Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Nun wurde Emma in ein Mädchenpensionat gesteckt, dessen Uniform aus einem Strohhut, einem himmelblauen Kleid und einer schwarzen Schürze bestand.
Dort blieb sie zwei Jahre lang; nach diesen zwei Jahren holte ihre Mutter sie zurück; sie konnte die Kosten für die Pension nicht mehr aufbringen, denn der Graf von Halifax war mittlerweile gestorben und hatte sie in seinem Testament nicht bedacht.
Emma musste sich damit abfinden, sich als Kindermädchen im Haus eines gewissen Thomas Hawarden zu verdingen, dessen Tochter als junge Mutter gestorben war und drei Kinder hinterlassen hatte.
Als sie eines Tages mit den Kindern spazieren ging, machte sie eine Bekanntschaft, die ihr ganzes Leben verändern sollte. Eine berühmte Londoner Kurtisane namens Miss Arabell und deren damaliger Liebhaber, ein begabter Maler namens Romney, waren stehen geblieben, weil der Maler eine walisische Bäuerin zeichnen wollte und Miss Arabell ihm dabei zusehen wollte.
Die Kinder, mit denen Emma des Weges kam, näherten sich den beiden auf Zehenspitzen, um zu sehen, was der Maler tat. Emma folgte ihnen. Der Maler drehte sich um, erblickte sie und stieß einen Ruf der Bewunderung aus. Emma war dreizehn Jahre alt, und noch nie hatte Romney eine größere Schönheit gesehen.
Er fragte sie aus, wer sie sei und was sie tue. Die rudimentäre Erziehung, die sie erhalten hatte, erlaubte ihr, diese Fragen mit einer gewissen Anmut zu beantworten; er wollte wissen, wie viel ihr dafür bezahlt werde, dass sie die Kinder von Mr. Hawarden hütete. Sie erwiderte, sie werde dafür mit Kleidung, Nahrung, Unterkunft und zehn Shilling im Monat entlohnt.
»Kommen Sie nach London«, sagte der Maler, »und ich werde Ihnen zehn Guineen für jede Skizze geben, die Sie mich von Ihnen machen lassen.«
Er reichte ihr eine Karte, auf der stand: »Edward Romney, Nummer 8, Cavendish Square.«
Und Miss Arabell nahm eine kleine Börse mit einigen Goldstücken aus ihrem Gürtel und bot sie Emma an.
Das Mädchen nahm die Karte, die es sorgfältig in seinem Busen verbarg, wehrte die Börse ab, und da Miss Arabell insistierte und sagte, es werde das Geld für die Reise nach London benötigen, sagte es: »Ich danke Ihnen, gnädige Frau, aber wenn ich nach London gehe, werde ich es mit dem Ersparten tun, das ich bereits besitze und das ich vermehren werde.«
»Mit den zehn Shilling, die Sie monatlich erhalten?«, fragte Miss Arabell lachend.
»Ja, Madam«, erwiderte das Mädchen.
Und so endet das Abenteuer.
Nun, es endet beinahe, denn ganz im Gegenteil wird dieser Tag Früchte tragen. Sechs Monate später befand Emma sich in London, doch Romney war verreist. In Ermangelung des Malers suchte sie Miss Arabell auf, die sie als Gesellschafterin einstellte.
Miss Arabell war die Mätresse des Prinzregenten, hatte also den Gipfelpunkt in der Karriere einer Kurtisane erreicht.
Emma blieb zwei Monate lang bei der schönen Kurtisane, las alle Romane, die ihr in die Hände fielen, besuchte alle Theater, und wenn sie in ihrem Zimmer war, übte sie die Rollen und die Ballettschritte, die sie gesehen hatte; was für andere nur ein Zeitvertreib war, wurde für sie zur ganztägigen Beschäftigung; sie war vor Kurzem fünfzehn Jahre alt geworden und stand in der Blüte ihrer Jugend und Schönheit; ihre geschmeidige, gefällige Gestalt war wie geschaffen für jede Pose, und ihre natürliche Grazie war der Kunst der gewandtesten Tänzerinnen ebenbürtig. Ihr Gesicht, das sich durch alle Widrigkeiten des Lebens die unberührte Färbung der Kindheit erhalten hatte, den jungfräulichen Schmelz der Unschuld, und das der Wandelbarkeit ihrer Physiognomie die verblüffendste Ausdrucksvielfalt verdankte, war in melancholischer Stimmung Ausdruck ungehemmten Schmerzes und in fröhlicher Stimmung reinstes Strahlen. Man hätte meinen können, dass sich in der Reinheit der Züge die Unschuld der Seele offenbarte, und ein großer Dichter unserer Tage, den es dauerte, diesen himmlischen Spiegel zu besudeln, sagte deshalb von ihrem ersten Fehltritt: »Sie strauchelte nicht ins Laster, sondern in Unbesonnenheit und Güte.«
Der Krieg, den England zu jener Zeit gegen die amerikanischen Kolonien führte, hatte seinen Höhepunkt erreicht, und das Pressen war in all seiner Unbarmherzigkeit an der Tagesordnung.
