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Die Dämonen
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»Stepan Trofimowitsch,« bat Sofja Matwejewna schüchtern, »möchten Sie nicht einen Arzt aus der Gouvernementsstadt holen lassen?«

Er war höchlichst überrascht.

»Wozu? Est-ce que je suis si malade? Mais rien de sérieux. Und wozu brauchen wir fremde Leute? Dann würde es bekannt werden, daß ich hier bin, und was dann? Nein, nein, keinen Fremden! Wir bleiben zusammen, wir bleiben zusammen!«

»Wissen Sie,« sagte er nach kurzem Stillschweigen, »lesen Sie mir noch etwas, etwas Beliebiges, worauf Ihr Auge gerade fällt.«

Sofja Matwejewna schlug das Buch auf und begann zu lesen.

»Wo das Buch aufklappt, wo es zufällig aufklappt,« sagte er noch einmal.

»Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe ...«

»Was ist das? Wo ist das her?«

»Das ist aus der Offenbarung St. Johannis.«

»O, je m'en souviens, oui, l'Apocalipse. Lisez, lisez, ich möchte aus dem Buche eine Weissagung über unsere Zukunft entnehmen; ich möchte wissen, was herauskommt; lesen Sie von dem Engel, von dem Engel! ...«

»Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: das saget Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes. Ich weiß deine Werke; du bist weder kalt noch warm; o wenn du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Denn du sprichst: ich bin reich, ich habe viel Gut erlangt und bedarf nichts; aber du weißt nicht, daß du unglücklich bist und jämmerlich und arm und blind und nackt.«

»Das ... und das steht in Ihrem Buche!« rief er mit funkelnden Augen und richtete sich vom Kopfkissen in die Höhe. »Ich habe diese großartige Stelle nie gekannt! Hören Sie: eher kalt, kalt als lau, nur lau. Oh, ich werde es beweisen! Nur verlassen Sie mich nicht; lassen Sie mich nicht allein! Wir werden es beweisen, wir werden es beweisen!«

»Nein, ich werde Sie nicht verlassen, Stepan Trofimowitsch; niemals werde ich Sie verlassen!« rief sie, indem sie seine Hand ergriff, sie in den ihrigen drückte, sie an ihr Herz führte und ihn mit Tränen in den Augen anblickte. (»Er tat mir in diesem Augenblicke furchtbar leid,« berichtete sie später.)

Seine Lippen zuckten krampfhaft.

»Aber, Stepan Trofimowitsch, was sollen wir denn nun machen? Wollen Sie nicht einen Ihrer Bekannten oder vielleicht einen Ihrer Verwandten von Ihrer Krankheit benachrichtigen?«

Aber als er das hörte, erschrak er dermaßen, daß sie bedauerte, es noch einmal erwähnt zu haben. Zitternd und bebend flehte er sie an, niemanden zu rufen, nichts zu unternehmen; er nahm ihr das Wort darauf ab und sagte mehrmals: »Niemanden, niemanden! Wir wollen allein bleiben, ganz allein; nous partirons ensemble.«

Recht übel war es auch, daß die Wirtsleute ebenfalls unruhig wurden, brummten und Sofja Matwejewna zu Leibe gingen. Sie bezahlte ihnen das Gelieferte und war darauf bedacht, sie sehen zu lassen, daß noch mehr Geld da sei; dies besänftigte die Leute für einige Zeit; aber der Wirt verlangte Stepan Trofimowitschs »Schein«. Der Kranke wies mit hochmütigem Lächeln auf seine kleine Reisetasche; in dieser fand Sofja Matwejewna die Verfügung über seine Entlassung oder etwas Derartiges, was er sein ganzes Leben lang als Legitimation benutzt hatte. Der Wirt gab sich damit nicht zufrieden und sagte: »Er muß irgendwo aufgenommen werden; denn bei uns ist kein Krankenhaus; und wenn er stirbt, so wird das am Ende noch eine unangenehme Geschichte; wir haben davon viel Schererei.« Sofja Matwejewna redete mit dem Wirte auch von einem Arzte; aber es ergab sich, daß, wenn man nach er Gouvernementsstadt schicken wollte, dies viel zu teuer werden würde; man mußte natürlich jeden Gedanken an einen Arzt fallen lassen. Bekümmert kehrte sie zu ihrem Kranken zurück. Stepan Trofimowitsch wurde immer schwächer und schwächer.

»Nun lesen Sie mir noch eine Stelle vor ... von den Schweinen,« sagte er auf einmal.

»Was?« fragte Sofja Matwejewna ganz erschrocken.

