Im Auftrag Seiner Majestät
- Автор: Май Карл
- Год: 1983
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Im Auftrag Seiner Majestät». Краткое содержание книги:
Er drehte sich mit jugendlicher Raschheit auf dem Absatz um und schritt nach der Tür zu, hinter welcher der Baron verschwunden war. Müller ging in den Schloßhof, wo Alexander ihn bereits erwartete.
Die Baronin hatte diese kurze, eigentümliche Unterredung mit angehört. Sie folgte mit langsamen Schritten dem Alten. Als sie das Zimmer betrat, in welchem der Baron sich gewöhnlich aufhielt, fand sie dasselbe leer; aber aus dem angrenzenden Kabinett drang eine jammernde Stimme, zwischen deren angstvollen Rufen man die harte, drohende Stimme des Kapitäns erkannte. Sie trat dort ein.
Es war das Schlafzimmer des Barons. Dieser lag auf seinem Bett, hatte den Kopf in die Kissen versteckt und wimmerte:
„Er ist da! Er ist da! Ich habe ihn gesehen und erkannt!“
„Schweig!“ gebot der Alte. „Er war es nicht!“
„Er war es!“ behauptete der Irre. „Er sucht die Kriegskasse!“
„Ich befehle dir, zu schweigen!“
„Nein, nein, ich will nicht schweigen; ich kann nicht schweigen!“ rief sein Sohn, indem er das Gesicht noch tiefer in die Kissen vergrub. „Ich mag die Kasse nicht; ich habe bereits eine geraubt. Ich habe die Kasse von Magenta gestohlen; wozu brauche ich die von Waterloo!“
„Schweig, sage ich, sonst muß ich dich strafen!“
„Schlag zu, Alter! Schlag zu, Bösewicht!“ rief der Baron. „Ich gehorche dir doch nicht! Behalte deine Kasse! Ich mag sie nicht! Das Gold trieft von Blut!“
Da zog ihm der Kapitän die Kissen weg, erhob die geballte Faust und drohte:
„Mensch, noch ein Wort, und ich zeige dir, wer dein Meister ist!“
„Du nicht; du bist es nicht!“ rief der Kranke, indem er sich erhob und seinen Vater mit von Abscheu erfüllten Blicken anstarrte. „Du bist der Teufel, der Satan; aber mein Meister bist du nicht! Mein Meister sitzt hier und hier!“ Er schlug sich bei diesen Worten auf die Brust und vor die Stirn. „Er zermalmt mir das Herz und zerreißt mir das Gehirn. Ich mag die Kasse nicht. Ich gebe die eine zurück, und die andere lasse ich liegen. Oh, mein armer Kopf, mein armes Herz! Wie das brennt, wie das quält! Nur ein Blick meiner Liama kann diese Schmerzen heilen. Wo ist sie? Ich will sie sehen, sehen, sehen!“
„Schweig, sage ich nun zum letzten Mal!“ donnerte der Alte.
„Ich schweige nicht!“ rief der Sohn. „Oh, Liama, meine süße Liama! Gebt sie hin, die Kasse; gebt sie hin!“
Da fiel die Faust des Kapitäns auf ihn nieder, nicht einmal, sondern in vielen, ununterbrochenen Hieben und Schlägen. Aber der Kranke rief fort. Er wehrte sich nicht gegen die herzlose, grausame Züchtigung durch seinen eigenen Vater, aber er hielt auch nicht inne, nach seiner Liama und der Kasse zu rufen. Die Arme des Kapitäns ermüdeten; er wendete sich zu der Baronin, welche ohne das geringste Zeichen von Teilnahme Zeugin der Unmenschlichkeit gewesen war, und sagte:
„Der Anfall ist heftiger als jeder andere zuvor. Es gelingt mir nicht, ihn einzuschüchtern. Versuchen wir das andere Mittel.“
Während der Kranke immer weiter wimmerte, antwortete sie:
„Das ist mir unangenehm, halten Sie es für ein Vergnügen, mich –“
„Sie werden es tun!“ unterbrach er sie mit drohender Stimme. „Oder soll die Dienerschaft erfahren, wie es steht, und um was es sich handelt?“
Sie zuckte die Achseln und fragte:
„Und wenn ich es doch nicht tue, was dann?“
„So haben Sie aufgehört, Baronin de Sainte-Marie zu sein!“
Sie zuckte zusammen, wagte aber doch die Frage:
„Ich möchte einmal wissen, wie Sie das anfangen wollen, Herr Schwiegerpapa?“
„Ja, die Baronin will ich, die Baronin de Sainte-Marie!“ rief der Irre, dessen Geisteskraft nur dazu hingereicht hatte, diesen Namen aufzunehmen.
