Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Was ist denn, Tante Jocasta?« Jamie hielt ihr immer noch die Hand und streichelte ihr mit dem Daumen in beruhigendem Rhythmus den Handrücken, wie er es oft bei nervösen Tieren tat. Bei seiner Tante war dies allerdings weniger wirksam als bei den meisten Pferden oder Hunden.
»Es war der Mann. Er ist hier!«
»Wer ist hier, Tante Jocasta?«
»Ich weiß es nicht!« Sie rollte verzweifelt mit den Augen, als versuchte sie vergeblich, nicht nur in der Finsternis zu sehen, sondern auch durch Wände zu blicken.
Jamie sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, doch er konnte genauso gut wie ich sehen, dass sie nicht fantasierte, auch wenn sie sich wirr anhörte. Sie begriff, wie sie klingen musste; ich konnte die Anstrengung in ihrem Gesicht sehen, als sie sich zusammenriss.
»Er ist wegen des Goldes hier«, sagte sie und senkte die Stimme. »Das Franzosengold.«
»Oh, aye?«, sagte Jamie vorsichtig. Er warf mir einen raschen Blick zu, doch ich signalisierte ihm: Sie halluziniert mit Sicherheit nicht.
Jocasta seufzte ungeduldig und schüttelte den Kopf, dann hielt sie abrupt inne, stieß einen unterdrückten Schmerzenslaut aus und fasste sich mit beiden Händen an den Kopf, als wollte sie ihn auf ihren Schultern festhalten.
Sie atmete ein paar Sekunden tief durch und presste die Lippen fest zusammen. Dann ließ sie die Hände langsam sinken.
»Es hat letzte Nacht angefangen«, sagte sie. »Die Schmerzen in meinem Auge.«
Sie war in der Nacht aufgewacht, weil ihr Auge pochte, ein dumpfer Schmerz, der langsam auf die Seite ihres Kopfes übergriff.
»Es war nicht das erste Mal«, erklärte sie. Sie hatte sich jetzt zum Sitzen aufgerichtet, das warme Tuch wieder ergriffen und an ihr Auge gedrückt und sah allmählich etwas besser aus. »Es hat angefangen, als mein Augenlicht schwächer wurde. Manchmal war es ein Auge, manchmal beide. Aber ich wusste, was auf mich zukam.«
Doch Jocasta MacKenzie Cameron Innes war keine Frau, die sich von einer körperlichen Indisponiertheit ihre Pläne durchkreuzen ließ, ganz zu schweigen davon, dem vielversprechendsten gesellschaftlichen Ereignis in die Quere zu kommen, das Cross Creek je gesehen hatte.
»Ich war so entgeistert«, sagte sie. »Wo ich doch Miss Flora MacDonald erwartete!«
Aber sämtliche Vorbereitungen waren schon getroffen; das Barbecue röstete in den Gruben, neben den Ställen stand das Bier in Fässern bereit, und die Luft war von den Düften nach Bohnen und heißem Brot aus dem Küchenhaus erfüllt. Die Sklaven waren bestens instruiert, und sie hatte volles Vertrauen, dass Ulysses sich um alles kümmern würde. Alles, was sie tun musste, so dachte sie, war, auf den Füßen zu bleiben.
»Ich wollte kein Opium oder Laudanum nehmen«, erklärte sie. »Sonst wäre ich mit Sicherheit eingeschlafen. Also habe ich mir mit Whisky beholfen.«
Sie war eine stattliche Frau, die es gewohnt war, Alkoholmengen zu sich zu nehmen, die manchen modernen Mann in die Knie gezwungen hätten. Zu dem Zeitpunkt, als die MacDonalds eintrafen, hatte sie fast eine ganze Flasche getrunken – doch der Schmerz nahm ständig zu.
»Und dann hat mein Auge so heftig zu tränen begonnen, dass jeder gesehen hätte, dass etwas nicht stimmte, und das wollte ich nun wirklich nicht. Also bin ich in mein Wohnzimmer gegangen; ich hatte vorsichtshalber ein Fläschchen Laudanum in meinen Handarbeitskorb gesteckt, falls der Whisky nicht reichte. Draußen wimmelte es vor Menschen, die alle versuchten, einen Blick auf Miss MacDonald zu erhaschen oder ein Wort mit ihr zu wechseln, aber das Wohnzimmer war verlassen, soweit ich das mit meinem hämmernden Kopf und meinem kurz vor dem Bersten stehenden Auge beurteilen konnte.« Sie sprach die letzten Worte ganz beiläufig, doch ich sah Jamie zusammenzucken, denn die Erinnerung an das, was ich mit der Nadel gemacht hatte, war offenbar noch frisch. Er schluckte und wischte sich mit dem Handrücken fest über den Mund.
Jocasta hatte rasch die Laudanumflasche hervorgeholt und ein paar Schlucke getrunken, dann hatte sie einen Moment dagesessen und darauf gewartet, dass die Wirkung eintrat.
