Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Dass vom weiteren Verlauf der Reise nicht selten das Leben abhängen konnte, erfuhr Leonard von Aslan Kondrashow. Der magere, schwindsüchtig aussehende Turkmene hatte in einer beheizten Bahnhofsbaracke auf den Zug aus Moskau gewartet. Auch er war verschleppt worden und trug immer noch Ketten an Händen und Füßen. Er war Muslim, wie Leonard erfuhr, als er einen kurzen, heftigen Aufruhr beobachtete, weil die Kosaken Aslan das Beten auf dem Boden verwehrten. Aslan schlug um sich, und einer der Kosaken fuhr in seine dunklen Locken und stieß seinen Kopf an die Wand. Dabei bezeichnete er ihn als besserwisserisches Dschadidenschwein, das er aufschlitzen und ausweiden werde, sobald sich die Gelegenheit dazu ergebe. Aslan lief das Blut aus der Nase, und obwohl er taumelte, hatte sein Blick den Stolz eines verurteilten Revolutionärs, der selbst den Tod nicht scheut, um für seine Überzeugungen zu kämpfen. Dass er etwas Besonderes sein musste, erkannte man an der dreispännigen Troika, mit er, schwer bewacht wie ein leibhaftiger Zarenmörder, aus dem Süden gekommen war.
Leutnant Egor Subbota, der Leonard und Pjotr bis hierher begleitet hatte, ließ sie nicht aus den Augen. Wie bei einem Wiesel auf Beutezug wanderte sein Blick hin und her, während er sich mit dem Anführer der Kosaken über die Gefangenen beriet. Anschließend wurde ihnen Aslan als dritter Mann zugeteilt. Auch er war für ein Lager bestimmt, das keinen Namen hatte und dessen Weg dorthin auf keiner Karte verzeichnet war.
Obwohl man gewöhnlich auch zu Nachtzeiten fuhr, erschien es zu spät, um noch aufzubrechen. Bereits jetzt zeigte das Spiritusthermometer minus 33 Grad, und es fehlte zudem an billigem Pelzwerk, das man vor der Weiterreise an die Deportierten hätte verteilen müssen. Außerdem benötigte man entsprechende Schuhe, ebenfalls mit Pelz gefüttert und wasserdicht. Die wenigsten besaßen die passende Ausrüstung, und es nutzte niemandem etwas, wenn den Deportierten die Zehen oder ganze Füße abfroren, noch bevor sie das Lager erreicht hatten.
Die Frau des örtlichen Lagerverwalters, der ansonsten für die Ausgabe der Kleider zuständig war, lag in den letzten Wehen. Bereits am Nachmittag hatte ihr Mann den Weg nach Hause angetreten. Eine schwere Geburt stehe bevor, hieß es. Vor morgen früh wurde er nicht zurückerwartet. So blieb den Reisenden nichts anderes übrig, als in einer der spärlich beheizten Bahnhofsbaracken die Nacht zu verbringen.
Außer Leonard und seinen beiden Kameraden, die weiterhin gesondert bewacht wurden, hielten sich noch gut zwanzig andere Deportierte in der karg möblierten Stube auf. Die meisten von ihnen waren erschöpft und hatten verängstigte Gesichter.
»Gebt ihnen was zu essen!«, rief Subbota über Tische und Bänke dem Pächter der Gaststube zu. Ein Heer von hoffnungslosen Augen verfolgte den fettleibigen Wirt mit Blicken und wartete stoisch - auf was auch immer.
Mit der mürrischen Miene und Beweglichkeit einer hundertjährigen Schildkröte servierte der Mann schließlich den völlig ausgehungerten
Menschen eine Suppe - Teller für Teller, während die Portionen immer geringer und zusehends dünner ausfielen, bis die letzten Ungeduldigen sich lautstark beschwerten. Der dickbäuchige Kerl, dem etliche Zähne fehlten, störte sich nicht daran. Wortlos spendierte er den hohen Herrn Militärs, die sich an Ente und Bratwurst labten, einen Wodka.
