Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
Er hielt es nicht aus. Es geschah mit ihm das, was auch Peter Stepanowitsch zuletzt geahnt hatte. Der Obhut Tolkatschenkos und demnächst Erkels anvertraut, hatte er den ganzen folgenden Tag anscheinend friedlich, mit dem Gesichte nach der Wand zu, im Bette gelegen, kein Wort geredet und kaum geantwortet, wenn zu ihm gesprochen wurde. Auf diese Weise hatte er den ganzen Tag über nichts von dem erfahren, was in der Stadt vorgegangen war. Aber Tolkatschenko, der von all diesen Vorgängen genaue Kenntnis besaß, kam gegen Abend zu dem Entschlusse, das Amt, das ihm Peter Stepanowitsch bei Ljamschin übertragen hatte, niederzulegen und sich aus der Stadt in den Kreis zu begeben, das heißt einfach davonzulaufen: in der Tat hatten sie alle den Verstand verloren, wie das Erkel von ihnen allen prophezeit hatte. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß auch Liputin an diesem selben Tage aus der Stadt verschwand, noch vor zwölf Uhr. Aber was diesen anlangt, so erhielt eigentümlicherweise von seinem Verschwinden die Behörde erst am Abend des folgenden Tages Kenntnis, als sie geradezu zur Befragung seiner Familie schritt, die über seine Abwesenheit in Angst war, aber aus Furcht geschwiegen hatte. Aber ich fahre über Ljamschin fort. Kaum war er allein geblieben (Erkel war im Vertrauen auf Tolkatschenkos Pflichttreue schon vorher zu sich nach Hause gegangen), als er sogleich aus dem Hause lief und selbstverständlich sehr bald den Stand der Dinge erfuhr. Ohne erst nach seiner Wohnung wieder heranzugehen, begann er ebenfalls blindlings davonzulaufen. Aber die Nacht war so dunkel und sein Unternehmen so schrecklich und mühevoll, daß er, nachdem er zwei oder drei Straßen durcheilt hatte, nach Hause zurückkehrte und sich die ganze Nacht einschloß. Wie es scheint, machte er gegen Morgen einen Selbstmordversuch, der jedoch nicht gelang. Er saß jedoch im verschlossenen Zimmer beinahe bis zum Mittage – und lief dann plötzlich zur Polizei. Man sagt, er sei auf den Knien herumgerutscht, habe geschluchzt, gewinselt, den Fußboden geküßt und geschrien, er sei nicht würdig, auch nur die Stiefel der vor ihm stehenden hohen Beamten zu küssen. Man beruhigte ihn und behandelte ihn sogar freundlich. Das Verhör zog sich, wie man sagt, etwa drei Stunden lang hin. Er deckte alles auf, alles; er erzählte alle Geheimnisse, alles, was er wußte, mit allen Einzelheiten; er griff vor, konnte gar nicht schnell genug bekennen und teilte sogar Unnötiges mit und ungefragt. Es stellte sich heraus, daß er recht viel wußte und die Sache anschaulich darzustellen verstand. Die Tragödie mit Schatow und Kirillow, die Feuersbrunst, der Tod der Geschwister Lebjadkin und so weiter, dies alles trat dabei in die zweite Linie zurück; in die erste Linie trat Peter Stepanowitsch, die geheime Gesellschaft, die Organisation, das Netz. Auf die Frage, wozu denn so viele Mordtaten, Skandalgeschichten und Schändlichkeiten begangen seien, antwortete er eilig und eifrig: zum Zwecke einer systematischen Erschütterung der Fundamente; zum Zwecke einer systematischen Zersetzung der Gesellschaft und aller Elemente; um alle zu entmutigen und aus allem einen Mischmasch zu machen und, wenn dann die Gesellschaft auf diese Weise ins Wanken gebracht, krank und matt, zynisch und ungläubig geworden sei, sich aber grenzenlos nach einem leitenden Gedanken und nach Selbsterhaltung sehne, sie auf einmal selbst in die Hand zu nehmen, indem man die Fahne der Empörung erhebe und sich auf ein ganzes Netz von Fünferkomitees stütze, die unterdes gewirkt, geworben und praktisch alle Kunstgriffe und alle schwachen Stellen, die man in Angriff nehmen könne, ausprobiert hätten. Er schloß damit, hier in unserer Stadt sei durch Peter Stepanowitsch nur ein erster Versuch der systematischen Herbeiführung einer solchen Unordnung gemacht worden; es sei damit sozusagen ein Programm der weiteren Aktionen, sogar als Muster für alle Fünferkomitees, aufgestellt worden. Dies sei sein (Ljamschins) eigener Gedanke und seine eigene Vermutung; man möge ihm das jedenfalls gedenken und möge in Betracht ziehen, in welcher offenherzigen, anständigen Weise er die ganze Sache