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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Viele einflussreiche Vertreter der Landeselite, zum Beispiel der mächtige informelle Anführer des »liberalen« Lagers Anatoli Tschubais, stellten sich gegen Putins Kandidatur und versuchten Jelzin bis zum Schluss zu überreden, auf Stepaschin zu setzen. Aber die Jelzin-Familie, die Putin endgültig durchgesetzt hatte, erwies sich als stärker. Ihnen war das Hemd näher als der Rock.

Dennoch blieb Tschubais unter Putin nicht nur ein Mitglied der Elite, sondern auch ein einflussreicher, dem Staat nahestehender Geschäftsmann. Bei der Privatisierung vergoldete er das Energiemonopol von Unified Energy System, danach leitete er Rosnano, das für die Ableitung von Finanzmitteln aus den durch Erdöleinnahmen gemästeten föderalen Budgets gedacht war, und zwar unter dem Vorwand der Entwicklung und Einführung der sogenannten Nanotechnologien.

Auch das zeigt, dass Putin durchaus nicht so blutrünstig und rachsüchtig ist, wie ihn seine Freunde und die meisten seiner Feinde darstellen.

Am 9. August 1999 rollte die Lawine eines Sommergelächters durch Moskau. Niemand glaubte, dass Putin als Nachfolger irgendwelche Chancen habe. Die Mehrheit der staatlichen und gesellschaftlichen Vertreter äußerte gegenüber den Medien, Jelzin habe Putins politische Karriere aufgegeben. Seine Entscheidung über den Nachfolger wurde als trunkenes Gefasel gewertet, das zum Symbol und Maß der letzten Jahre seiner Herrschaft geworden war.

Mein Gott, wie sie sich irrten!

Am 16. August bestätigte die Staatsduma ohne Probleme Putin für den Posten des Ministerpräsidenten. Der glamouröse Weg von WWP in der neueren Geschichte des Landes und der Welt hatte seine wichtigste und brillante Wendung genommen, auch wenn das zu diesem Zeitpunkt durchaus nicht allen klar war.

Übrigens war die Operation »Nachfolger« keine leichte Übung gewesen. Denn ursprünglich hatte Putin bei den Umfrageergebnissen deutlich hinter Primakow gelegen, der wirklich gedacht hatte, er könne mit der Unterstützung von Luschkow und einer Reihe anderer einflussreicher Gouverneure Präsident werden. Der Vorschlag, den Primakow Jelzin machte, lautete so: eine Amtsperiode für mich, einen betagten, nicht sonderlich gesunden, aber immer noch vom Volk geliebten Mann, und dann ist Stepaschin an der Reihe (den der erste Präsident ebenfalls bereits abgelehnt hatte). Jelzin war beleidigt. Und er war fest entschlossen, Putins Kandidatur durchzudrücken.

Dafür geschah Folgendes:

•in Moskau wurden Häuser in die Luft gesprengt;

•der Zweite Tschetschenien-Krieg wurde entfesselt;

•man holte den anrüchigen Geschäftsmann Boris Beresowski aus der französischen Verbannung, der damals einen großen informellen Einfluss auf den Ersten Fernsehkanal (ORT) ausübte. Beresowski sollte mithilfe des bekannten »Fernsehkillers« Sergei Dorenko die Reputation des Duos Primakow/Luschkow schädigen. (Später, als man Beresowski nicht mehr brauchte, wurde er wieder aus Russland vertrieben – diesmal für immer.)

Als Putins Umfragewerte Anfang Dezember 1999 die heiß ersehnten und unabdingbaren 52 Prozent erreichten, stand die Entscheidung fest: Jelzin geht am 31. Dezember vorzeitig in den Ruhestand, die Präsidentschaftswahlen finden entsprechend nicht im Juni 2000, sondern drei Monate früher im März statt. Warum wurde das getan? Erstens, um nichts »zu verschütten«: Unter dem Einfluss unvorhersehbarer Faktoren hätten die Umfrageergebnisse des Nachfolgers leicht fallen können, und der ewige Sjuganow musste unbedingt im ersten Wahlgang besiegt werden, damit an der Legitimität des Novizen Wladimir Putin in der großen Politik niemand zu zweifeln wagte – weder in Russland noch im internationalen Maßstab. Zweitens – und das ist meiner Meinung nach der Hauptgrund – sollte Jelzin, der immer auf den politischen Erfolg anderer neidisch gewesen war, keine Gelegenheit mehr bekommen, es sich anders zu überlegen und einen anderen Nachfolger auszugraben, der für die Familie weniger annehmbar gewesen wäre.