»Von den Schweinen ... das steht auch darin ... ces cochons ... ich erinnere mich, die Teufel fuhren in Schweine, und diese ertranken alle. Das müssen Sie mir unbedingt vorlesen: ich werde Ihnen nachher sagen, warum. Ich möchte es wörtlich hören. Ich muß es wörtlich hören.«

Sofja Matwejewna kannte das Neue Testament genau und fand sogleich bei Lucas eben jene Stelle, die ich als Motto an die Spitze dieser Geschichtserzählung gesetzt habe. Ich führe sie hier noch einmal an:

»Es weidete aber daselbst eine große Herde Säue auf dem Berge. Und die Teufel baten ihn, daß er ihnen erlaubte, in diese zu fahren. Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen und fuhren in die Säue; und die Herde stürzte sich von dem Abhange in den See und ersoff. Da aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen sie und verkündigten's in der Stadt und in den Dörfern. Da gingen die Einwohner hinaus, zu sehen, was da geschehen war, und kamen zu Jesu und fanden den Menschen, von welchem die Teufel ausgefahren waren, sitzend zu den Füßen Jesu, bekleidet und vernünftig; und sie erschraken. Und die es gesehen hatten, verkündigten's ihnen, wie der Besessene gesund geworden war.«

»Meine Freundin,« sagte Stepan Trofimowitsch in großer Aufregung, »savez-vous, diese wunderbare und ... ganz merkwürdige Stelle war mir mein ganzes Leben hindurch ein Stein des Anstoßes ... dans ce livre ... so daß ich diese Stelle noch von meiner Kindheit her im Gedächtnisse habe. Jetzt aber ist mir ein Gedanke gekommen, une comparasion; es kommen mir nämlich jetzt außerordentlich viele Gedanken. Sehen Sie, das ist genau so wie unser Rußland. Diese Teufel, die aus dem Kranken ausfahren und in die Säue fahren, das sind alle die Gifte, all die Miasmen, all die Unreinigkeit, all die großen und kleinen Teufel, die sich in unserm lieben, großen Kranken, in unserm Rußland, seit Jahrhunderten, seit Jahrhunderten angesammelt haben. Aber der große Gedanke und der große Wille werden ihm von oben her zu Hilfe kommen wie jenem sinnlosen Besessenen, und all jene Teufel werden von ihm ausfahren, all die Unreinigkeit, all die Nichtswürdigkeit, die faulend seine Oberfläche bedeckt ... und sie werden selbst bitten, in die Säue fahren zu dürfen. Ja, vielleicht sind sie schon in diese gefahren! Das sind wir, wir und jene und Peter ... et les autres avec lui, und ich bin vielleicht der erste an ihrer Spitze, und wir werden uns sinnlos und rasend vom Felsen ins Meer werfen und alle ertrinken, und das ist auch unser verdientes Los; denn zu etwas anderm sind wir nicht zu gebrauchen. Aber der Kranke wird gesund werden und ›zu den Füßen Jesu sitzen‹ ... und alle werden ihn mit Erstaunen ansehen ... Meine Liebe, vous comprendrez après; aber jetzt regt mich das zu sehr auf ... Vous comprendrez après ... Nous comprendrons ensemble.«

Er fing an zu phantasieren und verlor schließlich das Bewußtsein. So verging auch der ganze folgende Tag. Sofja Matwejewna saß neben ihm und weinte; sie hatte schon die dritte Nacht fast gar nicht geschlafen und vermied es, sich vor den Wirtsleuten blicken zu lassen, die, wie sie ahnte, bereits etwas ins Werk setzten. Ihre Erlösung erfolgte erst am dritten Tage. Am Morgen kam Stepan Trofimowitsch zu sich, erkannte sie und streckte ihr die Hand hin. Sie bekreuzte sich hoffnungsvoll. Er wollte gern durch das Fenster sehen.

»Tiens, un lac,« sagte er. »Ach, mein Gott, ich hatte ihn noch gar nicht gesehen ...«

In diesem Augenblicke fuhr vor der Tür des Bauernhauses polternd eine Equipage vor, und im Hause entstand ein geschäftiges Hin- und Herlaufen.

III.

Das war Warwara Petrowna selbst, die in einem viersitzigen, vierspännigen Wagen mit zwei Dienern und mit Darja Pawlowna angekommen war. Dieses Wunder war auf ganz einfache Weise zustande gekommen. Anisim, der vor Neugier starb, war nach seiner Ankunft in der Stadt gleich am folgenden Tage in Warwara Petrownas Haus gegangen und hatte der Dienerschaft erzählt, er habe Stepan Trofimowitsch allein in einem Dorfe getroffen, nachdem ihn vorher Bauern auf der großen Landstraße allein und zu Fuß gefunden hätten; jetzt sei er in Gesellschaft Sofja Matwejewnas über Ustjewo nach Spasow abgefahren. Da Warwara Petrowna ihrerseits sich bereits furchtbar beunruhigte und, soweit es möglich war, nach ihrem entlaufenen Freunde Nachforschungen hatte anstellen lassen, so wurde ihr sofort über Anisim Meldung gemacht. Nachdem sie ihn angehört und ihn besonders eingehend über die Abfahrt nach Ustjewo in ein und derselben Britschke mit einer gewissen Sofja Matwejewna zusammen hatte berichten lassen, machte sie sich im Handumdrehen fertig und fuhr eilig auf der frischen Fährte selbst nach Ustjewo. Von seiner Krankheit hatte sie noch keine Kenntnis.

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