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Die Dämonen
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Aber es wird kaum möglich sein, Erkels Los zu erleichtern. Gleich mit seiner Verhaftung hat er angefangen, zu schweigen oder nach Möglichkeit die Wahrheit zu verdrehen. Bis jetzt ist noch kein Wort der Reue von ihm zu erlangen gewesen. Dabei aber hat er selbst bei den strengsten Richtern eine gewisse Sympathie für sich erweckt durch seine Jugend, durch seine Schutzlosigkeit, sowie durch die klarliegende Tatsache, daß er nur das fanatische Opfer eines politischen Verführers ist, vor allem aber durch sein bekannt gewordenes Betragen gegen seine Mutter, der er dauernd beinah die Hälfte seines kärglichen Gehaltes übersandt hat. Die Mutter wohnt jetzt bei uns; sie ist eine schwächliche, kranke Frau, die über ihre Jahre alt aussieht; sie weint viel und wälzt sich buchstäblich vor den Füßen der Richter umher, bei denen sie Fürbitte für ihren Sohn einlegt. Wie auch immer der Ausgang sein mag, aber Erkel bedauern bei uns viele.

Liputin wurde erst in Petersburg festgenommen, wo er ganze zwei Wochen gelebt hatte. Mit ihm war etwas fast Unglaubliches geschehen, das sich nur schwer erklären läßt. Man sagt, er habe einen Paß auf einen fremden Namen und die vollständige Möglichkeit ins Ausland zu entrinnen gehabt, habe auch sehr bedeutende Geldmittel mit sich geführt und sei trotzdem in Petersburg geblieben und nirgendshin weggereist. Eine Zeitlang hatte er nach Stawrogin und Peter Stepanowitsch gesucht; dann aber hatte er sich auf einmal dem Trunke und einem maßlos liederlichen Lebenswandel ergeben, wie ein Mensch, der allen gesunden Verstand und jedes Bewußtsein seiner Lage vollständig verloren hat. Er wurde in Petersburg betrunken in einem Bordell verhaftet. Es geht das Gerücht, er habe auch jetzt keineswegs den Mut verloren, lüge bei seinen Aussagen und bereite sich auf die bevorstehende Gerichtsverhandlung mit einer gewissen Feierlichkeit und hoffnungsvoll (?) vor; er beabsichtige, vor Gericht zu reden. Tolkatschenko, der irgendwo im Kreise zehn Tage nach seiner Flucht festgenommen ist, benimmt sich unvergleichlich viel angemessener, lügt nicht, macht keine Winkelzüge, sagt alles, was er weiß, sucht sich nicht weißzubrennen, gibt seine Schuld mit aller Bescheidenheit zu, neigt aber ebenfalls dazu, kunstvolle Reden zu halten; er spricht viel und gern, und wenn die Rede auf die Kenntnis des gewöhnlichen Volkes und seiner revolutionären (?) Elemente kommt, wirft er sich sogar in besondere Positur und hascht nach Effekt. Auch er beabsichtigt, wie man hört, vor Gericht zu reden. Überhaupt sind er und Liputin nicht besonders in Angst, was einem sonderbar erscheinen kann.

Ich wiederhole: dieser Prozeß ist noch nicht beendet. Jetzt, drei Monate nach den Ereignissen, hat unsere Gesellschaft wieder Atem geschöpft, sich erholt, neue Kraft gesammelt und sich eine eigene Meinung gebildet, und zwar in der Weise, daß einige sogar Peter Stepanowitsch selbst beinah für ein Genie halten, mindestens für einen Menschen »mit genialen Fähigkeiten«. »Ein organisatorisches Talent!« sagen die Herren im Klub und heben dabei den Zeigefinger in die Höhe. Übrigens ist das alles sehr harmlos, und es sind auch nicht viele, die so reden. Andere sprechen ihm zwar hervorragende Fähigkeiten nicht ab, finden aber bei ihm eine vollständige Unkenntnis der Wirklichkeit, ein schreckliches Verranntsein in Theorien, eine ungeheuerliche, absurde Entwickelung nach einer Seite hin, mit einer sich davon herschreibenden außerordentlichen Leichtfertigkeit. Was seine moralische Qualitäten anlangt, so sind darüber alle einer Meinung; hier ist kein Streit möglich.

Ich weiß wirklich nicht, wen ich noch erwähnen muß, um niemand zu vergessen. Mawriki Nikolajewitsch ist von hier irgendwohin für immer weggereist. Die alte Frau Drosdowa ist kindisch geworden ... Es bleibt mir jedoch noch eine sehr traurige Geschichte zu erzählen. Ich beschränke mich dabei auf die Tatsachen.