»Ich weiß nicht, ob du schon einmal Laudanum genommen hast, Jamie, aber es wird einem sehr seltsam davon zumute, als ob man beginnt, sich an den Rändern aufzulösen. Trinkt man einen Tropfen zu viel, fängt man an, Dinge zu sehen, die gar nicht da sind – blind oder nicht –, und sie auch zu hören.«
Unter dem Einfluss von Laudanum und Alkohol und im Lärm der Menge draußen hatte sie keine Schritte bemerkt, und als die Stimme dicht neben ihr sprach, hatte sie im ersten Moment gedacht, es wäre eine Halluzination.
»›Hier seid Ihr also, Liebes‹, hat er gesagt«, zitierte sie, und ihr sowieso schon blasses Gesicht erbleichte bei dieser Erinnerung noch weiter. »›Wisst Ihr noch, wer ich bin?‹«
»Ich nehme an, du wusstest es, Tante Jocasta?«, fragte Jamie trocken.
»Ja«, erwiderte sie genauso trocken. »Ich hatte diese Stimme schon zweimal gehört. Einmal beim Gathering, als deine Tochter geheiratet hat – und davor vor über zwanzig Jahren in einem Wirtshaus bei Coigach in Schottland.«
Sie nahm das feuchte Tuch von ihrem Gesicht und legte es zielsicher zurück in die Schüssel mit warmem Wasser. Ihre Augen, die rot und geschwollen waren, hoben sich wund von ihrer blassen Haut ab und sahen in ihrer Blindheit furchtbar verletzlich aus – doch sie hatte sich wieder im Griff.
»Aye, ich kannte ihn«, wiederholte sie.
Sie hatte sofort gewusst, dass sie die Stimme kannte – sie aber im ersten Moment nicht einordnen können. Dann hatte sie schlagartig begriffen und ihre Sessellehne umklammert, um sich zu stützen.
»Wer seid Ihr?«, hatte sie gefragt, so herausfordernd sie konnte. Ihr Herz hämmerte im Rhythmus des Pochens in ihrem Kopf und ihrem Auge, und ihre Sinne schwammen in Whisky und Laudanum. Vielleicht war es ja das Laudanum, das die Geräusche der Menge im Freien in das Rauschen des nahen Meers verwandelte, die Schritte eines Sklaven im Flur in das Poltern der Holzpantinen des Wirts auf der Treppe.
»Ich war dort. Wahrhaftig dort.« Obwohl ihr nach wie vor der Schweiß über das Gesicht lief, sah ich, wie eine Gänsehaut ihre blassen Schultern überzog. »In dem Wirtshaus in Coigach. Ich habe das Meer gerochen und die Männer gehört – Hector und Dougal –, ich konnte sie hören! Wie sie sich irgendwo hinter mir gestritten haben. Und der Mann mit der Maske – ich konnte ihn sehen«, sagte sie, und auch mir lief ein Schauer über den Nacken, als sie mir ihre blinden Augen zuwandte. Sie sprach mit solcher Überzeugung, dass es kurz den Anschein hatte, als sähe sie tatsächlich.
»Er stand am Fuß der Treppe, genau wie damals, ein Messer in der Hand, die Augen durch die Löcher in seiner Maske auf mich gerichtet.«
»Ihr wisst ganz genau, wer ich bin, Liebes«, hatte er gesagt, und sie hatte das Gefühl gehabt, auch sein Lächeln sehen zu können, obwohl ihr dumpf bewusst gewesen war, dass sie es nur in seiner Stimme hörte; sie hatte sein Gesicht nie gesehen, auch nicht, als sie das Augenlicht noch hatte.
Sie saß halb vornübergebeugt, die Arme wie zur Verteidigung vor der Brust verschränkt, und das weiße Haar hing ihr wild und verworren über den Rücken.
»Er ist wieder da«, sagte sie und erschauerte plötzlich krampfhaft. »Er will das Gold – und wenn er es findet, wird er mich umbringen.«
Jamie legte ihr eine Hand auf den Arm, um sie zu beruhigen. »Niemand wird dich umbringen, solange ich hier bin, Tante Jocasta«, sagte er. »Dieser Mann ist also in dein Wohnzimmer gekommen, und du hast ihn an der Stimme erkannt. Was hat er sonst noch zu dir gesagt?«
Sie zitterte noch, aber nicht mehr so heftig. Ich nahm an, dass es genauso als Reaktion auf die Mengen von Whisky und Laudanum geschah wie aus Angst.
Sie schüttelte den Kopf und versuchte angestrengt, sich zu erinnern.
»Er hat gesagt – gesagt, er sei hier, um das Gold zu seinem rechtmäßigen Besitzer zu bringen. Dass wir es nur verwahrt hätten und er mir das, was wir ausgegeben hätten, Hector und ich, zwar nicht missgönne – es aber nicht mein sei und nie gewesen sei. Ich sollte ihm sagen, wo es war, und er würde für alles Weitere sorgen. Und dann hat er mich angefasst.« Sie hörte auf, sich selbst zu umklammern, und hielt Jamie ihren Arm hin. »Am Handgelenk. Siehst du die Abdrücke dort? Siehst du sie, Neffe?« Sie klang nervös, und ich begriff plötzlich, dass sie möglicherweise selbst Zweifel an der Existenz ihres Besuchers hegte.