Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Ob ihre neuerlichen Untersuchungen tatsächlich zur Aufklärung des Rätsels führen konnten, blieb abzuwarten.
Vitaly lächelte hilfsbereit, bevor er ihr das Geschirr anlegte, an dem die Sauerstoffflasche befestigt war.
»Du kennst dich aus?« Seine Frage war eher rhetorisch gemeint, weil sie ihm bereits gestern hinreichend versichert hatte, dass sie auf jahrelange Taucherfahrung in sämtlichen Weltmeeren und zahlreichen Alpenseen zurückblicken konnte.
»Außer einem Riesenwels, der es auf zierliche Taucherinnen abgesehen hat, lauern hier keine Gefahren«, scherzte er und lachte, als sie eine entsetzte Miene aufsetzte. Dabei kam eine seitliche Zahnlücke zum Vorschein, die ihn zusammen mit seinen ungestümen braunen Locken und dem struppigen Bart eher wie einen Piraten aussehen ließ und nicht wie einen ernst zu nehmenden Wissenschaftler.
Sven war gleichfalls in seinen schützenden Neoprenanzug geschlüpft. Mit einiger Vorsicht schloss er den Reißverschluss über seiner behaarten Brust. Dann zupfte er hier und da, bis alles an seiner richtigen Stelle saß. Selbst in einem Taucheranzug stolzierte er wie ein Dandy umher, der sein Äußeres niemals dem Zufall überließ.
»Ich werde schon dafür sorge, dass dir kein Riesenfisch in die Zehe beißt«, bemerkte er und grinste Viktoria selbstgefällig an.
Bevor sie zu viert das kleine motorisierte Schlauchboot bestiegen, warf Viktoria noch einen Blick zurück zum Ufer. Bashtiri hatte sich den ganzen Morgen noch nicht blicken lassen. Vielleicht lag es am Champagner, den er gleich kistenweise getrunken hatte - mit etlichen Gläsern Wodka, eine noble und doch unselige Mischung, die ihm gewiss einen hartnäckigen Kater beschert hatte. Wahrscheinlich ließ er sich just in diesem Moment von seinen Schönen die Schläfen massieren. Seine Schergen waren dagegen schon früh auf den Beinen gewesen.
Attilo, der blonde Riese, der sie gestern in Vanavara an den Tisch seines Chefs gebeten hatte, war der vierte Taucher im Bunde. Bashtiri bestand darauf, dass sämtliche Aktivitäten - auch die unter Wasser -mit einer Kamera digital aufgezeichnet wurden.
Olguth drückte Viktoria im Vorbeigehen einen engmaschigen Netzbeutel in die Hand, den sie an ihrem Bleigürtel einhaken konnte.
Mit ein paar letzten Handgriffen überprüfte sie den Sitz ihrer Stirnlampe. Ab drei Meter Tiefe würde die Sicht extrem schwinden, hatte Vitaly ihr erklärt. Stufenweise wollte man bis in zehn Meter Tiefe vordringen, um im dortigen Sediment nach kleineren Gesteinsbrocken und abgestorbenen Pflanzen zu forschen, an denen man Hinweise zu finden hoffte, die endgültig den Niedergang eines Meteors beweisen würden. Schon zu früheren Zeiten hatte man in der Umgebung des Sees Millionen von glasähnlichen Kügelchen gefunden, die - kleiner als Schrotkugeln - metallisch schimmerten. Dazu hatte man Kupfer, Kobalt, Nickel sowie Spuren von Germanium entdeckt, was nicht minder einen Hinweis auf einen künstlichen Ursprung von eventuell nachrichtentechnischem Gerät gab, wie es auch in Flugzeugen früherer Entwicklungsphasen zu finden war. Iridium, welches man typischerweise bei anderen Impact-Ereignissen gefunden hatte, war hingegen kaum nachzuweisen gewesen. Erst gestern Abend hatte sich Sven Theisen zum wiederholten Male bestätigt gefühlt, als einer der russischen Kollegen leicht wodkageschwängert die Theorie eines niedergegangenen außerirdischen Raumschiffes zum Besten gegeben hatte.
In rasanter Fahrt schoss das kleine Motorboot über den See. Die Heckwellen schlugen hoch, als Vitaly mit einer eleganten Drehung nicht weit von der Stelle stoppte, wo der Kimchu einen natürlichen Abfluss bildete.