„Schweig, Unvorsichtiger!“ rief der Alte, indem er abermals zuschlug. Und zu der Baronin gewendet, fuhr er fort: „Ich weiß sehr genau, wie ich es anzufangen habe; ich bin, bei Gott, der Mann dazu! Wie wollen Sie beweisen, daß Sie die Frau meines Sohnes sind?“
„Ich habe Zeugen.“
„Sie sind tot!“
„So sind Sie deren Mörder. Die Listen der Mairie und des Kirchenbuches werden beweisen, was ich bin.“
„Die Blätter sind verschwunden“, antwortete er höhnisch.
„So sind Sie der Dieb! Übrigens brauche ich weder Zeugen noch Bücher. Ich würde alles verraten.“
„Und für lebenslänglich in das Zuchthaus wandern“, lachte er mit teuflischem Grinsen. „Wer will meinen Sohn bestrafen? Er ist ein Wahnsinniger. Wer will mich anklagen. Ich war nicht dabei. Wollen Sie meinem Befehl gehorchen, oder sich und Ihren Sohn um die Baronie bringen? Ich frage zum letzten Mal.“
Der Baron krümmte sich unter den Fäusten des Alten, der sich jetzt alle Mühe gab, ihm den Mund zuzuhalten.
„Sie sind wahrhaftig ein Teufel!“ knirschte die Baronin, indem sie sich anschickte, zu gehen.
„Und Sie sind eine Stallmagd, eine elende Bauerndirne. Gehorchen Sie sofort!“ rief er ihr mit funkelnden Augen nach.
Sie kehrte mit vor Zorn hochgeröteten Wangen in das Wohnzimmer des Barons zurück und begab sich in das gegenüberliegende Gemach. Dieses war klein und zeigte nichts als eine Waschtoilette, einen Spiegel und einen Kleiderschrank. Die Baronin öffnete den letzteren und nahm das einzige Gewand heraus, welches er enthielt. Es war die Festkleidung eines Bauernmädchens aus dem Argonner Wald. Sie schien hier für ganz besondere Zwecke aufbewahrt zu werden, jedenfalls für denselben Zweck, dem sie jetzt dienen sollte.
Während das Jammern und Wehklagen des Barons herüber drang, warf sie ihre gegenwärtige Kleidung ab, legte das andere Gewand an und ordnete ihr Haar in anderer Weise. Obgleich dies so schnell ging, daß sie nach kaum fünf Minuten fertig war, hatte sie doch eine außerordentliche Sorgfalt dabei entwickelt. Sie hatte sich die größte Mühe gegeben, alle ihre Reize hervorzuheben und in das beste Licht zu stellen. Sie stand jetzt da als üppig schönes Bauernmädchen, schön und verführerisch, daß sie imstande war, auch festere Grundsätze zuschanden zu machen als die des Schwachsinnigen. Sie betrachtete sich noch einige Augenblicke lang höchst wohlgefällig im Spiegel und flüsterte dabei:
„Und dies alles soll einem Verrückten gehören! Oh, wenn doch dieser Deutsche nicht – nicht buckelig wäre!“
Sie errötete selbst über diesen Gang ihrer Gedanken und begab sich zu den beiden Männern zurück, welche Vater und Sohn waren, obgleich der erstere dem letzteren als Peiniger gegenüberstand.
„Endlich!“ rief der Alte, indem er sich erhob. „Versuchen Sie Ihre Macht; ich werde im anderen Zimmer warten.“
Er entfernte sich, und sie trat zu dem wimmernden Baron.
„Henry!“ sagte sie mit dem sanftesten Ton ihrer Stimme.
Sein Kopf hatte sich wieder unter die Kissen vergraben; dennoch hörte der Kranke das Wort und horchte auf.
„Wer rief?“ fragte er. „Bist du es, meine Liama?“
Sie beugte sich zu ihm nieder und flüsterte liebevolclass="underline"
„Komm, mein Henry, blick mich an!“
Er erhob den Kopf, wendete ihn nach ihr und blickte sie an. Es ging wie ein Zug des Erkennens über sein bleiches Gesicht. Er lächelte matt und sagte:
„Ah, das schöne Mädchen vom Brunnen an der Dorfschenke. Ich bin heute durch das Dorf geritten, als du am Brunnen standest. Hast du mich gesehen?“
„Ja, ich habe dich gesehen“, antwortete sie, indem sie sich auf den Rand des Bettes niedersetzte.
„Ich habe mich nach dir erkundigt“, sagte er, indem er sich noch weiter emporrichtete. „Deine Mutter ist tot, und dein Vater ist der Hirte. Nicht?“
„Ja“, flüsterte sie.
„Hast du einen Geliebten, du schönes, holdes Kind?“
„Nein; ich habe noch niemals einen gehabt.“
„So hat deine Lippen noch niemand geküßt?“ fragte er, indem er den Arm um sie schlang.
Seine Blicke bekamen immer mehr Selbstbewußtes, und er musterte das Mädchen, als ob er angestrengt nach einer Erinnerung suche.