klarlege, und daß er somit sogar auch künftig der Behörde werde gute Dienste leisten können. Auf die bestimmte Frage, ob es viele Fünferkomitees gebe, antwortete er, es gebe ihrer eine unendliche Menge; ganz Rußland sei mit einem Netze überdeckt; und obgleich er keine Beweise dafür beibrachte, so antwortete er, wie ich meine, doch ganz seiner Überzeugung gemäß. Er präsentierte nur ein im Auslande gedrucktes Programm der geheimen Gesellschaft und einen zwar nur im Unreinen, aber von Peter Stepanowitschs eigener Hand geschriebenen Entwurf, in welchem das System weiterer Aktionen entwickelt war. Es stellte sich heraus, daß Ljamschin das, was er über die Erschütterung der Fundamente gesagt hatte, buchstäblich aus diesem Blatte zitiert hatte, sogar ohne die Punkte und Kommata zu vergessen, obwohl er versicherte, daß das nur seine eigene Auffassung sei. Über Julija Michailowna äußerte er sich erstaunlich spöttisch und sogar ungefragt und vorgreifend dahin, sie sei ganz unschuldig, und man habe sie nur zum besten gehalten. Merkwürdig aber ist, daß er jede Beteiligung Nikolai Stawrogins an der geheimen Gesellschaft und jedes Einverständnis desselben mit Peter Stepanowitsch völlig in Abrede stellte. (Von den großartigen, sehr lächerlichen Hoffnungen, die Peter Stepanowitsch auf Stawrogin setzte, hatte Ljamschin nicht die entfernteste Ahnung.) Die Ermordung der Geschwister Lebjadkin war nach seiner Darstellung nur allein von Peter Stepanowitsch bewerkstelligt worden, ohne jede Beteiligung Nikolai Wsewolodowitschs, in der schlauen Absicht, diesen in ein Verbrechen hineinzuziehen und dadurch in Abhängigkeit von ihm (Peter Stepanowitsch) zu bringen. Aber statt Dankbarkeit, auf die Peter Stepanowitsch leichtsinnigerweise zuversichtlich gerechnet habe, habe er bei dem edeldenkenden Nikolai Wsewolodowitsch nur die höchste Entrüstung, ja sogar reine Verzweiflung hervorgerufen. Er schloß seine Aussagen über Stawrogin, wieder eilig und ungefragt, mit der offenbar absichtlichen Bemerkung, dieser sei eine außerordentlich wichtige Persönlichkeit; aber es liege da ein Geheimnis vor; er habe bei uns sozusagen inkognito gelebt, habe gewisse Aufträge, und es sei sehr möglich, daß er wieder von Petersburg zu uns komme (Ljamschin war davon überzeugt, daß Stawrogin in Petersburg sei), aber dann bereits in ganz anderer Gestalt und in anderer Umgebung und in Begleitung von Persönlichkeiten, von denen man vielleicht auch bei uns bald zu hören bekommen werde; all das habe er von Peter Stepanowitsch gehört, dem geheimen Feinde Nikolai Wsewolodowitschs.
Ich mache hierzu eine Anmerkung. Zwei Monate später gestand Ljamschin, er habe Stawrogins Beteiligung absichtlich geleugnet in der Hoffnung, dieser werde ihn protegieren, ihm in Petersburg eine Milderung der Strafe um zwei Stufen auswirken und ihn für die Verschickung mit Geld und Empfehlungsbriefen ausstatten. Aus diesem Geständnisse geht hervor, daß er tatsächlich eine übermäßig hohe Meinung von Nikolai Stawrogin hatte.
An demselben Tage arretierte man selbstverständlich auch Wirginski und im Eifer auch gleich seine ganze Familie. (Arina Prochorowna, ihre Schwester, ihre Tante und sogar die Studentin sind jetzt schon längst wieder in Freiheit; man sagt sogar, auch Schigalew werde jedenfalls in kurzer Zeit entlassen werden, da er zu keiner Kategorie der Angeklagten gehöre; übrigens ist das vorläufig nur ein Gerede.) Wirginski war sofort und in allen Punkten geständig: er lag krank und fieberte, als er arretiert wurde. Man sagt, er habe sich beinahe gefreut und gesagt, es sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen. Es verlautet über ihn, er mache seine Aussagen jetzt offenherzig, aber sogar mit einer gewissen Würde und gebe keine einzige seiner »leuchtenden Hoffnungen« auf, verfluche aber gleichzeitig den politischen Weg (im Gegensatze zu dem sozialistischen), auf den er sich so unversehens und so leichtsinnig »durch den Wirbelsturm der zusammengekommenen Umstände« habe treiben lassen. Sein Verhalten bei der Ausführung des Mordes wird in einem für ihn günstigen Sinne beurteilt, und es scheint, daß auch er auf eine gewisse Milderung seines Schicksals rechnen kann. So behauptet man wenigstens bei uns.