Ein letztes Mal überprüfte ein jeder seine Ausrüstung, bevor sich die Taucher einer nach dem anderen rückwärts in den zehn Grad kalten See fallen ließen. Viktoria folgte den drei Männern mit einer seltenen Mischung aus Freude und Aufregung, aber auch mit einer ungewissen Furcht, die sie in dieser Form bisher noch nie verspürt hatte. Zügig glitt sie in das dunkle Wasser und folgte ihren Vorgängern in die unwägbare Tiefe. Was soll schon geschehen?, beruhigte sie sich. Der See war zu klein, um sich darin zu verirren, und selbst in zehn Meter Tiefe konnte man immer noch die Oberfläche erahnen. Außerdem hatten sie ausgemacht, solange beisammenzubleiben, bis Vitaly das Zeichen zum Auftauchen geben würde. Länger als fünfzehn Minuten sollte der erste Tauchgang ohnehin nicht dauern.
Ab und an blubberten Bläschen an Viktoria vorbei. Sie war nicht sicher, ob sie von den Sauerstoffmasken der Kollegen herrührten oder vom Boden des Sees aufstiegen, von dem Kolja behauptete, dass darunter ein riesiges Gasreservoir vermutet werden durfte.
Nach ein paar Metern unter Wasser konnte sie die ersten Baumstümpfe erahnen. Wie die gestaffelten Reihen braver Zinnsoldaten schmiegten sie sich an die Hänge des Sees, und merkwürdig genug, sie schienen auch noch nach einhundert Jahren in ihrer Substanz fast vollständig erhalten zu sein. Sie waren lediglich mit Algen und undefinierbaren Ablagerungen überwuchert, welche die Zwischenräume zu benachbarten Stämmen füllten.
Mit einem plötzlichen flauen Gefühl im Magen heftete sich Viktoria an die kanariengelben Flossen ihres deutschen Kollegen, die sie im zunehmend trüber werdenden Wasser nur noch erahnen konnte. Auch wenn sie ansonsten gerne auf Svens Schutz verzichten konnte, hatte sie im Moment nichts gegen seine Anwesenheit. Zu ihrem Erstaunen schlug er eine andere Richtung ein als Vitaly. Es war, als ob er etwas gesehen hätte, das ihn interessierte. Entgegen der Abmachung begab er sich geradewegs zu einem vorstehenden Felsvorsprung, der bereits auf den Ultraschallbildern mit seiner eigenartigen Nase hervorgestochen hatte.
Viktoria folgte Theisen, unsicher, ob sie das Richtige tat. Nach einer Weile drehte er sich zu ihr um und gab ihr mit ein paar hektisch anmutenden Zeichen zu verstehen, dass sie näher herankommen solle. Irgendetwas ragte aus dem Gestein heraus. Von weitem erschien es wie ein verbogener Eisenträger, doch er war nicht verrostet, und ein paar regelmäßige Löcher im Material zeigten, dass es sich tatsächlich um einen Gegenstand handelte, der nicht zufällig hier lag, sondern nach dem Unglück hierher gelangt sein musste. Sven hatte die Stange, die offenbar aus Aluminium bestand, mit beiden Händen gefasst und zerrte daran, in dem er sich mit seinen Füßen am Felsen abstützte.
Sprudelnde Luftblasen, die seinem Atemgerät entwichen, ließen seine starke Anstrengung erkennen. Doch er bemühte sich vergeblich, den fremden Gegenstand oder wenigstens ein Stück davon aus dem Stein zu befreien. Der Fund versetzte ihn in Aufregung. Mit ein paar hektischen Fingerzeichen gab er Viktoria zu verstehen, dass sie ihm behilflich sein sollte.
Sie konnte sich nicht erinnern, dass man bei vorangegangenen Tun-guska-Forschungen je ein solches Objekt entdeckt hätte - schon gar nicht in diesem See. Es hatte lediglich Gerüchte um einen metallischen Block gegeben, den Rentierhirten Jahre nach der Katastrophe in dieser Gegend gefunden hatten. Angeblich handelte es sich um ein undefinierbares Artefakt, welches merkwürdige Funken schlug, wenn man es zu Boden warf. Die Universität von Moskau hatte sich seiner Untersuchung angenommen. Doch genaue Ergebnisse waren nie publiziert worden, und so gehörte auch dieses Gerücht zu den vielen rätselhaften Geheimnissen, die zu unseriösen Spekulationen ermutigten.