Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Warum wir beide?«, bohrte Leonard weiter. »Was haben die mit uns vor?«
»Keine Ahnung«, flüsterte Pjotr nachdenklich. »aber irgendetwas sagt mir, dass dies keine Vergnügungsreise wird, auch wenn die Bedingungen nicht ganz so schlecht sind, wie ich befürchtet hatte.«
»Der Teufel kommt oft in goldenen Pantoffeln daher, damit man seinen Pferdefuß nicht sieht, hat meine Großmutter immer behauptet.« Leonard schloss für einen Moment müde die Augen, bevor er aufblickte und seinen Mitreisenden mit einem ironischen Grinsen bedachte.
Pjotr kniff die Lippen zusammen, dann stieß er einen lang gezogenen Seufzer hervor. »Und was machen wir, wenn die alte Dame recht behält?«
4.
Juni 2008, Tunguska - Im Rausch der Tiefe
Ein liebevoller Blick, und die faltige Hand von Vera Leonardowna Schirova streichelte zärtlich über das schwarze, glatte Haar des schlafenden Mannes. Sanft fuhren die Finger der alten Frau weiter über die hohen Wangenknochen und dann über den weichen Stoppelbart, der das markante Kinn bedeckte. Ihre Gedanken kehrten zu jenem Tag zurück, an dem sie ihn zum ersten Mal im Arm gehalten hatte. Klein und verschrumpelt war er vor fast dreißig Jahren mit zornigem Geschrei dem Schoß ihrer völlig erschöpften Tochter entschlüpft - nicht freiwillig, sondern nach tagelangem Ringen und nur mit roher Gewalt. Seine Mutter hatte es das Leben gekostet, und ihn selbst hatte dieser Umstand als Halbwaisen zurückgelassen. Ein denkbar schlechtes Omen, wie der alte Schamane am Totenbett der jungen Frau orakelt hatte. Ein böser Geist sei noch vor der Geburt in das Kind gefahren und habe es mit dämonischen Kräften beseelt.
»Ein neuer mächtiger Schamane hat das Licht der Welt erblickt«, krächzte der Alte mit glasigen Augen und meinte damit das unschuldige Bürschchen, dessen Hunger zunächst mit warmer Pferdemilch gestillt werden musste und nicht mit Blut, wie es der alte Mann geifernd verlangte. Das anschließende, drei Tage andauernde Reinigungsritual - bestehend aus ununterbrochenem Getrommel und dem Ausräuchern der Hütte - hatte die bösen Geister zwar mit Mühe vertrieben, aber dafür das Kind nachhaltig geschwächt. Nur mit viel Geduld und der Hilfe eines Gottes, auf den der alte Schamane mit Hochmut herabsah, hatte die Großmutter um das Überleben des Jungen gekämpft. Die Rettung des Kleinen war jedoch - wie alles in der Geisterwelt der Tungusen -nicht umsonst zu bekommen gewesen. Acht ältere Geschwister starben binnen kurzer Zeit an Kehlkopfdiphterie. Damit waren es neun Verwandte, die das Leben des Kindes gekostet hatte. Ein weiteres Zeichen, wie der alte Schamane düster bekannte. »Der Geist des wiedergeborenen Schamanen unterbricht den Weg, auf dem das Unheil zu ihm kommen kann. Ein anderer Geist, der ihm das Leben geschenkt hat, verlangt ein Opfer aus den Reihen der Sippenangehörigen.«
Eine Kuh, die neunmal gekalbt hatte, musste dran glauben. Das schreiende Baby wurde am ganzen Körper mit ihrem Blut gezeichnet.
»Lasst ihn zum Mann reifen und die Geister der Unterwelt werden ihm zugetan sein«, prophezeite der Alte den ängstlichen Großeltern, »und dabei wird er mehr Macht besitzen als all seine Vorfahren!«
Doch das Schicksal hatte es nicht ganz so schlecht mit dem winzigen Säugling gemeint, wie zunächst befürchtet. Wenigstens besaß er die liebevollsten Großeltern, die man sich vorstellen konnte. Und aller schlechten Vorzeichen zum Trotz wurde aus dem kleinen Jungen kein bösartiger Gnom, sondern ein freundlicher Kerl mit einem angenehmen
Wesen, der die meisten Männer der Sippe um mehr als Haupteslänge überragte.