Putin wurde am 14. März 2000 Präsident, und er ist es bis zum heutigen Tag. Eine halbe Ewigkeit!

Kapitel 10: Die Philosophie von Putins Macht – Der Bewacher am Höhleneingang. Wladimir Putins Russophobie

Die russische politische Opposition und die ihr zugeneigten Intellektuellen, mit deren Augen das Establishment im Westen nicht selten auf die Ereignisse in Russland und dessen jüngste Geschichte schaut, haben sich den Begriff »blutiges Regime« angewöhnt. Doch Putin ist alles andere als ein blutrünstiger Tyrann. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele und Belege. Wenn das Projekt »Bürger Poet«1, in dem der Tyrann auf literarischem Niveau gescholten wird, im Barvikha Luxury Village oder im Theater Estrada gastiert, dessen Direktor Gennadi Chasanow ein rührendes Verhältnis zum ersten Mann im Staat hat – was hat das dann zu bedeuten?

Putin ist nicht nur kein Tyrann, sondern streng genommen nicht einmal eine Führungspersönlichkeit. Er ist ein Markenzeichen, ein Symbol für den glamourösen Autoritarismus, der sich in der Zeit nach Jelzin herausgebildet hat. Seine Funktion als Markenzeichen erfüllt er zufriedenstellend. Der eine sichert sich mit dessen Hilfe Milliardenkredite bei staatlichen Banken (von denen WWP selbst in der Regel nichts weiß, und wenn er davon erfährt, wundert er sich nicht einmal), ein anderer rechtfertigt damit seine frühreife Oppositionshaltung.

Putins Problem indes liegt nicht in einer eigenhändigen Lenkung des Staates, wie viele denken. Der Staat wird eher von einer so großen Anzahl leichtfertiger Hände gelenkt, dass sie keiner mehr beaufsichtigen kann. Putins Problem ist, dass jedes Markenzeichen nur dann erfolgreich sein kann, wenn es zeitgemäß ist, was man über das Markenzeichen »Putin« mittlerweile allerdings nicht mehr sagen kann. Und deswegen muss er weg.

Aber abgesehen von Putin als Markenzeichen gibt es noch Putin als Mensch. Man sollte seine Möglichkeiten nicht überschätzen, und es liegt natürlich nicht an ihm. Aber wenn wir ihn schon in die Mangel nehmen, müssen wir auch versuchen, diesen Menschen zu verstehen.

Die vierzehn Jahre, in denen WWP in der einen oder anderen Weise an der großen Macht teilhatte, sowie seine vielen Worte und wesentlichen Schritte erlauben es durchaus, einige Schlussfolgerungen zu ziehen.

Putin ist weder ein Diktator, noch ist er machthungrig. Er hat lediglich einen leichten Hang zur Misanthropie im Allgemeinen und einen schweren zur Russophobie im Besonderen. In seinen relativ jungen Jahren (in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre) hatte er ein schreckliches Erlebnis. Als er beruflich in der DDR war, traf er unerwartet auf reale Deutsche. Und das hat ihn umgeworfen. Ihm wurde auf einmal klar, dass es menschliche Wesen gibt, die fähig sind, auch ohne den vorgehaltenen Gewehrlauf zu arbeiten, die ein Ergebnis liefern können, ohne sieben Mal am Tag daran erinnert zu werden, und die sogar während der Arbeitszeit nüchtern sein können. Diese anthropologische Entdeckung stürzte Putin in tiefe Verlegenheit. Und anscheinend kam er zu dem Schluss, dass die Macht (nicht in Russland, sondern überhaupt) wie auch die Philosophie deutsch sein müssen – wenn möglich.

Allem Anschein nach denkt Putin ungefähr so. Die Russen sind natürlich gutmütig und nett, mitleidsfähig und kontemplativ, aber sie eignen sich nicht für eine kontinuierliche, zielgerichtete Tätigkeit und ein ausgewogenes, friedliches, schöpferisches Leben.

Der Russe ist eine Maschine, die Probleme generiert (und keine Lösungen dafür findet). Er fegt alles fort, was ihm im Weg steht, er ist ein unbezähmbarer Sämann der Entropie, eine Verkörperung des zweiten Grundsatzes der Thermodynamik. Er ist ein Teil der Kraft, die stets das Gute will, wobei letztlich doch alles beim Alten bleibt. Wie in diesem Witz: Kommt jemand ins Gefängnis und hat zwei Kugeln, die eine geht ihm kaputt, und die andere verliert er.

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