Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
Er beichtete und kommunizierte sehr bereitwillig. Alle, auch Sofja Matwejewna und sogar die Diener, kamen, um ihm zum Empfange des heiligen Abendmahles Glück zu wünschen. Alle ohne Ausnahme weinten still beim Anblicke seines abgemagerten, welken Gesichtes und seiner blassen, zuckenden Lippen.
»Oui, mes amis, und ich wundere mich nur, daß Sie sich soviel Mühe und Sorge machen. Morgen werde ich wahrscheinlich aufstehen, und wir ... werden wegfahren ... Toute cette cérémonie ... vor der ich natürlich alle gebührende Achtung habe ... war ...«
»Ich bitte Sie, Väterchen, jedenfalls bei dem Kranken zu bleiben,« sagte Warwara Petrowna zu dem Geistlichen, der bereits seinen Ornat abgelegt hatte, um fortzugehen. »Sobald Tee gebracht wird, bitte ich Sie, jedenfalls ein religiöses Gespräch zu beginnen, um seinen Glauben zu stärken.«
Der Geistliche sagte zu; alle saßen oder standen um das Bett des Kranken herum.
»In unserer sündigen Zeit«, begann der Geistliche, mit der Teetasse in der Hand, in gleichmäßigem Tone, »ist der Glaube an den Allerhöchsten die einzige Zuflucht des Menschengeschlechtes in allen Leiden und Nöten des Lebens; und ebenso ist die zuversichtliche Hoffnung auf die den Gerechten verheißene ewige Seligkeit ...«
Stepan Trofimowitsch schien wieder ganz lebhaft zu werden; ein feines Lächeln spielte auf seinen Lippen.
»Mon père, je vous remercie, et vous êtes bien bon, mais ...«
»Gar kein mais, überhaupt kein mais!« rief Warwara Petrowna, von ihrem Stuhle auffahrend. »Väterchen,« wandte sie sich an den Geistlichen, »das, das ist ein solcher Mensch, das ist ein solcher Mensch ... nach einer Stunde wird er noch einmal beichten müssen! Sehen Sie, so ein Mensch ist das!«
Stepan Trofimowitsch lächelte ruhig.
»Meine Freunde,« sagte er, »Gott ist schon darum für mich notwendig, weil dies das einzige Wesen ist, das man lebenslänglich lieben kann ...«
Ob er in Wirklichkeit gläubig geworden war, oder ob die erhabene Zeremonie der Vollziehung des Sakramentes ihn ergriffen und die künstlerische Empfänglichkeit seiner Natur angeregt hatte, mag dahingestellt bleiben; aber er sprach in festem Tone und, wie man sagt, mit vielem Gefühl einige Worte, die in direktem Widerspruch zu vielem standen, wovon er früher überzeugt gewesen war.
»Meine Unsterblichkeit ist schon deswegen mit Notwendigkeit anzunehmen, weil Gott nicht ein Unrecht begehen und das einmal in meinem Herzen entbrannte Feuer der Liebe zu Ihm nicht wird ganz auslöschen wollen. Und was ist kostbarer als die Liebe? Die Liebe steht höher als das Dasein; die Liebe ist die Krone des Daseins, und wie wäre es möglich, daß das Dasein ihr nicht untertan sein sollte? Wenn ich Ihn liebgewonnen und mich über meine Liebe gefreut habe, ist es da möglich, daß Er mich und meine Freude auslöschen und uns in ein Nichts verwandeln sollte? Wenn Gott existiert, so bin auch ich unsterblich! Voilà ma profession de foi.«
»Gott existiert, Stepan Trofimowitsch; ich versichere Ihnen, daß Er existiert,« sagte Warwara Petrowna in flehendem Tone. »Wenn Sie doch wenigstens einmal im Leben all Ihre Dummheiten aufgeben und von sich werfen wollten!« (Sie hatte, wie es scheint, seine profession de foi nicht ganz verstanden.)
