Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Bei dieser Expedition hatte Professor Rodius jedoch von Beginn an darauf bestanden, dass es sich um eine seriöse Forschungsreise handelte, die selbstverständlich jedwede UFO-Fantasterei außer Acht lassen würde.
Mit ein paar kräftigen Zügen näherte sich Viktoria soweit Sven Thei-sen, bis sie ihn an der Schulter zu fassen bekam, um ihm Einhalt zu gebieten. Es hatte keinen Sinn, sich unnötig zu verausgaben. Schließlich hatte man draußen am Ufer schweres Gerät, das man mit einer passenden Vorrichtung auch hier auf dem See einsetzen konnte. Außerdem stand ihnen ein Mini-U-Boot zur Verfügung.
Viktorias Kollege ließ sich aber nicht beirren. Mit einem unbezwingbaren Entdeckerdrang, der offenbar zu seinen bevorzugten Charaktereigenschaften gehörte, zog und zerrte er wie von Sinnen an der verbogenen Aluminiumstange.
Plötzlich spürte Viktoria ein leichtes Beben. Im ersten Moment dachte sie an eine Halluzination, doch dann sah sie, wie sich der Fels unter ihr und damit der ganze Hang in Bewegung setzte. In Zeitlupe rutschte der gesamte Untergrund Stück für Stück abwärts. Sie hatte schreien wollen und dabei ganz vergessen, dass sie eine Sauerstoffmaske trug.
Sven schien ihre Panik nicht zu bemerken. Auf einmal hielt er ein
Stück Metall in Händen und war nun viel zu beschäftigt mit seinem Erfolgserlebnis, als dass er realisierte, in welcher Gefahr sie sich befanden. Viktoria zerrte an seinem Arm, doch er dachte gar nicht daran, mit ihr aufzutauchen. Stattdessen weiteten sich seine Augen hinter der Tauchermaske, und er hielt Viktoria das Metallstück entgegen, als ob sie ihn daran hochziehen sollte.
Als sie registrierte, dass Sven trotz ihrer Unterstützung begann, in die Tiefe zu rutschen, ließ sie den metallischen Gegenstand fahren und stieß nach unten. Sven hing fest. Seine Flosse war mit der Spitze zwischen zwei Felsen verkeilt. Und so wie es aussah, konnte er sich unmöglich selbst befreien. Das unterirdische Dröhnen war lauter geworden. Viktoria sah nur einen Ausweg: Sie musste Sven helfen, die Flosse abzustreifen, andernfalls würden ihn Schlamm und Geröllmassen in fünfzig Meter Tiefe ziehen und ihn womöglich unter sich begraben.
Todesmutig tauchte sie noch tiefer hinab. Entschlossen entledigte sie sich ihrer Handschuhe und umklammerte Sven Theisens Knöchel, um von dort aus mit Daumen und Zeigefinger unter den Rand der Flosse zu gelangen. Mit einem Ruck gelang es ihr, den festen Gummischuh von seinem Fuß abzustreifen. Das Beben wurde heftiger, und beim Blick in die Tiefe konnte sie plötzlich eine große helle Wolke erkennen, die mit rasender Geschwindigkeit auf sie zuschnellte. Der unvermittelt auftretende Wirbel erfasste sie wie der Schleudergang einer Waschmaschine und riss sie von Theisens Unterschenkel los. Eine unbändige Kraft katapultierte sie gegen den nächsten Geröllhaufen.
Ohne einen Schmerz zu verspüren, schlug sie mit dem Kopf auf. Mittelgroße Steine schwirrten um sie herum und drohten sie zu erschlagen. Wie prasselnde Nadelstiche empfand sie die aufwallenden Geröllmassen, die ohne Erbarmen ihren Neoprenanzug attackierten und mit denen sich ihr ungeschützter Körper wie in einem Reigen drehte. Irgendwo konnte sie die gelbe Flosse von Sven sehen, die im Kreis rotierte. Trotz aufkommender Panik schaffte sie es, ihren Bleigürtel zu lösen, um schneller aufsteigen zu können.