Der Bruder einer Freundin Emmas, ein gewisser Richard, wurde gegen seinen Willen gepresst und genötigt, Seemann zu werden.
Seine Schwester Fanny lief zu Emma und bat sie um Hilfe. Sie war überzeugt, dass niemand den Bitten einer so schönen Person widerstehen konnte.
Sie flehte Emma an, mit ihren Reizen dem Admiral John Payne den Kopf zu verdrehen; heiter kleidete Emma sich in ihr vornehmstes Gewand und suchte in Begleitung ihrer Freundin den Admiral auf.
Sie erhielt, worum sie bat, doch John Payne tat ihr den Gefallen nicht umsonst, und Emma bezahlte Richards Freiheit zumindest mit ihrem Dank, wenn nicht gar mit ihrer Liebe.
Als Mätresse des Admirals Payne bekam Emma ein eigenes Haus, eigene Dienstboten und eigene Pferde, doch dieser Reichtum war so funkelnd und vergänglich wie ein Meteor. Der Admiral stach in See, und Emma musste mit ansehen, wie das Schiff ihres Liebhabers, das am Horizont entschwand, all ihre goldenen Träume auf Nimmerwiedersehen entführte.
Doch Emma war keine Dido, die sich eines wankelmütigen Äneas wegen das Leben nahm. Einer der Freunde des Admirals, Sir Harry Fatherson, ein reicher und stattlicher Edelmann, bot Emma an, standesgemäß für sie aufzukommen. Den ersten Schritt auf der Bahn des Lasters hatte Emma bereits getan; sie nahm das Angebot des Lords an und war eine ganze Saison lang die ungekrönte Königin der Jagdpartien, der Festlichkeiten und Bälle; doch am Ende der Saison war sie von ihrem zweiten Liebhaber vergessen, durch ihre zweite Liebschaft besudelt und geriet nach und nach in so großes Elend, dass sie sich keinen anderen Rat mehr wusste als den, sich am Haymarket als Straßendirne zu verdingen, dem erbärmlichsten aller Orte, an denen sich unselige Geschöpfe den Passanten feilbieten.
Emmas Glück wollte, dass die verabscheuenswürdige Kupplerin, an die sie sich gewendet hatte, um in das Gewerbe der öffentlichen Verderbnis aufgenommen zu werden, von dem vornehmen und züchtigen Betragen ihres neuen Zöglings so beeindruckt war, dass sie sie nicht wie die anderen zur Dirne abrichtete, sondern sie zu einem berühmten Arzt brachte, der in ihrem Haus verkehrte.
Es handelte sich um den bekannten Doktor Graham, einen dem schönen Geschlecht zugeneigten Wunderdoktor und Scharlatan, der den Schönheitskult als Religion zur Erbauung der jungen Leute Londons praktizierte.
Emma kam ihm vor Augen: Er hatte seine Venus Astarte gefunden, verkörpert in einer keuschen Venus.
Für diesen Fund zahlte er viel Geld, doch es war ihm das Geld wert; er legte sie auf das Lager des Apollon, bedeckte sie mit einem Schleier, der durchsichtiger war als jener Schleier, mit dem Vulkan Venus vor den Blicken des ganzen Olymp gefangen hatte, und ließ in alle Zeitungen einrücken, dass er endlich das einzigartige und unerreichte Exemplar menschlicher Schönheit besitze, das ihm bislang zum Beweis seiner Theorien gefehlt hatte.
Auf diesen Appell an die Wollust und die Wissbegier eilten alle Anhänger der Religion der Liebe, deren Kult in aller Welt praktiziert wird, in das Kabinett des Doktor Graham.
Der Triumph war überwältigend: Weder Malerei noch Skulptur hatten je zuvor ein solches Meisterwerk hervorgebracht; Apelles und Phidias mussten sich geschlagen geben.
Maler und Bildhauer pilgerten zum Tempel des Wunderdoktors. Romney, der nach London zurückgekehrt war, kam wie die anderen und erkannte das Mädchen wieder, das er in Wales gesehen hatte. Er malte es in jedweder Verkleidung: als Ariadne, als Bacchantin, als Leda und als Armida, und in der Bibliothèque impériale besitzen wir eine Sammlung von Stichen, auf denen das bezaubernde Geschöpf in allen wollüstigen Haltungen dargestellt ist, welche die sinnliche Antike erfunden hat.