»Meine Freundin,« sagte er, immer lebhafter werdend, obgleich ihm die Stimme häufig versagte, »meine Freundin, da ich diese Geschichte von der darzubietenden Backe verstanden habe, so habe ich zugleich auch noch einiges verstanden. J'ai menti toute ma vie, mein ganzes, ganzes Leben lang! Ich möchte gern ... übrigens morgen ... Morgen werden wir alle wegfahren.«
Warwara Petrowna fing an zu weinen. Er suchte jemand mit den Augen.
»Da ist sie, hier ist sie!« sagte sie, indem sie Sofja Matwejewna an der Hand nahm und zu ihm führte. Er lächelte gerührt.
»Oh, ich möchte gern wieder leben!« rief er mit einem starken Anschwellen der Energie. »Jede Minute, jeder Augenblick des Lebens muß dem Menschen Glückseligkeit sein ... unfehlbar Glückseligkeit sein! Das so einzurichten, ist die eigene Pflicht des Menschen; das ist sein Gesetz, ein verborgenes, aber mit Sicherheit existierendes Gesetz ... Oh, ich würde gern Peter noch einmal sehen ... und sie alle ... auch Schatow!«
Ich bemerke, daß über Schatow noch niemand etwas wußte, weder Darja Pawlowna noch Warwara Petrowna, nicht einmal Salzfisch, der zuletzt aus der Stadt gekommen war.
Stepan Trofimowitsch regte sich in krankhafter Weise immer mehr auf, mehr als ihm gut war.
»Schon der stete Gedanke daran, daß etwas unermeßlich viel Gerechteres und Glücklicheres existiert als ich, erfüllt mein ganzes Wesen mit unermeßlicher Rührung und – mit einem unermeßlichen Hochgefühl, oh, wer ich auch immer gewesen sein und was ich auch immer getan haben mag! Weit notwendiger als das eigene Glück ist es für den Menschen, zu wissen und jeden Augenblick daran zu glauben, daß es irgendwo bereits für alle und jeden ein vollkommenes, ruhiges Glück gibt ... Das ganze Gesetz des menschlichen Daseins besteht nur darin, daß der Mensch sich immer vor etwas unermeßlich Hohem beugen kann. Wenn man die Menschen des unermeßlich Hohen beraubt, so werden sie nicht am Leben bleiben, sondern in Verzweiflung sterben. Das Unermeßliche und Unendliche ist dem Menschen ebenso notwendig wie der kleine Planet, auf dem er wohnt ... O meine Freunde, Sie alle, alle: es lebe der Große Gedanke! Der ewige, unermeßliche Gedanke! Jeder Mensch, wer er auch sei, muß sich vor der Tatsache beugen, daß der Große Gedanke existiert. Sogar für den dümmsten Menschen ist wenigstens irgend etwas Großes ein notwendiges Lebensbedürfnis. Peter ... Oh, wie gern möchte ich sie alle wiedersehen! Sie wissen nicht, sie wissen nicht, daß auch in ihnen derselbe ewige Große Gedanke verborgen liegt!«
Doktor Salzfisch war bei der heiligen Handlung nicht zugegen gewesen. Als er jetzt eintrat, bekam er einen Schreck und trieb die Versammlung auseinander, indem er darauf bestand, der Kranke müsse vor Aufregung bewahrt werden.
Stepan Trofimowitsch verschied drei Tage darauf, aber bereits in völliger Bewußtlosigkeit. Er erlosch still wie ein zu Ende gebranntes Licht. Warwara Petrowna ließ das Totenamt für ihn an Ort und Stelle halten und überführte dann den Körper ihres armen Freundes nach Skworeschniki. Sein Grab befindet sich auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe und ist bereits mit einer Marmorplatte bedeckt. Die Anbringung einer Inschrift und die Aufstellung eines Gitters sind bis zum Frühjahr verschoben.