Eine zweite Welle erfasste sie mit einem gewaltigen Ruck und schleuderte sie in Richtung Oberfläche. Sie verlor ihr Mundstück und schluckte Unmengen an Wasser. Ihr Körper schien wie gelähmt. In einem Strudel sah sie über sich das Licht der Sonne, zwei, drei Meter entfernt, verquirlt zu einem kristallinen Kaleidoskop und doch unerreichbar. Sie würde sterben. Eine plötzliche Gewissheit ließ sie vollkommen ruhig werden, und während sie von einem Abwärtssog erfasst wurde, verlor sie das Bewusstsein.
5.
Februar 1905, Sibirien - Höllenfahrt
Moskau lag fünf Tage zurück, und bis auf wenige Zwischenstopps an ein paar zugigen Bahnhöfen - mit den bedeutungsvollen Namen Europa und Usia -, die den europäischen und den asiatischen Kontinent miteinander verbanden, hatten Leonard und Pjotr nur wenig Gelegenheit gehabt, sich ein wenig die Beine zu vertreten.
Die Aussicht aus dem vergitterten Fenster ermöglichte Leonard den Blick auf eine berauschend schöne Landschaft, die in keinem Verhältnis zur Düsternis ihrer eigentlichen Reise stand. Berge wechselten mit tiefen bewaldeten Tälern, die über und über bedeckt von pudrigem Schnee den Eindruck erweckten, als seien sie aus reinem, glitzerndem Zucker gegossen, nur hier und da durchbrochen von hell- und tiefblauen Schatten.
Bevor der Zug im Bahnhof von Krasnojarsk einfuhr, passierte er die erst kürzlich errichtete, beinahe zwei Werst lange Eisenbahnbrücke über den zugefrorenen Jenissei, der an dieser Stelle eine Stromlänge von 4900 Werst erreichte und - soweit Leonard aus seinem Geologieunterricht wusste - in den Gebirgen der Mongolei entsprang. Unterhalb von Krasnojarsk hatte der Strom bereits zwei Werst an Breite erreicht, die sich bei seiner Mündung ins nördliche Eismeer auf gut 40 Werst erweitern würde.
Allmählich dämmerte es Leonard, was diese Deportation für ihn bedeutete. Aufgesogen vom ewigen Eis und Schnee der sibirischen Taiga, würde er seine Heimat nie wieder sehen, und doch war es nicht sein eigenes Schicksal, das ihn ängstigte, sondern der Gedanke an Katja, der seine ganze Sorge galt. War es ihr gut ergangen? Hatte sie die Kälte bis hierher heil überstanden? Noch am Morgen zuvor hatte die Lokomotive ihn mit dem quietschenden Geräusch schleifender Bremsen aus einem elenden Schlaf gerissen. Tomsk. Ein Blick aus den vergitterten Fenstern gab ihm letzte Gewissheit. Während die meisten Deportierten aufgefordert wurden, den Zug zu verlassen, hielt man ihn und seinen Kameraden regelrecht unter Verschluss. Sein Herz setzte für einen Moment aus, und er glaubte, es würde zerbrechen, als die Fahrt nach einer Stunde fortgesetzt wurde. Die Vorstellung, dass Katja ganz in der Nähe in einem abgelegenen Lager ihr neues, grausames Leben fristete, nahm ihm schier den Atem.
Mit einem pfeifenden Signal und unter einem schmauchenden Stampfen fuhr der Zug nach einer knappen Woche endlich in Krasno-jarsk ein. Der Bahnhof war nicht mit den Bahnhöfen der Großstädte zu vergleichen, und doch hatte er eine Bedeutung - auch wenn sie nicht gerade erfreulich erschien.
Die Aneinanderreihung von endlosen Schuppen und Lagerhäusern gehörte zu einem Versorgungslager für den Russisch-Japanischen Krieg. Von hier aus zogen Soldaten zu den Schlachtfeldern im Osten des Landes, tauschten Pferde und Verpflegung, bevor sie in der grausamen Symphonie des Sperrfeuers ihr Leben verloren. Und von hier aus ging es für viele Deportierte, die nicht soviel Glück hatten, in Tomsk zu landen, weiter nach Sachalin und zu den noch weit unzugänglicheren Lagern in der Tiefe Sibiriens, die weder mit einem Zug noch mit einem gewöhnlichen Wagen zu erreichen waren. Rentierschlitten - im besten Fall - oder Pferdeschlitten waren die einzige Möglichkeit, relativ rasch und unversehrt am Ort des Geschehens einzutreffen.