In einem kurzen, heimlich geführten Gespräch erfuhr Leonard, dass man Ivan Ivanowitsch Wassiljoff, einen Schmied aus Wyborg, und dessen vierköpfige Familie bis Tomsk in einen Viehwagen gepfercht hatte - zusammen mit achtunddreißig anderen Personen und deren Gepäck, das aus rund sechzig Kisten bestand. Erst nachdem die Hälfte der Reisenden in Tomsk den Waggon verlassen hatte, war die Fahrt erträglicher geworden. Aber immer noch mussten zwanzig Gepäckstücke umgeladen werden. Wassiljoff fluchte leise, während seine eingeschüchterte Frau, eine rundliche Matrone mit welkem Gesicht, leise zu jammern begann. Ein etwa achtjähriger Junge klammerte sich ängstlich an ihren Rockzipfel. Er hustete immer wieder, und seine älteste Schwester wischte ihm mit einem schmuddeligen Lappen stetig den Rotz von der Nase. Als sie aufschaute, wurde Leonard für einen Moment von ihren hellbraunen Augen gefesselt. Sie schenkte ihm ein kurzes, unauffälliges Lächeln, das über ihren herzförmigen Mund flog, wie auf der Flucht vor ungebetenen Beobachtern. Ihr nächster Blick galt ihrem immer noch zeternden Vater. Leonard konnte sich denken, dass er ein strenger Patriarch war, der trotz der plötzlichen Leibeigenschaft nicht auf den strikten Gehorsam seiner Familie verzichtete. Noch einmal trafen sich ihre Blicke, und Leonard lächelte zurück, ebenso kurz und unauffällig. Hastig schaute sie weg und strich sich eine rotbraune Strähne unter die Haube, die ihr weiches, langes Haar bändigte. Dann glättete sie mit beiden Händen ihr dunkles Wollkleid, das trotz seiner Einfachheit ihre schlanke Figur und ihre hoch sitzenden Brüste hinreißend zur Geltung brachte. Wollte sie mit ihm flirten? Hier in dieser Einöde und unter diesen unmöglichen Umständen? Leonard verscheuchte diesen Gedanken, weil er ihm ganz und gar ungehörig erschien. Nicht weil er diesen schüchternen Annäherungsversuch missbilligt hätte, sondern wegen Katja. Sie würde ihm niemals mehr aus dem Kopf gehen; der Anblick des grazilen Mädchens ließ die Sehnsucht nach ihr nur noch heftiger aufblühen.
Plötzlich dröhnte das lautstarke Gebrüll der Kosaken durch die Schankstube. Frauen und Kinder schauten erschrocken auf. Es war nicht bei einem Wodka geblieben, und es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis der erste Soldat ausfallend wurde. Jeder Einzelne dieser Kerle war bis an die Zähne bewaffnet, und deren wilde, ungepflegte Bärte taten ihr Übriges, um nicht nur die Frauen einzuschüchtern.
»He, ihr da!«, brüllte Subbota mit heiserer Stimme und bedachte Leonard und seine beiden Begleiter mit einem eindeutigen Blick. »Anstatt zu quatschen und Maulaffen feilzuhalten, könnt ihr euch nützlich machen.« Mit großen Schritten kam er auf sie zu, einen Schlüssel in der Hand, und befreite sie wortlos von den Fußfesseln. »Ihr könnt beim Ausladen des Gepäcks helfen«, erklärte er seine unverhoffte Mildtätigkeit.
Die Gepäckstücke der Deportierten mussten in einen der vielen verfallenen Lagerschuppen getragen werden, von wo aus man sie am nächsten Tag auf klapperige Frachtschlitten verladen würde.
Während die verängstigten Menschen aus Sicherheitsgründen im Gastraum der Schänke bleiben mussten, scheuchte man Leonard und seine Kameraden nach draußen auf den verschneiten Bahnsteig. Vielleicht befürchtete man den ein oder anderen Fluchtversuch, wenn man die ganze Bande nach draußen entließ. Aber wer sollte hier schon fliehen und vor allem wohin?