Warwara Petrownas Abwesenheit aus der Stadt dauerte im ganzen acht Tage. Mit ihr zusammen, neben ihr im Wagen sitzend, kam auch Sofja Matwejewna an, um, wie es scheint, für immer bei ihr zu wohnen. Ich bemerke, daß, sowie Stepan Trofimowitsch das Bewußtsein verloren hatte (was noch an demselben Vormittage geschah), Warwara Petrowna sofort Sofja Matwejewna wieder entfernte, ganz aus dem Hause hinaus, und den Kranken persönlich und allein bis zu seinem Ende pflegte, daß sie sie aber, sowie er den Geist aufgegeben hatte, wieder herbeirief. Sofja Matwejewna war über den Vorschlag (richtiger: Befehl), für immer nach Skworeschniki überzusiedeln, sehr erschrocken; aber Warwara Petrowna wollte auf keine Einwendungen hören.
»Das ist lauter dummes Zeug! Ich werde selbst mit dir zusammen Neue Testamente verkaufen gehen. Ich habe jetzt niemand mehr auf der Welt.«
»Sie haben ja doch noch Ihren Sohn,« bemerkte Salzfisch.
»Ich habe keinen Sohn!« erwiderte Warwara Petrowna kurz, – und das war gewissermaßen eine Prophezeiung.
Achtes Kapitel.
Schluß.
Alles, was an Ungebührlichkeiten und Verbrechen begangen war, kam mit großer Geschwindigkeit an den Tag, weit schneller, als es Peter Stepanowitsch vorausgesetzt hatte. Die Sache begann damit, daß die unglückliche Marja Ignatjewna in der Nacht, in der ihr Mann ermordet war, vor Tagesgrauen aufwachte, nach ihm hinfaßte und in unbeschreibliche Aufregung geriet, als sie ihn nicht neben sich sah. Es war damals zur Nacht eine von Arina Prochorowna angenommene Wärterin bei ihr. Diese vermochte sie schlechterdings nicht zu beruhigen und lief, sobald es hell wurde, um Arina Prochorowna selbst zu holen, indem sie der Kranken versicherte, die wisse, wo ihr Mann sei, und wann er zurückkehren werde. Inzwischen befand sich Arina Prochorowna ebenfalls in Sorge: sie wußte bereits durch ihren Mann von der nächtlichen Tat in Skworeschniki. Er war schon zwischen zehn und elf Uhr abends nach Hause zurückgekehrt, in schrecklichem Zustande und Aussehen; die Hände ringend warf er sich, mit dem Gesicht nach unten, auf das Bett und sagte, von konvulsivischem Schluchzen erschüttert, einmal über das andere: »Das ist nicht das Richtige, nicht das Richtige; das ist gar nicht das Richtige!« Selbstverständlich endete die Sache damit, daß er der hinzukommenden Arina Prochorowna alles gestand, übrigens nur ihr allein im ganzen Hause. Diese ließ ihn auf dem Bette liegen, nachdem sie ihm streng eingeschärft hatte, wenn er schluchzen wolle, so solle er das Gesicht ins Kissen drücken, damit es nicht zu hören sei; sie fügte hinzu, er werde ein Dummkopf sein, wenn er sich morgen etwas anmerken ließe. Sie selbst jedoch dachte über das Ereignis ernstlich nach und begann sogleich, für jeden Fall Vorkehrungen zu treffen: anstößige Papiere und Bücher, vielleicht sogar Proklamationen, versteckte oder vernichtete sie schleunigst. Darauf kam sie zu der Ansicht, daß eigentlich sie, ihre Schwester, ihre Tante die Studentin und vielleicht auch ihr langohriger Bruder nichts zu fürchten hätten. Als am Morgen die Krankenwärterin zu ihr gelaufen kam, ging sie, ohne sich zu besinnen, zu Marja Ignatjewna. Sie wollte gern so bald als möglich feststellen, ob das wahr sei, was ihr gestern ihr Mann, vor Angst sinnlos, beinah fieberhaft phantasierend, zugeflüstert hatte: daß Peter Stepanowitsch im gemeinsamen Interesse auf einen Selbstmord Kirillows rechne.