Warwara Petrowna war bei ihrer Rückkehr in ihrem Stadthause abgestiegen. Nun stürmten alle Nachrichten, die sich aufgesammelt hatten, mit einem Male auf sie ein und erschütterten sie in furchtbarem Grade. Sie schloß sich allein ein. Es war Abend; alle waren müde geworden und legten sich früh schlafen.

Am Morgen übergab die Zofe mit geheimnisvoller Miene Darja Pawlowna einen Brief. Sie sagte, der Brief sei schon am vorhergehenden Tage gekommen, aber erst spät, als alle sich bereits zur Ruhe begeben gehabt hätten, so daß sie nicht gewagt habe, das Fräulein zu wecken. Er sei nicht mit der Post gekommen, sondern in Skworeschniki von einem Unbekannten dem Kammerdiener Alexei Jegorowitsch übergeben worden. Alexei Jegorowitsch habe ihn sofort selbst noch am vorhergehenden Abend nach der Stadt gebracht und ihr eingehändigt und sei sogleich wieder nach Skworeschniki zurückgefahren.

Darja Pawlowna betrachtete den Brief lange mit Herzklopfen und wagte ihn nicht zu erbrechen. Sie wußte, von wem er war: Nikolai Stawrogin hatte ihn geschrieben. Sie las die Adresse auf dem Kuvert: »An Alexei Jegorowitsch, zur Übergabe an Darja Pawlowna, geheim.«

Da ist dieser Brief, Wort für Wort, ohne die geringste Korrektur der Stilfehler eines jungen russischen Edelmannes, der trotz aller seiner westeuropäischen Bildung das Russische nicht vollständig beherrschte:

»Liebe Darja Pawlowna!

Sie wollten einmal zu mir als Krankenwärterin und nahmen mir das Versprechen ab, Sie zu rufen, sobald es nötig sein werde. Ich fahre in zwei Tagen ab und komme nie mehr zurück. Wollen Sie mit?

Im vorigen Jahre habe ich wie Herzen das Bürgerrecht im Kanton Uri erworben, und niemand weiß dies. Ich habe dort schon ein kleines Haus gekauft. Ich besitze noch zwölftausend Rubel; wir wollen hinfahren und dort lebenslänglich wohnen bleiben. Ich will niemals von dort fortreisen.

Der Ort ist sehr langweilig, eine Schlucht; die Berge beschränken den Gesichtskreis und die Gedanken. Es ist ein sehr düsterer Platz. Ich habe das kleine Haus gekauft, weil es gerade zu haben war. Wenn es Ihnen nicht gefällt, werde ich es wieder verkaufen und in einer andern Gegend ein anderes kaufen.

Ich bin nicht wohl; aber ich hoffe, in der dortigen Luft meine Halluzinationen loszuwerden. Das ist physisch; mein Seelenleben kennen Sie; aber ob vollständig?

Ich habe Ihnen vieles aus meinem Leben erzählt. Aber nicht alles. Selbst Ihnen nicht alles! Apropos, ich erkenne an, daß ich vor meinem Gewissen an dem Tode meiner Frau schuld bin. Ich habe Sie seitdem nicht gesehen, und daher erkenne ich es ausdrücklich an. Auch Lisaweta Nikolajewna gegenüber habe ich mich schuldig gemacht; aber das wissen Sie; das haben Sie alles beinah vorhergesagt.

Das Beste ist, Sie kommen nicht. Daß ich Sie zu mir rufe, ist eine große Gemeinheit. Und wozu sollten Sie auch Ihr Leben mit mir begraben? Sie sind mir lieb; es tat mir wohl, im Kummer neben Ihnen zu sein: nur zu Ihnen konnte ich laut von mir selbst sprechen. Aber daraus folgt noch nichts. Sie haben sich selbst zur ›Krankenwärterin‹ bestimmt; das war Ihr Ausdruck; aber wozu wollen Sie ein so großes Opfer bringen? Beachten Sie auch, daß ich Sie nicht bedaure, wenn ich Sie rufe, und Sie nicht hochschätze, wenn ich auf Sie warte. Trotzdem aber rufe ich Sie und warte ich auf Sie. Jedenfalls muß ich von Ihnen Antwort haben, weil ich sehr bald abreisen muß. Nötigenfalls werde ich allein reisen.

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