

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Im Auftrag Seiner Majestät
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Aus diesem Grund suchten im Laufe der Unterhaltung seine Augen diese Wand ganz unwillkürlich immer wieder und – ah, was war das? Hatte sich wirklich ein Teil der Wand jetzt ganz leise verschoben?

Er zog sein Taschentuch hervor und nahm die Brille von der Nase, wie um die erstere abzuputzen; dann wischte er sich die scheinbar blöden Augen langsam aus und hatte so Gelegenheit, unbemerkt von einem unsichtbaren Beobachter unter dem Tuch hervor mit dem einen, halb geschlossenen Auge die Stelle der Wand zu mustern, von welcher er bemerkt zu haben glaubte, daß sie bewegt worden sei.

Wirklich, es war ein ganz, ganz schmaler Riß entstanden, und Müller hätte darauf schwören mögen, sehr genau den Punkt anzeichnen zu können, wo ein schwarzes, glänzendes Auge durch die Spalte luge. Es stand unumstößlich fest, daß sich eine Person zwischen der Doppelwand befand und ihn und den Knaben belauschte. Dieser Teil der Wand war jedenfalls nach Art der Zugtüren zu bewegen, welche, anstatt in Angeln, auf einer Schiene oder in einem Falz auf kleinen Rollen oder Rädern laufen.

Wer aber war der Lauscher? Es war des Kapitäns Auge. Doch hatte Müller keine Zeit, über diesen Gegenstand nachzudenken. Er mußte sich hüten, bemerken zu lassen, daß er die Spalte entdeckt habe. Darum drehte er sich unbefangen von dieser Richtung ab und nach Alexander hin, mit welchem er eine lebhaft geführte Unterhaltung begann.

Nach einigen Minuten hatte, wie ihm ein flüchtiger Blick verriet, die Spalte sich wieder geschlossen, und da gerade jetzt Alexander vor das Häuschen trat, um einen Habicht zu beobachten, welcher in der Höhe seine Kreise zog, so herrschte im Innern der Hütte eine augenblickliche lautlose Stille, während welcher man ein Blatt hätte fallen hören können. Da, horch, entstand unter dem Fußboden ein eigentümliches Geräusch. Es war, als ob Schlüssel klirrten, als ob dann eine schwere Tür in kreischenden Angeln sich bewege. Das war allerdings nicht mit solcher Deutlichkeit zu hören, daß man die Wahrnehmung mit Sicherheit behaupten konnte, aber Müller hatte ein scharfes, gutes Gehör, auf welches er sich verlassen konnte. Er beschloß, baldigst diese auffälligen Erscheinungen zu untersuchen. Je eher dies geschehen konnte, desto besser war es, denn dieses Schloß Ortry war ein zu zweifelhafter Aufenthalt, als daß es geraten sein konnte, die Entdeckung nützlicher Geheimnisse zu verzögern.

Nachdem die beiden sich ausgeruht hatten, sprach Müller den Wunsch aus, nach dem Eisenwerk zu gehen, um sich dasselbe zu besehen. Alexander stimmte bei, doch wurden beide vom Direktor nicht sehr freundlich aufgenommen.

„Sind Sie vom Herrn Kapitän geschickt, gnädiger Herr?“ fragte er Alexander.

„Nein.“

„Oder haben Sie eine Erlaubniskarte?“ wendete er sich an Müller.

„Auch nein. Bedarf es einer solchen?“ fragte dieser.

„Allerdings.“

„Das scheint mir verwunderlich. Ich habe oft ganz ähnliche Werke besucht, deren Besitzer und Leiter es sich zur Freude gemacht haben, Fremde zu informieren. Es kann dem Besitzer eines industriellen Etablissements nur lieb sein, zu hören, daß seine Anlagen in einem Ruf stehen, der sogar den Laien herbeizieht.“

„Ich gebe das zu“, meinte der Direktor abweisend. „Sie werden jedoch ebenso bereitwillig zugestehen, daß wir oft verschwiegen sein müssen. Es kann uns nicht gleichgültig sein, ob unsere Konkurrenten erfahren, mit welchen Mitteln und auf welche Weise wir arbeiten, welche Handgriffe wir anwenden, und zu welchem chemischen Verfahren wir uns entschlossen haben.“

„Halten Sie mich für einen Konkurrenten?“ lächelte Müller.