Für einen Moment ruhte die Hand der alten Frau auf seiner mächtigen Schulter, und ein Lächeln flog über ihr Gesicht, als sich die Lippen des Mannes kräuselten und er mit geschlossenen Augen ein wohliges Brummen von sich gab.
»Wie spät ist es, Babuschka?« Blinzelnd öffnete er die Augen und schaute sie fragend an.
»Hast du gut geschlafen, Wnutschok?« Sie überging seine Frage und nannte ihn leise bei seinem Kosenamen, dann küsste sie ihn leicht auf die Stirn, bevor sie sich seufzend erhob. Kurz darauf kehrte sie mit einem dampfenden Glas Tee zurück, das sie dem schmauchenden Samowar auf der alten Kommode entnommen hatte. Behutsam setzte sie das Glas samt Untertellerchen auf einem kleinen Tisch ab, bevor sie sich erneut zu der Kommode begab und einen trockenen Brotfladen mit Butterschmalz bestrich.
Auf einem weiteren Teller servierte sie ihrem einzigen Enkel den Fladen zum Tee.
»Du musst etwas essen«, bemerkte sie fürsorglich und mit Blick auf seine ansehnlichen Arm- und Beinmuskeln, die er genüsslich streckte und dehnte. Geschäftig ging sie zu ihrer üblichen Hausarbeit über, obwohl die Stube alles andere als unordentlich wirkte. Das Mobiliar in der geräumigen Hütte war karg, und zu putzen gab es nicht viel. Vor knapp hundert Jahren hatten ihre Vorfahren das Haus aus Holz, Erde und Tierfellen erbaut. Makar Charitonowitsch, ihr Mann, hatte es später mehrmals renoviert. Zusammen mit neun anderen Jurten, den traditionellen Häusern der Ewenken, stand es zu einem kleinen Dorf vereint, das ein paar Kilometer abseits lag von Vanavara. Nur eine einzige holperige Straße führte durch den beinahe undurchdringlichen Wald in die Stadt.
Im Innern der Hütte teilten sich zwei Betten, ein Sofa und ein Kleiderschrank den einzigen großen Raum. Den gestampften Boden hatte man mit bunten Teppichen ausgelegt, welche in ähnlicher Form, aber weitaus kostbarer die Wände schmückten.
Hier und da fegte die alte Frau mit einem Strohbesen einige Krümel hinweg, dabei schob sie ein paar große Kissen beiseite, mit denen man es sich auch noch als älterer Mensch auf dem Boden bequem machen konnte. Doch setzen wollte sie sich nicht. Es war, als sei sie von einer andauernden Unruhe getrieben, und ihr gütiges rundes Gesicht mit den vielen Fältchen wirkte so sorgenvoll wie schon lange nicht mehr.
Während ihr Enkel sich, nur mit Unterwäsche bekleidet, langsam aufrichtete und sich verschlafen die Augen rieb, betrat sein Großvater durch einen Vorhang aus Fellen das Innere der Jurte. Das ockerfarbene Lederhemd und die gleichfarbige Hose schlotterten um seine dürre Gestalt, und die bunte Mütze auf seinem Kopf bändigte nur mühsam das weiße störrische Haar. Sein Gesicht war eingefallen, die Haut von Wind und Wetter gegerbt, und seine kleinen leuchtenden Äuglein über der flachen, gebogenen Nase huschten in ständiger Aufmerksamkeit hin und her.
»Du bist spät dran, Leonid«, bemerkte er knapp und bedachte den Jüngeren mit einem kritischen Blick. Beiläufig streichelte er dem Laika-Rüden, der sich nicht weniger verschlafen von seinem Lager erhoben hatte, den Pelz. Das Tier streckte sich wie sein Herr - genüsslich und mit einem lang gezogenen Gähnen. Anschließend schüttelte es sein frisch gereinigtes Fell.
»Ich dachte, du wolltest die Otterfallen oben am Kimchu kontrollieren?« Der Alte sah den Jüngeren vorwurfsvoll an.
»Tut mir leid, Dedka«, erwiderte Leonid mit einem bedauernden Lächeln, das seine aufrichtige Abbitte verriet. »Ist wohl ein bisschen spät geworden gestern Abend. Ich habe mit Taichin in uralten Büchern geblättert. Er hat mal wieder vom Krieg erzählt und von der Zeit vor der großen Revolution.«