„Ich halte Sie für das, was Sie sind, nämlich für einen Mann, der von unseren Dingen ganz und gar nichts versteht. Sie sind nicht derjenige, der uns gefährlich werden könnte; aber ich habe nun einmal Weisung, keinen Menschen ohne Erlaubniskarte einzulassen, und bitte Sie, von Ihrer Absicht abzustehen.“

„Herzlich gern“, antwortete Müller. „Ich will Sie keineswegs in Gefahr bringen. Adieu!“

Er wandte sich ab, um zu gehen. Er wußte nun, was er hatte wissen wollen, und fühlte sich befriedigt. Nicht so Alexander. Er blieb stehen und fragte:

„Bedarf auch ich einer Erlaubniskarte?“

„Allerdings, sobald Sie nicht in Begleitung des Kapitäns erscheinen.“

Da richtete sich der Knabe hoch empor und sagte:

„Wissen Sie, daß Sie mir gar nichts zu befehlen haben? Sie haben mir hier nicht das mindeste zu verbieten. Wäre ich allein, so würde ich in den Werken herumlaufen, ganz wie es mir gefällt. Aber ich will Herrn Müller nicht verlassen. Das aber muß ich Ihnen sagen, daß Sie ihn mit höflicheren Worten von Ihrer Pflicht benachrichtigen sollten. Er ist ein Mann, der mehr versteht als Sie. Sie sind ein Grobian gewesen!“

Er folgte seinem Lehrer nach, der alle diese Worte gehört hatte.

„Monsieur Müller“, sagte er, „ich muß Ihnen etwas mitteilen.“

„Was?“

„Daß ich noch niemals einen Lehrer in Schutz genommen habe.“

„Ah!“

„Daß ich es mit Ihnen tue, mag Ihnen beweisen, wie lieb ich Sie habe. Sie werden bei mir bleiben müssen. Sie sind ganz anders als die vorigen, und ich werde mich hüten, Sie wieder fortzulassen. Morgen beginne ich, Deutsch zu lernen.“

Müller war hocherfreut über diesen unerwartet schnellen Erfolg. Er erkannte, daß der Knabe ganz gute Gaben besaß, welche bisher leider vernachlässigt waren.

DRITTES KAPITEL 

Das Geheimnis von Ortry

Es war bereits um die Dämmerung, als sie das Schloß erreichten. Dort trafen sie die Gerichtspersonen, welche gekommen waren, den Tatbestand der Verunglückung des Grooms festzustellen.

Sie mußten bis zum morgigen Tag hier verweilen, doch wurde dadurch die Lebensordnung der Schloßbewohner in keiner Weise verändert, denn Punkt zehn Uhr gingen diese, wie gewöhnlich, bereits zur Ruhe.

Müller hatte sich einige Lichter besorgt. Im Laufe des Nachmittags waren seine Effekten aus Thionville gekommen. Dabei befand sich eine kleine Blendlaterne. Er hatte sich mit derselben versehen, weil er ja wußte, daß er als Eclaireur nach Ortry ging und als solcher sehr leicht in die Lage kommen konnte, dieses nützliche Instrument zu gebrauchen. Als er keine Bewegung mehr im Schlosse wahrzunehmen vermochte, zog er sich um, aber im Dunklen, um nicht durch die Glastafel beobachtet werden zu können.

Er legte einen Bart an, zog eine Bluse über, wie man sie in jenen Gegenden trägt, und tauschte die Stiefel mit leichten Schuhen um, welche den Schritt nicht so leicht hörbar werden ließen, wie jene. Den Buckel hatte er abgeschnallt.

Es konnte ihm nicht einfallen, sich zur Treppe hinab zu begeben. Er hatte sich während des Tages bereits einen anderen Weg ersehen. Nachdem er die Tür fest verschlossen und einen geladenen Revolver zu sich gesteckt hatte, öffnete er das nördliche Fenster und schwang sich durch dasselbe hinaus auf das Dach. Da dasselbe ziemlich eben war, konnte er ganz ohne Gefahr dort aufrecht gehen; aber er tat das nicht, sondern kroch in liegender Stellung fort, da sich seine hohe Gestalt sonst gegen den Himmel abgezeichnet hätte und von unten auffällig werden konnte.

So kam er an den Blitzableiter. Er hatte ihn am Tage bemerkt und mit seinem scharfen Auge geprüft. Die Leitung war nach alter Weise aus starken, viereckigen Eisenstäben hergerichtet und wurde von breiten Haltern unterstützt, welche in Entfernungen von höchstens zehn Fuß voneinander standen, so daß der stärkste Mann da ganz gefahrlos auf und nieder klettern konnte. Übrigens war von der Mauer schon längst der Bewurf abgefallen; ein Kletterer konnte, wenn nicht jemand ganz in der Nähe stand, gar nicht bemerkt werden.

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